Am gestrigen Foto-Rätsel haben sich einige Leser beteiligt – und zumindest die Identität des dort neben einem großen Tourenwagen abgebildeten Motorrads (Zündapp) geklärt.
Zum Auto selbst gab es weniger eindeutige Hinweise – der Vorschlag Austro-Daimler geht zwar in eine naheliegende Richtung, scheint mir aber noch nicht die Lösung zu sein.
Mir selbst war erst nach Erstellung des Beitrags beim Durchblättern von G.N. Georganos „Complete Encyclopedia of Motorcars“ eine zündende Idee gekommen.
Das einst wegweisende Werk gibt für meine Zwecke nicht mehr viel Neues her – aber da es rein alphabetisch sortiert ist, wird beim ziellosen Durchblättern bisweilen die Erinnerung an Marken und Typen aufgefrischt, die man aus dem Auge verloren hat.
So blieb ich zufällig unter dem Buchstaben A bei einer Marke hängen, unter der ein praktisch identischer Tourer wie auf dem Rätselfoto abgebildet war – selbiges der Vollständigkeit halber hier noch einmal:

Könnte dieser einst in Österreich abgelichtete Wagen der frühen 1920er Jahre ein Austro-Fiat gewesen sein? Das fragte ich mich spontan.
Tatsächlich hatte ich zuletzt vor fast 5 Jahren ein Foto dieses außerhalb der Alpenrepublik wenig bekannten Fabrikats hier vorgestellt.
Damals hatte ich auch den Werdegang der Marke – vollständig eigentlich „Österreichische Automobil-Fabrik, vormals Austro-Fiat“ – skizziert, weshalb ich mich an dieser Stelle nicht wiederholen möchte.
Das seinerzeit von mir präsentierte Exemplar weist zwar einige Ähnlichkeit mit dem Wagen auf unserem Rätselfoto auf, insbesondere die abgerundete und lackierte Kühlerpartie mit oben montierter Plakette betreffend.
Dies hatte mich zu dem Nachtrag im letzten Beitrag motiviert, unter Verweis auf das seinerzeit publizierte Foto:
Die einzige weiterführende Reaktion auf dieses Foto kam damals aus Australien – wo es einige Freunde eher exotischer europäischer Vorkriegsautos gibt.
So schickte mir Sammler Jason Palmer, der selber einige Fahrzeuge jener Zeit fährt, ein Foto aus seiner Sammlung, das gut zu meinem passte, aber einen etwas längeren Wagen mit durchgehender Windschutzscheibe zeigt.
Dazu muss man wissen, dass die ÖAF nach dem 1. Weltkrieg zunächst Vorkriegsmodelle weiterbaute und um 1920 ein 9/24 PS-Modell „IC“ im Programm hatte, das noch einen lackierten abgerundeten Kühler besaß.
Bis Mitte der 20er wurde daraus ein 9/40-Modell mit nunmehr flachem Kühler, das optisch eng an die damaligen Fiats angelehnt war. Ein Beispiel dafür findet sich auf S. 210 des ausgezeichneten Buchs „Von Austro-Fiat zur ÖAF Gräf & Stift AG„, in dem übrigens auch die Nutzfahrzeugfreunde auf ihre Kosten kommen.
Zwischen diesen beiden Entwicklungsstufen gab es jedoch ab 1922 noch einen 9/32 PS-Typ, der als Typ AF1 verkauft wurde. Dieser sah von der Kühlerpartie dem Vorgängermodell IC 9/24 PS sehr ähnlich, war aber mit 3,40 Meter Radstand und 4,60 Meter Länge größer.
Und wohl von so einem AF1 vor Mitte der 20er Jahre stellte mir Jason Palmer dieses Foto aus seiner Sammlung zur Veröffentlichung zur Verfügung – heute, nach fast fünf Jahren ist der rechte Moment dafür gekommen:
Was meinen Sie dazu, liebe Leser?
Für mich finden sich hier wesentliche Details der Karosserie des Tourers auf dem Rätselfoto wider – in Verbindung mit ähnlichen Proportionen.
Das Beste an dieser Aufnahme ist aber das „AF“-Kürzel auf der vorderen Nabenkappe, das auf den anderen Fotos mangels Auflösung nicht zu erkennen ist.
Kleine Unterschiede wie die schrägestehende Scheibe und die gerade zum Trittbrett hin geführten Vorderkotflügel sind vorhanden – ich würde sie aber bei der Kleinserienproduktion der ÖAF nicht überbewerten.
Ausschlaggebend ist für mich, dass der in Wagenfarbe lackierte, abgerundete Kühler des Austro-Fiat AF1 9/32 PS aus einer Perspektive wie auf dem Rätselfoto ziemlich genau so aussehen dürfte wie dort.
Natürlich ist das kein eindeutiger Beweis – aber ich meine, mit dem Austro-Fiat AF1 der Lösung nähergekommen zu sein als bisher.
Und selbst wenn ich am Ende falsch liegen sollte, konnte ich Ihnen heute ein Fahrzeug präsentieren, das außer österreichischen Lesern kaum jemand bekannt gewesen sein wird.
Wenn Sie jetzt der Ansicht sind, dass der Start ins Neue Jahr im Blog doch ziemlich verschwenderisch war, dann dazu drei Dinge:
Erstens habe ich (und mancher Sammlerkollege) noch viel unpubliziertes Originalmaterial im Fundus. Zweitens bringe ich manche seltenen Sachen gern dann, wenn sie gerade passen, was heute der Fall war.
Und drittens: Niemand weiß, was die Zukunft bringt. Die guten Dinge soll man genießen, wie sie sich ergeben, man muss ja nicht gleich den ganzen Vorrat aufbrauchen…
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