Hab(t) acht! Hupmobile Series E von 1927

In seltener Übereinstimmung mit dem sonst von mir ignorierten Zeitgeist – jedenfalls dem aktuellen – lege ich Ihnen heute dringend „Achtsamkeit“ ans Herz.

Diese wichtigtuerisch daherkommende Vokabel will das bezeichnen, was man früher so umschrieb „Passt auf Euch auf, gebt auf Euch acht, kümmert Euch um Euer Wohl, achtet auf Eure eigenen Interessen.“

Der Ansatz gefällt mir gut in Zeiten, in denen mal wieder kollektivistische Zwangsvorstellungen Konjunktur haben – leider eine regelmäßig wiederkehrende Seuche, wenn die Verheerungen des letzten Experiments in der Erinnerung verblassen.

Bloß diese sich gefühlig anschleimende Bezeichnung der „Achtsamkeit“ geht mir von jeher so auf die Nerven wie Duftkerzen oder das Kling-Klang-Klong der Windspiele, mit denen manche ihre Mitmenschen terrorisieren.

Daher plädiere ich hier und heute für die gute alte Formel „Hab(t) acht!“ – und das zugleich mit einem nicht sonderlich fernliegenden Doppelsinn.

Wie ich auf dieses Thema kam? Nun, einfach weil mich diese schöne Aufnahme darauf brachte:

Hupmobile 8 von 1927; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Sehen Sie, das sind genau die Dokumente, deretwegen hier auch viele nicht vom Autovirus befallene Zeitgenossen mitlesen. Denn ganz oft stehen bei solchen alten Aufnahmen mit Vorkriegswagen die damaligen Besitzer oder Nutzer im Vordergrund.

Das Auto war Teil ihrer Welt, ihrer Wünsche und ihres Selbstdarstellung wie außer den zweibeinigen Familienmitgliedern sonst kaum etwas anderes in ihrem Leben. Das macht aus meiner Sicht den kulturellen Rang dieser Aufnahmen aus – es sind nur selten Abbildungen rein technischer Natur.

Wie sehr sich die Dinge seither verändert haben, das sieht man nicht nur an dem grundlegend veränderten Erscheinungsbild der Menschen in der Öffentlichkeit – die meisten laufen dort inzwischen dort so herum wie zuhause kurz nach dem Aufstehen, wie im Urlaub oder – besonders kurios – wie auf einer imaginierten Expedition.

Auch die Wirkung des Automobils als ästhetisches Objekt hat sich grundlegend gewandelt – die meisten Modelle sind völlig beliebig daherkommende Nutzfahrzeuge. Vor allem an historischen Vorbildern orientierte Typen wie der Fiat 500, der Mini, der Porsche 911 oder auch das G-Modell von Mercedes sind rare Ausnahmen.

Doch selbst damit macht heute keiner mehr solche Fotos, und das hat mit den fundamental anderen Gestaltungsprinzipien von Vorkriegswagen zu tun, die solches ermöglichten:

Hupmobile 8 von 1927; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Genau das funktioniert mit den Autos der Neuzeit einfach nicht mehr. Umso mehr erfreuen wir uns an den Beispielen der Vorkriegszeit – doch gilt es heute nicht nur, sich daran zu delektieren.

Hier ist auch in besonderem Maße „Achtsamkeit“ angesagt. Denn wenn man wissen will, was für ein Auto mit Zulassung in Bayern das war, das hier als Staffage diente, dann muss man auf’s Detail achten.

Der Buchstabe „H“ auf dem Kühleremblem will zu keiner europäischen Marke passen – jedenfalls nicht was die Gestaltung der Umgebung angeht. Ob Hansa, Horch oder Hotchkiss – keiner dieser Kandidaten kam mit so einer Frontpartie daher.

Dass wir es stattdessen mit einem US-Fabrikat zu tun haben, darauf bringen uns die seitlich vor der Frontscheibe angebrachten Standlichter – bei europäischen Automobilen nach dem 1. Weltkrieg nur in seltenen Ausnahmen zu finden.

Als Kandidat lässt sich dann rasch der US-Nischenhersteller Hupmobile identifizieren, der ab 1908 Autos baute und zu den wenigen gehörte, die nie einem größeren Konzern angehörig waren.

Nach dem 1. Weltkrieg baute die von Robert C. Hupp in Detroit gegründete Firma zunächst weiterhin Vierzylindermodelle in einer Größenordnunng von einigen zehntausend pro Jahr, eher wenig nach den Maßstäben des hochentwickelten US-Automarkts, wo sich jeder ein Auto leisten konnte, der einer regelmäßigen Arbeit nachging.

1925 brachte man dann – durchaus bemerkenswert – einen 8-Zylindertyp mit über 60 PS heraus, als Serie E bezeichnet. Wer genau „acht gibt“, kann unterhalb des „H“ auf dem Kühleremblem „unseres“ Hupmobile annähernd eine „8“ erkennen:

Das ist eine bemerkenswerte Beobachtung, die das Urteil „alle Achtung!“ verdient. Denn auch wenn dieser Hupmobile von 1927 stammt, war ein Achtzylinder in der gehobenen Mittelklasse am deutschen Markt eine absolute Ausnahme.

Allenfalls einige 6-Zylindertypen brachte man unter dem enormen Konkurrenzdruck der überlegenen US-Wagen zustande, die aber nicht die Verbreitung wie die amerikanischen Originale am deutschen Markt erlangten.

8-Zylinderwagen waren bei deutschen Herstellern nur in der absoluten Luxusklasse zu finden – und das war damals vor allem eine Domäne von Horch aus Sachsen.

Man mag sich nun fragen, wie so ein Hupmobile nach Deutschland kam, aber das ist leicht zu erklären. Da die Nachfrage in deutschen Landen die Produktionskapazitäten der meist noch in Manufaktur arbeitenden lokalen Hersteller weit überstieg und die Amerikaner in vielerlei Hinsicht attraktivere, leistungsfähigere und besser ausgestattete Wagen bauten, was praktisch jede US-Marke nebenher auch bei uns aktiv.

Wer in den Staaten erfolgreich in Großserie fertigte, der konnte seine Autos auch in Europa mühelos absetzen – es gab keinen Grund an der Qualität und Leistung zu zweifeln. Wer nicht marktgerecht zu fertigen imstande war, der hatte keine Chance im Wettbewerb.

Das Beste am heute vorgestellten 8-Zylinder-Hupmobile von 1927 aber ist, dass mindestens eines der damals importierten Exemplare bei uns überlebt hat – dieses hier:

Hupmobile 8 von 1927; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Den Originalabzug verdanke ich der Großzügigkeit von Leser Helmut Kasimirowicz, der mir die Aufnahme in der berechtigten Annahme geschenkt hat, dass ich damit etwas anzufangen weiß, was auch anderen Freude macht.

Tatsächlich ist überliefert, dass dieser in der DDR am Leben gehaltene Hupmobile ebenfalls ein 1927er 8-Zylindertyp war. Denkbar, dass er schon ein Jahr früher entstanden ist oder auch ein Jahr später, das ist bei US-Modellen bisweilen nicht genau zu entscheiden.

So oder so ist das Überleben dieser Zeugen der Vorkriegszeit ausgerechnet unter den „ungünstigen“ politischen Umständen im Osten unseres Landes etwas, das mir den allergrößten Respekt abnötigt.

Während kleingeistige sozialistische Spinner an der Spitze Millionen unter ihrer Fuchtel zu halten versuchten, die vom kollektivistischen Gedanken weniger überzeugt waren, leisteten an der Basis echte Individualisten Großartiges.

Nirgends sonst in Deutschland haben soviele Vorkriegsautos die Zeiten überlebt – solche, die schon immer dort zugelassen waren und nicht erst später von Liebhabern importiert wurden.

Das war es was ich mit „Hab(t) acht“ unter anderem meinte – also, überhaupt 8-Zylinderwagen vorzuziehen, wenn man sich’s leisten kann, dann Achtung vor denen zu haben, denen wir das Überleben der raren Originale verdanken und schließlich: darauf zu achten, dass uns dieses Erbe (und einiges andere) nicht verlorengeht.

Michael Schlenger, 2025. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Ein Gedanke zu „Hab(t) acht! Hupmobile Series E von 1927

  1. Wie schon bei anderen „Amerikanerwagen“ aus den Jahren der Blüte vor dem „schwarzen Freitag“ 1929 steigt meine Neugier beim Hupmobile Straight 8, wobei das Bild mit der ADMV-Registrierung 512 wohl wie der nachfolgend verlinkte 88-353 aus Ohio einen E-4 darstellt :

    https://www.hemmings.com/stories/hodgepodge-hup-1928-hupmobile-eight/

    Diese Achtzylinder der E-Serie konkurrierten auch nicht mit Ford, Plymouth und Pontiac, sondern erfüllten wie Buick und Packard gehobene Ansprüche. Dies brachte auch Larry Stults mit seiner exquisiten Reklame schon für die Vorgänger E-1 und E-2 perfekt zur Geltung :

    https://www.motorcities.org/story-of-the-week/2020/the-hupp-motor-car-company-offered-great-advertising

    https://artcontrarian.blogspot.com/2017/01/larry-stults-hupmobile-illustrations.html

    https://carstyling.ru/de/entry/Hupmobile_Advertising_Art_by_Larry_Stults_1926_1927/

    Diese Reklame erschien auch in Modemagazinen, war so besonders auf Leserinnen zugeschnitten. Auch beim eingangs gezeigten blumengeschmückten und im bayrischen Teil Schwabens zugelassenen Exemplar handelt es sich wohl um einen geschlossenen Fünfsitzer, und zudem überlege ich gerade aufgrund des Blumenschmucks, daß dieses Auto vielleicht nur für einen besonderen Tag angemietet war ?

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