Nach über zehn Jahren Bloggerei in Sachen Vorkriegsautos und Sichtung tausender Originalfotos stelle ich fest, dass mir die Identifikation „“neuer“ Problemkandidaten zunehmend schwerfällt.
Das liegt natürlich daran, dass mir die vermeintlich schwierigen Fälle von früher heute locker von der Hand gehen und zunehmend wirklich exotisches Material übrig bleibt, das mich auch beim x-ten Anlauf scheitern lässt.
Ich meine damit aber nicht etwa Fotos, auf denen kaum etwas Markantes zu sehen ist und die Identifikation deshalb schwierig bis unmöglich erscheint.
Bei Aufnahmen wie der folgenden beispielsweise, versuche ich es erst gar nicht – was bleibt, ist der schiere Reiz des Augenblicks nach über 100 Jahren:

Sollten Sie doch eine fundierte Idee haben, was einen der hier abgebildeten Tourer betrifft, wäre ein entsprechender Kommentar willkommen. Ich lege es aber nicht darauf an und kann damit leben, wenn dieses schöne Foto sein Geheimnis wahrt.
Was mich aber wirklich fuchst, ist eine rätselhafte Aufnahme, auf der das Typischste zu sehen ist, was die ganz frühen Automobile auszeichnete – der Kühler. Bis etwa 1920 war dies dieser in den meisten Fällen das formal Eigenständigste bei einem Fabrikat.
Eine besondere Vielfalt in der Hinsicht gab es nach meinem Eindruck bei den unzähligen französischen und belgischen Herstellern der Zeit vor dem 1. Weltkrieg. Vielleicht war es gerade die enorme Vielzahl an Marken, welche die im deutschen Sprachraum weit übertraf, die den Firmen Anlass gab, sich an der Kühlerpartie besonders abzuheben.
So kam ich auch auf die Idee, dass das frühe Automobil auf dem heutigen Rätselfoto, das wohl um 1905 entstand, eines aus Frankreich oder Belgien war:
Einen Datierungshinweis liefert hier vor allem der archaisch wirkende Aufbau als „Tonneau“ oder „Doppel-Phaeton“ und der mutmaßliche Kettenantrieb, auf den die Gestaltung des hinteren Kotflügels hindeutet.
Warum letzterer im Deutschen so bezeichnet wurde, lässt sich auf dieser Aufnahme gut nachvollziehen – ich wüsste allerdings nicht, dass man in anderen Sprachen einen so direkten Ausdruck dafür gewählt hätte. Im Italienischen beispielsweise heißen die Kotflügel „parafanghi“, was eher allgemein „Schlamm/Schmutzabweiser“ bedeutet.
Ungeachtet des offensichtlichen Gebrauchtzustands des Wagens ist kein Kennzeichen zu sehen, was die Identifizierung erschwert. Vielleicht war das Auto in Wirklichkeit neu und wurde bloß unter ungünstigen Bedingungen erprobt, bevor es angemeldet wurde.
Bleibt also nur der Kühler als Anhaltspunkt, wobei weder ein Markenemblem noch ein Schriftzug zu erkennen ist. Wir können uns also nur an der Form des Kühlergehäuses orientieren, das in der oberen Hälfte abgerundet ist und dann fast vertikal dem Rahmen zustrebt.
Irgendjemand brachte mit Blick auf die Kühlerform den französischen Hersteller „Gregoire“ ins Spiel, der ab 1903 kleine und mittlere Wagen konventioneller Bauart herstellte.
Vergleiche mit überlebenden Fahrzeugen dieses bis 1924 aktiven Herstellers zeigen in der Zeit vor 1910 aber durchweg einen oben abgerundeten Kühler, der nach unten hin seitlich ausschwang und damit weniger nüchtern wirkte.
Von daher würde ich die „Gregoire“-These erst einmal verwerfen, habe aber selber bisher keine bessere Idee. Sollte es sich am Ende gar nicht um ein Fabrikat aus der französischsprachigen Welt handeln?
Nicht auszuschließen – von daher lassen Sie sich am besten gar nicht erst auf die von mir verfolgte Schiene ein, sondern gehen den Fall unvoreingenommen an. Am Ende erweist sich die Lösung als einfacher als gedacht, so etwas soll ja vorkommen…
Copyright: Michael Schlenger, 2026. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.