Neujahrsgruß vor 90 Jahren: Ein DKW F2 von 1935

Man kennt das – da hat jemand Geburtstag gehabt und man hat verpasst zu gratulieren. Halb so wild, denn gute Wünsche für das neue Lebensjahr sind auch mit etwas Verspätung noch aktuell.

Schwieriger wird es, die Situation zu retten, wenn man den Hochzeitstag verschlafen hat – da gibt es keine Nachsicht. So stelle ich mir das als Theoretiker auf diesem Sektor jedenfalls vor…

Wie sieht es aber mit dem in deutschen Landen üblichen Wunsch zum Jahreswechsel aus – dem bildhaften „Guten Rutsch“? Lässt sich der noch nachholen? Nun, nach strenger Logik natürlich nicht, denn der Anlass ist ja schon vorbei.

Doch in meinem Blog geht es regelmäßig zurück in die Vergangenheit – Reisen in die entgegengesetzte Richtung der gnadenlos fortschreitenden Zeit sind hier der Normalfall.

So ist der Wunsch „Guter Rutsch“ auch eine knappe Woche nach dem Jahreswechsel immer noch oder wieder aktuell – das werden wir heute in doppelter Hinsicht sehen.

Denn zum einen schneit es nach zwei Wochen hysterischer „Warnungen“ der Wettermodelle nun endlich auch in meiner Heimatregion – der klimatisch begünstigten hessischen Wetterau nördlich von Frankfurt am Main.

Während ich diese Zeilen schreibe, sammeln sich draußen die ersten Zentimeter Schnee an. Passenderweise höre ich dazu die Bach-Kantate Nr. 182 „Himmelskönig sei willkommen“ – ich mag solche Zufälle.

Auch das geeignete Foto für das heutige Thema fand sich wie durch Zauberhand:

DKW F2 von 1934/35; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Ok, auf dieser Aufnahme liegt noch nicht richtig Schnee, doch wer in der Vorkriegszeit mit Heckantrieb und abgefahrenen Reifen unterwegs war, für den war bereits so ein „guter Rutsch“ einzukalkulieren.

Aber halt, dieses Foto zeigt ja einen der Anfang der 1930er Jahre aufkommenden Wagen mit Frontantrieb – in diesem Fall einen aus Deutschland. Da stellt sich die winterliche Lage schon viel entspannter dar.

Auch wenn die Kühlerpartie mit einer kunstledernen Manschette verschlossen ist, damit der Motor nach dem Starten schneller auf Betriebstemperatur kommt – Thermostate zur Regulierung des Kühlkreislaufs hatten die meisten Autos außerhalb der USA noch nicht – sind Hersteller und Modell schnell identifiziert.

Die Gestaltung der Luftschlitze in der Motorhaube, die Scheibenräder und das Fehlen eines Trittbretts sind zusammen mit der niedrigen Silhouette typisch für die frontgetriebenen Kleinwagen der sächsischen Marke DKW.

Dieses Exemplar lässt sich auf 1934/35 datieren – Merkmale wie der unten gerundete Fensterabschluss legen das nahe. Vom Nachfolger DKW F4 (einen F3 gab es nicht) unterscheidet sich diese Version durch den unter der Tür sichtbaren Schweller.

Das ist aber nicht wichtig – das Bild besticht durch seine exzellente Qualität und den Umstand, dass der DKW so blitzsauber dasteht, als sei er erst vor kurzem geliefert worden.

Das mutmaßliche Besitzerpaar ist sichtlich zufrieden mit sich und dem Wagen – die Ledermontur der beiden spricht stark dafür, dass sie noch eine Ausfahrt vorhaben.

Der Partnerlook gefällt mir – dennoch kann man Jungs und Mädels gut auseinanderhalten – so wünscht man sich das, wenn man in dieser Hinsicht konservativ ist wie ich.

Wie man auf die Idee kommen kann, die Unterschiede der beiden Geschlechter glattbügeln zu wollen oder gleich ganz zu abzustreiten, das geht mir nicht in den Kopf hinein wie überhaupt jede Form von egalitärer Ideologie.

Jedenfalls dürfen wir zuversichtlich sein, dass der kleine DKW mit seinem Frontantrieb genau das richtige Vehikel für einen kontrollierten guten Rutsch auf glatten Straßen war, solange man den Vortrieb mit Verstand einsetzte.

Doch noch in anderer Hinsicht passt diese herrlich entspannte Winteraufnahme zum eingangs erwähnten Thema „Guten Rutsch“. Denn das Foto wurde vor genau 90 Jahren – im Januar 1936 – in Deutschland als Neujahrskarte verschickt.

Am Ende sehen wir: gute Wünsche zum Jahreswechsel behalten selbst mit derartiger „Verspätung“ ihre Aktualität und werden als so zeitlos sympathisch empfunden wie die so gekonnt gestalteten DKW-Frontantriebsautos der 30er Jahre…

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5 Gedanken zu „Neujahrsgruß vor 90 Jahren: Ein DKW F2 von 1935

  1. Ich möchte noch die Frage in den (winterlichen) Raum werfen, ob der Vortrieb bei den frühen Vorderradantriebs-Wagen tatsächlich viel besser war als bei Heckantrieb. Gutes Reifenprofil war sicher wichtig (Winter-Gummimischungen gab es meines Wissens nicht). Was fehlt ist die Last auf der Vorderachse. Getriebe und Motor lagen im Gegensatz zu den modernen Kompaktwagen weit hinten.

  2. Zunächst den – obligaten – Neujahrswunsch für alle hier versammelten (nachgetragen)!
    Und dann, wie bei DKW von mir nicht anders zu erwarten, eine kleine Richtigstellung bezüglich der Typologie:
    Die Einschätzung unseres Blogwartes als F2, Bj. 34/35 ist zwar richtig, nicht jedoch die Wiedergabe der Modellfolge!
    Bei dem schönen, vermutlich dunkelblauen (mit schwarzen Rädern und Kotflügeln) neuen DKW F2 der 2. Serie 34/35 handelt es sich um den DKW Front 600 „Limousine“. Den Ehrentitel “ Reichsklasse “ verdiente offenbar damals nur die Version Kabriolimousine!
    PARALLEL dazu wurde als Nachfolger der ersten „Meister-
    Klasse 701“ vom Modelljahr 33/34 die „Meisterklasse 35″ vom Typ F4 herausgebracht, der mit einer komplett neuen, geradezu luxuriös ausgestatteten und formal wegweisenden Karosse und deutlich verstärktem Fahrgestellrahmen aufwarten konnte. Sie gab es nur als offene Cali- Ausführung. Wen es in diesem Modelljahrgang nach einem geschlossenen DKW verlangte hatte die Wahl zwischen dem damals billigsten
    DKW (direkter Preiskampf mit dem Opel 1,2 l) DKW Front Limo, wie er, etwas aufgewertet mit Stoßstange vorn, Radkappen und (bei eigenem DKW extrem raren) individuellem Kühler- verschluss oben zu sehen ist und der viel teureren Schwebeklasse in der geschlossenen Ausführung!
    Beide Typen, F2 und F4, verfügten über den sichtbar bis unter die Tür reichenden Aussenschweller.
    für das Modelljahr 35/36 wurde dann der neue, nun wirklich steife “ Zentralkastenrahmen“ als Typ F5 für beide Modelle 600 und 700 herausgebracht und die Aussenschweller fielen weg Die Reichsklasse- Karosse bekam dazu (durch Vorsetzung der A- Säule um 5 cm) vergrößerte Türen (Frontscheibe deutlich schräger).
    Damit fiel die Zweigleisigkeit der Typologie (als Verirrung) wieder weg. Die heute gängige Typologie ( F1 bis F 94 ) war immer nur werksintern in Verwendung und erlangte erst in der Spätphase der Ingolstädter AU unter Volkswagen-Regie beim F 11/ F 12 nach aussen offiziellen Status als Modellname. Der DKW Junior“ führte nur auf dem Typenachild die Typ- Bezeinung F 11!

  3. Besten Dank – wir werden hier wieder ein spannendes, ungestörtes Autojahr genießen können, was auch immer die „Eliten“ aushecken…

  4. Ob Chrysler, Pontiac oder hier der DKW – bei Schnee und eher dunklem Lack wirkt der Kontrast besonders gut ! So sind winterliche Neujahrsgrüße besonders eindrucksvoll ! In Anbetracht dessen, was sich im neuen Jahr auf „höherer“ Ebene so tut, ist die Schönheit und Echtheit dieser Aufnahme eine wahre Wohltat ! So fängt das fahrzeughistorische Jahr unzweifelhaft gut an !

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