Opas Opel hatte 8 Zylinder! Ein Röhr 9/50 PS

Heute lüfte ich ein lange gehütetes Familiengeheimnis – allerdings handelt es sich nicht um etwas, was einem peinlich sein sollte, ganz im Gegenteil!

Den „Geheimnisverrat“ ermöglicht hat mir Silvio Nimmler aus der malerischen Kleinstadt Eisenberg im Herzen Thüringens.

Er kam vor einigen Tagen mit einer automobilen Familienangelegenheit auf mich zu, die ihn schon länger beschäftigt. Dabei ging es um den Wagen, den einst sein Schwiegergroßvater besaß und der der Überlieferung nach ein Opel gewesen sein soll.

Silvio Nimmler versteht etwas vom Karosseriebau und trotz intensiver Vergleiche wollte es ihm nicht gelingen, den Wagen auf den erhaltenen Fotos mit einem Vorkriegs-Opel zur Deckung zu bringen.

Da ihm die Opel-Story nicht ganz geheuer war, er aber auch kein anderes Fabrikat als den richtigen Kandidaten identifizieren konnte, wandte er sich an mich. Ich tue in solchen Fällen gern, was ich kann – sofern ich die Bilder dann auch im Blog zeigen darf.

Silvio Nimmler erteilte mir freundlich die Freigabe und lieferte gleich noch weitere Fotos. Nun können wir anhand dreier Aufnahmen das Familiengeheimnis lüften.

Das mag im Fall des ersten Fotos schwierig erscheinen, bemühen sich hier doch mehrere Kinder darum, den Wagen aus dem Bild zu schieben und dabei auch ja die Kühlerpartie zu verdecken, damit sie das Geheimnis um die Identität des Autos für sich behalten können:

Röhr 8 9/50 PS; Originalfoto aus Familienbesitz (via Silvio Nimmler)

Kommt Ihnen der kantige und etwas gedrungen wirkende Aufbau als Cabrio-Limousine mit seitlichen Sturmstangen bekannt vor?

Meine erste Idee ging in Richtung Brennabor. Der altehrwürdige Hersteller aus Brandenburg baute Ende der 1920er Jahre das Modell ASK 12/55 PS – ein ansprechend gestaltetes Modell, mit dem Brennabor wieder den Anschluss an den Zeitgeist gewinnen wollte.

Hier haben wir ein solches Exemplar:

Brennabor Typ ASK; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Auf den ersten Blick könnte das doch das gesuchte Auto sein, möchte man meinen. Mindestens zwei Dinge sprechen aber dagegen:

Zum einen liegt der Schwerpunkt des Aufbau beim „Familiengeheimnis“ deutlich weiter unten, was sich an der niedrigeren Schwellerpartie zwischen Trittbrettt und Karosserieunterkante erkennen lässt.

Zum anderen schlossen beim Brennabor die vordere und die hintere Tür gegenläufig am Mittelpfosten. Bei unserem Rätselauto öffnet und schließt auch die hintere Tür parallel zur vorderen – beide sind also vorne „angeschlagen“, wie Karosseriebauer sagen.

Diese Besonderheit war auch Silvio Nimmler bei seinen Recherchen aufgefallen. Bemerkt hatte er auf der zweiten Aufnahme außerdem, dass auf dem Kühler ein Emblem und ein Schriftzug zu sehen sind, leider unleserlich:

Röhr 8 9/50 PS; Originalfoto aus Familienbesitz (via Silvio Nimmler)

Die Versierten unter den Lesern meines Blogs haben spätestens jetzt ein ganz besonderes deutsches Fabrikat als Kandidaten ausgemacht.

Besondere Kenner würden das vermutlich sogar ohne das Kühleremblem und den Schriftzug können. Denn eine so breite Spur in Verbindung mit tiefem Schwerpunkt war das äußere Markenzeichen von Röhr aus dem hessischen Ober-Ramstadt.

Aufbauend auf jahrelangen Versuchen von Hans Gustav Röhr und seinem Chefkonstrukteur Joseph Dauben enstand dort in den einstigen „Falcon“-Werken ein 8-Zylinderwagen, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hatte.

Mit unabhängiger Radaufhängung vorne und hinten, bewusst niedrig angelegtem Schwerpunkt, konsequentem Leichtbau und Zahnstangenlenkung bot der erste Röhr sensationell gute Fahreigenschaften.

Nur der kopfgesteuerte Reihenachtzylinder war mit anfangs 40 PS für einen Wagen dieses Kalibers zu schwach ausgelegt, weshalb 1928 ein aufgebohrtes Aggregat mit 50 PS folgte.

Übrigens ist die auf die Motorisierung verweisende 8 das zentrale Element im Kühleremblem der bis 1934 gebauten Röhr-Automobile – hier eines Typs RA (ab 1930):

Röhr 8 Typ RA; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Ich könnte mir vorstellen, dass Silvio Nimmler sich spätestens jetzt wie ein Bub vor einem Berg von Geschenken unterm Weihnachtsbaum vorkommt.

Opas Opel hatte also 8 Zylinder – ist ja unglaublich, dass dieses Familiengeheimnis erst jetzt gelüftet werden konnte.

Apropos gelüftet: Im Unterschied zu dem weiter oben gezeigten, auf den ersten Blick ähnlichen Brennabor war das Verdeck des Röhr kein „Fake“.

Zum Beweis hier das dritte und wohl schönste Foto des Wagens von Silvio Nimmlers Schwiegergroßvater, wobei hier auch der Hinterreifen „belüftet“ sein wollte:

Röhr 8 9/50 PS; Originalfoto aus Familienbesitz (via Silvio Nimmler)

Besonders gut gefällt mir der in die Ferne gehende Blick der Dame vorne neben dem Kühler. Man meint, sie könne die Weiterfahrt mit dem komfortablen und kraftvollen Wagen kaum erwarten und nimmt schon einmal das nächste Ziel ins Visier.

Tja, liebe Opel-Freunde, nachdem das mit dem gigantischen 8-Zylindertyp „Regent“ aus Rüsselheimer Produktion nichts geworden war, musste man sich zumindest in der Hinsicht ausgerechnet dem Nischenhersteller „Röhr“ aus Ober-Ramstadt geschlagen geben.

Auch unabhängig von der Motorisierung war natürlich kein Opel auch nur annähernd mit der konstruktiven Raffinesse und Fahrkultur der Röhr-Wagen vergleichbar.

Leider fand sich im krisengeschüttelten Deutschland um 1930 kein Kapitalgeber, der die Produktion der genialen Röhr-Wagen auf eine betriebswirtschaftlich solide Grundlage – sprich Großserien-Fabrikation und internationaler Vertrieb – stellen konnte.

So waren die Achtyzlinder dieses kleinen, aber feinen Herstellers schon bald wieder Geschichte. Ihr Nimbus lebt aber unter Kennern bis in unsere Tage fort (vgl. auch die ausführliche Dokumentation auf Werner Schollenbergers Website).

Jedes neu aus den Tiefen der Vergangenheit auftauchende Foto dieser so interessanten und seinerzeit konkurrenzlosen Wagen ist daher ein Grund zur Freude – und heute auch für Silvio Nimmler und Familie, deren automobiles Geheimnis nun endlich gelüftet ist.

„Opas Opel hatte 8 Zylinder!“ – ein tolle Sache aber auch für uns, die ein großes Herz gerade für die Autos verblichener kleiner Marken der Vorkriegzeit haben…

Michael Schlenger, 2024. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

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