Eigentlich hatte ich für heute etwas anderes im Blog vorgesehen, und das Material dafür ist längst vorbereitet. Doch damit sich daraus etwas zaubern lässt, wäre ein Ortstermin in Assisi erforderlich – unweit meines gegenwärtigen Aufenthalts in Italien.
Leider war die Woche war mit Schreibtischarbeit vollgepackt, mehr als ein kurzer Einkaufstrip zwecks Beschaffung von Kaminanzündern war nicht drin (siehe hier).
Doch in einer historischen Immobilie, deren älteste Teile gut 600 Jahre alt sind und die zugleich alle modernen Annehmlichkeiten (inkl. ultraschnelles Internet via Antenne) beherbergt, lässt es sich Ende Januar auch arbeitenderweise aushalten.
Immerhin kann ich auf einen Plan B zurückgreifen, bei dem ich sogar das Motto des ursprünglich geplanten Blog-Eintrags beibehalten kann: „Ist das noch Vorkrieg?„
Mancher mag jetzt meinen, dass diese Frage sich doch gar nicht stellen kann, denn was „Vorkrieg“ beim Automobil ist, das ist sonnenklar. Gewiss, ein Vorkriegsautos erkennt jedes Kind, jedenfalls in den meisten Fällen.
Doch gibt es einige spannende Grenzfälle und mit so etwas will ich Sie heute von was auch immer ablenken. Sie werden es nicht bereuen, selbst wenn Sie es in Sachen Vorkrieg gar nicht so furchtbar ernstnehmen. Tue ich auch nicht, letztlich ist das alles nur ein Spiel.
Beginnen wir einfach mit etwas, das eindeutig „Vorkrieg“ ist, auch wenn es sich hier schon recht „progressiv“ präsentiert:

Hier haben wir die im alten NSU-Werk in Heilbronn gebaute „deutsche“ Version des Fiat „Millecento“ – eines dank im Zylinderkopf hängenden Ventilen überdurchschnittlich leistungsfähigen 1,1 Liter-Modells, das 1937 auf den Markt kam.
Die Turiner hatten beim Fiat 1100 zunächst eine optisch windschnittige Gestaltung der Frontpartie gewählt – die Peugeots der 02er Reihe lassen grüßen…
Doch damals war Aerodynamik im Automobibau nicht viel mehr als ein Modethema. Wer sich in Europa ein Auto leisten konnte, hatte auch das Kleingeld für’s Benzin und bei den damaligen Reisegeschwindigkeiten spielte der Luftwiderstand keine große Rolle.
So kam es, dass Fiat just in dem Jahr, als der zuvor gezeigte Fiat 1100 mit Wiener Kennzeichen irgendwo in Mittelitalien haltmachte – das war 1939 – eine optisch überarbeitete Version herausbrachte.
Diese nunmehr als Fiat 1100A firmierende Ausführung nahm die neusten stilistischen Tendenzen auf – und die kamen damals immer noch aus den USA.
Das bedeutete zum einen, dass der Wagen nun eine komplett nach oben öffende Motorhaube erhielt. Zum anderen wich die Pseudo-Windschnittigkeit einer modisch -markanten „Schnauze“ nach US-Vorbild.
In Italien wurde die neue Kühlerfront jedoch ganz anders wahrgenommen – so unterschiedlich sind die Völker – nämlich als das Gesicht eines Griesgrams („musone“).
Damit hatte der Fiat 1100A seinen volkstümlichen Namen weg, wobei auch die stärkeren Schwestermodelle 1500 und 2800 dieselbe Schnute verpasst bekamen, die dem Wagen eine ganz andere Anmutung verlieh:
Besser kann man den Unterschied kaum illustrieren, und tatsächlich fragt man sich bei der „facegelifteten“ Version ab 1939, ob das noch „Vorkrieg“ ist. Das wird das Leitmotiv bei allen weiteren Dokumenten sein, die ich im Folgenden präsentiere.
Denn kriegsbedinggt baute man bei Fiat nun vor allem Militärversionen des 1100B „Musone“ mit ganz anderen Aufbauten. Nach dem Krieg nahm man die Produktion des Modells wieder auf – bis 1948 äußerlich unverändert, soweit ich das richtig sehe.
Interessanterweise konnte ich bisher kein einziges Originalfoto auftreiben, dass den 1939 eingeführten Fiat 1100A noch im Frieden oder zumindest vor Kriegsende zeigt.
Das älteste Beispiel in meinem Fundus ist dieses schwer mitgenommene Exemplar, das vermutlich irgendwo in Osteuropa nach Abzug der deutschen Truppen in einen Militärverband eingegliedert wurde – das ist jedenfalls meine Interpretation dieser Aufnahme:
Der Wagen wirkt hier deshalb ungewohnt anders, weil der gesamte Chromschmuck an der Kühlerpartie und entlang der Haubenschlitze entfernt wurde – warum auch immer.
Ich bin aber sicher, dass dieses Auto ebenso ein Fiat 1100A „Musone“ aus Vorkriegs- oder Kriegsproduktion war wie das folgende, noch gut erhaltene Exemplar, das 1948 vermutlich in Österreich fotografiert wurde:
Jedenfalls halte ich es für unwahrscheinlich, dass 1948 außerhalb Italiens ein Neuwagen dieses Typs verkauft wurde – aber ich kann mich irren.
Ziemlich sicher bin ich mir, dass das folgende Exemplar eines Fiat 1100A „Musone“ noch „Vorkrieg“ ist, auch wenn es offensichtlich in den 50er Jahren aufgenommen wurde.
Das Kennzeichen scheint mir nämlich ein frühes DDR-Nummmernschild zu sein, und dass nach 1945 noch Fiats nach Ostdeutschland exportiert wurden, dürfen wir ausschließen:
Offenbleiben muss die Frage „Ist das noch Vorkrieg?“ aus meiner Sicht bei dem folgenden Exemplar, das mit österreichischem Nachkriegs-Kennzeichen abgelichtet wurde.
Hier ist beides möglich: überlebendes Vorkriegs- bzw. Kriegsmodell oder früher Nachkriegsimport:
Noch weiter in die Nachkriegszeit kommen wir mit dieser Aufnahme eines Fiat 1100 „Musone“, welche den Frisuren der Damen nach zu urteilen um 1960 entstanden sein dürfte:
Vielleicht weiß ja doch ein Kenner dieses Modells, ob sich die bis 1948 gebauten Exemplare auch äußerlich im Detail von der Vorkriegsversion unterschieden.
Selbst der nur 1948/49 gebaute 1100B mit neuer Vorderachse und quicklebendigen 35 PS (der 1200er Käfer bot damals 25…) sah noch so aus wie die Vorkriegversion, meine ich.
Aus meiner Sicht gänzlich offen ist aber auch, von wann dieses Exemplar eines Fiat 1100 „Musone“ stammt, das einst in Italien zugelassen war – wohl in Mailand:
Mein Verdacht ist, dass wir es hier mit einigen Vorkriegswagen zu tun haben, darunter einem Lancia (links), dass das Foto aber aus der frühen Nachkriegszeit stammt.
Ganz sicher nicht „Vorkrieg“ ist unterdessen das, was ich KI-gestützt aus dieser letzten Aufnahme gemacht habe.
Hier erlebt man den Fiat 1100 „Musone“ nämlich beinahe „live und in Farbe“, wie man so schön sagt…
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In Frankfurt/M war der Vorkriegs 1100 die erste Nachkriegs „Kraftdroschke“ meines Vaters. Seine „Tassi“ Version hatte hinter den Vordersitzen zwei ausklappbare Notsitze, Ein einziges Foto habe ich noch davon..