Eigentlich ist die letzte Folge der Beckmann-Spurensuche fällig, welche ich gemeinsam mit Christian Börner seit letztem Jahr in monatlicher Folge unternehme.
Doch zum einen fehlte mir die Zeit zur Aufbereitung des Materials – und es soll ja auch ein würdiger Abschluss sein. Zum anderen hat mich den heutigen Tag über etwas anderes bewegt.
Schuld daran ist ein Leser und geschätzter Oldtimer-Kamerad. Er schrieb morgens auf Facebook, das heute vor genau 80 Jahren sein Vater bei den Kämpfen nach der alliierten Landung in der Normandie in Gefangenschaft geriet. Erst 1946 kehrte er nach Deutschland zurück – unterdessen mussten sich Frau und Kinder alleine durchschlagen.
Doch bei alledem hat er viel Glück gehabt. Ganz anders war das Schicksal so vieler anderer in den letzten beiden Kriegsjahren. So weiß ich, dass der Vater einer Leserin während der Abwehrkämpfe in Frankreich umkam – sie hat ihn nie kennengelernt.
Das sind nur zwei zufällige Beispiele unter wahrscheinlich zahllosen alleine in meiner Leserschaft – von Kalifornien bis nach Sibirien hinein, von Norwegen bis hinunter nach Sizilien sind sich die Familien noch heute der Opfer ihrer Vorfahren im Weltkrieg bewusst.
Das sollte uns Mahnung sein, uns nicht leichtfertig in kriegerische Auseinandersetzungen hineinziehen zu lassen – vor allem nicht von Wehrdienstverweigerern und Kinderlosen, wie sie sich in auffallender Zahl an den Schaltstellen der Macht hierzulande finden und selbst nicht von den Folgen ihres Tuns betroffen wären.
Mir fiel unvermittelt ein Foto ein, das mir kürzlich der eingangs genannte Leser vermacht hat. Der Wagen darauf war schnell identifiziert, doch es war der Bub auf dem Kotflügel, der mich ins Grübeln brachte. Er stammte aus dem US-Bundesstaat Kansas und ich nenne ihn der Einfachheit halber Ken – ein Allerweltsname:

Die Eltern des kleinen Ken fuhren offenbar einen hübschen DeSoto Roadster des Modelljahrs 1929/30. Das war ein solider, wenn auch unspektakulärer Mittelklassewagen aus dem Chrysler-Konzern mit 55 PS starkem Sechszylinder und Hydraulikbremsen.
Was damals in Deutschland der schiere Luxus war, war in den Staaten ohne weiteres der breiten Mittelschicht zugänglich. Der kleine Ken hatte also gute Chancen auf einen gelungenen Start ins Leben und mit seiner Latzhose und den Lederstiefelchen wirkt er schon fast wie ein typischer Farmbesitzer im Kleinformat.
Gleichwohl markiert diese schöne Aufnahme den Beginn einer Fahrt ins Ungewisse.
Denn angenommen, der kleine Ken war zum Zeitpunkt der Aufnahme (1930, siehe Nummernschild) vier Jahre alt, dann gehörte er mit 18 zur Generation der jungen US-Soldaten, die anno 1944 in der Normandie und anderswo ins Feuer geschickt wurden, um zusammen mit Briten, Australiern und Kanadiern sowie den Russen den halb Europa verheerenden deutschen Militärapparat niederzukämpfen.
Ungeachtet der Tatsache, dass sich die wenigsten auf deutscher Seite ihre Rolle ausgesucht hatten, war es ein notwendiges Übel – so schwer es fällt, das angesichts eigener Opfer in der Familie oder auch alliierter Kriegsverbrechen anzuerkennen.
Der kleine Ken aus Kansas, der einst ahnungslos auf dem leicht eingedellten DeSoto seiner Eltern thronte, steht damit stellvertretend und ohne jede Wertung für alle die seiner Generation, welche vor 80 Jahren einem ungewissen Schicksal entgegensahen…
Michael Schlenger, 2024. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.
Ich kann dem Blogersteller hier nur zustimmen. Ich bin auch ein Kind des kalten Krieges (Jg. 65) und an der östlichen Seite des großen Flußes ansässig welcher unsere Heimat einst teilte.
Wenn sich Politiker die bar jeder politischen Sachkenntnis, oftmals ohne jeglichen Abschluss, in Entscheider-Positionen befinden die über das Wohl und Wehe eines Landes bestimmen dann steht es jedem an, sich darüber äußern zu dürfen, ja zu müssen.
Die Merkmale ‚Erfahrung, Wissen und Integrität‘ sehe ich bei den wenigsten der derzeit handelnden Protagonisten erfüllt. Ich würde eher ergänzen um die Prädikate ‚Fachfern, ideologisch motiviert und ignorant‘. Was damit gemeint ist erklärt sich ohne nähere Definition von selbst.
Mit besten Grüßen, M. Grunwald
(der seit den ersten freien Wahlen 1990 seine Stimme stets den Ihn genehmen Sachwaltern gab)
Danke für Ihre Sicht der Dinge, Herr Fickler. Sehen Sie, mit widerstreitenden Ansichten zu vielen grundsätzlichen Fragen des Daseins und des Zeitgeschehens sind wir täglich konfrontiert – in den Medien, im Freundeskreis, auf der Arbeit usw.. Für mich völlig normal und dass einem nicht alles passt, was andere denken, müssen wir im täglichen Miteinander aushalten. Ich bin als Kind des Kalten Kriegs und der damit einhergehenden Meinungsdifferenzen von jeher gewohnt, dass man ständig mit anderen Einschätzungen oder Überzeugungen konfrontiert wird und sehe nicht, weshalb das ein Übel oder auch nur eine Belastung sein soll. Wenn sich ein Dritter in einem so persönlichen Format wie einem Blog auf den Schlips getreten fühlt (potenziell kann das praktisch ständig geschehen), kann ich das nicht ändern. Das Problem liegt dann nicht bei mir, sondern bei dem, der gerne alles genauso hätte, wie er sich das wünscht, und empfindlich reagiert, wenn sein privat als komfortabel empfundener Meinungskorridor von anderen verlassen wird. Soll ich als Blogger von allen Lesern (in vierstelliger Zahl) eine exakte Abgrenzung des Gewünschten einholen? Oder meinen Sie gar, dass bereits Ihr persönlicher Geschmack eine Richtschnur liefert, die selbstverständlich auch vollkommen die Sicht all der anderen widerspiegelt? Eine solche Einschätzung fände ich einigermaßen „verstiegen“, um Ihre hochsubjektive Vokabel aufzunehmen. Die Meinungen, die einem selbst nicht passen, gehen ja nicht weg, wenn man versucht sie zu disqualifizieren. Als Anhänger der absoluten Redefreiheit im Sinn von John Stuart Mill und der US-Verfassungsväter (die haben wir in der BRD leider nicht) motiviert mich jeder Versuch, mich zum Unterlassen spöttischer Bemerkungen oder auch grob unsachlicher Werturteile zu drängen, zum exakten Gegenteil. Freundliche Grüße!
Sehr geehrter Herr Schlenger,
im Allgemeinen schätze ich Ihre Arbeit sehr, jedoch sind die in letzter Zeit zunehmenden, leicht verstiegenen Exkurse in das weite Feld der Politik doch ein wenig nervenzehrend. Natürlich ist dieser Blog Ihr geistiges Kind und Sie können und sollen schalten und walten, wie Ihnen der Sinn steht, nur werde ich dem nicht mehr folgen können. Appeasement hat meines Wissens nach noch nie dauerhafte Erfolge gezeitigt; ich lasse mich da natürlich gern eines Besseren belehren.
Es ist absurd, die Verantwortung für kriegerische Auseinandersetzungen auf Wehrdienstverweigerer und Kinderlose zu schieben. Erstens ist die Entscheidung, in den Militärdienst einzutreten oder abzulehnen, ein individueller moralischer und ethischer Akt, der keinen Einfluss auf die Fähigkeit zur politischen Entscheidungsfindung hat. Zweitens ist das Vorhandensein oder Fehlen von Kindern kein Indikator für die Kompetenz oder das Verantwortungsbewusstsein einer Person in Machtpositionen. Diese Merkmale sollten stattdessen auf Erfahrung, Wissen und Integrität basieren. Drittens ist es schlichtweg falsch zu behaupten, dass Menschen ohne Kinder weniger betroffen sind; sie sind Teil der Gesellschaft und teilen deren kollektive Konsequenzen. Letztlich lenkt diese Argumentation von der eigentlichen Notwendigkeit ab, rationale und ethisch fundierte Entscheidungen in politischen Angelegenheiten zu treffen.
Und da wir zu unserem Aller Glück in einem demokratischen Staat leben, steht es Ihnen frei, Ihre Stimme bei der nächsten Wahl den Ihnen genehmen Sachwaltern zu geben.
Erlauben Sie mir noch eine kleine Anmerkung: Nicht die Russen, sondern die Völker der Sowjetunion haben gegen die Achsenmächte gekämpft und gesiegt.
Hochachtungsvoll
René Fickler