Fotorätsel des Monats: Ein Luxus-Cabriolet um 1935

Das Warten auf den Fund des Monats ist entschieden zu lang und ich erwische mich immer öfter dabei, zwischendurch etwas Besonderes bringen zu wollen. Gleichzeitig möchte ich weiterhin der Chronistenpflicht in Sachen Vorkriegsautos gerecht werden.

Also werde ich unverdrossen – wenn auch meist nur oberflächlich – den üblichen Verdächtigen, die andernorts passabel oder besser dokumentiert sind, Raum geben.

Doch eigentlich steht mir der Sinn nach 10 Jahren Bloggerei zum Thema „Vorkriegswagen auf historischen Fotos“ zunehmend nach dem Exotischen, Ästhetischen, Überraschenden.

Das mag ein aktueller Reflex der allgemeinen Tendenz zur Nivellierung auf immer niedrigerem Niveau sein. Doch das Streben nach Eindrücken und Erlebnissen jenseits des Alltäglichen ist mir schon von jeher auch ein persönliches Bedürfnis.

Hinzu kommt ein simples Faktum:

Ich ertrinke buchstäblich in Aufnahmen von Vorkriegswagen, die ich auch nach dem x-ten Versuch nicht sicher identifizieren kann. Zu den rund tausend Kandidaten in meinem eigenen Fundus kommen laufend neue aus Leserzuschriften hinzu.

Also mache ich aus der Not eine Tugend und präsentiere von heute an zur Monatsmitte ein Fotorätsel, das ich nicht lösen konnte.

Ich weiß frei nach Sokrates, wieviel ich nicht weiß, und ich weiß, dass ich über die Jahr eine Leserschaft gewonnen habe, deren Wissen mich immer wieder begeistert, deren oft andere Sichtweisen mir neue Impulse geben und mich dazu lernen lassen.

Also machen wir einen Deal, liebe Leser: Ich liefere Ihnen wie gewohnt regelmäßig und frei Haus meine subjektiven Gedanken zu Vorkriegsautos auf alten Fotos, doch einmal im Monat müssen Sie als Gegenleistung selbst ran.

Beginnen wir mit folgender Aufnahme aus meiner Sammlung, die Mitte der 1930er Jahre entstanden sein dürfte:

unidentifiziertes Cabriolet um 1935; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Die Architektur im Hintergrund und das Erscheinungsbild der abgebildeten Personen sehen mir nach dem deutschsprachigen Raum aus.

Doch das zweitürige Cabriolet mit dem coupéhaft gestalteten Verdeck ohne seitliche Sturmstange in Verbindung mit der stark geneigten Frontscheibe lässt mich an eine südlichere Region denken, was die Herkunft dieses Wagens angeht.

Gewiss, solche Cabrios mit eleganter Zweifarblackierung – der Korpus hell und leicht, die übrigen Teile dunkel davon abgesetzt – waren ein Standard bei europäischen Automobilen in den 1930er Jahren.

Doch irgendetwas an den Proportionen und die lässige Selbstverständlichkeit der Gestaltung scheint mir außergewöhnlich zu sein.

Vielleicht hat mich der Kühler des Wagens dahinter auf die Idee gebracht – vielleicht auch ein im Hinterkopf abgespeichertes Bild aus vergangener Lektüre – aber ich stelle hier als Arbeitshypothese die italienische Marke Lancia in den Raum.

Ich mag völlig daneben liegen, wenn ich im vorliegenden Fall meine, dass hier die Hand von Meister Pinin Farina im Spiel war. Also vergessen Sie am besten alles, was ich mir hier zusammenreime – ich weiß es wirklich nicht genau, was das für ein Wagen war.

Damit übergebe ich an Sie, liebe Leser. Nur eine Bitte hätte ich: Wenn Sie eine Idee zu diesem Gefährt haben oder sich gar absolut sicher sind, worum es sich handelt. verweisen Sie bitte auf eine passende Abbildung im Netz, in der Literatur oder eigenen Garage.

Und vermeiden Sie bitte Fragen nach dem Muster: „Könnte es ein xyz sein?“

Gehen Sie einfach in Vorlage, machen Sie einen Vorschlag, lehnen Sie sich aus dem Fenster – aber bitte immer mit Argumenten, an denen man sich abarbeiten kann. Und wie immer ist es erlaubt, meine eigene Sicht völlig zu verwerfen.

Ich bin gespannt, was die echten Kenner oder auch die Amateure (wie ich) sagen. Und um es zu wiederholen: Das machen wir jetzt monatlich, denn solches schöne Material aus der Welt von gestern gibt es ohne Ende…

NACHTRAG und LÖSUNG: Wie vermutet, handelt es sich um einen Lancia des Typs „Astura“ mit Karosserie von Pinin Farina – bezeichnet als „Cabriolet Royal Aerodynamico.“

Das unter anderem an den hinteren Radverkleidungen erkennbare Modell wurde 1934 auf diversen Concours-Veranstaltungen ausgezeichnet. Einen entsprechenden Literaturhinweis erhielt ich von Michele Casiraghi, einem sachkundigen Mitglied einer Facebook-Gruppe, die auf italienische Vorkriegswagen spezalisiert ist.

Michael Schlenger, 2025. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

8 Gedanken zu „Fotorätsel des Monats: Ein Luxus-Cabriolet um 1935

  1. Danke – den Belna (Augusta) hatte ich gar nicht auf dem Schirm, davon gab es in der Tat hinreißende Cabrios. Mein Favorit ist aber derzeit der etwas längere Lancia „Astura“. Auf dessen Basis baute insbesondere Pinin Farina jede Menge individuelle Fahrzeuge, von denen kaum eines wie das andere aussah. Es gab auch von anderen italienischen Karosseriebauern Ausführungen mit ähnlicher Dachlinie und oft auch ohne Sturmstangen. Aber eine so radikal geneigte Frontscheibe fällt schon aus dem Rahmen (kleiner Scherz) und scheint eher eine Spezialität von Pinin Farina gewesen zu sein. Ich poste das Bild noch in einer Facbeook-Gruppe für italienische Vorkriegswagen, schätze dann finden wir die Lösung. Auf jeden Fall erweist es sich als sehr hilfreich, so sachkundige Leserhinweise zu bekommen!

  2. Das „Tourenwagen-Einerlei“ ist beim Thema Vorkriegswagen kaum vermeidlich, da bis etwa 1925 zumindest in Europa (und besonders in Deutschland) diese Aufbau mit Abstand der häufigste war. Als Karosserie-Gourmet kommt man natürlich dabei selten auf seine Kosten. Ein „Amerikaner-Einerlei“ vermag ich indessen nicht zu erkennen – denn auf dem Sektor habe ich im Blog die größte Markenvielfalt und ich bin mir sicher, dass es unter meinen Leser nur wenige gibt, denen diese Fabrikate alle geläufig sind. Ich wüsste auch nicht, dass irgendein anderes Online-Medium diesen einst hierzulande sehr präsenten Wagen gerecht würde – von daher sehe ich die wiederkehrenden Beiträge zu US-Fabrikaten im Gegenteil eher als Abwechslung. Übrigens ist ein objektiver Gradmesser für die Häufigkeit der behandelten Hersteller die „Markenwolke“, in der die Größe der Herstellernamen sich danach richtet, wie oft es bereits einen Beitrag dazu gegeben hat. Wenn man das Auge darüber wandern lässt, bleibt man am häufigsten an den üblichen Verdächtigen aus deutschen Landen „hängen“…

  3. Hallo Michael, ich finde die Einführung eines Rätselkandidaten jeden Monat Klasse und möchte mich gleich versuchen.
    Die 5 Luftklappen in der Haube haben mich zuerst an Hanomag Sturm denken lassen, aber da habe ich nichts Karosserieähnliches gefunden.
    Deine Vermutung mit dem Lancia hat mich zur Lancia Augusta und genauer der französischen Variante Belna gebracht.

    Hier stimmt sehr vieles überein wie ich finde. Die fünf Luftklappen in der Haube, die hohe Position des Haubenverschlusses, die unten eckig endende Frontscheibe, die Position der Winkerschlitze sowie das elegante Heck.

    Als Referenz würde ich mal diese Seite nennen:
    https://www.carswp.com/lancia/lancia-belna-cabriolet/#cars

    Einziger Punkt der mir nicht passt, sind die tropfenförmige Chrom-Knubbel auf den Haubenschlitzen. Diese Enden beim Rätselfoto hinten spitz, nicht vorn wie bei meiner Referenz.

    Viele Grüße René

  4. Das “ Coupehafte “ Cabrio- Verdeck ist wirklich sehr exakt
    Und verarbeitet – immer wieder erstaunlich! Die sog. Innenverspannung war ein Patent von Gläser welches die Sturmstangen überflüssig machte.
    Die Idee des Heiteren Rätselratens ist natürlich gut –
    bringt etwas Abwechslung ins
    Tourenwagen – Amerikaner- Einerlei.

  5. Besten Dank für die Vorschläge, Herr Hirmer. Ich werde nur Kandidaten Fotos als Rätselfoto bringen, wenn ich aufgrund wenigstens eines Details die Chance sehe, dass man den Wagen identifizieren kann. Mit der ungewöhnlich stark geneigten Frontscheibe haben Sie im vorliegenden Fall eines genannt – die ganze Dachpartie ist ein weiteres aus meiner Sicht. Letztlich kann es immer sein, dass ein Leser genau so etwas schon einmal gesehen hat – das erspart mir endlose und oft fruchtlose Recherchen. Außerdem kann ich so reizvolle Bilder bringen, die sonst weiter nutzlos im Fundus herumliegen. Grüße nach München!

  6. Hallo Herr Schlenger,

    Gute Idee das Fotorätsel, nur sehr zeitaufwändig wenn so wichtige Kriterien wie Kühler…Kühlerfigur, Scheinwerfer, Räder nicht zu sehen sind. Noch schwieriger mit dieser ziemlichen flachen und niedrigen Frontscheibe. Meine Favoriten sind:
    -Lancia Astura( modifiziert)
    – Röhr Mod.7 ggf. Cabr. von Autenrieth
    – Hispano-Suiza J12 Cabr. ähnlich. dem v. Van Vooren????niedrige und flache Frontscheibe, hat aber 6 Lüftungsklappen.
    – Praga Lady Sportroadster käme evtl. modifiziert auch noch in Frage.
    Alle Fotos aus „Klassische Wagen 1919-1939“ v. Ferdinand Hedinger, Hans-Heinrich von Fersen, Michael Sedgwick.
    Da es in den 1930 Jahren viele kleine, durchaus talentierte Karosseriebaubetriebe gab, war ein Umbauauftrag, oder sogar ein Karosserieneubau, als Einzelanfertigung für solch hübsche Cabrioversionen, nicht selten.

    Fotos aus o.g. Buch kann ich senden. Aber wie? Per Email bin ich leider von der Datenmenge sehr begrenzt. Falls Sie WhatsApp nutzen bitte ich um Ihre Nachricht.

    Wünsche Ihnen schöne Osterfeiertage. Bin schon gespannt welche Vorschläge/ Erfebnisse da kommen werden.

    Viele Grüße vom Münchner Dixischrauber
    Wolfgang Hirmer

  7. Hallo,
    der Wagen links neben dem „mystery car“ hat ein nicht-deutsches Kennzeichen Österreich?). Vielleicht ein Hinweis auf das Ausland als Örtlichkeit der Aufnahme.
    Gruß,
    KD

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