Fotorätsel des Monats: Ein „Hanseat“ mit 1 PS?

Eines gleich vorab: Machen Sie sich keine Mühe, dem Wortspiel im Titel des heutigen Fotorätsel zuviel Bedeutung abzugewinnen. Weder gibt es eine Kreuzung aus einem Hansa und einem Seat zu besichtigen, noch treibe ich Schindluder mit dem alten deutschen Vornamen Hans – eine der vielen Kurzformen von Johannes nebenbei.

Nein, Sie bekommen wirklich nur einen Hamburger geboten und auch die PS-Angabe ist punktgenau. Allerdings mögen Sie beim Stichwort „Hamburger“ bereits ahnen, dass es sich dabei um ein spezielles Hybridprodukt handeln können, in dem sich deutsche und amerikanische Traditionen treffen.

Das ist jedenfalls meine These, mit der ich Sie heute konfrontieren möchte, ohne mir dabei so sicher zu sein, wie ich das sonst vorgebe. Nur was die PS-Angabe angeht, dulde ich keinen Widerspruch – ich habe die Pferdestärken schließlich selbst gezählt!

Soviel zur Einleitung – mehr ist mir nämlich hierzu auf den ersten Blick nicht eingefallen:

Cabriolet ab 1933 mit Hamburger Zulassung; Orignalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Möglicherweise fokussiert sich jeder Betrachter auf einen unterschiedlichen Teil dieser rätselhaften Aufnahme.

Einigkeit erzielen können wir sicher, was das Nummernschild am Heck des abgebildeten Wagens betrifft, wo sich zudem eine prächtig verchromte Reserveradeinfassung darbietet.

Die freundlich dreinschauende Dame kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Wagen hinter ihr einen Cabrioletaufbau mit schräg auslaufendem Kofferraum besitzt. Stilistisch würde ich die Heckpartie klar einer deutschen Manufaktur zuschreiben.

Doch je weiter das Auge nach links wandert, desto verwirrender wird das Abgebildete.

Zwischen den beiden Erwachsenen, die vor dem Auto posieren, tauchen aus dem Hintergrund Kindergestalten auf – erst zwei, dann drei, dann vier – unheimlich nicht?

Wer noch mit Analogfilm aufgewachsen ist, bei dem mit jeder Betätigug des Auslösers ein Bild auf eine Rolle lichtempfindlichen Materials projiziert wird, kennt das Phänomen.

Wir haben es mit einer Doppelbelichtung zu tun, bei der zwischen zwei Fotos der Weitertransport des Films entweder vergessen wurde oder aufgrund eines mechanischen Defekts nicht funktioniert hat.

Dann werden nun einmal zwei Situationen auf demselben Filmabschnitt festgehalten.

Im vorliegenden Fall trifft kurioserweise ein repräsentativer Hanseat der automobilen Fraktion auf einen braven Vertreter der 1 PS-Kategorie mit Hafer-Antrieb. Vermutlich aufgrund meiner Fixierung auf das Auto habe ich das Pferd erst beim Bearbeiten der Aufnahme bemerkt – es tritt nun deutlicher zutage als im Original.

Das schöne Beispiel für den Reiz von Doppelbelichtungen allein begründet aber noch nicht den Rang der Aufnahme als Rätselfoto des Monats.

Diesen Adelstitel verdankt es vielmehr dem Umstand, dass das so „deutsch“ wirkende Cabrio sich aus meiner Sicht mit keinem heimischen Fabrikat zur Deckung bringen lässt.

Ich dachte zunächst an einen Horch der 1930er Jahre, doch die lediglich drei Luftklappen in der Motorhaube wollen nicht dazu passen. Die Drahtspeichenräder bringen einen vielleicht auf die falsche Spur, weil sie in deutschen Landen ein luxuriöses Austattungsdetail waren.

Doch dann musste ich das Model A von Ford denken – um 1930 ein Brot&Butter-Auto, das dennoch ab Werk mit Drahtspeichenrädern daherkam. Das brachte mich dann auf die Idee, dass es sich trotz der Gestaltung der Heckpartie um ein US-Fabrikat handeln könne.

Und tatsächlich verbaute auch Ford-Konkurrent Chevrolet – also aus US-Sicht ein weiterer Billigautofabrikant – an seinem 1933er Modell „Master Eagle“ ebenfalls Drahtspeichenräder:

Chevrolet „Master Eagle“ von 1933; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Die Details der Frontpartie – einschließlich der vollverchromten Scheinwerfer stimmen vollkommen mit dem Wagen auf dem Rätselfoto überein – nur das Heck ist hier natürlich ganz anders gestaltet.

Nun meine These: Unser Hanseat war ebenfalls so ein 1933er Chevrolet, allerdings mit in Deutschland hergestelltem Cabrioaufbau.

Dieser Aufwand mag auf den ersten Blick irritieren: Der Chevy war in den Staaten ein Jedermanns-Auto, fast 500.000 wurden davon allein 1933 gebaut.

Doch im automobilen Entwicklungsland Deutschland war so ein 60 PS leistender 6-Zylinderwagen mit kopfgesteuertem Motor eine exklusive Sache. Die wenigen, die sich das überhaupt leisten konnten, hatten oft auch das Kleingeld für einen Spezialaufbau.

Gut dazu passen würde die zweite mit diesem Foto überlieferte Situation: Kinder aus gut situiertem Hause mit einem Pony. Wüsste man nicht, was dieser Generation unabhängig von ihrer Herkunft in den nächsten Jahren blühte, könnte man sich daran freuen.

Nun wissen Sie, was ich auf diesem rätselhaften Foto der 1930er Jahre zu sehen glaube. Liege ich vielleicht falsch? Gibt es einen naheliegenderen Kandidaten für das Auto? Und: habe ich etwas Wichtiges übersehen?

Lassen Sie mich und die übrigen Leser wissen, was Sie hier sehen und was Ihnen dazu einfällt. Und wie immer freue ich, wenn jemand dem Kennzeichen einen Besitzernamen zuordnen kann.

Diese Zeugnisse verdienen es, als letzter Gruß der Autobesitzer aus der Welt von gestern breit wahrgenommen zu werden, bevor das Rad der Zeit endgültig über sie hinweggeht…

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