Fund des Monats: Ein RABA Tourer um 1920

Die Auswahl des Fotofunds des Monats Januar 2026 ist mir aus zwei Gründen schwergefallen. Erstens muss ich nicht einen Mangel an Kandidaten konstatieren, sondern eher einen Überfluss.

Das erforderte ausnahmsweise einige Überlegung, während ich meine Blog-Einräge hier meist ohne Plan herunterschreibe, was man ihnen auch anmerken darf. Merke: ein Blog ist keine akademische Abhandlung. sondern etwas Persönliches, an dem auch Dritte teilhaben können, ohne freilich irgendwelche Ansprüche an Form und Inhalt anmelden zu können.

Nachdem ich mit dem ersten Aspekt schon einiges an Zeit verplempert habe, stellt sich zweitens die Frage, was man jetzt noch schnell zuwegebringt, denn zumindest am Monatsende will ich bis Mitternacht „fertig“ sein.

Der ideale Kandidat ist unter solchen Umständen der, über den man möglichst wenig weiß, der sich aber in einer derart überzeugenden Weise präsentiert, dass er spontan den Zuschlag bekommt.

Dieser Ansatz führt bei Gebrauchtwagen und in der Politik bei gutgläubigen Zeitgenossen zwar oft zu Fehlentscheidungen, aber hier ist er goldrichtig:

Raba-Tourenwagen von ca. 1920; Aufnahme von 1923; Originalfoto: Matthias Schmidt (Dresden)

Zunächst einmal ist festzuhalten, dass dieses über 100 Jahre alte Dokument aus der Sammlung von Leser Matthias Schmidt (Dresden) von exzellenter Qualität ist – technisch wie formal.

Zu sehen ist ein typischer Tourenwagen, wie es ihn bereits kurz vor dem 1. Weltkrieg von etlichen Marken in Deutschland und im österreichisch-ungarischen Imperium gab.

Nur die elektrischen Scheinwerfer nebst untenliegender Lampen zur Ausleuchtung von Kurven – oder auch als Parklichter gedacht – sprechen dafür, dass wir es eher mit einem Wagen aus der Zeit kurz nach dem 1. Weltkrieg zu tun haben.

Das Kühleremblem verweist eindeutig auf die Marke Raba aus der ungarischen Győr. Der Firmenname spielt auf die an der Donau liegende römische Stadt „Arrabona“ an, die 400 Jahre bestand und die Keimzelle von Győr – deutsch: Raab – darstellt.

Die ungarischen Raba-Automobile basierten laut Literatur auf Lizenzen der Marke Praga und ein besonders beeindruckendes Exemplar habe ich vor fast genau acht Jahren hier präsentiert – ebenfalls als Fund des Monats.

Der Raba auf dem heute vorgestellten Foto ist deutlich darunter angesiedelt, doch interessant wird er dadurch, dass er auf eine Weiterproduktion noch kurz nach dem 1. Weltkrieg spricht, obwohl sich die Firma damals auf LKW zu konzentrieren begann.

Welchem Praga-Modell dieser Raba entsprach, das kann ich nicht sagen und eigentlich ist es mir auch egal. Fotos von PKW dieses noch heute existierenden Herstellers sind dermaßen selten, dass sie einen dokumentarischen Wert an sich haben.

Sicher ist unterdessen, dass dieses Exemplar einst deutschsprachige Besitzer hatte – ich vermute aufgrund des Kennzeichens eine Zulassung im böhmischen Raum (seit 1919 zur Tschechoslowakei gehörig), und umseitig ist vermerkt: „August 1923 bei Mariazell“.

Damit hätte ich für heute meine „Pflicht“ getan – wirklich ernst nehme ich ja nur die wiederkehrenden Kategorien „Fund des Monats bzw. Jahres“ und „Fotorätsel des Monats“.

Im Februar geht es dann rein willkürlich weiter, wahrscheinlich sogar mit einem ganz und gar deplatzierten dreidimensionalen Aus“flug“ an den Rhein in den 1950er Jahren, zu dem mir ein Vorkriegswagen nur einen winzigen Vorwand lieferte…

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7 Gedanken zu „Fund des Monats: Ein RABA Tourer um 1920

  1. Schön, dass Sie persönliche Erinnerungen an Györ haben – da muss ich passen (kenne die Stadt nur theoretischerweise aus meinen privaten Studien des Imperium Romanum). Die Lady am Lenkrad gefällt mir ebenfalls – wenngleich autofahrende Damen damals noch die absolute Ausnahme waren. Meine eigene Erfahrung ist übrigens die, dass auch moderne Frauen mit Führerschein sich immer noch sehr gern vom Herrn ihrer Wahl chauffieren lassen. Sieht man auf langen Strecken regelmäßig, dass meist die Buben den Wagen steuern. Was die Zeit nach dem 1. Weltkrieg angeht, gebe ich Ihnen in Teilen recht: Für Frauen, die selbständig sein wollten, gab es ganz andere Möglichheiten als zuvor. Aber: Wir wissen auch, dass für die allermeisten mangels Schulbildung und Qualifikation über kurz oder lang das Dasein als Hausfrau anstand. Auf dem Land führte an der alten Rollenverteilung erst recht kein Weg vorbei – interessanterweise ging es dafür dort modisch schon vor dem 1. Weltkrieg etwas lockerer zu, die aufwendige städtische Mode war schlicht zu teuer und bei der Arbeit unpraktisch. Dabei ist zu bedenken, dass wir aus den 20ern meist nur Fotos der oberen zehntausend oder hunderttausend kennen – das dort vermittelte Bild reiner Freizeitsituationen ist also verzerrt. Die flotten Mädels mit Bubikopf und knabenhafter, sportlicher Figur aus den Golden Twenties sind zwar schön anzusehen, aber außern für die Upper Class in Berlin, Hamburg, Dresden oder München ganz gewiss nicht repräsentativ. Ich kann mich erinnern, dass noch in den 1970er Jahren bei mir im Hessischen auf dem Dorf die alten Frauen mit langen Kleidern und Kopftuch unterwegs waren. Ein weites interessantes Feld…

  2. Sehr geehrter Herr Schlenger,
    stimme mit dem Vorigen überein. Das Kennzeichen beginnend mit A ist ein Wiener Kennzeichen. Wird wohl ein Überbleibsel aus dem 1.Weltkrieg sein weil die Armee etliche Raba ( die ungarische Reichshälfte musste auch mit Aufträgen bedient werden)in Verwendung hatte auch mit einer anderen Karosserie z.B als Batteriekommandantenwagen. Und die Ortsangabe Mariazell passt gut zu Österreich und Wien.

  3. Das ist sicher ein wirklich seltener Fund – und ein sehr interessantes, aussagekräftiges Photo welches uns heute präsentiert wird!
    Györ / Raab als Produktionsort von PKW war mir nicht geläufig – ich war nur mal mit einem deutsch- ungarischen Freund in
    G. In der Therme schwimmen, deren Mittelpunkt eine kreisrunde Bar mit Tresen in Höhe des Wasserspiegels bildet.
    Ein eigenes Erlebnis!
    Die detailreiche Aufnahme verleitet zum näheren Studium der Fahrgäste:
    Bemerkenswert die Wagenlenkerin mit dem geraden, klaren Blick, aus dem auch die Verantwortung für die wertvolle Fuhre spricht, die ja lt. den zeitgenössischen Chauffeur- Lehrbüchern noch zum Kernbereich automobilistischer Sorgfaltspflicht gehörte!
    Der beifahrende Ehemann hat sich halb erhoben, um mit seiner neuen Sturmhaube gut ins Bild zu kommen.
    Für seine ebenfalls ansehnlichen Eltern im Fond (der Vater noch in seiner schnurrbärtigen Würde als Kriegsveteran) wird die Autoreise ins Alpenland ihres ehemaligen „Mutterlandes“ ein besonderes Erlebnis gewesen sein, daß sie weit über den durchschnittlichen Erlebnis- horizont ihrer Generation heraushob.
    Immer wieder erstaunlich ist das relativ häufige Phänomen der „Kraftfahrerin“ auf alten Photos, selbst wenn man den sicher erheblichen Anteil der Aufnahmen abzieht, auf denen der ostentativ eingenommene Fahrerplatz nur Attitüde war.
    Ich erwähnte schon früher meine Erinnerung aus Kindheitstagen an das “ Frl. Werner“ in unserem Ammerseedorf, die mir erzählte, sie wäre mit ihrer Zwillingsschwester die ersten Automobilistinen Münchens gewesen . Ein Photo zeigte die beiden inmitten der elterlichen Familie um die Jahrhunertwende, noch im langen Kleid mit strammen Mieder.
    Heute kann man sich nicht mehr vorstellen, welche enorme Befreiung für die damalige Generation jüngerer Damen der gesellschaftliche Umbruch nach dem schmählichen Ende des Weltkriegs bedeutete:
    Haarpracht ab, bequeme Kleidung nach aktueller Mode, Lippenstift, Rauchen womöglich – dann ja auch: selbst ein Auto steuern, selbstbestimmt und unabhängig!
    Die gelegentliche Zigarette und der rote Mund waren geblieben bis ins hohe Alter (100) dem alten Frl. Werner meiner Kindheit. Der Wanderer leider nicht!

  4. I gave it some more thought and realised that I have a table listing every Raba sold between 1913 and 1945. This confirmed that about 500 units of the V were sold and listed 147 units of the Grand between 1915 and surprisingly 1930 (this is sales and not production)

  5. You say, you don’t care which model, but I can tell you it’s a Raba Grand. Both Praga-derived models, the V truck and the Grand were produced in the 1920s. Between 1913 and 1927 there were about 500 units of the V produced, the production rate of the Grand is not known but was smaller.
    This is a very nice photo, especially as it is rare to see a Hungarian-made car with non-Hungarian number plate (the previous Rába photo depicted cars with Hungarian number plates).

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