Echte Klasse braucht keine schrillen Farben, schon gar nicht die des Klassenkampfs. Bunt gefärbte Haare, bemalte Haut und bedruckter Fummel – die Frau von Klasse bedarf dergleichen nicht. So ist das zumindest in meinem festgefügten Weltbild.
Ein tiefschwarzes Kostüm mit ein paar wohlgesetzten Glanzlichtern sorgt zuverlässig für die wunderbar verwirrende Mischung aus Abschreckung und Anziehung – vorausgesetzt man hat es mit einer hinreichend aufregenden Erscheinung zu tun, die ihre Attraktivität nicht nur aus inneren Werten bezieht.
Ohne schöne und gepflegte Oberfläche wird das nichts mit uns.
Diese vielleicht nicht völlig überraschenden Einblicke in meine ästhetischen Glaubenssätze will ich heute anhand eines nur auf den ersten Blick ungeeignet erscheinenden Beispiels illustrieren – eines Cadillac V8 des Modelljahrs 1930.
Den Luxus ermöglicht hat mir Leser Matthias Schmidt, der uns an diesem unzweifelhaften Prachtexemplar aus seinem Fundus teilhaben lässt:

Nur notorische Nörgler werden hier auszusetzen haben, dass diese Aufnahme ja nur den deutschen Chauffeur eines V8-Cadillac mit gut 90 PS Leistung zeigt – wo doch zeitgleich auch eine fast doppelt so starke V16-Version verfügbar war.
Selbst im Berlin der frühen 1930er Jahre bewegte sich schon der „“normale“ Cadillac mit Werksaufbau in den höchsten Gefilden, nur sehr wenige Limousinen waren damals darüber angesiedelt.
Auch Horch hatte damals mit seinen 8-Zylindern nicht mehr zu bieten – zudem bedienten sich die Zwickauer noch recht schamlos des Stylings des amerikanischen Konkurrenten.
Ich muss nicht groß begründen, dass die Versuchung nahelag, dieses mächtige Fahrzeug mit am Heck offenbar aufklappbarem Aufbau mittels Kolorierung in die Gegenwart zu holen.
Fantasievoll benamte Farbtöne waren ab Werk verfügbar – für einen so dunkel erscheinendes Exemplar kamen unter anderem folgende in Betracht: „Afghan Maroon“, „Cambray Green“ und „Jefferson Blue“.
Sie würden auf Schwarz-Weiß-Film alle sehr dunkelgraue Tonwerte produzieren. Doch wie wäre es zur Abwechslung, ausgerechnet bei einer historisch informierten Kolorierung die „Farbe“ von Chauffeurwagen schlechthin zu wählen, nämlich schlichtes Schwarz?
Der Gedanke gefiel mir ebenso gut wie die eingangs erwähnte verruchte Kostümierung weiblicher Luxusgeschöpfe.
Immerhin gestand ich dem Fahrer vom Foto ausgehend einen grauen Mantel zu – und einen gesunden Teint, wie er sich für einen Mann gehört, der sein Dasein nicht in geschlossenen Räumen zubringt – und wenn dann nur in solchen auf vier Rädern.
Dass die Aufnahme an einem trüben Wintertag entstanden war, das wollte ich indessen nicht ändern – so mag diese dezente Kolorierung ein Vorgeschmack auf die Lichtverhältnisse in Deutschland in den kommenden Monaten sein:
Schwarz ist hier gerade richtig für einen Wagen dieser Klasse, meine ich – und bunt genug ist für meinen Geschmack ohnehin das Markenemblem auf den Nabenkappen…
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Dem ist wenig hinzuzufügen – es waren andere Zeiten mit anderen Maßstäben und selbst Luxuswagen wurden ganz anders behandelt, als man das heute tun würde. Was konkret die Reifen betrifft: bei reinem Stadtbetrieb in Berlin war das Profil nachrangig. Schade, dass der Chauffeur uns nichts mehr darüber erzählen kann.
„Offensichtlich gab es damals noch keine Vorschrift zur Mindestprofiltiefe. Viele der gezeigten Wagen hatten erbärmlich glatte Reifen“(…)
Zu diesen Zeiten zählte das Einstellen der Vorspur, von Spreizung und Nachlauf (noch) nicht zu den Aufgaben anfallender Wartung. Entsprechende Gerätschaften gab es noch nicht. Sturz und Spur prüfte man mit Kreide-Markierung und Lot. Das war einigermaßen „genau“. Und musste reichen. Das ist wie mit dem Reifenwechsel seiner Zeit. Wuchthebel und Felgenzange waren die gängigen Werkzeuge. Auswuchten war noch nicht üblich. Die schlechten Straßen und der damalig weit verbreitete Naturkautschuk (als Basis) taten ein übriges, relativ schnellen Verschleiß zu generieren. Nimmt man all das zusammen, erklärt sich vieles. Die „Akzeptanz“ der relativ schnellen Abnutzung war somit quasi „selbstverständlich“. Was das Bild auch widerspiegelt. Heute würde niemand einen 126er 500 SEL mit derartigen Reifen so präsentieren. Insofern sind solche Bilder auch sehr viel mehr als eben nur Bilder, sie dokumentieren das Material- und Verschleiß-Verständnis einer vergangenen Epoche sehr eindrucksvoll. Heutige Standards sind vollkommen ungeeignet, sich diesen Betrachtungen zu nähern. Eine „Verlust-Schmierung“ oder „Verdampfungs-Kühlung“ akzeptiert heute schließlich heute auch niemand mehr.
Schönen Sonntag gewünscht,
M. Grunwald
Viel hängt davon ab, wie so ein Repräsentationswagen wirklich gefahren wurde. Innerhalb Berlins war die Profiltiefe sicher nachrangig. Wir dürfen hier keine heutigen Maßstäbe anlegen – der Chauffeur wird gewusst haben, was vertretbar ist.
Offensichtlich gab es damals noch keine Vorschrift zur Mindestprofiltiefe. Viele der gezeigten Wagen hatten erbärmlich glatte Reifen
Selbst bei einem so teuren Fahrzeug war die Profiltiefe nicht wichtig. Nun, schmale Reifenbreiten und bombierte Straßen verhinderten Aquaplaning sicher völlig.