Oh, da wird sich unser Blog-Wart aber diesmal die Sympathien der Freunde der Marke Adler aus Frankfurt am Main verscherzen! Wie kann er nur dem Modell „Favorit“ der späten 1920er Jahre den Charme eines Backsteins zuschreiben?
Nun, liebe Leser, wenn Sie jetzt so denken, dann möchte ich darauf wie folgt antworten: 1. Die Gleichsetzung des Adler „Favorit“ mit einem Backstein haben Sie vorgenommen. 2. Was ist eigentlich an einem soliden Backstein auszusetzen? und 3. Wie langweilig wäre es, wenn es hier nur sachlich und ohne Schelmereien zuginge?
Probieren wir es zur Abwechslung einmal, rein faktenbasiert zu sein, etwa so:
Adler „Favorit“: von 1929-33 gebautes Vierzylindermodell mit 35 PS aus 1,9 Litern Hubraum, Seitenventiler, Spitze 80 km/h – einzige Besonderheit: Hydraulikbremsen. Preis als 4-türige Limousine: 5.575 Reichsmark.
Reicht das schon, um uns für den Adler zu begeistern? Wohl kaum. Denn für 600 Mark weniger bekam man anno 1929 in Deutschland auch das hier:
Chevrolet „AC International“: 6-Zylindermodell mit 45 PS aus 3,2 Litern Hubraum, im Zylinderkopf hängende Ventile, Spitze 95 km/h.
Wer sich nicht an der höheren Kfz-Steuer und dem höheren Verbrauch des US-Modells störte und mit herkömmlichen Gestängebremsen leben konnte, hatte außer patriotischen Anwandlungen kaum einen Grund, den Adler „Favorit“ zu kaufen.
Man könnte damit die Betrachtung beenden – und müsste nicht einmal mehr die Stückzahlen vergleichen (Adler „Favorit“: ca. 14.000, Chevrolet 6 von 1929: >1 Million).
Ist es das, was Sie bevorzugen? Wieder sage ich: Wohl kaum. Denn der eigentliche Charme des Adler liegt darin, dass es ihn angesichts der schieren Übermacht der Amerikaner-Wagen am deutschen Markt überhaupt gab.
Während sein deutlich kräftigerer Bruder – der Sechszylindertyp „Standard 6“ von der Papierform mit dem Chevrolet 6 mithalten konnte (vom Preis her freilich nicht), wäre der Favorit an sich kaum der Rede wert, was nicht heißt, dass er schlecht war.
Aber er repräsentiert nun einmal den damaligen Stand vieler deutscher Serienwagen, war ziemlich geräumig und war gestalterisch bei Erscheinen auf der Höhe der Zeit.
Nehmen wir uns also etwas Zeit und betrachten ihn aus verschiedenen Perspektiven – er wird uns dam Ende wie ein guter alter Freund erscheinen: Ehrlich, unprätentiös, verlässlich.

Hier haben wir den „Favorit“ als 6-Fenster-Limousine mit Zulassung im Raum Tuttlingen auf einem Foto von Leser Marcus Bengsch.
Irgendwelche Beanstandungen? Nein.
Brauchen Sie Erläuterungen, woran, man den „Favorit“ erkennt? Vorerst nicht. Sie werden ihn auf den folgenden Fotos sofort wiedererkennen – das markante Kühlergesicht war eine seiner Stärken.
Über jeden Zweifel erhaben war traditionell auch die Verarbeitung und die Haltbarkeit der Adler-Wagen – dieses Foto von Leser Matthias Schmidt (Dresden) weist eigens darauf hin:
Dieses im Raum Pirmasens zugelassene Exemplar lässt neben der achtbaren Laufleistung auch gut die typische Gestaltung der Räder und Naben erkennen.
Fünf Radbolzen verweisen i.d.R. auf den „Favorit“, während deren sieben stets einem „Standard 6“ oder gar dem sehr seltenen „Standard 8“ vorbehalten waren.
Leser Klaas Dierks hat das nächste Foto eines „Favorit“ beigesteuert – wie man sieht, haben wir es erneut mit der 6-Fenster-Limousine zu tun, dem nach meiner Wahrnehmung häufigsten Aufbau – zugeliefert in Ganzstahl-Ausführung von Ambi-Budd aus Berlin:
Spätestens jetzt sind Sie ganz ohne oberlehrerhafte Hinweise soweit, den Adler „Favorit“ im Schlaf zu erkennen, falls er Ihnen im Traum begegnen sollen (es gibt Schlimmeres, wie ich aus eigener Erfahrung weiß, denn ich träume viel und ziemlich wild).
Ein weiteres Exemplar hätte ich noch (wieder beigesteuert von Matthias Schmidt), um das Gelernte aus nochmals leicht veränderter Perspektive zu verinnerlichen:
Was sagen Sie jetzt? Wäre so ein Adler nicht doch vielleicht ein heimlicher Favorit, wenn es um solide deutsche Mittelklassewagen jener Zeit geht?
Nun, es gibt einige überlebende Exemplare und die Mitglieder des Adler Motor Veteranen-Clubs kümmern sich mit Hingabe darum.
Aber seien Sie gewarnt: Der erwähnte Chevrolet 6 derselben Zeit steht demnächst ebenfalls auf der Agenda und er verkaufte sich nicht ohne Grund auch in Deutschland wie geschnitten Brot (naja, sagen wir eher : wie Schwarzwälder Kirschtorte – denn jedes Auto war damals in Deutschland ein teures Vergnügen).
Doch was hat nun das Ganze mit dem Charme des Backsteins zu tun? Wie so oft spielt der Titel meiner Blog-Einträge auf etwas an, was mich gerade beschäftigt.
Heute war das – lachen Sie nicht! – ein Haufen Backsteine. Diese waren vom Abriss eines maroden Anbaus der 1980er Jahre übriggeblieben, waren aber selber älter als dieses. Ich hatte die Ziegel seinerzeit aus dem Schutt geborgen, was nicht nur die Entsorgungskosten etwas minderte, sondern auch die Aussicht auf Wiederverwendung bot.
Nach rund fünf Jahren bin ich nun endlich dazu gekommen, dieses schöne alte Baumaterial einem neuen Dasein als Trockenmauer im Garten zuzuführen. Dafür galt es freilich hunderte Ziegel von Hand von Mörtel und sonstigen Anhaftungen zu befreien.
Wie macht man das als sonst gewohnheitsmäßiger Schreibtischtäter? Ganz einfach: Man beginnt bei 30 Grad in der Mittagssonne im Hof mit der Arbeit – schön der Sonne zugewandt, damit man den Teint aufmöbelt, so lange das noch geht hierzulande.
Aus selbigem Grund arbeitet man ohne Handschuhe – auch wenn sich am Ende das Gefühl von Schmirgelpapier einstellt. Mit einem vorne zugespitzten Hammer wird sodann jeder Backstein mit Hingabe von allen Seiten bearbeitet – ein Training für Arm- und Handmuskulatur, welches nicht zur allzu häufigen Wiederholung empfohlen wird.
Bei sinkender Sonne war das Werk vollbracht – der Ziegelhaufen war in eine prächtige hüfthohe doppellagige Trockenmauer von beachtlicher Länge verwandelt.
Jedenfalls hatte ich bei dieser intellektuell nicht anspruchsvollen, aber befriedigenden Tätigkeit (wer Haus, Hof und Garten hat, braucht keinen Psychiater) Zeit, über dies und das nachzudenken. Mir war rasch klar, dass ich mein Backsteintrauma verarbeiten und in etwas Positives transformieren musste.
Eigentlich hatte ich vor, als Thema irgendetwas mit „bekloppt“ zu wählen, Assiziationen diesbezüglich stellen sich ebenfalls haufenweise ein – doch dann stieß ich in meinem in die Tausende gehenden Fundus unveröffentlichter Aufnahmen von Vorkriegsautos auf das hier:
Wer hier keinen Adler „Favorit“ und den Charme des Backsteins erkennen kann, dem ist nicht zu helfen.
Das Erscheinungsbild der Autos hat sich seither stark gewandelt, doch die Schönheit von historischen Ziegelbauten gehört zu den Dingen aus der Welt von gestern, an denen wir uns im Alltag immer noch erfreuen können.
Ein solches Fachwerkhaus wie hier zu besichtigen ist für Jahrhunderte gemacht und damit im besten Sinne nachhaltig. Wer das Raumklima solcher Bauten kennt, weiß, dass es dort nichts zu „dämmen“ gibt.
Selbst die Originalfenster lassen sich aus energetischer Sicht beibehalten, wenn man das alte Prinzip der Kastenfenster anwendet und ein zweites derselben Machart innen anbringt.
In Verbindung mit einer hocheffizienten Gastherme und einem ergänzenden Kaminofen lässt sich der ganze Charme des Backsteins in die Gegenwart retten – man darf sich von vorübergehenden Anwandlungen Made in Berlin nicht verrückt machen lassen.
Dann vielleicht noch ein Adler „Favorit“ in der alten Maschinenhalle nebenan – oder doch ein Chevrolet 6? Beide waren für die Ewigkeit gemacht, sofern man das menschlichen Maßstäben sagen darf – und die überlebenden Exemplare werden uns noch lange begleiten.
Vielleicht werden sie einst sogar die letzten Autos sein – auch das hätte Charme wie alte Backsteine….
Michael Schlenger, 2024. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.
Lieber Herr Börner, besten Dank für diese wunderbare Replik – sehr schön und auch berührend. Ja, an die Trümmerfrauen musste ich ebenfalls denken, als ich da vor mich hinklopfte. Überhaupt fördert handwerkliche Betätigung (gerade als Laie) den Respekt vor jeder „echten“ Arbeit sowie den Härten, denen unsere Altvorderen ausgesetzt (und i.d.R.) klaglos gewachsen waren. Zur Materialauswahl bei Ihrem Haus kann ich nur gratulieren – überhaupt scheint das traditionelle Bauen in Ihrer Gegend noch eher geschätzt zu werden als in meiner Ecke. Noch diesen Monat kommt übrigens die letzte Folge unserer „Beckmann“-Spurensuche – versprochen! Beste Grüße, Michael Schlenger
Lieber Herr Schlenger,
heute haben Sie mir – natürlich völlig unbeabsichtigt – Stichworte gegeben, auf die ich spontan reagieren „muss“. Aber womit fange ich an?
Mit Backstein. Als wir, meine Frau und ich, 1978/79 unsere Hütte bauen ließen, brauchten wir für die Entscheidung Kalksandstein und weißer Fassadenanstrich oder Backstein, wie er hier im südlichen Schleswig-Holstein und darüber hinaus weit verbreitet ist, nicht lange überlegen. Backstein sollte es sein mit handgestrichenen Backsteinen im Klosterformat, teilweise auch im Wohnbereich. Das haben wir bis heute nicht bereut und Fassadenanstriche blieben uns erspart.
Mit Backstein Teil 2 fahre ich fort: Die 1898 fertiggestellte Automobilfabrik Otto Beckmann – in Ihrem Blog seit gut einem Jahr schon würdig vertreten – ist aus dem damals besten niederschlesischen Backstein der Dampfziegelei Baitzen errichtet worden. Als die Gebäude vor fünf Jahren abgerissen wurden, hat ein engagierter Unterstützer meiner Beckmann-Aktivitäten in Breslau einen dieser Backsteine aus dem Schutt geangelt und mir vor einem Jahr überreicht, als ich dort die Erinnerungstafel am stehengebliebenen und denkmalgeschützten Bürogebäude enthüllen durfte. Was ihm jedoch nicht gelang, war die Rettung der Stuck-Jahreszahl 1898 über dem Portal der Zufahrt zu den Hallen, denn diese war aus Gips und zerbröselte völlig.
Backstein die dritte: Ich musste bei Ihrer Schilderung Ihres Backsteinklopfens an die unzähligen Trümmerfrauen denken, die den Beginn des Wiederaufbaus unserer Städte – sprichwörtlich – bewältigen mussten. Aber es waren nicht ausschließlich Frauen. Auch mein Großvater Erich Randt, der Mann der Paul Beckmann-Tochter Erna, musste 1946/47 diese Arbeit leisten, was ihm als Geistesarbeiter (er war sowohl der letzte Direktor des Staatsarchivs Breslau wie auch des Geheimen Staatsarchivs Berlin-Dahlem) schwerfiel und in Verbindung mit Unterernährung zu seinem frühen Tod beitrug.
Genug des Backsteins. Jetzt noch ein Wort zum Adler Standard 6. Hierzu fiel mir sofort Fräulein (ja, diese jungen Personen weiblichen Geschlechts durfte man bekanntlich damals noch so nennen) Clärenore Stinnes ein, die von 1927 bis 1929 mit einem derartigen Mobil den Globus umrundete. Eine unglaubliche Leistung! Einige Jahre zuvor trat sie bei Auto“rennen“ (heute würden wir von Rallyes sprechen) an, an denen auch ihre Konkurrentin Fräulein Ilse Beckmann teilnahm; letztere hatte mit ihrem schwächeren Beckmann-Sportwagen mit 42 PS öfter das Nachsehen.
Ich bitte auch um Nachsehen – für meine lange Epistel.