Die Sagrotan-Fanatiker aus der Sauberkeitsfraktion werden meinen heutigen Blog-Eintrag hassen – oder zumindest das Auto, das ich vorstelle.
Doch ich kann nichts dafür, der Wagen wird hier ungeschönt wiedergeben – und ich sympathisiere damit eher als mit jeder Hochglanzversion, die es einst von Vorkriegswagen nur für kurze Zeit beim Verlassen der Fabrikhalle gab.
„Schuld“ an der Sache ist ein Leser, der kürzlich zurecht darauf hinwies, dass die Autos im Alltag einst viel schmutziger unterwegs waren, als wir uns das vorzustellen pflegen. Das sollte sich auch bei Versuchen, die einstige Farbfassung zu rekonstruieren, angemessen widerspiegeln.
Sie sehen, liebe Leser, ich registriere Ihre Kommentare nicht nur, sie beschäftigen mich auch und bisweilen inspirieren sie mich zu etwas, was ich so gar nicht geplant hatte.
Allerdings plane ich traditionell ohnehin fast nichts in meinem Leben, ich schaue eher, was sich an Gelegenheiten bietet. Und so schaute ich im Fotofundus nach, ob sich etwas an passendem Material zu besagtem Kommentar findet.
Das zog sich eine ganze Weile hin – es ist schon wieder Mitternacht und meine vierbeinige Aufpasserin Ellie hat es sich auf dem Schreibtisch gemütlich gemacht. Der Herbst ist da – nachdem es ein paar Wochen herrlich hochsommerlich war – dann wird Ellie häuslicher.
Unterdessen zog es irgendwann in der frühen Nachkriegszeit diese Herrschaften (m/w/d) hinaus, um ein paar sommerliche Urlaubstage mit dem Auto zu genießen, was bis Ende der 50er Jahre nur wenigen in Europa vergönnt war:

Zwar wirkt der offene Wagen hier ziemlich mitgenommen, doch hat er sich seine äußerliche Würde bewahrt. Wer sich ein wenig mit tschechischen Vorkriegsautos befasst hat, verfügt über ein Gespür für ihre durchaus eigenständige Qualität.
So dauerte es nicht lange, bis ich dieses Cabriolet als Praga „Piccolo“ von 1938 identifiziert hatte (1939 kommt ebenfalls in Betracht). Vergleichsfotos gibt es im Netz ohne Ende, weshalb ich Sie nicht mit den Details belästigen will.
Nur eines ist hier in gestalterischer Hinsicht auffallend: keines der Cabrios dieses Typs, die ich ausfindig machen konnte, wiesen drei Türscharnier auf, es sind immer nur zwei. Da der Aufbau sonst dem dokumentierten Stand entspricht, will ich das nicht überinterpretieren.
Interessant finde ich etwas anderes: Die Karosserie scheint nicht bloß verschmutzt zu sein, wie man das nach einer längeren Fahrt vermuten würde. Sie scheint zwei Farbschichten aufzuweisen, eine eher dunkle an wenigen Stellen und eine hellere an den übrigen Partien.
Meine These ist nun folgende: Dieser Praga „Piccolo“ erfuhr nach der Besetzung durch deutsche Truppen im Lauf des 2.Weltkrieg dasselbe Schicksal wie zehn- wenn nicht hundertttausende andere zivile PKW in Deutschland und den eroberten Gebieten: er wurde für den Fuhrpark des deutschen Militärs („Wehrmacht“) beschlagnahmt.
Mit rund 25-28 PS Leistung (die Angabe variieren) war der 1100ccm-Motor des Praga Ende der 1930er Jahre nicht gerade ein Kraftpaket. Doch das deutsche Militär nahm damals, was es kriegen konnte, da die heimische Industrie den Bedarf an Fahrzeugen nicht annähernd decken konnte.
Und so wird – so meine These – auch dieses einst hübsche Cabriolet Dienst unter fremder Flagge verrichtet habe, bis der Spuk im Frühjahr 1945 vorbei war. Auf irgendwelchen Wegen wird der Praga dann neue private Besitzer gefunden haben.
Diese werden einige Anstrengungen unternommen haben, um die mattgraue Farbe der Besatzer von der Karosserie herunterzubekommen. Leider befand sich darunter kein jungfräulicher Orignallack, sondern bestenfalls die angeschliffene Ursprungsfarbe.
Ich interpretiere daher die dunklen Partien als Reste der deutschen Militärlackierung und alles Übrige als mehr oder weniger schlecht erhaltenen Originallack. Auf Grundlage dieser These habe ich KI-basiert diese Kolorierung gewagt:
Was meinen Sie? Auf mich wirkt der Praga so ungeschönt am schönsten – im Sinne von historisch authentisch. Dazu gehören auch die nachgerüsteten Blinker auf den Vorderkotflügeln.
Die genaue Farbgebung des Jawa-Motorrads hinter dem Auto ist mir nicht bekannt, daher habe ich mich diesbezüglich zurückgehalten. Aber auch hier sind Sie aufgerufen, Ihre Sicht der Dinge darzulegen – ich bin gespannt…
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