Die Originalitätsfrage wird in Deutschland so ernsthaft und vehement wie alles diskutiert, was nicht überlebenswichtig ist – dafür ignoriert man die existenziellen Fragen und nimmt klaglos hin, was einem auf diesem Sektor von der Obrigkeit verordnet wird.
„Das ist aber nicht original!“ – so dürfte der zweithäufigste Kommentar zu historischen Automobilen in deutschen Landen lauten nach: „Was schluckt der denn so?„
Anstatt gleich ins Grundsätzliche abzudriften und alles zu zerreden, könnte man ja auch erst einmal die Dinge wohlwollend studieren – vielleicht sogar genießen – selbst wenn man sie vielleicht ganz anders angehen würde.
Ob Patina-Überlebender, heftig umgebauter Special oder komplett auf neu gemachtes Restaurierungsgefährt – für mich kommt es erst einmal darauf an, wie gut etwas wirkt.
Dem Ästheten in mir ist der visuelle Eindruck wichtig, und so kann ich auch etwas großartig finden, was ich selbst so nicht gemacht hätte. Ein „vollrestauriertes“ Mercedes-Kompressor-Cabriolet ist eine optisch grandiose Sache, auch wenn es nach umfassender kosmetischer Operation meist kein historisches Objekt mehr ist.
Worauf will ich hier hinaus? Nun, dass man die Originalitätsfrage so unterschiedlich beantworten kann, dass sie eigentlich überflüssig wird – es gibt keine endgültige Wahrheit diesbezüglich (und auch sonst meist nicht im Leben).
Illustrieren will ich die Sinnlosigkeit dieser Grundsatzdiskussion anhand eines typischen Fotos der Zeit kurz vor oder kurz nach dem 1. Weltkrieg. Es zeigt nichts Besonderes, bloß den x-ten Benz-Tourenwagen mit Spitzkühler, wie er ab 1913 gebaut wurde:

So stellt sich das Foto dar, das ich kürzlich erworben habe – wie üblich in der 5 Euro-Kategorie, in der ich auch nach 10 Jahren Sammelei immer noch fündig werde.
„Das ist ein Original!„, so könnte jetzt einer ausrufen, aber ich würde entgegnen: „Nö, die Zeitgenossen, die hier abgelichtet wurden, hätten das weit von sich gewiesen – denn so flau und fade sah das Foto zu ihren Lebzeiten nicht aus.“
Über 100 Jahre haben an der Substanz genagt, der Kontrast ist geschwunden und die Grauwerte sind Sepiatönen gewichen. Nochmals 100 Jahre und alles ist in einem Nebel verschwunden.
Jetzt kann man versuchen, den mutmaßlichen Originalzustand wiederherzustellen. Mit traditionellen Methoden der Bildbearbeitung bekommt man mit wenig Aufwand so etwas hin:
Schon stellt sich der Benz mit der damals typischen Reihe niedriger Luftschlitze im hinteren Teil der Motorhaube und modischem Spitzkühler deutlich klarer dar.
Aber überzeugend ist dieses Ergebnis auch nicht – zu deutlich sind die Bearbeitungsspuren. „Original“ wirkt das Ganze nicht.
Versuchen wir’s mal mit einer KI-basierten Bildbearbeitung unter Beibehaltung des Schwarz-Weiß-Modus. Dann stellt sich schon eher ein Aha-Effekt ein:
Ja, das Ergebnis ist im Detail angreifbar, das weiß ich selbst. Aber mir scheint das eine brauchbare Annäherung an das originale Schwarzweiß-Foto von einst zu sein.
„Original“ wäre so oder so nur eine 100% präzise Farbwiedergabe des Benz – wobei selbst das eine Utopie wäre, denn jedes Foto ist letztlich eine Abstraktion der Wirklichkeit.
Man sieht: Jede Variante dieses Dokuments hat etwas für sich, jeder kann man etwas abgewinnen. Man kann daraus seinen Favoriten wählen – nur: zu behaupten, dass dieser dann der einzig zulässige ist, das wäre albern.
Die Thematik ist für dergleichen Ideologie-Diskussionen ungeeignet. Wir haben es hier mit ein paar Fetzen belichteten Papiers zu tun, die durch Zufall die Zeiten überdauert haben.
Sie sind beglückende Zeugen der Welt von gestern – wir sollten sie nicht zum Anlass für kindische Streitigkeiten nach dem Schema nehmen: „Ich weiß genau, was original ist, wenn Du was anderes sagst, rede ich nicht mehr mit Dir.“
Man kann voller Leidenschaft für seine Sicht argumentieren und die Konfrontation mit einer anderen Sicht sportlich nehmen – aber am Ende geht es nur um altes Blech, um historische Relikte, deren Überleben unsere Altvorderen wohl überraschen würde.
„Darüber bekommt Ihr Euch in die Haare? Zu unserer Zeit war alles erlaubt in Sachen Automobil, da scherte sich keiner darum, was original ist und was nicht. Habt Ihr keine anderen Sorgen?“
Genau das ist meine heutige Botschaft am Beispiel eines alten Benz: Diese Dinge spielerisch nehmen, nicht verbiestert die eigene Überzeugung zum Gesetz machen zu wollen und nicht alle zu verdammen, die eine ganz andere Auffassung haben…
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Sehr schön zum Ausdruck gebracht, dass nicht die Technik über Wert und Unwert eine Schöpfung entscheidet, sondern der Maßstab an das zu legen ist, was damit an Wirkung erzielt wird.
Vielen Dank, Herr Schlenger für Ihre sehr eindrucksvollen und dann mittels KI perfekt gelungenen Bildbearbeitungen ! Gerade auch in Anbetracht der nun bald anstehenden Kennzeichnungspflicht ausgerechnet für das hier beste Ergebnis stellt sich nämlich die Frage, warum der Zwischenschritt mit der starken Überbelichtung vor dem Kühlergrill das schöpferisch Schützenswerte sein soll ? Vor 40 Jahren im Fotolabor hätte man abgewedelt – mit viel Geschick und zusätzlichem Zeiteinsatz, wie beim digitalen Maskieren mittels Bildbearbeitungssoftware. Dabei ist die Formulierung des passendsten und wirkungsvollsten Prompts doch ebenso schöpferisch wie das graphische Bewegen der Maus !? Wenn getippte Worte anstelle einer graphischen Linienführung dem Bildwerk die Schöpfungshöhe versagen, dann wären melodische Abfolgen von Tastendrücken auf Akkordeons und Klarinetten oder gar Synthesizern doch auch nicht mehr schützenswert ? Denn wenn Wortgewandheit keine urheberrechtlich wirksame Bildschöpfung erzeugen darf, wäre musikalische Schöpfung von Klängen durch Geräte anstelle einer Stimme doch auch abzulehnen …?