Was für ein Schiff!? Chrysler „Imperial“ von 1926/27

Die Gegenwart ist in vielerlei Hinsicht unerquicklich, jedenfalls was die kreativen Kompetenzen außerhalb des IT-Sektors betrifft.

Speziell beim selbsternannten Volk der Dichter und Denker – als ob es die in Frankreich, England, Italien oder Russland nicht ebenso zahlreich gegeben hätte – kommt schon lange nichts mehr aus dem Auspuff, worauf man sich als Deutscher etwas einbilden könnte.

Umso leichter fällt es, sich auf Zeitreise zu begeben, auch wenn diesmal kein teutonisches Vehikel im Mittelpunkt steht – jedenfalls keines auf vier Rädern.

Fast 100 Jahre geht es zurück und diesmal in Gefilde, die ich hier bisher nur einmal gestreift habe – nach Norwegen, um genau zu sein.

Noch heute höre ich meinen Paderborner Großonkel Ferdinand das „r“ rollen, wenn er begeistert von seinen wiederholten Fahrten in den Norden erzählte – nur Italien kam ebenso häufig in seinen Reiseberichten vor. Er war zeitlebens ein Pilger und Augenmensch, leidenschaftlicher Fotograf und Freund der Frauen – ich denke oft an ihn.

Sicher hätte ihm die Aufnahme gefallen, die ich Ihnen heute präsentieren darf:

Chrysler „Imperial“ von 1926/27; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Auch ohne die Aufschrift „Stavanger“ auf dem Tourer im Vordergrund hätte ich hier auf einen der Fjorde Norwegens als Aufnahmeort getippt, obwohl ich nie dort war.

Wie alle skandinavischen Länder bot Norwegen einen hochinteressanten Markt für Autohersteller der Vorkriegszeit – denn die lokale Autoproduktion kam erst in den 1930er Jahren mit Volvo aus Schweden allmählich in Gang.

Bis zum 1. Weltkrieg waren deutsche Hersteller stark in Skandinavien präsent – eine Position, die sie jedoch in den 1920er Jahren an die Amerikaner abgaben.

Die lange anhaltende Unfähigkeit der Autoindustrie in Deutschland, ihre Produktion dem stetig wachsenden Bedarf entsprechend auszuweiten, hatte zu Folge, dass flexiblere Hersteller aus anderen Ländern den nordischen Markt eroberten.

Neben Austin aus England, Citroen aus Frankreich und Fiat aus Italien waren es hauptsächlich amerikanische Fabrikate. Dabei reden wir keineswegs nur von Brot- und Butterfahrzeugen von Ford und Chevrolet.

Das heute vorgestellte Foto ist ein typisches Beispiel für die bemerkenswerte Präsenz amerikanischer Mitte- und Oberklassewagen in Skandinavien.

Denn die Gestaltung des Kühlers dieses ansonsten konventionell daherkommenden Tourenwagens verrät, dass wir es mit dem Spitzenmodell aus dem Hause Chrysler der Modelljahre 1926/27 zu tun haben.

Die „eingekerbte“ Kühleroberseite, deren Profil sich ähnlich wie bei Vauxhall und Minerva in der Motorhaube fortsetzte, war nämlich Kennnzeichen des großen 6-Zylindertyps „Imperial“, der phänomenale 90 PS leistete und serienmäßig Hydraulikbremsen besaß.

So ein Gerät war geradezu ideal für die anspruchsvolle Topografie eines Landes wie Norwegen und man darf davon ausgehen, dass die bis zu sieben Insassen, die darin Platz fanden, für den bärenstarken 4,7 Liter-Motor kaum ins Gewicht fielen.

„Was für ein Schiff!“ ist man angesichts der Dimensionen dieses als Taxi fungierenden Wagens geneigt auszurufen.

Doch ausnahmsweise finde ich die Formulierung als Frage „Was für ein Schiff?“ im vorliegendem Fall interessanter.

Also: Was waren das für Dampfer, die im Hintergrund im Fjord vor Anker lagen? Waren das übliche Postschiffe, die auch von Reisenden genutzt werden konnten oder waren das deutsche Kreuzfahrtdampfer speziell für vermögende Nordlandfahrer?

Die Beantwortung überlasse ich gerne den Sachkundigen oder Neugierigen unter Ihnen, werte Leser.

Ich habe derweil anderes im Sinn – denn der „Fund des Monats“ will ausgewählt sein, und das kann noch etwas Zeit in Anspruch nehmen. Es gibt soviel großartiges Material aus der Welt von gestern, dass ich es selber kaum fassen kann…

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