So sah’s einst oben aus: 1925er Packard „8“

Oben und unten – upstairs and downstairs – eine Konstante in der Menschheitsgeschichte. Auch in angeblich egalitären Gesellschaftsexperimenten, die stets in mehr oder minder großem Terror enden, gibt es immer eine Elite, die für sich besonderen Luxus reklamiert und selbstverständlich in Anspruch nimmt.

Doch ist der Wohlstand auf ehrliche Weise erworben – dazu gehört übrigens auch das Erbe der Eltern, das den Fiskus und andere Leute rein gar nichts angeht – kann gelebter Luxus die schönsten Erscheinungsformen annehmen und nebenbei besonders qualifizierten Menschen exklusive Arbeit geben.

Leider wissen wir nichts über die Leute, die einst aus Deutschland kommend mit ihrem 1925er Packard-Achtzylinder in der Schweiz den über 2000 Meter hohen Oberalppass bezwangen, Aber nehmen wir einmal an, sie haben ihr Vermögen nicht durch fragwürdige Vermittlung lukrativer Staatsaufträge verdient – beispielsweise.

Immerhin haben sie uns zwei Fotos ihrer Tour hinterlassen, die uns eindrucksvoll vermitteln, wie es einst „oben“ aussah. Vielleicht noch nicht ganz oben, aber ziemlich weit oben:

Packard „8“ Tourer von 1925; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

„Mmh, dolle sieht das ja nicht gerade aus“, könnte man hier meinen. In der Tat ist die Qualität des Fotos ziemlich bescheiden, viel erkennt man nicht darauf.

Doch warten Sie’s ab, denn das ist ein Beispiel dafür, wo nicht nur eine Bildbearbeitung, sondern eine Kolorierung den im Bild verborgenen Schatz wieder zutagefördern hilft.

Der Aufwand dafür lohnt sich schon deshalb, weil sich der große Tourer rasch als Packard „Eight“ von Mitte der 1920er Jahre identifizieren ließ. Der US-Luxuswagenhersteller hatte 1924 seinen ersten Reihenachtzylinder eingeführt und dabei alles richtig gemacht.

Packard hatte gezielt die typischen Herausforderungen von Reihenachtzylindermotoren ins Visier genommen, nämlich Torsionsschwingungen aufgrund der langen Kurbelwelle und die sekundäre Unwucht. Dazu setzte man auf ein spezielles Kurbelwellendeisgn mit neun Hauptlagern, kombiniert mit einem Dämpfer am Wellenende und durchdachter Zündfolge. Das hatte eine nahezu perfekte Primär- und Sekundärauswuchtung zur Folge, wobei die Restkräfte in der Mitte konzentriert wurden und sich gegenseitig aufhoben.

Probleme mit diesen sehr weich und ruhig laufenden Motoren sind in der Packard-Literatur nicht überliefert – man hatte also die prinzipiellen Probleme gelöst, an denen Jahre später Audi mit dem Achtzylinder-Typ SS „Zwickau“ scheiterte (ein US-Experte bemerkte dazu übrigens, dass DKW sich damals eine in den Staaten bereits als problematisch bekannte Konstruktion hatte andrehen lassen (den „cracker-jacker Rickenbacker“).

Mit so einem über 80 PS starken Packard war das Leben „oben“ vor 100 Jahren das reine Vergnügen und um das etwas anschaulicher zu machen, habe ich recherchiert, wie denn so ein Packard Tourer anno 1925 nach Werksspezifikation aussah.

Als typisches Farbschema fand sich dabei Dunkelgrau mit schwarzen Kotflügeln und schwarzem Chassis, mit zinnoberroter Linierung und markantem Akzent auf den Räden ebenfalls in Zinnoberrot.

Restaurierte offene Packards des Modelljahrs findet man zwar in allen möglichen Farbschemata, aber immer wieder auch in einer weitgehend obiger Beschreibung entsprechenden Lackierung. Die Resultate variieren, vermutlich war das auch schon vor 100 Jahren so – doch man kann sich das Ganze in etwa so vorstellen:

Packard „8“ Tourer von 1925; KI-basierte Kolorierung: Michael Schlenger

Was die farbliche Gestaltung der Räder angeht, gibt es x-Variationen, ich will keine davon als die allein richtige reklamieren.

Wichtiger ist mir, dass der Wagen hier überhaupt wieder als solcher erkennbar wird, wozu auch die farbliche Absetzung der mächtigen Gepäckkoffer auf dem Trittbrett beiträgt.

Nebenbei konnte ich auch die verwischte Wiedergabe der erhobenen Hand des Fahrers korrigieren, was angesichts der schlechten Erhaltung des Originals in diesem Bereich notwendig war, um ein stimmiges Gesamtbild zu ermöglichen.

Man mag jetzt über Details diskutieren, die nicht „perfekt“ sind, aber ich meine, dass diese Bearbeitung dem Auto eher gerecht wird und dem Betrachter mehr sagt als die Vorlage.

Dem Einwand, dass der Lack des Packard zu sauber sei angesichts des offenkundigen Einsatzes auf eine Paßstraße, dem darf ich entgegnen: Der Hersteller nannte diesen Farbton nicht ohne Grund „Dust Proof Dark Grey“- und daran habe ich mich gehalten…

Ein weiterer Skeptiker könnte vorbringen, dass das doch eher gut situierte Schweizer waren, die damals solche US-Luxuswagen bevorzugten (die deutsche Produktion auf dem Sektor war zu niedrig bzw. anno 1925 gab es nichts dergleichen mit 8-Zylinder).

Auch hier bin ich ich munitioniert: Das zweite Foto desselben Wagens lässt nämlich eindeutig ein deutsches Kennzeichen unter der Stoßstange erkennen. Die Ermittlung des Zulassungsbezirks überlasse ich gerne einem Leser:

Packard „8“ Tourer von 1925; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Auch hier wirkt der Packard nicht so umwerfend, wie er tatsächlich einmal war, obwohl man eine Ahnung von den Proportionen bekommt.

Dass es in Wirklichkeit großartig war, wie es einst auf dem Oberalppass mit dem Packard aussah, das mag ansatzweise die kolorierte Version vermitteln.

Sie macht das aus meiner Sicht und mit meinen beschränkten Mitteln Bestmögliche aus dem auch hier mäßig erhaltenen Originalfoto – vor allem hat man plötzlich den Eindruck, selbst oben mit dabei zu sein.

Wer könnte schon etwas dagegen haben, genau jetzt hier oben zu sein?

Packard „8“ Tourer von 1925; KI-basierte Kolorierung: Michael Schlenger

Ja, ich weiß, der „Packard“-Schriftzug ist nicht „perfekt“, aber besser als beim Originalfoto, wo das niemand beanstanden würde.

Die zinnoberrote Zierlinie sollte sich nicht quer über die Haube erstrecken, aber ich konnte sie in der Kürze der Zeit nicht weghexen, evtl. hole ich das noch nach.

Aber ist der Gesamteffekt nicht großartig? Bevorzugt jemand rein ästhetisch (nicht vom historischen Wert her) das gruselig-graue Original?

Die Aufnahme entstand einst in kristallklarer Bergluft bei Sonnenschein vor blauem Himmel, das steht außer Frage – und dem wird nun einmal das Mehrfarbschema besser gerecht als das Schwarz-Weiß-Schema – dieses Geschmacksurteil erlaube ich mir von oben herab…

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