Aus der Zeit gefallen: Ein Stoewer V5 im Jahr 1950

Die Sehnsucht nach den Wagen der Vorkriegszeit rührt wohl auch daher, dass die Welt damals zwar nicht besser war – ganz im Gegenteil – doch in vielerlei Hinsicht eine schönere, da die Verwüstungen der sogenannten Moderne erst einsetzten.

Dass es selbst bis in die 1950er Jahre in Deutschland Orte gab, die von Kriegsverheerungen verschont geblieben waren, wo es noch so beschaulich aussah wie zu Goethes Zeiten, das erzählen Bilder jener Zeit.

Eine solche Aufnahme, auf der sich alles zusammenfügt und selbst das Auto im Vordergrund das Idyll nicht stört, sehen wir uns heute an:

Stoewer_V5_Moosheim_1950_Galerie

Stoewer Typ V5; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Hier steht in einer kopfsteingepflasterten Gasse zwischen jahrhundertealten – heute würde man sagen: nachhaltig gebauten – Fachwerkhäusern ein alter Bekannter. 

Erst kürzlich haben wir den Wagentyp anhand einer mäßigen Aufnahme ausführlich vorgestellt (Bericht). Umso erfreulicher, dass inzwischen dieser weit reizvollere Abzug aufgetaucht ist.

Dass es ein Stoewer des ab 1931 gebauten Frontantriebstyp V5 ist, verrät die markante Kühlermaske mit dem typischen Stoewer-Wappen und den erhabenen Sicken am unteren Ende.

Nur der Stoewer V5 weist auch solche eigenwillig geformten Schutzbleche auf – in  Details wie diesen erkennt man die besondere Handschrift der 1945 untergegangenen Marke aus Stettin.

Die technischen Raffinessen dieses ersten deutschen Fronttrieblers (noch vor DKW und Adler!) wurden im ersten Blogeintrag ausführlich gewürdigt.

Daher beschränken wir uns auf die Besprechung der Unterschiede gegenüber dem zuvor vorgestellten Fahrzeug, das wir hier nochmals zeigen:

Stoewer_V5_Limousine_Ausschnitt

Stoewer Typ V5; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Der Hauptunterschied liegt in der Ausführung der Kühlermaske. Bei dem ersten vorgestellten Stoewer V5 reicht diese nur bis auf Höhe der Vorderachsen hinunter. Unter der Vorwölbung darunter befindet sich das Getriebe.

Wie später auch DKW ließ Stoewer diese unschöne Lösung wieder fallen und zog die Kühlermaske im Modelljahr 1932 weiter nach unten, wozu sie freilich schräg nach vorn verlaufen musste.

Das Erscheinungsbild des Wagens profitierte davon nicht nur von vorne, sondern auch von der Seite, da die Frontpartie nun dynamischer wirkte, obwohl sich darunter weiterhin nur ein kompakter V-4-Zylinder (!) mit 25 PS verbarg.

Wie erwachsen die in der Vorderpartie überarbeitete 2. Serie des Stoewer V5 bei sonst identischer Ausführung als Rolldach-Limousine wirkte, lässt sich in der Ausschnittsvergrößerung gut erkennen:

Stoewer_V5_Moosheim_1950_Ausschnitt

Wer sich an den wuchtigen Stoßstangen – bzw. Stoßecken – stört, liegt mit seinem Bauchgefühl richtig: Die Rolldach-Limousine des Stoewer V5 wurde ohne solches Zubehör ausgeliefert.

Vermutlich wurden die Teile von einem wohlmeinenden Besitzer nachgerüstet, als Spender käme beispielsweise ein DKW in Frage.

Das hat eine gewisse Ironie, denn es war nicht Stoewer, sondern die Firma DKW, die mit ihren schwachbrüstigen, aber billigen Zweitaktern dem Frontantrieb in Deutschland zum Durchbruch verhalf.

Vom technisch weit anspruchsvolleren und karosserieseitig wesentlich robusteren Stoewer V5 wurden nur etwas mehr als 2.000 Exemplare gebaut.

Dass eines davon noch 1950 – als fast 20 Jahre nach der Entstehung – als Reisefahrzeug genutzt wurde, spricht für die Qualitäten des Wagens.

Übrigens wissen wir das dank des Vermerks auf der Rückseite des Abzugs. Dort ist auch Moosheim in Baden-Württemberg als mutmaßlicher Aufnahmeort vermerkt.

Da der Stoewer ein Kennzeichen der britischen Besatzungszone Niedersachsen (BN) trägt, das im Bezirk Hannover (33) ausgegeben wurde, diente der Wagen damals offensichtlich noch zu ausgiebigen Reisen.

Dass er vom einstigen Besitzer geschätzt wurde, das beweist diese perfekt inszenierte Aufnahme. Hier wusste jemand genau, wie sich ein klassischer Wagen in Szene setzen ließ.

Mag sein, dass der Fotograf auch ahnte, dass eine solche zeitlose Szenerie schon bald Vergangenheit sein würde, und hielt für sich diesen romantischen Augenblick fest.

In den zerbombten Großstädten begann damals der Modernisierungsfuror zu wüten, der oft genug zu einer zweiten Zerstörung führte. Nur München blieb eine rühmliche Ausnahme und wurde damals für rückständig gehalten – heute hat die Bayernhauptstadt die höchsten Immobilienpreise in der Republik…

Gern wüsste man, wie es in jener Gasse heute aussieht, in der vor über 60 Jahren dieser Stoewer stand. Weiß ein Leser vielleicht mehr?

Im Elsass würde eine solche Szenerie heute jedenfalls noch exakt so aussehen – aber dort hat auch nicht ein von verantwortungslosen „Eliten“ angezettelter totaler Krieg die Bindung an Heimat und Tradition bis auf einige glimmende Reste zerstört…

Rothenburg ob der Tauber in den 1930er Jahren. © Videoquelle YouTube; hochgeladen von Deutschlandsender

© Michael Schlenger, 2017. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and http://www.klassiker-runde-wetterau.com with appropriate and specific direction to the original content.

Schwäbische Automobil-Gourmets fahren Salmson!

„Dies fuhr alles einst auf unseren Straßen“, so lautet der Titel eines reizenden Bildbands des 2013 verstorbenen Automobiljournalisten Paul Simsa.

Das 2011 neu aufgelegte Werk befasst sich mit dem Überleben von Vorkriegsautos im Nachkriegsdeutschland – ein Kapitel, das auf diesem Blog ebenfalls einigen Raum einnimmt (Überblick hier).

Doch unser Schwerpunkt liegt auf Originalfotos, die Veteranenfahrzeuge im Alltagseinsatz zu einer Zeit zeigen, als sie noch keine „Oldtimer“ waren. So ist das auch bei der Aufnahme, die wir heute vorstellen.

Laut umseitiger Aufschrift ist diese während einer „Spritztour nach Nagold“ entstanden.

Nie gehört? Nun, auch der Verfasser kennt den beschaulichen Ort im Schwarzwälder Landkreis Calw nur, weil es seine schlesische Großmutter nach einigen Umwegen im Alter dorthin verschlagen hat.

Fern der Heimat fand sich auch der Wagen auf unserer Aufnahme wieder:

Salmson_VAL_ca_1925_Tour_nach Nagold_Galerie

Salmson Typ VAL; Originalaufnahme aus Sammlung Michael Schlenger

Was hier mit Zulassung im einstigen Bezirk Baden vor uns steht, ist nämlich eindeutig vom anderen Ufer – des Rheins, versteht sich.

Man muss kein besonderer Kenner der unzähligen französischen Automarken der Vorkriegszeit sein, um diesen Tourenwagen als Salmson zu identifizieren. Das Andreaskreuz auf dem Kühler sagt alles.

Wie aber wurde das Kreuz, an dem christlicher Überlieferung zufolge einer der Jünger Jesu gekreuzigt wurde, zum Markenzeichen eines Autoherstellers?

Dazu müssen wir ein wenig ausholen:

Die Firma Salmson geht auf eine Gründung des französischen Luftfahrtpioniers Émile Salmson zurück, der ab 1908 Flugmotoren herstellte. Im 1. Weltkrieg begann das Unternehmen außerdem, komplette Flugzeuge zu bauen.

Émile Salmson starb 1917 und sein Unternehmen Société des Moteurs Salmson wurde nach dem 1. Weltkrieg neu ausgerichtet.

Ein gewisser André Lombard überzeugte die Geschäftsführung davon, dass eine Lizenzfertigung der bewährten und steuerlich günstigen Cyclecars der britischen Firma GN (Godfrey & Nash) eine lohnende Angelegenheit sei.

Die Idee erwies sich als richtig und André Lombard betätigte sich erfolgreich als Werksfahrer für die aufstrebende junge Automobilfirma.

Unterdessen machte sich Salmson an die Weiterentwicklung der 4-Zylinder-Motoren. Den Durchbruch brachten die kopfgesteuerten Aggregate von Èmile Petit, die auch in den Serienwagen wie auf unserem Foto zum Einsatz kamen.

Ab 1921, nachdem ein Salmson mit zwei obenliegenden Nockenwellen mit André Lombard am Steuer die Konkurrenz deklassiert hatte, wurde ihm zu Ehren das Croix d’André im Kühlergrill integriert.

Die Sportmodelle jener Zeit trugen außerdem die Initialen von André Lombard in der Typbezeichnung: „AL“. Nebenbei: Bis 1928 heimsten die Cyclecars von Salmson über 500 Rennsiege ein.

Die „zivile“ Ausführung der erfolgreichen Salmson-Cyclecars wurde als Typ „VAL“ bezeichnet, wobei das V für „Voiturette“ stand, also Kleinwagen. Mit solch einem Salmson VAL aus der Mitte der 1920er Jahre haben wir es heute zu tun.

Und so sahen die wackeren Schwaben aus, die damals mit der Wahl ihres Wagens hervorragenden Geschmack bewiesen, lange bevor ihre Nachkommen ihren automobilen Horizont auf „Youngtimer“ aus lokaler Produktion beschränkten:

Salmson_VAL_ca_1925_Tour_nach Nagold_Ausschnitt

Man hat den Eindruck, dass das glückliche Leute waren, die einst mit ihrem französischen Tourenwagen tief im Badischen auf Spritztour unterwegs waren.

Kann es sein, dass es für Leute mit Sachkenntnis und Stil damals in vielerlei Hinsicht eine vielfältigere und aufregendere Auswahl gab als heute?

Für alles und jeden offene Grenzen werden in unseren Tagen ja gerne als kolossale Errungenschaft dargestellt. Aber was, wenn es nun – im günstigsten Fall – überall nur den gleichen Einheitsbrei gibt?

Vielleicht ein Grund mehr, warum die Klassikerszene einen immer größeren Zulauf hat. Wenn heute beinahe jeder BMW, Mercedes oder Porsche fährt, findet sich das Edle fast nur noch in den Relikten der Vergangenheit.

Der heutige Blogeintrag beschäftigt sich übrigens nicht zufällig mit einem Wagen der französischen Marke Salmson.

Denn an diesem Wochenende (6./7. Mai 2017) treffen sich hunderte Gleichgesinnte aus ganz Europa an der historischen Rennstrecke von Monthléry bei Paris, um dort ein Festival wahrer Vielfalt zu feiern:

© Videoquelle YouTube; hochgeladen von Jean-Baptiste AVRIL

Die Cyclecars von Salmson, Amilcar, BMC, Rally und wie sie alle heißen stellen dort die stärkste Fraktion – unsere französischen Nachbarn lieben diese Tradition.

Enthusiasten aus England, den Niederlanden, Belgien und Deutschland sind seit vielen Jahren begeistert mit von der Partie – denn nichts kommt diesem Spektakel auf der einzigen noch befahrbaren Steilkurvenstrecke der Welt gleich.

Die faszinierende Welt der Vorkriegswagen lebt und ist unendlich abwechslungsreicher und begeisternder als das, was unsere Tage in automobilistischer Hinsicht (und vielleicht auch sonst) hervorbringen…

Der Verfasser wäre 2017 gern dabei gewesen – doch ist etwas dazwischengekommen – daher allen Lesern vor Ort auf diesem Weg: Hals- und Beinbruch!

© Michael Schlenger, 2017. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and http://www.klassiker-runde-wetterau.com with appropriate and specific direction to the original content.

 

 

Für die Freunde des Besonderen: DKW F2 „Spezial“

Dass die Vorkriegsautos von DKW immer wieder für Überraschungen gut sind, das konnten wir auf diesem Oldtimerblog schon des öfteren beweisen.

Ob nun Lieferwagenumbauten des Typs F1, die Roadster-Ausführung des F5 oder der entfernte Verwandte Tornax „Rex“ – das Stöbern in alten Originalfotos zaubert die ganze Vielfalt an Typen und Karosserieausführungen wieder hervor.

Im Fall von DKW sind die meisten davon im Standardwerk „DKW-Automobile 1907-1945“ von Thomas Erdmann hervorragend dokumentiert, das mit Unterstützung von Audi Tradition 2012 im Delius-Klasing-Verlag erschien.

Doch heute präsentieren wir ein Exemplar, das bislang in der einschlägigen Literatur nicht dokumentiert ist, und zwar dieses hier:

DKW_F2_Sonderkarosserie_Galerie

DKW F2 Cabriolimousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Auf den ersten Blick verdient diese Aufnahme in mäßiger Qualität keine besondere Aufmerksamkeit.

Klar war von Anfang an, dass sie einen der populären DKW-Fronttriebler der frühen 1930er Jahre zeigt – was sollte da schon Überraschendes zu finden sein?

Der Typ als solcher ist anhand der leicht schräg stehenden, schmalen Luftschlitze in der Motorhaube schnell identifiziert: Dass wird ein DKW F2 sein, wie er von 1932-35 in fast 30.000 Exemplaren gebaut wurde.

DKW-Kenner werden einwenden, dass es auch der Nachfolgetyp F5 in der „Reichsklasse“-Ausführung sein könnte. Ja, die Haubenschlitze sahen dort genauso aus, doch diese Basisversion verfügte über keine Zierleiste entlang der Haube.

Und wo wir schon bei solchen Details sind: schauen wir doch einmal genauer hin:

DKW_F2_Sonderkarosserie_AusschnittWer sich ein wenig mit der Geschichte der DKW-Frontantriebswagen der Vorkriegszeit ein wenig auskennt, dem wird der markante Aufwärtsschwung besagter Zierleiste zur A-Säule hin auffallen.

Die Leiste setzt sich dann – in einer Sicke verlaufend – nach hinten weiter fort. Beim DKW F2 gab es den erwähnten Knick der seitlichen Leiste nicht.

Damit ist ein Anfangsverdacht gegeben: Könnte das eine Sonderkarosserie auf Basis des DKW F2 sein?

Tatsächlich finden sich weitere Details, die deutlich von der Serienausführung abweichen: So fällt auf, dass die Vorderschutzbleche weiter nach unten gezogen sind, auch die großen Radkappen fallen aus dem Rahmen.

Dann wäre da noch das Farbschema: Zweifarblackierungen waren zwar bereits beim DKW F2 Standard (von der ganz schwarzen Ausführung abgesehen). Doch hier waren immer nur die Kotflügel von der übrigen Karosserie abgesetzt.

Auf unserem Foto ist aber die gesamte Partie oberhalb der Gürttelinie dunkler gehalten: 

DKW_F2_Sonderkarosserie_Ausschnitt2

Wenn nicht alles täuscht, weisen alle Partien den gleichen Grad an Glanz auf – das würde für eine Stahlkarosserie sprechen, während bei den Serienausführungen der DKW Fronttriebler ein Großteil des Aufbaus stoffbespannt war. Dort war kein vergleichbar glänzender Lackauftrag möglich wie auf Blech.

Zuletzt sei auch auf das ungewöhnlich tief sitzende Auto-Union-Emblem auf dem Kühlergrill verwiesen. Bei Serienwagen war es im oberen Drittel montiert.

Alles in allem spricht einiges für eine Spezialausführung des DKW Front F2, die von einer eigenständigen Karosseriebaufirma angefertigt wurde.

Möglich, dass dieser Aufbau erst entstand, nachdem der Wagen schon ein paar Jahre alt war. Die Werkskarosserien waren speziell in feuchtem Klima nicht sonderlich haltbar und bei Unfällen kaum reparabel.

Auf einen nachträglichen Neuaufbau deuten auch die großen Radkappen der Scheibenräder hin, die es erst bei späteren DKW-Typen gab.

Stil und Qualität der Ausführung dieses DKW F2 lassen an die Firma Hornig & Co. aus Meerane unweit von Zwickau in Sachsen denken. Von Hornig stammten auch etliche der hochwertigen Ganzstahlausführungen späterer DKW-Modelle.

Ja, so führt ein banal wirkendes Foto eines DKW-Vorkriegswagens vielleicht zu einer bisher unbekannten Sonderausführung. Leser, die dazu etwas Erhellendes beitragen können, mögen bitte die Kommentarfunktion nutzen.

Ist es nicht eine Freude, wie eine scheinbar abgeschlossene Episode der Automobilgeschichte immer noch Anlass zu Überraschungen und Recherchen gibt?

Wen das angesichts des deprimierenden Wetters (Anfang Mai 2017) noch nicht glücklich macht, dem zaubert vielleicht der folgende Schlager aus der großen Zeit von DKW ein Lächeln auf die Lippen:

© Videoquelle YouTube; hochgeladen von Deutschlandsender

© Michael Schlenger, 2017. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and http://www.klassiker-runde-wetterau.com with appropriate and specific direction to the original content.

Macht auf jedem Parkett eine gute Figur: NAG C4

Regelmäßige Leser dieses Oldtimerblogs könnten beim Stichwort NAG und dem Typ C4 der Meinung sein, dass sie diesen Artikel getrost übergehen können.

Denn das ab 1920 gebaute Erfolgsmodell der Berliner Siemens-Tochter gehört zu den häufigsten Gästen auf diesen Seiten.

Gefühlt ein Dutzend dieser markanten Wagen wurden anhand historischer Fotos aus der Sammlung des Verfassers bereits vorgestellt. Warum drei weitere zeigen?

Nun, zum einen ist ein NAG C4 immer ein eindrucksvolles Automobil – nur wenige andere deutsche Wagen der frühen 1920er Jahre hatten ein so unverkennbares Markengesicht. 

Zum anderen ist es spannend zu sehen, in was für unterschiedlichen Situationen und Gegenden man dem technisch unauffälligen, aber höchst zuverlässigen 10/30 PS-Wagen begegnet.

Beginnen wir mit einer konventionell anmutenden Aufnahme:

NAG_C4_Tourer_3_Galerie

NAG Typ C4; Originalaufnahme aus Sammlung Michael Schlenger

Hier haben sich sechs Insassen vom siebten auf einem Ausflug in einer Gegend mit sandigem Boden und Nadelwald ablichten lassen.

Der 4,60 m lange Tourenwagen bot erkennbar großzügige Platzverhältnisse, nur auf größeres Gepäck musste man bei voller Besetzung verzichten.

Zur Identifikation von Marke und Typ muss man nicht viele Worte verlieren. Der moderate Spitzkühler mit wohl ovalem Ausschnitt lässt gleich an NAG denken.

Einen Stoewer D-Typ kann man ausschließen, dort stünde der von der Seite sehr ähnliche Kühler leicht schräg. Auf dem Originalabzug sind zudem auf den Nabenkappen die von Sechsecken eingefassten Buchstaben NAG zu erahnen.

Selten so schön zu sehen ist der Aufbau in der nach dem 1. Weltkrieg nur noch kurze Zeit üblichen Tulpenform. Auf den meisten Bildern des Typs C4 in der NAG-Fotogalerie sieht man die spätere, sachlicher gehaltene Karosserieausführung mit fast senkrechten Bordwänden.

Nicht zuletzt liefert diese Aufnahme einige Anregungen für Vorkriegsautobesitzer in Sachen stilgerechter Bekleidung.

NAG_C4_Tourer_3_Ausschnitt

Man muss nicht gleich zum Hemd mit „Vatermörder“-Kragen greifen, wie der Herr mit Bart, der modisch in der Kaiserzeit stehengeblieben ist. Wer wie er nicht alles mitmacht, was der Zeitgeist befiehlt, ist dem Verfasser übrigens sympathisch.

Aber ein weißes Hemd mit Ärmelband und Weste, dazu eine am besten schon gut gebrauchte „Schieberkappe“, das macht sich auch heute gut zu so einem Wagen, wirkt lässig und zugleich korrekt – im Sinne von rücksichtsvoll.

Jetzt aber weiter mit unserer kleinen NAG C4-Revue. Das folgende Foto transportiert uns gleich auf eine ganz andere – etwas schiefe – Ebene:

NAG_C4_Wettbewerb_Galerie

Dieses Foto ist eines von mehreren aus der Sammlung des Verfassers, die Wagen der Zwischenkriegszeit bei einem Automobilturnier zeigen, das auch kuriose Prüfungen wie die hier zu sehende umfasste.

Dabei ging es darum, mit seinem Wagen auf eine als Wippe angelegte Ebene aufzufahren, und zwar so, dass man dort möglichst lange das Gleichgewicht hielt.

Die Chancen erhöhte theoretisch ein Mitfahrer auf der Rückbank, der die Neigung besser im Blick behalten konnte als der Mann am Steuer und – hoffentlich rechtzeitig – das Signal zum Halt gab.

Genau dieser Moment scheint auf diesem Schnappschuss festgehalten zu sein:

NAG_C4_Wettbewerb_Ausschnitt

Wie es scheint, hat der Mann hinten aber zu spät erkannt, dass der kopflastige NAG bereits zu weit über die Mitte der Wippe gefahren ist. Vielleicht dachte der gut genährte Fahrer auch, dass er selbst den Schwerpunkt des Wagens darstellt…

Auch hier wird man den tulpenförmigen Tourenwagenaufbau registrieren. Der Wagen war demnach zum Aufnahmezeitpunkt – in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre – schon älter. Gebaut wurde der NAG Typ C4 übrigens nur bis 1924.

Mit echten Sporteinsätzen des NAG C4 beschäftigen wir uns bei anderer Gelegenheit – man soll nicht gleich sein ganzes Pulver verschießen. Bleiben wir also bodenständig und begeben uns nach: Ostfriesland!

NAG_C4_Hindenburg_in_Leer_Ausschnitt

NAG Typ C4 mit Paul von Hindenburg; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Was auf den ersten Blick wie ein großer Empfang wirkt, war auch einer – nur in der Kleinstadt Leer im Nordwesten unseres Landes.

Wir sehen hier einen alten Bekannten auf dem Rücksitz – Reichspräsident Paul von Hindenburg. Seine Vita und tragische Rolle in der deutschen Geschichte haben wir erst kürzlich anhand eines Maybach-Fotos ausführlich behandelt.

Daher konzentrieren wir uns hier ganz auf den Wagen – wiederum ein NAG C4. Nun sieht man den typischen Spitzkühler mit dem ovalen Ausschnitt komplett, auch das NAG-Emblem auf der Stange zwischen den Scheinwerfern.

Dank der hervorragenden Qualität der Aufnahme lässt sich die Karosserie in allen Details studieren. Der Tourenwagenaufbau hat hier nur noch eine angedeutete „Taille“ und kommt mit dem tiefschwarzen Hochglanzlack sehr streng daher.

Im Vergleich zum frühen Typ C4 mit Tulpenkarosserie fällt außerdem auf:

  • Die außenliegenden ovalen Türgriffe sind verschwunden – zum Öffnen muss man den innenliegenden Griff betätigen – sehr raffiniert.
  • Des Weiteren ist die vordere Aufhängung der hinteren Blattfeder nicht mehr in einem separaten Gehäuse untergebracht, sondern wird vom durchgehend glattflächigen Schwellerblech kaschiert.
  • Die Seitenverkleidung zwischen Motorhaube und A-Säule weist drei zusätzliche Luftschlitze auf, die anders geformt sind als die in der Haube selbst. Das könnte auf eine Spezialkarosserie hinweisen.

Man hat sich offenbar nicht lumpenlassen in Leer in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre. Vermutlich war der NAG das repräsentativste Fahrzeug, das man auftreiben konnte für die Fahrt vom Bahnhof in die Stadt.

Denn natürlich ist von Hindenburg nicht die ganze Strecke von Berlin aus mit dem offenen Wagen gereist. Das ging mit der Eisenbahn damals deutlich entspannter.

Der etwas grimmig dreinschauende Fahrer könnte uns gewiss mehr verraten:

NAG_C4_Hindenburg_in_Leer_Ausschnitt2

„Meine Güte, jetzt hat Graf von Wedel dem Bürgermeister schon unseren NAG zur Verfügung gestellt, damit der Reichspräsident in Leer nicht mit dem Pferdegespann unterwegs sein muss. Und da ziehen einige der Banausen nicht einmal den Hut!“

In der Tat, ein paar halsstarrige Friesenköpfe haben den Zylinder einfach aufgelassen, während von Hindenburg und die meisten Honoratioren den Hut abgenommen haben. Solche Details lassen mehr ahnen, als wir heute wissen.

Möglich aber auch, dass unser Chauffeur sich bloß über den zerdellten Vorderkotflügel geärgert hat.

„Dem Herrn Graf war das ondulierte Schutzblech natürlich gleichgültig, der hat mit dem Unterhalt von Schloss Evenburg ja genug zu tun. Aber wenn ich’s rechtzeitig gewusst hätte, hätte ich das Blech vom alten Janssen noch rasch richten lassen.“ 

Tja, vielleicht weiß ja ein Leser mehr über diesen Besuch von Reichspräsident Paul von Hindenburg in Leer in den späten 1920er Jahren oder über den NAG selbst.

Der Wagen muss damals einem hochgestellten Besitzer in der Region gehört haben. Wer außer Graf von Wedel auf Schloss Evenburg bei Leer kam dafür in Frage?

© Michael Schlenger, 2017. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and http://www.klassiker-runde-wetterau.com with appropriate and specific direction to the original content.