Hier gibt’s was zu rügen! Stoewer V5 von 1932

Heute werden diejenigen fündig, die immer was zu rügen suchen – allerdings nicht im Sinne dieser in Deutschland verbreiteten nervigen Eigenart, auch wildfremden Zeitgenossen ungefragt zu erklären, was sie gerade falsch machen.

Nein, statt pedantischer Besserwisserer im banalen Alltagskleinklein werden erwiesene Experten in Sachen Rügen gesucht – deren Votum ich mich dann gerne fügen will.

Anlass dazu gab mir ein prächtiges Urlaubsfoto, das mir Leser Klaas Dierks aus seinem Fundus in digitaler Form zur Verfügung gestellt hat.

Es zeigt den Frontantriebstyp V5 der unverwüstlichen deutschen Nischenmarke Stoewer aus Stettin. Nachdem man zuvor mit luxuriösen Achtzylinderwagen im Revier von Horch gewildert hatte, unternahm man eine scharfe Wende in der Firmenpolitik und stellte noch vor DKW anno 1930 Deutschlands ersten Serienwagen mit Vorderradantrieb vor.

Auf Touren kam die Produktion dann 1931 und ein Jahr später gab es noch ein Facelift, bevor man das Frontantriebskonzept auf die untere Mittelklasse übertrug (R-140 ff).

Der für deutsche Verhältnisse ungewöhnliche V4-Motor des Stoewer V5 hatte einen Hubraum von nur 1,2 Litern, brachte es aber je nach Verdichtung auf 25 bis 30 PS.

Ich hatte mich vor kurzem in Sachen Literleistung deutscher PKW der 30er Jahre zu einigen deutlich späteren Modellen geäußert – speziell dem Mercedes 170V, der mit 38 Pferdestärken ab 1936 auf den Markt kam. Man sieht: das war wirklich unnötig zahm.

Egal, der kleine Stoewer war Anfang der 30er ordentlich motorisiert für seine Klasse, was übrigens auch der Vergleich mit dem zeitgleichen, recht primitiven Opel 1,2 Liter zeigt.

Hauptmanko des Stoewer war indessen sein deutlich höherer Preis, was der wenig effizienten Produktionsweise des Nischenherstellers geschuldet war. So blieb der V5 ein ausgezeichnetes Auto für Freunde des Besonderen, die nicht so auf die Mark achten mussten wie der typische Opel-Käufer.

Hier haben wir nun das angekündigte Foto von Leser Klaas Dierks:

Stoewer V5 von 1932 auf Rügen; Originalfoto: Sammlung Klaas Dierks

Man sollte meinen, dass es auf dieser nahezu perfekten Aufnahme „nichts zu rügen“ gibt – doch weit gefehlt.

Zum einen lässt der Schwarz-Weiß-Modus des Originals einiges an Nuancen verschwinden, welche die einstige Situation ausgemacht haben – dazu gleich mehr.

Zum anderen gibt es hier einen gewichtigen Anlass zu Rügen: der Stoewer war nämlich auf der gleichnamigen Ostseeinsel zugelassen! Das Kennzeichen verweist konkret auf den Ort Bergen im Inselinnern.

Man mag es albern finden, dass die wenigen damals auf Rügen zugelassenen Automobile so kleinteilig auf verschiedene Zulassungsbezirke verteilt waren – aber herrje: auch damals mussten die zuständigen Bürokraten ihre Tätigkeit unverzichtbar erscheinen lassen, und das geht am besten mittels Mikromanagements.

Ich habe aber kein Problem damit, mich auch selbst dem Risiko von Rügen auszusetzen. So habe ich mir erlaubt, die Situtation mittels KI zu kolorieren:

Stoewer V5 von 1932; Originalfoto: Sammlung Klaas Dierks; KI-basierte Kolorierung: Michael Schlenger

Na, kommt hier nicht Urlaubsstimmung auf? Und stellt sich nicht die ganze Situation viel natürlicher dar, ohne dass man meint, ein reines Fantasieprodukt vor sich zu haben?

Tja, in ein solches Ergebnis fließt einiges an Überlegung und Recherche ein. Das Farbschema des Stoewer stützt sich auf überlebende Wagen, darunter einen wohl unrestaurierten V5 im Technikmuseum Stettin.

Ja, es gibt auch hier einiges zu rügen: Die Räder waren bei zweifarbig lackierten Fahrzeugen dieses Typs wohl ebenfalls in diesem Schema gehalten – sicher ist das aber nicht. Auch finden sich Hinweise auf eine kontrastierend schwarz gehaltene Zierleiste entlang der Wagenflanke. Ich konnte jedoch die KI nicht dazu überreden.

Die beiden nach norddeutscher Manier großgewachsenen Ladies – der Stoewer war 1,60 Meter hoch – habe ich nach persönlichem Gusto eingekleidet, ebenso die kleine Dame zwischen ihnen, die sich hier schon schick in Szene setzt.

So, jetzt sind Sie dran, liebe Rügen-Experten: Was ist nach Ihrer Ansicht bei dieser Kolorierung zu beanstanden – oder neutraler gefragt: was hätten Sie anders gemacht?

Und natürlich bin ich gespannt, was die Rügen-Kenner zum Aufnahmeort sagen – lässt sich der vielleicht genauer bestimmen?

Jedenfalls bin ich bereit, alles an Rügen hinzunehmen, was hier in fundierter Form angezeigt ist…

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4 Gedanken zu „Hier gibt’s was zu rügen! Stoewer V5 von 1932

  1. Hallo. Ich bin ein großer Fan Deiner Nachkolorierung.
    Details sind viel besser erkennbar.
    Dankeschön.
    Tilo ( ALBA Typ „N“)

  2. Lieber Michael Schlenger.
    Die Kolorierung ist aus meiner Sicht fantastisch gelungen, Die positive Stimmung der modisch, elegant, gekleideten Damen wird durch die fein abgestimmte Farbgebung sehr schön herausgearbeitet. Um im Wortspiel fortzufahren sollte die Insel Rügen nunmehr in Insel Lob…Beifall…Anerkennung umbenannt werden. Mit freundlichen Grüßen Wolfgang Hirmer

  3. Im Zehnjahressprung 1926-1936 offenbart sich hier leider das Zuordnungsproblem, denn ursprünglich war der Nummernkreis 2801-3300 für Stettin vorgesehen und Stralsund hatte die Zuteilungen 1501-1700 sowie 3801-4400. Für 1926 sind auch nur 3 Vergabeorte innerhalb der Provinz Pommern genannt : Stralsund, Stettin und Köslin. Vergleicht man die Inseln Zingst und Rügen, so genügten in Barth die 500 Zulassungen 1001-1500 und erst mit 37501-38000 wurde ein weiterer Nummernkreis reserviert. Wieviele Ruganer Zulassungen zunächst von Stralsund und dann von Bergen aus erfolgten, ist schwer nachvollziehbar, da der zunächst für Stettin reservierte Nummernkreis 2801-3300 offenbar komplett nach Bergen übertragen wurde, indem dort 2401-3400 zur Verfügung stand. Erklärbar wäre dies so, daß Stettin mit 21701-31700 dann wohl zeitgleich einen Block von 10.000 fünfstelligen Nummern verfügbar hatte und die ungenutzten vierstelligen an neu hinzugekommene Zulassungsstellen wie Bergen auf Rügen abgab.

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