Dezente Eleganz: Ein Adler „Favorit“ Cabriolet

An alten Bekannten schätzt man entweder, dass sie sich nicht groß verändern, oder dass sie immer wieder für eine Überraschung gut sind. Mir persönlich liegt zwar das Beständige mehr als das Veränderliche, doch zumindest wenn es um Vorkriegsautos geht, kann ich mich durchaus für „neue“ Seiten begeistern.

Der Wagen, um den es heute geht, ist ein gutes Beispiel für den Reiz der Variation über ein bekanntes Thema. Die Rede ist vom Vierzylindertyp „Favorit“, den die Frankfurter Adlerwerke ab 1929 dem deutlich stärkeren Modell „Standard 6“ zur Seite stellten.

Während der große Sechszylinder der starken US-Konkurrenz in seiner Klasse Paroli bieten sollte, zielte der äußerlich sehr ähnliche „Favorit“ auf eine Kundschaft ab, die weniger leistungs- und prestigeorientiert war.

Den meisten Käufern genügten nicht nur die Leistung von 35 PS und Höchstgeschwindigkeit von 80 km/h, sondern auch die konventionelle Linienführung, die sich eng an amerikanischen Großserienfabrikaten orientierte.

Daran gibt es wenig auszusetzen, denn so ein Favorit mit Limousinenaufbau sah genauso aus, wie man sich einen klassischen Wagen der späten 1920er und frühen 1930er Jahre vorstellt:

Adler_Favorit_spät_Thüringen_Galerie

Adler „Favorit“ Limousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Nur das schemenhaft erkennbare Adler-Emblem am oberen Abschluss der Kühlermaske und die markanten Scheibenräder mit fünf Radbolzen geben einen Hinweis auf Marke und Modell.

Da die Luftschlitze in der Haube hier nicht mehr waagerecht, sondern vertikal verlaufen, können wir den Adler auf „ab 1930“ datieren.

Es geht sogar noch genauer, denn die stark profilierten Vorderschutzbleche der Vorgängerausführung des Adler“Favorit“ wurden nur bei einer Serie von rund 100 Exemplaren beibehalten, die 1930/31 entstand.

Danach wurden glattflächigere und stärkere gerundete Kotflügel verbaut. Dies ist nebenbei ein schönes Beispiel dafür, dass auch ein Standardaufbau im Detail interessante Besonderheiten aufweisen kann.

Reizvoll ist natürlich auch die Situation: So haben ein paar Burschen auf dem Lande eine Kette über die Straße gespannt, um den Adler zum Halten zu zwingen. Da der Wagen an den seitlichen und hinteren Fenstern mit Girlanden geschmückt zu sein scheint, vermute ich, dass es sich um ein Hochzeitsauto handelt.

Könnten wir hier Zeuge der Entführung der Braut sein, wie sie einst üblich war? Wie auch immer, auch solche scheinbar unerheblichen Dokumente aus längst vergangener Zeit entfalten bei näherer Betrachtung über das Auto hinaus ihren Reiz.

In der Anfangsphase meines Blogs hätte ich es vielleicht bei der Betrachtung dieser hübschen Szene belassen. Doch meine Leserschaft ist inzwischen recht verwöhnt und will mit dem einen oder anderen Extra bei Laune gehalten werden.

Das lässt sich auch heute einrichten, was ich Sammlerkollege Marcus Bengsch zu verdanken habe, der schon etliche sehr schöne Fotos beigesteuert hat. Heute liefert uns sein Fundus eine willkommene Abwechslung beim Thema „Adler Favorit“:

Adler_Favorit_4-sitziges_Cabriolet_ab_1930_Bengsch_Galerie2

Adler „Favorit“, 4-Fenster-Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Die Wirkung dieses Cabriolets mit vier seitlichen Kurbelscheiben ist eine völlig andere als die der Serienlimousine.

Nicht nur lassen die nunmehr gerundeten Vorderschutzbleche und die leicht geneigte Frontscheibe den Wagen moderner erscheinen. Auch sorgen die bis zur Scheibe reichende Motorhaube und die vom hellen Lack farblich abgesetzte seitliche Zierleiste für eine dezente Eleganz, die den Serienaufbauten weitgehend fehlte.

In der mir zugänglichen Literatur konnte ich bislang kein identisches 4-Fenster-Cabriolet entdecken, sodass ich hier von einem Spezialaufbau eines bisher unbekannten Herstellers ausgehe.

Zwar lieferte Karmann eine Reihe offener Aufbauten für Adlers Standard 6, die aufgrund des identischen Chassis wohl auch für den „Favorit“ verfügbar waren. Doch sie weichen in zu vielen Details ab.

Vielleicht kennt ein Leser eine Abbildung, die Aufschluss über die Manufaktur gibt, die diesen Aufbau lieferte. Auf jeden Fall wurde hier ein ungewöhnlicher Aufwand betrieben, für dessen Gegenwert der Besitzer wohl auch einen „Standard 6“ mit Serienkarosserie hätte haben können.

Doch wie es scheint, war dem Käufer die großzügige offene Ausführung wichtiger, die wohl schon damals dem Kenner ins Auge fiel und noch wichtiger als die Motorisierung war.

Zufrieden waren die damaligen Insassen auf dieser schönen Aufnahme jedenfalls:

Adler_Favorit_4-sitziges_Cabriolet_ab_1930_Bengsch_Galerie3

Ein heutiger Besitzer könnte sicher noch stolzer auf einen Überlebenden dieses Typs sein – ich fürchte jedoch, dass kein einziger Adler „Favorit“ dieser Ausführung es bis in unsere Tage geschafft hat.

Abschließend sei auf die Möglichkeit hingewiesen, dass es sich bei unserem Adler mit der unbekannten Manufakturkarosserie gar nicht um einen „Favorit“ handelt.

Ab 1932 wurden an Adlers „Standard 6A“ (Modell mit kurzem Fahrgestell) nämlich ebenfalls nur noch Scheibenräder mit fünf (statt sieben) Radbolzen verbaut.

Unterscheiden konnte man die beiden Modelle dann nur noch anhand der Frontpartie, da das Sechszylindermodell einen Hinweis auf die Zylinderzahl als Emblem vor dem Kühler trugen –  hier dummerweise nicht sichtbar.

Tatsächlich habe ich vor längerer Zeit einen Adler „Standard 6A“ mit Aufbau als 4-Fenster-Cabriolet anhand eines historischen Originalfotos dokumentiert:

Adler_Standard_6_Cabrio_bei_Remagen_b_Ausschnitt

Adler „Standard 6“; Bauzeit: ; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Jedoch stimmt auch diese – wohl von Karmann stammende – Karosserie in vielen Details nicht mit der heute präsentierten überein.

So bleibt es bei dem Rätsel, wer den Aufbau für das heute vorgestellte Adler-Cabriolet lieferte, ganz gleich, ob es sich um einen „Favorit“ oder „Standard 6“ handelt…

© Michael Schlenger, 2019. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

 

Aalglatter Typ: Großer Opel-Tourer von 1914

Aalglatt – so nennt der Volksmund von altersher Typen, die sich jeder Festlegung entziehen, die einfach nicht zu greifen sind. Geschmeidig und gelackt kommen sie daher, doch mit wem man es wirklich zu tun hat, bleibt ungewiss.

Der Wagen, den ich heute vorstellen will, ist ein Paradeexemplar für einen solchen „aalglatten“ Typen – nicht nur wegen seiner glattflächigen Torpedooptik, sondern vor allem, weil es unmöglich scheinen will, ihn näher anzusprechen.

Nur, dass es ein Opel aus der Zeit vor dem 1. Weltkrieg ist, das ist klar ersichtlich. Auffallend viele Fotos in meiner Sammlung zeigen Rüsselsheimer Modelle jener Zeit, bei denen ein näherer Identifikationsversuch regelmäßig im Ungefähren endet.

Der Mangel an einem wirklich umfassenden und gut bebilderten Standardwerk zu den Opel-Wagen der Frühzeit macht die Sache nicht gerade besser.

So musste ich vor längerer Zeit das folgende Foto eines Opel der Zeit um 1912 unter dem Motto „Unbekannte Größe“ präsentieren:

Opel_evtl_10-24_PS_um_1912_Ak_Oskar_an_Cousine_Paula_01-1916_Galerie

Opel Tourenwagen um 1912; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Die Ansprache als Opel aus der Zeit vor dem 1. Weltkrieg war Routinesache, doch ansonsten entzog sich dieser Tourenwagen einer genauen Identifikation.

Lediglich eine ungefähre Datierung auf 1912/13 war möglich. Folgende Indizien sprachen gegen eine spätere Entstehung:

  • nur rudimentäre Verkleidung zwischen Rahmen und Trittbrett,
  • kastig wirkende Vorderschutzbleche,
  • deutlich ansteigende Linie der Motorhaube mit etwas stärker geneigtem Windlauf.

Prinzipiell könnte dieser Opel auch etwas früher entstanden sein  – frühestens 1910/11, doch die elektrischen Positionsleuchten verweisen in jüngere Zeit.

Auch wenn mir eine genaue Typidentifikation bisher nicht gelungen ist, hilft die Betrachtung der Karosserieelemente des obigen Wagens bei der zeitlichen Einordnung der Aufnahme, um die es heute geht:

Opel_1913-14_Wk1_Dierks_Galerie

Opel Tourenwagen von 1913/14; Originalfoto aus Sammlung Klaas Dierks

Dieses Prachtstück von einem Opel hat sich auf einem Foto aus der Sammlung von Leser Klaas Dierks erhalten.

Im Unterschied zum vorherigen Wagen hat man es hier auf einmal mit einem „aalglatten“ Typen zu tun. Damit meine ich weniger den Fahrer, der angesichts der damals noch recht langen Belichtungszeiten ein Pokerface aufgesetzt hat.

Vielmehr fallen hier die mit einem Mal deutlich geglätteten Linien des Aufbaus auf. Motorhaube und Windlauf verlaufen annähernd waagerecht und scheinen beinahe zu verschmelzen. Die Schutzbleche meiden jeden übertriebenen Schwung und folgen streng der Rundung der Räder. Die Schwellerpartie ist komplett verkleidet.

Dass wir hier keinen Opel der frühen Nachkriegszeit vor uns haben, verrät nicht nur die Karbidgaslampe an der Front, sondern auch das Fehlen eines Spitzkühlers, der sich bei Opel noch während des Krieges durchsetzte.

Die mir vorliegende Literatur – hier vor allem zu nennen: „Opel Fahrzeug-Chronik Band 1, 1899-1951“ von E. Barthels und R. Manthey – liefert einige wenige Abbildungen ähnlicher Wagen.

Wie es scheint, tauchen solche glattflächigen und im vorderen Bereich fast horizontal abschließenden Karosserien bei Opel gehäuft erst 1914 auf. In Frage kommen sowohl mittlere als auch große Tourenwagen wie die Typen 20/45 PS und 29/70 PS.

Für die Freunde späterer Opel-Wagen ist oft schwer vorstellbar, in welchen Dimensionen sich die Rüsselsheimer Traditionsfirma damals bewegte.

Die genannten Modelle verfügten zwar meist nur über Vierzylinder-Aggregate, doch mit Hubräumen von 5 Liter, 7,5 Liter und im Fall des mächtigen 40/100 PS-Typs sogar über 10 Liter waren dies unglaublich kraftvolle, Steigungen ohne Schalten mühelos meisternde Wagen – darüber gab es in Deutschland kaum noch etwas.

Die Radstände dieser Giganten bewegten sich zwischen 3,50 und 3,60 Metern, was optisch recht gut zu dem Wagen auf dem Foto von Klaas Dierks zu passen scheint.

Genauer will ich mich nicht festlegen, ich meine aber, dass man mit der Einordnung „mittlerer bis schwerer Opel-Tourenwagen ca. 1914“ auf der sicheren Seite liegt.

Als Puzzlestück bei der Rekonstruktion der Typenpalette in meiner Opel-Fotogalerie spielt dieser Wagen eine wichtige Rolle als Bindeglied zwischen den noch archaisch wirkenden Typen von 1910-1912 und den schnittigen Spitzkühlermodellen, wie sie bei Opel bis fast Mitte der 1920er Jahre vorherrschen sollten.

© Michael Schlenger, 2019. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Nichts ist unmöglich: Rider-Lewis Typ IV von 1910

Der Schwerpunkt meines Blogs für Vorkriegsautos auf alten Fotos liegt auf Fahrzeugen, die einst im deutschsprachigen Raum und im benachbarten Ausland gebaut oder verkauft wurden.

Ziel ist, auf lange Sicht ein möglichst umfassendes Bild der enormen automobilen Vielfalt auf dem europäischen Kontinent zu zeichnen, die sich damals aus dem Wettbewerb aberhunderter Marken ergab – trotz Zollgrenzen, Sprachbarrieren und weit weniger Kommunikationsmittel als heute.

Dabei stütze ich mich hauptsächlich auf zeitgenössische Fotos und Dokumente, die ich am hiesigen Markt erwerbe oder die mir Leser zur Verfügung stellen.

Gewissermaßen ein Abfallprodukt bei dieser Vorgehensweise sind Aufnahmen von Wagen, die außerhalb meines Rechercheraums entstanden, aber als Foto oder Postkarte an Verwandte hierhergelangten.

Meist handelt es sich um Dokumente aus den Vereinigten Staaten, wo viele deutsche Auswanderer ihr Glück machten, die dann zum Beweis Bilder ihrer Automobile in die alte Heimat sandten.

In vielen Fällen sind sie sogar deutsch beschriftet, doch meist fehlt die Angabe von Hersteller und Typ – irgendeinen Wagen zu besitzen, genügte bereits vollauf, um die Zurückgebliebenen sprachlos zu machen.

So war auch der folgenden Aufnahme keinerlei Hinweis zu entnehmen, was für ein Fahrzeug darauf zu sehen ist:

Rider-Lewis_Galerie

Rider-Lewis Typ IV; Originalfoto aus Sammlung von Michael Schlenger

Motiv des Erwerbs war hier nicht die Qualität des Abzugs und nicht einmal die Aussicht, jemals das Fahrzeug identifizieren zu können, dessen Frontpartie weitgehend verdeckt ist.

Mich reizte vielmehr die Situation mit den sechs Damen, die den Wagen in Beschlag genommen zu haben scheinen, während der Fahrer danebensteht.

Zwar entsprechen die langen Kleider und opulenten Hüte ganz der europäischen Mode vor dem 1. Weltkrieg, doch verweist die schlichte Holzbauweise des Hauses im Hintergrund klar auf die USA.

Der Wagen hätte vor diesem Hintergrund alles Mögliche sein können. Seinerzeit gab es praktisch in jeder größeren Stadt in den Vereinigten Staaten Automobilhersteller, deren Produkte zwar technisch unterschiedlichen Pfaden folgten, aber äußerlich kaum zu unterscheiden waren.

Selbst wenn die Kühlerpartie nicht verdeckt gewesen wäre, hätte ich anhand eigener Ressourcen keine Chance gehabt, das Auto zu identifizieren.

Doch im weltweiten Netz ist nichts unmöglich – dort ist heutzutage ein Wissen zu Vorkriegsfahrzeugen verfügbar, das früheren Generationen an Automobilhistorikern so kaum zugänglich war.

Auch wenn ich mich ansonsten aus Online-Netzwerken weitgehend heraushalte, da mir mein reales Dasein Abwechslung, Austausch und Anregung genug bietet, habe ich die Möglichkeit schätzen gelernt, das global zerstreut vorliegende Wissen zum Thema Vorkriegswagen im Netz in strukturierter Form anzapfen zu können.

Für meine Zwecke hat sich dabei insbesondere die Facebook-Gruppe „Cars of the 1900s to 1930s“ als ergiebig erwiesen. Dort sind mehr als zehntausend Freunde und Kenner von Vorkriegswagen angeschlossen, die vor allem ein kolossales Wissen zu den unzähligen Autoherstellern haben, die es einst in in den USA gab.

Und so präsentierte ich dort mein Foto in der leisen Hoffnung, dass sich da draußen jemand findet, der mir sagen kann, was für ein Wagen darauf zu sehen ist.

Tatsächlich dauerte es nicht lange, bis mir eines der kenntnisreichen Mitglieder besagter Gruppe – Varun Coutinho – die Lösung in Form dieser zeitgenössischen Ansichtskarte liefern konnte:

Rider-Lewis_Type_IV_1910_Galerie

Postkarte eines Rider-Lewis, digitale Kopie bereitgestellt von Varun Coutinho via Facebook

Bereits hier fiel mir die praktisch vollständige Übereinstimmung der beiden Fahrzeuge ins Auge – auch in Details wie dem markant geformten Kasten am Ende des Trittbretts, hinter dem sich die vordere Aufhängung der Blattfeder verbirgt.

Das Beste dabei ist natürlich, dass die zur Verfügung gestellte Postkarte den Hersteller und sogar den genauen Typ des Fahrzeugs nennt.

Demnach haben wir es mit dem Vierzylindermodell Type IV des Herstellers Rider-Lewis aus dem US-Bundesstaat Indiana zu tun, das laut dem „Standard Catalog of American Cars“ von Kimes/Clark nur 1910/11 gebaut wurde.

Die Firma wurde 1908 vom Konstrukteur Ralph Lewis und seinem Geldgeber George Rider gegründet und baute anfänglich einen 45 PS leistenden Sechszylinderwagen mit fortschrittlichen Details wie kopfgesteuerten Ventilen.

1910 folgte dann der Vierzylindertyp, den wir hier sehen, doch schon im selben Jahr wurde das von Anfang an defizitäre Unternehmen unter Gläubigeraufsicht gestellt. Im Jahr 1911 erfolgte dann die Liquidation.

Rund 250 Automobile sind in dieser Zeit von Rider-Lewis gefertigt worden, womit das Unternehmen das Schicksal tausender anderer teilte, denen nur ein kurzes Dasein vergönnt war.

Somit erwies sich das von mir aus ganz anderen Motiven erworbene Foto am Ende als veritable Rarität – zumindest hier in Europa. In den USA dagegen scheint es durchaus noch mehr solcher Dokumente zu geben.

So verwies mich Varun Coutinho auf diese zweite Aufnahme eines Rider-Lewis, die ein gewisser John Frankenberger vor längerem ins Netz gestellt hatte:

Rider-Lewis_Fotopost_von_John_Frankenberger_via_Varun_Coutinho_Galerie

Postkarte eines Rider-Lewis, hochgeladen von John Frankenberger (Ort unbekannt), digitale Kopie bereitgestellt von Varun Coutinho via Facebook

Hier finden sich weitere übereinstimmende Details wie zum Beispiel das geschwungene Profil der Motorhaube vor der Schottwand und die senkrechte Linierung des Federkastens am Trittbrettende.

Dass auf meinem Foto die Windschutzscheibe fehlt, will nichts besagen, sie war bei den damaligen offenen Fahrzeugen demontierbar. Für mich besteht jedenfalls kein Zweifel daran, dass die sechs Damen und der Fahrer einst mit einem Rider-Lewis posierten.

An diesem schönen Beispiel lässt sich gut illustrieren, welchen Nutzen globale Kontakte via Internet stiften können, wenn es um die Identifikation von Vorkriegsfahrzeugen geht, an denen man sich bislang die Zähne ausgebissen hat.

Dumm nur, dass sich m.W. für europäische Marken bislang keine vergleichbar große kritische Masse im Netz zusammenschließen konnte, um solche Fälle markenübergreifend zu lösen. Daher habe ich selbst eine solche Facebook-Gruppe ins Leben gerufen, in der alle Kenner der Vorkriegsszene in Europa willkommen sind.

Bevorzugte Sprache ist Englisch, aber ich moderiere/übersetze gern auch deutschsprachige Anfrage und Beiträge und freue mich über neue Mitglieder! Besonders interessante Rechercheergebnisse sollen auch in diesen Blog einfließen.

© Michael Schlenger, 2019. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

 

 

 

Alles andere als Standard: Fiat 509 Sport-Zweisitzer

Wer meinem Blog für Vorkriegsautos auf alten Fotos schon länger folgt, ist dem Fiat 509 aus der zweiten Hälfte der 1920er Jahre bereits öfters begegnet. Was kann man diesem kompakten Volumenmodell da noch Neues abgewinnen?

Nun, zunächst einmal kann man nicht oft genug daran erinnern, was die Turiner Traditionsmarke mit dem Typ 509 für ein Juwel geschaffen hat. Wo sonst gab es einen in Großserie gefertigen Kleinwagen, dessen nur 1 Liter messender Vierzylinder über im Kopf hängende Ventile mit obenliegender Nockenwelle verfügte?

Diese Form des Ventiltriebs, die auch bei hohen Drehzahlen einen präzisen Gaswechsel und damit bessere Leistungsausbeute ermöglichte, war vor über 90 Jahren noch Rennsporttechnik.

Genau damit hatte Fiat viel Erfahrung und legte mit dem 509 den Grundstein für eine lange Tradition drehfreudiger und zugleich standfester Motoren in der Kleinwagenklasse – eine Nische, die deutsche Hersteller weitgehend ignorierten.

Kein Wunder, dass Fiats 509 nicht nur in Italien ein Riesenerfolg war. Man begegnet ihm auch im deutschsprachigen Raum auf Schritt und Tritt. Hier einige Fotos (aus meiner Sammlung) von Wagen dieses Typs, die ich bisher besprochen habe:

Auf diesen Aufnahmen sieht man die gängigsten Aufbauten – also Limousine, Tourer und zweisitziges Cabriolet (von Fiat „Spider“ genannt).

Neben diesen Standardkarosserien gab es weitere Varianten, die in der Literatur kaum dokumentiert sind. Eine davon war das viersitzige Cabriolet, von dem ich heute gleich drei Aufnahmen präsentiere.

Die ersten beiden zeigen dasselbe Auto, doch auch die dritte – vom gleichen Anbieter erworbene – könnte trotz abweichenden Nummernschilds denselben Wagen zeigen:

Fiat_509_Foto_Korn_Kassel_Galerie

Fiat 509, viersitziges Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Die Qualität des Abzugs ist nicht die beste, doch ist der Fall klar: Diesen klassischen Flachkühler mit dem markanten Ausschnitt am unteren Ende (für die Lichtmaschine) gab es so nur beim Fiat 509.

Schemenhaft zeichnen sich hier Scheibenräder ab – eher unüblich bei diesem Modell. Auffallend auch der gerundete untere Abschluss der Frontscheibe, der hier nicht die kantige Kontur der Motorhaube nachzeichnet.

Auf dem zweiten Foto des Wagens lässt sich dieses Detail besser nachvollziehen:

Fiat_509_Foto_Korn_Kassel_RAD-Mann_Galerie

Fiat 509, viersitziges Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Die Form des Windlaufs will nicht so recht zu der Haube passen – meines Erachtens ein Hinweis darauf, dass es sich nicht um einen Werksaufbau handelt, sondern um eine individuell angefertigte Karosserie.

Dem Nummernschild ist zu entnehmen, dass dieser Fiat im Raum Kassel zugelassen war. Auch zur Datierung lässt sich etwas sagen: Der junge Mann mit der Uniform war Angehöriger des Reichsarbeitsdienst (RAD), der vom nationalsozialistischen Regime geschaffen worden war und ab 1935 für die männliche Jugend verpflichtend wurde.

Zum Zeitpunkt der Aufnahme war der Fiat also schon etliche Jahre alt, doch mit steuergünstigem Hubraum, soliden 22 PS sowie Vierradbremsen noch ein passables Einstiegsfahrzeug.

Darauf durfte man durchaus stolz sein, denn die Deutschen waren damals noch ein Volk von Fußgängern, Radfahrern und Nutzern öffentlicher Verkehrsmittel. Jedes Automobil, wirklich jedes, stellte einen für die allermeisten unerreichbaren Luxus dar.

Man muss sich dies immer wieder vor Augen halten, wenn man die aus moderner Sicht oft bescheidenen Leistungen der in der Vorkriegszeit hierzulande verbreiteten Autos richtig einordnen möchte.

Hyperinflation, Weltwirtschaftskrise, erdrückende Reparationslasten und später die staatliche Ausrichtung der Wirtschaft auf Rüstungsgüter machten eine Bildung von Wohlstand in der breiten Masse praktisch unmöglich.

Auch ein Berufssoldat der Reichswehr/Wehrmacht dürfte sich schwergetan haben, ein eigenes Automobil zu erwerben und zu unterhalten. Im Fall dieses Fotos könnte eine Ausnahme vorliegen:

Fiat_509_Foto_Gewalt_Galerie

Fiat 509, viersitziges Cabriolet, Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Der Rang des Soldaten ist für mich nicht ganz klar, die Uniform scheint noch Elemente der alten Reichswehr aus Zeiten der Weimarer Republik aufzuweisen. Leserhinweise dazu sind wie immer willkommen.

Klar ist, dass wir hier trotz des abweichenden Kennzeichens (Zulassung im thüringischen Gotha) praktisch den gleichen Wagen vor uns haben. Nur die Kühlerfigur von den vorherigen Bildern fehlt hier.

Da die drei Fotos aus der gleichen Quelle stammen, könnten wir hier denselben Fiat 509 mit Aufbau als viersitziges Cabriolet vor uns haben. Die Plakette unten am Schweller, die vom Karosseriefabrikanten stammen könnte, ist leider unleserlich.

Bereits diese Variante des Fiat 509 scheint kein Standard gewesen zu sein. Doch es kommt noch besser. Denn kürzlich ging mir eine weitere Aufnahme ins Netz, die ebenfalls eindeutig einen Fiat dieses Typs zeigt, doch diesmal sicher mit Spezialaufbau:

Fiat_509_Sport-Zweisitzer_Galerie2

Fiat 509, Sport-Zweisitzer; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Hier sieht man gerade noch den Ansatz des unteren Kühlerausschnitts für die Lichtmaschine, die mit einem Luftleitblech zwischen den vorderen Rahmenenden verkleidet ist.

Auf eine Sportvariante deuten auch die leichten Drahtspeichenräder, die v-förmig geteilte Windschutzscheibe und die „Bootsheck“-Karosserie hin.

Auch wenn mir noch keine vergleichbare Aufnahme begegnet ist, glaube ich, dass es sich hier um einen Spezialaufbau als Sport-Zweisitzer für Wettbewerbseinsätze handelt. Die Frage ist, ob dieser von Fiat auf Anfrage geliefert wurde und ob bei der Gelegenheit dem Motor noch ein paar zusätzliche PS durch klassisches Frisieren entlockt wurden.

Über Hinweise dazu würde ich mich freuen – vielleicht kann ja jemand sogar die Sportveranstaltung benennen, bei der dieser fesche Fiat 509 eingesetzt wurde.

Interessieren würde mich in dem Zusammenhang auch, was einst für ein Wagen neben dem Fiat mitabgelichtet wurde – ich konnte ihn bislang nicht identifizieren:

Fiat_509_Sport-Zweisitzer_Galerie

Fiat 509 (rechts) und unbekannter Tourenwagen; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Wenn ich mich nicht täusche, besaß der Fiat ein schwarzes Nummernschild mit weißer Beschriftung – leider auch im Original nicht lesbar. Ich vermute aus dem Kontext der Aufnahme, dass diese irgendwo im deutschsprachigen Raum oder benachbarten osteuropäischen Ländern entstand.

Selbst wenn sich der Aufnahmeort und die Veranstaltung nicht mehr ermitteln lassen, bleibt es beim Befund, dass dieser Fiat 509 einst alles andere als Standard war. Heute dürfte ein solcher Wagen praktisch unauffindbar sein.

© Michael Schlenger, 2019. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.