Ganz schön verwegen: Ein Fiat 518 „Ardita“ 2000

Zu den überraschenden Seiten der Beschäftigung mit Vorkriegsautos im deutschsprachigen Raum gehört die enorme Bedeutung ausländischer Marken in den späten 1920er und frühen 1930er Jahren.

Dass US-Fahrzeuge seinerzeit einen heute unvorstellbaren Marktanteil besaßen – übrigens auch in Skandinavien sowie in Ost- und Südosteuropa – wird den meisten Kennern geläufig sein.

Vielleicht weniger bekannt ist, dass auch Fiat aus Turin noch vor dem Erfolg des 500er „Topolino“ Ende der 1930er Jahre längst eine allgegenwärtige Marke war.

Schon kurz nach dem 1. Weltkrieg fanden die Modelle 501 und 505, ab Mitte der 1920er dann die Typen 509 und 503 reißenden Absatz in deutschen Landen. Ihnen gemeinsam waren kompakte, zugleich drehfreudige und kaum zerstörbare Motoren.

Die parallel verfügbaren größeren Sechszylindertypen von Fiat blieben dagegen eher selten, wenngleich sie ebenfalls in meinem Blog vertreten sind. Ähnliches gilt für das Modell, das ich heute anhand eines besonders verwegenen Fotos vorstelle:

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Fiat 518C „Ardita“ 2000; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Naja, mag man jetzt denken – ein schönes Foto aus günstiger Perspektive, aber was soll an dieser konventionell wirkenden Limousine schon verwegen sein?

Eine ganze Menge, das fängt schon bei der Typbezeichnung an. Denn der Beiname des 1933 von Fiat in Mailand vorgestellten Vierzylindermodells „Ardita“ bedeutet soviel wie „die Kühne“, „die Mutige“, „die Kecke“ oder auch: „die Verwegene“.

Dabei sei daran erinnert, dass das Auto im Italienischen weiblichen Geschlechts ist– so heißt es „la macchina“ oder (kaum noch gebräuchlich) „l’autovettura“. Und so sehen wie hier „una Fiat cinquecento-diciotto Ardita duemila“ – soviel Zeit muss sein.

Die Identifikation des Wagens ist denkbar einfach, steht doch die Typbezeichnung in „verwegener“ Schrift auf dem Kühlergrill: „Ardita 2000“. Dennoch birgt dieses Auto eine ganze Reihe Überraschungen, wie wir sehen werden.

Der Fiat 518 Ardita markiert den Übergang von der konventionellen Bauweise der späten 1920er Jahre hin zu den hochmodernen Modellen, die die Turiner gegen Mitte der 1930er Jahre anboten.

Traditioneller Bauart waren folgende Details:

  • seitengesteuerter Vierzylinder mit 1,8 oder 2,0 Liter Hubraum (40 bzw. 45 PS)
  • blattgefederte Starrachsen vorne und hinten
  • Aufbau nach US-Vorbild mit nur mäßiger Windschnittigkeit

Moderne Elemente waren dagegen:

  • synchronisiertes 4-Gang-Getriebe
  • hydraulische Vierradbremsen und Stoßdämpfer
  • Ganzstahlkarosserie ohne Holzgerippe

Damit vereinte der Fiat 518 Ardita aus Sicht konservativer Käufer das beste aus zwei Welten.

Er bot eine klassische Karosserie mit viel Platz, großer Stabilität und geringem Gewicht (1.185 kg bei kurzem Radstand). Gleichzeitig waren zeitgemäße Fahrleistungen möglich (Spitze: 105 km/h), die diejenigen der Mercedes-Modelle 170 und 200 (W15 bzw. W21) übertrafen.

Attraktiv war das Fehlen eines Mittelpfostens, der einen bequemen Einstieg erlaubte, wie ihn heute aufgrund des Diktats der Stromlinie selbst Luxuswagen kaum noch bieten.

Dennoch hielt sich der Erfolg des Fiat 518 Ardita mit nur rund 7.500 Exemplaren in Grenzen. In den Schatten gestellt wurden die Qualitäten des Wagens recht bald durch die konsequent modernen Fiat-Modelle „1100“ und „1500“.

Umso überraschender ist es daher, einem dieser eher raren Fiat-Modelle ausgerechnet in Deutschland zu begegnen:

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Das Kennzeichen verrät, dass dieser Fiat nach dem 2. Weltkrieg in der britischen Besatzungszone Rheinland zugelassen war, die Ziffernfolge 42 verweist auf Iserlohn.

Kurios ist, dass der Wagen immer noch einen „Notek“-Tarnscheinwerfer auf der Verbindungsstange zwischen den Hauptscheinwerfern trägt, wie er während des Kriegs bei Wehrmachtfahrzeugen, aber auch bei Zivil-PKW, üblich war.

Ein Grund für die Beibehaltung dieses Relikts aus Kriegszeiten fällt mir beim besten Willen nicht ein – hat ein Leser eine Idee dazu?

Von ein paar Dellen abgesehen scheint der Fiat das Kriegsgeschehen recht gut überstanden zu haben. Die beiden Hupen und der Nebelscheinwerfer könnten schon vor Kriegsbeginn montiertes Zubehör gewesen sein.

Man könnte sagen, dass dieser Fiat Ardita – hier als viertürige Limousine auf kurzem Fahrgestell (518C) – den Zeitumständen nach zu urteilen ganz gut dasteht.

Doch so kann man sich täuschen, denn der Fiat steht keineswegs auf dem Boden der Tatsachen:

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Fiat 518C „Ardita“ 2000; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Hier wird deutlich, aus welch „verwegener“ Perspektive dieser schöne Fiat 518 Ardita tatsächlich aufgenommen wurde, nämlich vom Dach einer Halle oder Garage aus, von der aus sich der Blick auf ein Werkstattgelände öffnet.

Während der Fiat auf einer hydraulischen Hebebühne schwebt, genießen drei nicht mehr ganz junge Männer einen Schluck zum Feierabend (?), während die junge Dame rechts am Bildrand die Situation zu genießen scheint.

Was mag der Anlass für dieses außerordentliche Foto gewesen sein? Vielleicht die erfolgreiche Inbetriebnahme der frisch montierten Hebebühne? Darauf würde das Umfeld mit allerlei Baumaterial deuten.

Auch hier sind Ideen von Lesern hochwillkommen, vielleicht erkennt jemand sogar das zweistöckige Fabrikgebäude im Hintergrund mit dem markanten Mittelbau, der aus den frühen 1920er Jahren stammen dürfte.

Das Foto ist zwar in der Nachkriegszeit entstanden, doch vom Besatzungskennzeichen abgesehen ist darauf nichts zu erkennen, was es nicht schon vor dem Krieg gab. Auch der Opel Blitz-Lastwagen im Hintergrund passt perfekt.

Nun liegt auch diese Szene schon wieder rund 70 Jahre zurück, und die Zeitzeugen werden immer weniger.

Umso mehr sind jüngere Generationen gefragt, wenn es um die Bewahrung unseres technologischen Erbes und die Dokumentation der Vorkriegszeit geht, von der bald nur noch die überlebenden Fahrzeuge und Fotos wie dieses übrig sein werden.

Mein Blog soll einen Beitrag dazu leisten – ich hoffe, das klingt nicht zu verwegen…

© Michael Schlenger, 2019. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Klein, aber oho! Ein DKW Front F1 Roadster

Zu  den bestdokumentierten deutschen Vorkriegswagen in meinem Blog gehören inzwischen sicher die Automobile von DKW.

Daher fällt es auf den ersten Blick schwer, den volkstümlichen Wagen aus Zwickau neue Facetten abzugewinnen – doch es geht, und das überraschend gut.

Dem Ziel – dem DKW Front F1 Roadster – nähere ich mich auf einem reizvollen Umweg, der die wichtigsten Karosserieversionen des ab 1931 gebauten ersten Frontantriebsmodells von DKW anhand historischer Originalfotos streift.

Heutzutage findet man – wenn überhaupt – nur noch offene zweisitzige DKW F1, bestenfalls mit Notsitz im Heck. Doch stellte DKW auf Drängen der Kundschaft eine Weile nach Produktionsbeginn auch familientaugliche Viersitzer her.

Leser Marcus Bengsch verdanke ich diese schöne Aufnahme einer viersitzigen Cabrio-Limousine mit verlängertem Fahrgestell und stärkeren Bremsen:

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DKW Front F1 Cabriolimousine 4-sitzig; Originalfoto aus Sammlung Marcus Bengsch

Hier sehen wir gerade noch das Hauptmerkmal des ersten DKW-Frontantriebswagens: das schrägstehende Blech unterhalb des Kühlergrills, das das Differential der Vorderachse verdeckt.

Die übrigen Details wie die schrägstehenden kurzen Luftschlitze in der Motorhaube, die unprofilierten Scheibenräder  und der Schwung der Vorderschutzbleche finden sich nahezu identisch noch beim ab 1932 gebauten Nachfolger DKW F2.

Kaum bekannt ist, dass es neben den mit Kunstleder bespannten Holzkarosserien auch Ganzstahlausführungen gab. So liefert das Presswerk Ambi-Budd in Berlin rund 200 entsprechender Limousinenaufbauten für den DKW F1.

Mit einer weiteren Version in Blech wird der geduldige Leser am Ende dieses Ausflugs belohnt…

Der weit überwiegende Teil der 1931/32 in etwas mehr als 4.000 Exemplaren gebauten DKW F1-Wagen entfiel jedoch auf eine hübsche 2-sitzige Cabrio-Limousine (von den stets erfindungsreichen DKW-Werbern als Cabriolet vermarktet):

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DKW F1 Cabriolet-Limousine 2-sitzig; Originalfoto aus Sammlung Volker Wissemann

Diese ausgezeichnete Aufnahme hat Leser Volker Wissemann beigesteuert. Dass dieser Wagen tatsächlich ein DKW F1 und kein F2 war, ist an der kantigen Kontur des oberen Kühlerabschlusses zu erkennen (beim F2 fiel diese gerundeter aus).

Man sieht hier auch, warum die korrekte Bezeichnung für diese Art Aufbau „Cabrio-Limousine“ gewesen wäre: Ein echtes Cabriolet hätte keine massiven und feststehenden Türrahmen, sondern lediglich herunterkurbelbare Seitenfenster besessen.

Besonders attraktiv finde ich bei dieser Ausführung des DKW F1 die Ansicht von schräg hinten mit geschlossenem Verdeck. Leser Klaas Dierks konnte aus seinem Archiv eine solche Aufnahme hervorzaubern, die ihresgleichen sucht:

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DKW F1 Cabrio-Limousine zweisitzig; Originalfoto aus Sammlung Klaas Dierks

Hier sieht man nun auch die herausklappbare Notsitzbank im Heck (sog. Schwiegermuttersitz).

Die Ersatzradhülle mit den vier Auto Union-Ringen ist nachgerüstet, da  das Emblem erst im Frühjahr 1934 nach dem Zusammenschluss von Audi, DKW, Horch und Wanderer entstand.

Interessant ist die vom vorherigen Foto desselben Typs abweichende Position des Türgriffs (unterhalb statt oberhalb der Zierleiste). Vielleicht hat ein sachkundiger Leser eine Erklärung dafür (evtl. 2. Serie).

Weiter geht es auf unserer kleinen Reise durch die Vielfalt an reizvollen Aufbauten für den DKW-Fronttriebler mit seinem winzigen 2-Zylinder-Zweitakter und je nach Hubraum 15 bis 18 PS Leistung.

Geradezu wie ein Spielzeug wirkt dieser offene Zweisitzer, aber an diesem Eindruck trägt der große irische Wolfshund erheblichen Anteil:

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DKW Front F1 Zweisitzer; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Man beachte hier den Zustand der Straßen, der außerhalb größerer Städte selten wesentlich besser war.

Dementsprechend waren diese Wagen außerhalb von Autohäusern und Concours-Veranstaltungen kaum in dem aseptischen Neuzustand anzutreffen, der von vielen heutigen Besitzern als „original“ angesehen wird.

Von daher hat eine Aufnahme wie die folgende Seltenheitswert, auf der ein weiterer offener Zweisitzer des Typs DKW Front F1 bei einer Landpartie zu sehen ist. Hier haben die Schmutzlappen am Ende der Vorderschutzbleche vorerst Schlimmeres verhindert:

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DKW Front F1 Zweisitzer; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Ein interessantes Detail ist das Steinschlagschutzgitter, das auch die Blechpartie unterhalb des Kühlers abdeckt. So wirkt die Frontpartie des kleinen DKW auf einmal wie die eines Sportwagens mit üppiger Motorisierung.

Auch die große verchromte Hupe kündet von dem Willen des Besitzers, seinem Wagen eine erwachsenere Anmutung zu verleihen, vielleicht des Guten etwas zuviel.

Die schrägstehende Scheibe und das offenbar ungefütterte Verdeck unterstützt den Eindruck, dass man einen rassigen Roadster vor sich hat.

Doch halt: ein roadstertypisches Element fehlt, der tiefe Türauschnitt, auf dem sich der Arm bequem ablegen lässt. Das ist etwas, das bei heutigen Autos fast unmöglich geworden ist – versuchen Sie’s mal bei Ihrer Alltagskutsche.

Doch am Ende findet sich auch ein offener DKW Front F1, der tatsächlich die Ansprache als Roadster verdient.

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DKW Front F1 Roadster (Karosserie: Schneider & Korb); Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dieses schon ziemlich mitgenommene Exemplar habe ich vor längerer Zeit schon einmal präsentiert. Damals hatte mich die Identifikation einige Zeit gekostet – doch am Ende war der Fall klar:

Das ist einer von nur knapp 170 gebauten Roadstern mit Blechaufbau der Karosseriefirma Schneider & Korb aus Bernsbach in Sachsen. Von diesem Hersteller stammte übrigens der Aufbau des Prototyps des DKW Front F1.

Dass der DKW F1 Roadster zum Zeitpunkt der Aufnahme in einem ungepflegten Hinterhof schon einiges hinter sich hatte, verraten nicht zuletzt die nachträglich montierten Speichenräder, die dem sonst so gelungenen Wagen gar nicht gut stehen.

Aber bei einer solchen Rarität muss nehmen, was man kriegen kann, und bis dato war dies das einzige Originalfoto eines DKW F1 Roadster mit Blechkarosserie, die mir ins Netz gegangen ist.

Vor ein paar Tagen gelang mir dann zufällig ein weiterer Fund, der dieser Rarität schon eher gerecht wird:

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DKW Front F1 Roadster (Karosserie: Schneider&Korb); Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Etwas getrübt wird der Eindruck zwar durch die krude montierte Stoßstange – doch attraktiv bleibt der Wagen aus dieser Perspektive zweifellos.

Für die junge Dame am Steuer passt der Türauschnitt perfekt, auch wenn sie kaum über das Lenkrad schauen kann und der Motor des Scheibenwischers ihr ebenfalls die Sicht versperren dürfte.

Hier ist nun auch das auf der Fahrerseite montierte Ersatzrad zu sehen, das hier zwar den schönen Schwung der Karosserie verdeckt, aber auf Seitenansichten durchaus zur sportlichen Wirkung dieses Roadsters beiträgt.

Warum der Radler partout mit auf’s Foto wollte, ist mir zwar schleierhaft, aber auch das macht letztlich solche Fotos lebendig und authentisch.

Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass auch dieser DKW Roadster das erwähnte Steinschlagschutzgitter trägt. Es scheint nicht serienmäßig gewesen zu sein, oder doch? Interessieren würde mich außerdem, was für ein Emblem darauf angebracht ist.

Einen Datierungshinweis gibt uns die Fahne am Stander – es handelt sich um die ab 1935 neu eingeführte deutsche Nationalflagge (kein Parteiabzeichen).

Das war nun ein Parforceritt durch gerade einmal zwei Jahre DKW-Automobilgeschichte. Doch bereits daran wird deutlich, warum die in Zschopau ansässige Firma mit Produktion in Zwickau und Spandau so großen Erfolg hatte:

Die frontgetriebenen DKWs waren die günstigsten am deutschen Markt verfügbaren Automobile und hatten zugleich nichts Improvisiertes an sich. Sie waren kompakt, aber nicht kurios, moderat motorisiert, aber durchaus sportlich wirkend.

Für Käufer, die zuvor allenfalls ein Motorrad oder auch nur ein Fahrrad besessen hatten, wurde mit den DKW Frontantriebswagen der Traum vom ersten eigenen Auto wahr, ohne dass man sich der Lächerlichkeit preisgab – Voraussetzung für einen großen Erfolg als volkstümliches Automobil, der bis in die Nachkriegszeit anhalten sollte…

© Michael Schlenger, 2019. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.