Wie vor rund 100 Jahren leben wir wieder ein Zeiten, in denen alles in Bewegung kommt, Nervosität macht sich breit. Die Gewissheiten von gestern sind inzwischen genau das – von gestern.
Neues macht sich breit – sei es etwas Spannendes wie die Technologie der Künstlichen Intelligenz – sei es ungewohnte Konkurrenz aus Regionen wie Asien, die jahrzehntelang als unterentwickelt galten.
Ich verbringe viel Zeit auf der Autobahn und registriere seit diesem Jahr, wie sich mit einem Mal die chinesischen Automobile dort vermehren. Mich wundert das nicht, die Geschichte liefert uns genügend Vorbilder – erst in Form der japanischen, dann der koreanischen Wagen. Mit Herrenmenschen-Attitüde verspottet, bis sich das große Zittern einstellte.
So dürfte das auch dieses Mal laufen. Der Welthandel ist keine Einbahnstraße, auf der wir wie selbstverständlich unsere Produkte absetzen können, ohne mit Wettbewerb konfrontiert zu werden. Doch dieser ist unerbittlich und wie Wasser sich seinen Weg sucht, legt er unerbittlich jede Schwäche offen.
In den Teppichetagen der faul und fett gewordenen deutschen Autoindustrie macht sich Nervosität breit – schon wird der Ruf laut, die ungewohnte Konkurrenz aus dem Osten einzuhegen – mit dem alten Loser-Argument des „Dumpings“.
Das zittrige Verhalten des heimischen Establishments angesichts der robusten Invasion aus dem Ausland versinnbildlicht für mich unbeabsichtigt diese nette Aufnahme:

Da steht er wie ein Fels in der Brandung – der brandneue Citroen C6 von Ende der 1920er Jahre.
Mit Ganzstahlkarosserie, ruhiglaufendem Sechszylindermotor (2,5 Liter, 45 PS) und rationeller Massenproduktion repräsentierte er die neuen Tendenzen im Automobilbau, gegen die viele deutsche Anbieter schlicht alt aussahen.
Die Franzosen hatten die Schwäche östlich des Rheins erkannt und hatten in Köln zielsicher eine eigene Produktiionslinie aufgezogen.
Damit deutsche Käufer ihrer ausgezeichneten Wagen nicht ins Zittern kamen, wenn ihnen ein Landsmann „unpatriotische“ Gesinnung vorwarf (als ob es darauf bei einem reinen Konsumgut ankäme), wurde der Großteil der Fertigungstiefe aus dem Inland abgedeckt.
Die Besitzer des hier abgebildeten Citroen C6 mit Zulassung im Raum Bad Dürkheim hätten also allen Grund zur Ruhe und Gelassenheit gehabt. Wenn sie hier dennoch so verwackelt neben dem stählernen Fixpunkt des Fotos abgebildet sind, kann das nur an einer langen Belichtungszeit gelegen haben – es mag ein trüber Tag gewesen sein.
Das erinnert uns daran, uns auch an trüben Tagen, wie sie uns nun vermehrt bevorstehen und das womöglich nicht nur jahreszeitlich bedingt, fest verwurzelt und unerschütterlich in unseren Prinzipien zu geben, auch wenn um uns herum alles ins Rutschen gerät.
Zeitlos aktuell die Frage: Was ist der Mensch, was macht ihn aus – im Guten wie im Schlechten? Was ist der Zweck des Daseins? Wie ringen wir ihm mehr als nur flüchtige Momente des Glücks ab – in guten wie in schlechten Zeiten?
Die feste innere Gestimmtheit ist es letztlich, die uns Stabilität verleiht in den Stürmen des Daseins, die früher oder später vorübergehen oder auch über uns hinweggehen, ohne den Einzelnen zu beachten.
Die verblichenen, bisweilen auch verwackelten Fotos von einst erinnern uns daran, wenigstens für eine Weile persönliche Fixpunkte im ewigen Wandel zu finden – nicht immer leicht, wie man sieht…
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