Nanu, woher dieser Kriegsberichterton? War das nicht im April 1945, dass die ersten US-Soldaten die Elbe von Westen kommend erreichten? In der Tat und die beteiligte gepanzerte Division „Hell on Wheels“ hatte sicher keinen 1929er Chrysler im Fuhrpark.
Ist es die aktuelle Weltpolitik, die zu solcher Rhetorik inspiriert? Nun, zweifellos sind wir Zeuge, wie die Großmächte ihre Einflussphären und gewissermaßen ihren Vorgarten abstecken und konsolidieren. Die Amis in ihrem Bereich, die Russen in ihrem und über kurz oder lang folgen wohl die Chinesen.
Wir politischen und militärischen Zwerge in Europa sind bei alledem nur Zuschauer und gut beraten, es dabei zu belassen – wir haben genug eigene Probleme.
Also wenden wir uns heute vom großen Schachbrett der Weltgeschichte ab und befassen uns mit einem historischen Geschehen, bei dem es zwar friedlich zuging, das aber ebenfalls deutlich machte, wer global das Sagen hatte.
So werden wir heute wieder einmal Zeuge des Siegeszugs der US-Autoindustrie in der Zwischenkriegszeit, der sich ohne ernstzunehmenden Widerstand auch des deutschen Marktes bemächtigte.
Die Vorhut der amerikanischen Autooffensive errichtete schon Mitte der 1920er Jahre erste Brückenköpfe, bevor die Hauptstreitmacht Ende der 20er anrückte und im mittleren bis gehobenen Segment eine uneinnehmbare Stellung einnahm.
Merkwürdigerweise ist in der Erinnerung daran nur das Model A von Ford in Erinnerung geblieben, das als einziger Vorkriegsamerikaner heute noch gut in Deutschland vertreten ist. Restaurierte Exemplare sind bereits für rund 15.000 EUR zu bekommen, sie werden zudem immer günstiger, wie ich seit längerem beobachte.
Doch wo sind all die anderen US-Großserienwagen geblieben, die bis in die 1930er Jahre ein alltäglicher Anblick auf deutschen Straßen waren?
Nun, zumindest in meinem Blog bekommen sie eine angemessene Würdigung, auch wenn das hierzulande nicht jedermanns Sache ist – man bekommt halt ungern vorgeführt, dass das Bild der Autosupermacht Deutschland keineswegs immer zutraf.
Diesmal kann ich unter dem Motto „Amis an der Elbe“ gleich zwei typische Vertreter vorstellen, die eine gesonderte Betrachtung verdienen – daher die Aufteilung auf zwei Teile.
Ausgangspunkt ist die Prärie irgendwo im Mittleren Westen der USA um 1930:

Die beiden Herren, die hier irgendwo im Niemandsland mit dem Skelett eines Kalbs (vermutlich) posieren, waren mit einem Chrysler des Modelljahrs 1929 unterwegs.
Typisch war insbesondere die leicht gebogene Linie der Haubenschlitze. Hinter dem Steinschlagschutz kann man schemenhaft den oberen Kühlerabschluss erkennen, der recht schmal und geschwungen war – das spricht für das Basismodell 65.
Dieses Auto besaß einen nach US-Maßstäben kleinen 6-Zylindermotor mit 65 PS. Neben hydraulischen Bremsen waren aber auch hier hydraulische Stoßdämpfer bereits Standard.
Der 75 PS starken Ausführung mit 4,1 Liter Hubraum begegnen wir indessen erst nach Überqueren des Atlantiks und nach einer längeren Überlandfahrt mitten in Deutschland:
Sieht ja erst einmal nicht aufregend aus, könnte man meinen. Hier waren offenbar etliche Automobilisten mit ihren Wagen unterwegs und warteten vielleicht auf einen Flussdampfer, der sich eventuell hinter dem großen Lastwagen ankündigt.
Zur Lokalität ist nichts überliefert – Kenner der Örtlchkeit könnten aber mit scharfem Auge ganz rechts in der Ferne etwas erkennen, was einen Aha-Effekt erlaubt. Dieses Detail überlasse ich aber gern der Identifikation durch die Experten auf diesem Sektor.
Wir nehmen unterdessen die drei Wagen im Vordergrund unter die Lupe.
Ganz links dürften wir einen Brennabor mit der ab 1928 typischen Verdickung am Kühlergehäuse haben – doch was ist daneben zu sehen?
Angesichts der mäßigen Qualität des Abzugs ist das nicht ganz leicht zu beantworten. Bei dem mittleren Zweisitzer mit niedergelegtem leichten Verdeck tut sich ein Verdacht auf, aber um sichergehen zu können, müssen wir die Perspektive wechseln.
Da ich bei solchen Erkundungen gerne Umwege wähle, nehmen wir erst einmal die einen über irdische Begrenzungen erhebende Vogelperspektive ein, die sich bei dem hier dokumentierten Ausflug einem der Teilnehmer bot.
Diese Fotografie ist die erste, die auch dem nicht Ortskundigen einen Hinweis gibt – denn so und mit dieser Art hochaufgetürmter Verwitterungsfelsen wie am rechten Bildrand bietet sich in Deutschland meines Erachtens nur das Elbtal in der Sächsischen Schweiz dar:
Dass „die Amis“ tatsächlich bereits um 1930 im Elbtal – und insbesondere im Elbsandsteingebirge – zugangewaren, das wird sich erst bei der zweiten Folge spektakulär offenbaren.
Bis es soweit ist, müssen wir uns aber – wie angekündigt – dem einen der Amis erst aus einem anderen Blickwinkel nähern.
Das gelingt uns nicht völlig unbemerkt, wird aber durchaus freundlich toleriert bzw lässig ignoriert:
Erinnern Sie sich an den eingangs gezeigten Chrysler in der Prärie? Wie dieser weist auch dieses Fahrzeug eine zu den Enden abfallende Reihe Haubenschlitze auf.
Es handelt sich auch um einen ganz ähnlichen Aufbau – wenngleich das Verdeck hier niedergelegt ist und die seitlichen Steckscheiben verstaut sind.
Diese Karosserieform – ein offener Zweisitzer mit ungefüttertem Verdeck – wurde in den Staaten auch dann als Roadster bezeichnet, wenn ihm der in Europa roadstertypische tiefe Türausschnitt fehlt.
Solche Unterschiede findet man übrigens bei vielen Bezeichnungen – irritierend nur für die, welche nicht verstehen wollen, dass die Amerikaner keine abtrünnigen Europäer sind, sondern ein ganz eigenes Volk, das eine spezielle Variante des Englischen spricht.
Es gäbe einige transatlantische Missverständnisse weniger, wenn man nicht alles in den USA reflexartig mit europäischen Maßstäben messen würde – und umgekehrt natürlich.
Was aber ist von der abweichenden Gestaltung des Kühleroberteils zu halten? Nun, diese ist Kennzeichen der bereits erwähnten mitteren Ausführung „75“ des 1929er Chrysler. Hier zum Vergleich eine weitere Aufnahme – diesmal ein in Holland zugelassenes Exemplar:
Unser oben abgelichtetes Pärchen hatte sich also eine hubraumstarke Variante gegönnt, mit der sich noch souveräner, d.h. auch schaltfauler, reisen ließ. Der Motor mit seinem großen Drehoment erlaubte in der Ebene das Anfahren im 2. Gang, dann hieß es nur noch einmal schalten und dann konnte man im 3. bleiben, falls keine größeren Steigungen anstanden.
Die kräftigen Motorisierungen, die eine drehzahlschonender Fahrweise und damit hohe Kilometerleistungen ohne größeren Verschleiß erlaubten, waren am deutschen Markt eines der Alleinstellungsmerkmale von US-Automobilen schon in der Mittelklasse.
Weitere ausschlaggebende Faktoren waren die günstigeren Preise, die oft bessere Basiausstattung und das modernere Erscheinungsbild amerikanischer Wagen bei gleichzeitigem Akzent auf markantem Styling.
Die hohen Stückzahlen erlaubten einerseits die Nutzung von Skalenvorteilen, andererseits eröffneten sie Möglichkeiten der Differenzierung nach Motorisierung, Austattung und Optik, die den meisten deutschen Herstellern verschlossen blieben.
Tatsächlich bot Chrysler 1929 noch eine noch leistungfähigere 6-Zylinderversion mit wiederum anderer Gestaltung der Frontpartie an – den über 100 PS leistenden „Imperial“.
Der schaffte es aber seinerzeit nicht bis an die Elbe – vielmehr war der zweite Ami bei diesem Ausflug ein braveres Modell, wenn auch wieder mit einigen interessanten Details.
Die bringe ich Ihnen morgen im 2. Teil nahe – zusammen mit noch mehr Lokalkolorit aus dem Tal der Elbe…
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