Sitzprobe vor dem Einsatz: Bergmann-Metallurgique

Am kommenden Sonntag steht meinem „Adler“-Fahrrad von 1951 die vermutlich längste Fahrt seit Jahrzehnten bevor: 30 Kilometer sind bei der historischen Ausfahrt „La Francescana“ im italienischen Umbrien zu absolvieren.

Äußerlich steht das Rad da wie eine Eins: Die weinrot lackierten Felgen mit Goldlinierung sehen kaum gebraucht aus, auf der Innenseite der Schutzbleche ist nur wenig Schmutz, kein Rost – was soll da schon schiefgehen?

Doch während eines 75 Jahre währenden Fahrradlebens kann erfahrungsgemäß viel passieren. Wer sagt denn, dass die Felgen nicht von einem anderen Rad desselbenTyps sind? Sie passen zwar optisch perfekt, aber ihr Zustand ist besser als der des Rahmens.

Also hilft nur eine verlängerte Sitzprobe, zumal es zu erfahren gilt, ob ein schicker Brooks-Ledersattel mit viel Patina oder doch der etwas wuchtigere, aber originale Witttkop-Sattel montiert werden soll.

Gestern also gut 20 Kilometer Probesitzen – Resultat: Vorderradlager, Pedallager und Hinterradnabe müssen komplett überholt und Kleinteile ersetzt werden. Und der Brooks-Sattel? Probe nicht bestanden, viel zu komfortabel, also zu weich gefedert, damit kriegt man die Beinkraft nicht richtig auf die Kette.

Heute nach der Schreibtischarbeit waren daher einige Stunden Schrauberei angesagt. Auch beim Fahrrad kann man viel Zeit auf’s Detail verwenden, vor allem beim Einstellen des Lagerspiels am Ende braucht man die neuerdings angesagte Resilienz.

Abends dann erneutes Probesitzen, diesmal mit Wittkopp-Sattel und nur kurzer Runde von zehn Kilometern, das aber forciert. Denn bei Gegenwind und ohne Schaltung hilft nur mächtig treten.

Resultat diesmal: Probe bestanden, der originale Wittkopp-Sattel ist deutlich besser. Alles läuft, nichts hat mehr Spiel bekommen, so kann der Adler wieder fliegen. Naja, das nun nicht gerade – es ist das schwerste und langsamste meiner Oldtimer-Räder.

Egal, denn bei der „La Francescana“ geht es nicht um Tempo, sondern um stilvolle Fortbewegung im zeitgenössischen Outfit. Welche Figur ich dabei abgeben werde, das wird demnächst hier dokumentiert, wie immer garniert mit Vorkriegswagen.

Damit wären wir endlich beim eigentlichen Gegenstand der heutigen Betrachtung:

Bergmann-Metallurgique um 1914; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Wie man sieht, wurde auch hier vor der eigentlichen Tour erst einmal ausgiebig probegesessen – noch in der Garage, aber bereits gut behütet, denn draußen wollte man dann eine anständige Figur abgeben.

Ich könnte mir vorstellen, dass die Aufnahme kurz nach dem 1. Weltkrieg entstand, als noch für kurze Zeit die Mode der Belle Epoque nachhallte, wenn auch in reduzierter Form.

Der Wagen ist eher der Zeit kurz vor dem Krieg zuzuordnen, darauf deuten jedenfalls die mächtigen Gasscheinwerfer hin. Der markante, nach vorne abfallende Kühler dürfte der eines Bergmann-Metallurgique gewesen sein.

Das war ein in Berlin in Lizenz der belgischen Firma Metallurgique gefertigtes Auto, welches in Deutschland damals einige Verbreitung fand. Ich konnte sogar eine kleine Markengalerie dazu aufbauen, wennngleich Funde wie dieser seltener zu werden scheinen.

Jedenfalls ist es lange her, dass mir so ein Gefährt ins Netz ging. Mangels Markenexpertise kann ich keine nähere Einordnung des Modells wagen, zumal die in Berlin gefertigen Exemplare äußerlich stark variierten.

So bleibt es am Ende beim Eindruck einer durchaus gelungenen Sitzprobe vor dem Einsatz.

Den tiefen Glanz des Metallurgique-Tourers auf diesem Foto wird mein Adler-Fahrrad nicht erreichen, wenngleich es frisch eingewachst in der Werkstatt steht. Morgen wird es aufpoliert und am Wochenende kommt es dann ans Licht und an die Luft…

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