Das Ende vom Anfang: Chrysler „Four“ von 1926

Zwar zähle ich mich zur Fraktion der Kulturpessimisten – jedenfalls was die aktuelle Phase der europäischen Zivilisation angeht – doch kann ich mit der in vielen deutschen Köpfen traditionell tief verwurzelten Lust am Untergang wenig anfangen.

Die Geschichte geht schließlich immer weiter: Kriege enden, oppressive Regime stürzen, selbsternannte Eliten weichen und in Stein gemeißelt scheinende Machtverhältnisse, welche die breite Masse der Bürger nicht bestellt hat, zerbröseln einfach, weil die Realität stärker ist als alle Gebote, Gesetze oder Gewohnheiten.

Ich bin sicher, dass wir einiges davon noch erleben werden – und so gesehen sehe ich der Zukunft mit Spannung entgegen, auch wenn einiges Liebgewonnene längst den Weg alles Irdischen nimmt. Das war schon zu allen Zeiten so.

Das wirklich Bewahrens- oder zumindest Erinnernswerte, bisweilen auch Inspirierende geht ja meist nicht verloren, solange sich der Mensch nicht nur für das Hier und Jetzt, sondern auch für das Vergangene interessiert und es soweit möglich zurück in die Gegenwart holt.

Daher geht es heute nicht um den „Anfang vom Ende“, sondern um das Gegenteil. Dazu reisen wir genau 100 Jahre zurück in die Vergangenheit – ins Deutschland des Jahres 1926.

Damals nahm zumindest nach meiner Wahrnehmung eine Entwicklung ihren Anfang, die für etliche Jahre das deutsche Straßenbild mitprägen sollte – jedenfalls in den Städten. Die Rede ist von den zahlreichen Fahrzeugen der US-Marke „Chrysler“, von denen ich über die Jahre zahlreiche in Deutschland zugelassene Exemplare dingfest machen konnte.

Die frühesten Exemplare stammen aus dem Jahr 1926 – also zwei Jahre nach Schaffung dieser relativ jungen Automarke. Für über 10 Jahre blieben Chrysler-Wagen präsent in deutschen Landen – zusammen mit vielen anderen US-Herstellern, natürlich.

Den Beginn dieser reizvollen Episode markiert dieser 1926er Chrysler – wohl einer der beiden Vierzlindertypen, die das Einstiegssegment besetzten:

Chrysler Four von 1926; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Dass wir es bei diesem aufnahmetechnisch nicht ganz ideal dokumentierten Wagen tatsächlich mit einem Chrysler zu tun haben, das vermutet der Kenner anhand der Kühlerform – Gewissheit stellt sich dann nach dem Studium vergleichbarer Limousinen in meiner Chrysler-Galerie ein.

Leider ist das Nummernschild nicht genau lesbar, aber es handelt sich sehr wahrscheinlich um ein deutsches Kennzeichen. Nur vermuten können wir, dass hier der angestellte Fahrer des Wagens auf dem Kühler posiert – die Schirmmütze lässt das vermuten.

Den Besitzern des Wagens dürfte wohl das großzügig wirkende Haus im Hintergrund gehört haben. Sie hatten zwar auf den ebenfalls erhältlichen 6-Zylindermotor verzichtet, aber den geräumigen Sechsfenster-Aufbau gewählt – übrigens etwas, was man nur bei Vorkriegsmodellen findet.

Nachdem der Anfang zumindest halbwegs geglückt ist, geht es nun schon dem im Titel angekündigten Ende zu. Selbiges bietet sich im Fall des 1926er Chrysler trotz sparsamer Gestaltung ausgeprochen reizvoll dar:

Chrysler Four von 1926; Originalfoto: Sammlung Klaas Dierks

Diese außergewöhnliche Foto eines im Raum Berlin zugelassenen Chrysler von 1926 mit der jeden Zweifel am Hersteller ausräumenden Reserveradabdeckung erhielt ich in digitaler Form heute morgen von Leser Klaas Dierks.

Mir gefiel diese Ansicht so gut, dass sie mich spontan zum heutigen Blog-Eintrag inspirierte.

Das rückwärtige Ende ist nach dem fotografisch nicht perfekten Anfang des 1926er Chrysler ein hübsches Beispiel dafür, welche erbaulichen Entdeckungen sich selbst dann machen lassen, wenn man 100 Jahre zurückschaut in eine Zeit, in der wie in unseren Tagen viele Dinge ins Rutschen kamen und man einer ungewissen Zukunft entgegenging – oder fuhr…

Copyright: Michael Schlenger, 2026. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

4 Gedanken zu „Das Ende vom Anfang: Chrysler „Four“ von 1926

  1. Stimmt, es gab auch noch ein paar andere Fälle – aber ich meine, dass es sich durchweg noch um Vorkriegsmodelle (der Konstruktion nach) handelte.

  2. Besten Dank, Herr Klioba – zum Glück ruiniert mir das nicht die Story, da die Heckpartie von „Four“ und Six“ wohl identisch war. Sehr schön, was man nach so langer Zeit noch heraufinden kann.

  3. Moin Herr Schlenger,
    die Rückansicht gehört nicht zu einem Chrysler Four, sondern zu einem Chrysler Serie 60, dem kleineren der beiden Sechszylinder. Das kann man dem Foto natürlich nicht ansehen, aber das Kennzeichen führt mit Hilfe von Dietzlers Auto-Adressbuch für Groß-Berlin 1932 zur Information, dass wir es mit einem „Chr. 55“, also einem Chrysler mit 55 PS zu tun haben, was zu besagtem Modell passt. Der Besitzer war übrigens ein Herr namens Walter Proechtel aus der Ludwigkirchstraße 1 in Berlin-Wilmersdorf, der laut Berliner Handels-Register ein Händler für zahnärztliche Bedarfsartikel war. Das passt bezüglich Wohngegend und Berufsstand durchaus zu der Größe des abgebildeten Wagens.

Kommentar verfassenAntwort abbrechen