Lauter Luxusprobleme… Gräf & Stift SR2

Wer sich für Vorkriegsautos erwärmen kann, hat offenbar kein Problem mit Luxus. Denn dieses exotische Sujet ist schon per se der reine Überfluss, wenn man von den schnöden Notwendigkeiten des Alltags ausgeht – heute wie damals.

Das Automobil war zumindest in Europa ein „Problem“ sehr gut situierter bis extrem vermögender Zeitgenossen. Das galt insbesondere für die Zeit, als viele Besitzer selbst keinen Führerschein hatten. Man musste sich also auch einen Fahrer leisten können.

Diesem Umstand verdanken wir ein eigenes Genre an Fotografien – nämlich solche, welche die Chauffeure von „ihren“ Autos anfertigen ließen. Dass sich ein Angestellter mit seinem Arbeitsgerät von einem Berufsfotografen ablichten ließ, sagt bereits alles über den besonderen Status dieser Leute.

So ein Fahrer hatte also seinerseits bereits ein Luxusproblem, galt es doch auf diese Weise zu dokumentieren, dass man den Niederungen der Feld- oder Fabrikarbeit entronnen war, auch nicht in Bergwerken oder Steinbrüchen, auf Baugerüsten oder Schiffen schuften musste.

Um wirklich gute Figur abzugeben, hatte ein Chauffeur allerdings zuvor ein anderes Luxusproblem zu bewältigen. Sein Wagen musste in bester Form dastehen, was beim damals allgegenwärtigen Schmutz auf den Straßen und (gern vergessen:) in der Luft eine ständige Herausforderung darstellte.

Man sieht von diesem Luxusproblem allerdings nicht viel auf historischen Fotos, da speziell bei trübem Licht in den Grautönen vieles verlorengeht:

Gräf & Stift SR2; Originalfoto: Sammlung Klaas Dierks

Wir haben dennoch allen Grund, über dieses Luxusproblem hinwegzusehen, wenn es sich um ein dermaßen exklusives Gefährt handelt wie das, welches auf dieser Aufnahme aus der Sammlung von Leser Klaas Dierks zu sehen ist.

Denn hier haben wir einen Gräf & Stift SR2 der frühen 1920er Jahre, mit dem die Wiener Luxusmanufaktur einen äußerst hubraumstarken Reihensechszylinder auf den Markt brachte. Das 7,7 Liter messende Aggregat war mit 70 PS und Vierganggetriebe ein schwer zu übertreffendes Reisefahrzeug – nur die bei der französischen Konkurenz bereits verfügbaren Vorderradbremsen bot man aus unerfindlichen Gründen nicht an.

Egal, das Bremsen war das Problem des Fahrers und der musst dann eben mit schierer Körperkraft die Handbremse und die meist aufs Getriebe wirkende Fußbremse betätigen. Klagen diesbezüglich sind nicht überliefert.

Als weitere Selbstverständlichkeit für den Führer eines solchen Repräsentations-und Reisewagens stellte sich die laufende Wartung und die Aufrechterhaltung der glänzenden Erscheinung dar.

Mit welchen Luxusproblemen man als Fahrer dabei konfrontiert war, das erschließt sich dem Betrachter auf dem originalen Schwarzweißfoto noch nicht ganz.

Unternimmt man den Versuch einer historisch informierten Kolorierung, ergeben sich einige Luxusprobleme, doch dafür erhält man eine ungefähre Vorstellung davon, was man als Chauffeur hier an Putzaufwand zu bewältigen hatte:

Gräf & Stift SR2; Originalfoto: Sammlung Klaas Dierks, Kolorierung: Michael Schlenger

Die glänzenden Metallteile wie Kühler- und Scheinwerfergehäuse waren damals zwar bei vielen Automobilen speziell in der gehobenen Klasse nicht mehr messingfarben, sondern vernickelt, doch auch hier war im Lauf der Zeit dem Anlaufen entgegenzuwirken.

Da vernickelte Teile noch nicht die Oberflächenhärte der erst später aufkommenden Chromelemente hatten, war bei zu eifrigem Putzen damit zu rechnen, dass nach einiger Zeit das darunterliegende Messing hervorkam – ein ganz spezielles Luxusproblem, wie man erhaltenen Originalteilen jener Zeit besichtigen kann.

Schwer zu bewerkstelligen war im Alltagsverkehr das Sauberhalten von Weißwandreifen wie bei diesem Gräf & Stift. Sicher lernte man als Chauffeur, mit welchen Mitteln man diesem Luxusproblem begegnen konnte und tauschte Rezepturen dazu aus.

Dass man diese Reifen einfach verschmutzen ließ, dürfen wir getrost ausschließen – sie sahen ja nur sauber gut aus und waren bewusst auf den Effekt angelegt.

Bleibt das Luxusproblem der Karosseriepflege. Die x-fach geschliffenen und polierten Lacke von damals – meist noch gedeckte Töne – wiesen eine enorme Härte und Schichtdicke auf, sie ließen sich bei fachgerechter Behandlung also beinahe unbegrenzt glänzend halten.

Von daher bin ich der Meinung, dass sich dieser Gräf & Stift in der von mir gewählten Kolorierung im gegebenen Umfeld und in dieser speziellen Situation mit einiger Berechtigung in glänzender Verfassung zeigt.

Auf einer Alpentour hätte der Tourer sicher anders ausgesehen, zumindest so lange, wie sich unterwegs kein längerer Halt ergab.

Ein Luxusproblem bleibt indessen noch bestehen: Wo ist dieser Prachtwagen eigentlich fotografiert worden? Ich vermute, dass das Ziegelsteintor im Hintergrund zu irgendeiner staatlichen Einrichtung im deutschsprachigen Raum führte – und zwar eher nicht in Österreich. Der neoklassizistische Stil selbst ist wenig regionalspezifisch, aber das dominierende Material lässt mich zuerst an den Norden Deutschlands denken.

Im übrigen sind auch Ideen und Anmerkungen zu meiner „Restaurierung“ willkommen, denn mit so etwas handelt man sich regelmäßig das Luxusproblem ein, dass die Meinungen dazu auseinandergehen – das ist auch gut so, denn nur im Wettbewerb der Gedanken lernt man.

Das ist dann kein Luxus, sondern pure Notwendigkeit…

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