Reinrassisches Geschöpf: Opel Roadster von 1935/36

Dass wir uns gleich richtig verstehen: Mit dem im Deutschland der 1930er Jahre von oben verordneten (und leider von unten allzuoft gern aufgenommen) Rassedenken hat mein heutiger Blog-Eintrag nichts zu tun.

Bestenfalls ziehe ich diesen Begriff durch die hessisch gefärbte Aussprache „reinrassisch“ statt „reinrassig“ durch den Kakao.

Am Rande sei festgehalten, dass das Denken in höher- und minderwertigen Rassen keine alleinige Erfindung fehlgeschalteter deutscher Hirne ist. Alle europäischen Kolonialmächte setzten ihrem Treiben voraus, dass sie die „master race“ darstellen. Und in den USA galten Afroamerikaner bekanntlich bis in die 1960er Jahre offiziell als zweitklassig.

Das soll an dieser Stelle nicht vertieft werden. Entscheidend ist, dass ich als in einem Zipfel des einstigen Imperium Romanum gebürtiger Hesse das Konzept des „Reinrassischen“ nur im Hinblick auf zwei Dinge für diskutabel halte.

Eines davon stammt passenderweise aus hessischer Produktion. Von dem anderen habe ich zwar keine Ahnung – es fügt sich aber so perfekt ein, dass ich es nicht missen möchte.

Bevor wir dazu kommen, sei festgehalten, dass um die Mitte der 1930er Jahre im Rüsselsheimer Opel-Werk zwei an sich unspektakuläre, aber recht erfolgreiche und bis heute von Freunden der Marke geschätzte Modelle entstanden.

Die Rede ist vom Opel 1,3 bzw. 2 Liter mit Vier- bzw. Sechszylindermotor. Antriebsseitig waren die Wagen – sagen wir es vorsichtig – traditionell, also mit seitlich stehenden Ventilen. Auch auf Ganzstahlaufbauten verzichtete man noch, wenn ich es richtig sehe.

Immerhin hatte man sich zu einer Einzelradaufhängung an der Vorderachse sowie Hydraulikbremsen durchgerungen. Das war aber auch alles – Opel bot erst gegen Ende der 1930er Jahre mit dem „Super 6“ und dem „Kapitän“ wirklich rundum zeitgemäße Technik.

Zumindest die Cabriolet-Versionen des Opel 1,3 bzw. 2 Liter sahen durchaus adrett aus – wenn auch vielleicht nicht ganz so aufregend wie auf dieser raren Reklame, die ich vor einigen Jahren fand – in einer Werbebroschüre für die Talsperre Kriebstein in Sachsen:

Opel-Reklame von 1935-37; Original: Sammlung Michael Schlenger

Der internationale Stil dieser Werbung ist beeindruckend – in der Hinsicht war man in Deutschland damals durchaus auf der Höhe. Der alberne Germanenkult der offiziellen Ideologie spielte im Alltag und vor allem im Geschäftlichen kaum eine Rolle.

Die Konfrontation mit einem echten Cabriolet auf Basis des Opels 1,3 bzw. 2 Liter fällt zwar etwas nüchterner aus – aber ansehnlich waren diese offenen Ausführungen durchaus, sieht man einmal von dem absurd hoch aufgetürmten Verdeck bei diesem Exemplar ab:

Opel 1,3 oder 2 Liter, 4-Fenster-Cabriolet ab 1935; Original: Sammlung Michael Schlenger

Die schrägstehenden Luftschlitze in der Motorhaube verraten übrigens, dass dieser Opel erst ab 1935 gebaut worden sein kann – im Einführungsjahr 1934 gab es noch einen recht schmalen horizontalen Luftaustritt, der sich wohl als unzureichend erwiesen hatte.

Neben der oben abgebildeten Cabriolet-Ausführung mit vier Seitenfenstern wurde eine zweifenstrige Variante gefertigt, die ebenfalls gut dokumentiert ist.

Was mir aber bislang entgangen war, das ist eine Version, auf die mich Leser Klaas Dierks anhand eines Fotos aus seiner umfangreichen Sammlung aufmerksam machte.

Wie von ihm vermutet, haben wir es hier ganz klar mit einer „reinrassigen“ (hessisch: „reinrassischen“) Roadster-Variante des Opel 1,3 bzw 2 Liter zu tun – garniert mit einem ebenfalls lupenreinen Rassegeschöpf in Form eines stolzen Terriers:

Opel 1,3 bzw. 2 Liter Roadster; Originalfoto: Sammlung Klaas Dierks

Bei aller Ausschnitthaftigkeit (ich komme gleich darauf zurück) ist das ein großartiger Fund. So muss ein reinrassiger Roadster aussehen.

Der Wagen besitzt roadstertypisch tiefe Türausschnitte, damit man das Lenkrad bei forcierter Gangart in der Kurve mit viel Kraft in die gewünschte Richtung zwingen kann. Statt eines gefütterten Cabrioletverdecks gibt es nur ein dünnes Notverdeck unter einer Persenning oder einer Klappe im Heck – eventuell auch gar keines.

Da wüsste man gern, aus welchem Stall dieses Geschöpf stammte. Von Opel selbst scheint es das nicht gegeben zu haben, aber vielleicht weiß ein Markenspezialist, wer als Hersteller solcher Roadster auf Basis der 1,3 bzw 2 Liter-Opels von Mitte der 1930er Jahre in Frage kam.

Wenn sich außerdem noch ein Rassismus-Experte in Sachen Terrier findet, der das auf dem Opel thronende und auf mich „reinrassisch“ wirkende Exemplar einer näheren Herkunftsanalyse unterzieht, dann schalte ich auch das im Kommentarbereich gerne frei…

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4 Gedanken zu „Reinrassisches Geschöpf: Opel Roadster von 1935/36

  1. Besten Dank für diesen Hinweis, Herr Börner! Die Geländesportversion auf Basis des Opel „6“ ist mir bekannt, zumindest eine davon: Sie besitzt andere (breitere) Luftauslässe in der Haube und der Vorderwagen ist deutlich länger. Auch die Heckpartie läuft anders aus. Ich meine nach wie vor, dass es sich um eine bislang nicht dokumentierte Roadster-Version auf Basis des Vierzylinders (1,3 Liter) handelt. Ein Mitglied der Facebook-Gruppe für Vorkriegs-Opels teilte mir mit, dass er so ein Gerät einst vor Jahren in Vilnius gesehen habe, wo er sein Opel 1,3 Liter-Cabriolet kaufte… Die Sache ist für mich noch nicht abschließend geklärt.

  2. Ja, aus welchem Stall stammte dieses Geschöpf, der schicke Roadster? Ihre Einschätzung, lieber Herr Schlenger, dass es dieses von Opel nicht gegeben zu haben scheint, trifft wohl nicht zu.
    Hans-Jürgen Schneider schreibt in seinem Buch „125 Jahre Opel – Autos und Technik“, erschienen 1987, über die Eröffnung der IAA 1936 in Berlin: „Als Publikumsmagnet erweist sich … ein rassiger Geländesportwagen mit leistungsgesteigertem 2,0-Liter-Sechszylindermotor auf dem verkürzten Fahrgestell des Opel 2,0 Liter. Charakteristisch ist die leichte Roadster-Karosserie aus Leichtmetall mit dem markanten Kühler und den schlanken Kotflügeln.“ Präsentiert wurde dieser dem „Führer“ vom Geheimrat Wilhelm von Opel höchstpersönlich.
    Sachlich ergänzend ließe sich hinzufügen, dass dieser Typ die sogenannten Torpedo-Scheinwerfer, montiert auf den Kotflügeln, hat.
    Die Antwort auf Ihre Frage liegt also auf der Hand.

  3. Selbst in der Opel Chronik von Bartels/Manthey findet der besprochene Roadster 1,3 bzw. 2 Liter keine Erwähnung. Allerdings baute die Karosseriefirma Deutsch dereinst (1933) lt. Wikipedia 51 Roadster vom Typ 1,8 Liter, Opel Moonlight Roadster, genannt. Vielleicht hatten sie ja auch bei dem abgebildeten „Nachfolger“ die Hände im Spiel?

  4. Hallo Michael,
    freut mich, dass Dir das Foto gefällt. Zum Hersteller des Roadsters kann ich keine Angaben machnen, der Passagier ist ein Drahthaar-Foxterrier.
    Einen schönen Sonntag!

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