Kurz vor acht! Ein Cadillac Tourer von 1914

Eher „Fünf vor zwölf“ könnte man mit Blick auf das fatale Jahr 1914 meinen, in dem der Cadillac Tourer gebaut wurde, den ich heute vorstellen möchte.

Aber für die USA begann der 1. Weltkrieg – bei dem keiner weiß, wieso ein winziger Regionalkonflikt im Herzen Europas es erforderte, dass eine ganze Generation junger Männer aus x unbeteiligten Ländern verheizt wurde – ja streng genommen erst 1917.

Ist es vielleicht gerade kurz vor acht, wenn Sie das hier lesen? Für mich geht es unterdessen auf Mitternacht zu – angenehm kühle Luft kommt durch die Fenster, nachdem es heute zum ersten Mal in diesem Jahr so hochsommerlich warm war, wie ich es mag.

Aber es war kurz vor acht, als ich von der abendlichen Radtour durch die umliegenden Felder und Wälder zurückkehrte, auf der mir die Idee kam, dass ich im Blog noch etwas Zeit gewinnen könnte, bevor es dann wirklich ernst wird mit der 8.

Was ich damit meine, das werden Sie demnächst hier besichtigen können. Bis dahin enthalten wir uns schön brav aller Exzesse, jedenfalls was die Zylinderzahl angeht.

Bekanntlich war die amerikanische Luxusmarke Cadillac eine der wenigen, die sich auch an einem V16 versuchten- 1930 wurde dieses Gerät auf den Markt gebracht. Damit toppte man sogar den V12, der dagegen beinahe moderat erschien.

Dieser Exkurs dient allerdings nur dazu, die folgende Aufnahme zu verwerten, welche einen Cadillac V12 von 1933 zeigt, aber keinen eigenen Beitrag rechtfertigt:

Cadillac V12 von 1933; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Gegenüber diesen hochfeinen Maschinen war das Aggregat des 1914er Cadillac beinahe grobschlächtig. Es wies zum letzten Mal nur vier Zylinder auf, bevor die Marke ab dem Modelljahr 1915 auf den bärenstarken und laufruhigen V8 umstellte – den ersten Großserienantrieb dieser Art überhaupt.

Erst damit gelang es Cadillac, in die Spitzenklasse der US-Hersteller aufzusteigen, wo zuvor die 6-Zylindermodelle von Packard, Peerless und Pierce-Arrow den Ton angegeben hatten.

Jetzt wissen Sie’s also, was mit der Anspielung im Titel gemeint war – nun müssen wir „nur“ noch herausarbeiten, wie man den 1914er Cadillac mit vier Zylindern von seinem äußerlich ähnlichen Nachfolger mit deren acht unterscheidet.

Diesem Unterfangen dient das folgende Foto, das aus Sicht des Auto-Gourmets vielleicht nicht ideal ist, aber alles Notwendige erkennen lässt:

Cadillac von 1914; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Der schmucklose Kühler und die markante mit Nieten „dekorierte“ Motorhaube lieferte mir in Verbindung mit der Größe des Wagens erste Hinweise, dass es sich um ein Oberklassefabrikat aus den USA handelt.

Dafür kamen zwar prinzipiell etliche Marken in Betracht, davon war aber Cadillac die von den Stückzahlen her bedeutendste. Der ansteigende Übergang von der Haube zur Windschutzscheibe deutete auf die Zeit vor dem 1. Weltkrieg hin.

Diese Verdachtsmomente genügten mir, um über die Online-Bildersuche das Fahrzeug rasch einzugrenzen.

Dabei erwies sich die Position und Größe der Parkleuchten als entscheidend, denn diese saßen bei Cadillacs bis zum Modelljahr 1913 noch seitlich an der Karosserie, bevor sie 1914 vor die Scheibe wanderten.

Ab 1915 waren diese Leuchten kleiner ausgeführt, außerdem war dann Linkslenkung bei Cadillac Standard. Von daher bin ich mir sicher, dass wir den abgebildeten Tourer als Cadillac von 1914 ansprechen können.

Diese genaue Identifikation mag erstaunlich erscheinen, ist aber dank der vorbildlich detaillierten Dokumentation historischer US-Automarken möglich.

Viel mehr ist aber zum 1914er Cadillac nicht zu sagen – sein großvolumiger Vierzylindermotor war von konventioneller Bauart, bot aber mit 40-50 PS die souveräne Leistung, die man in der gehobenen Klasse von einem Reisewagen erwarten durfte.

Erst mit dem V8-Cadillac des Folgejahrs begann die Marke den Nimbus zu entwickeln, den sie über Jahrzehnte haben sollte.

Für heute muss uns das Gebotene genügen – so oder so ist es aber kurz vor 8 (und das schon für viel länger, als mir lieb ist).

Am Wochende will ich dann endlich in die Vollen gehen – allerdings weit entfernt von der Luxuswelt, in der einst die Besitzer eines Cadillac zuhause waren…

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