Zurückgekehrt aus dem Süden, wo sich der Herbst von seiner schönsten Seite zeigt, stellte ich heute fest, dass mir zumindest der Sonnenschein gefolgt zu sein scheint.
Die Berge von Laub im Garten und die verbliebenen Rosenblüten stellen sich in warmem Licht ganz anders dar, auch wenn die Temperaturen nicht mehr ideal für ein kurzärmeliges Oberteil erschienen. Aber egal, solange man sich bewegt, wird es schon gehen.
Die Einstellung kann nicht allen Dingen eine neue Richtung geben, aber den Umgang mit ihnen beeinflussen. Über mir am Himmel zogen immer neue Schwärme von Wildgänsen, während ich Holz eines im letzten Jahr gefällten Baums kamingerecht zerkleinerte.
Irgendwann wurde es dann doch frisch und ich suchte mir andere Betätigung – nun in der einst als Kuhstall dienenden Halle mit massiven Ziegelmauern, die den Großteil meiner historischen Gefährte beherbergt und in der es noch etliche Grad wärmer ist als draußen.
Die Beschäftigung mit den Hinterlassenschaften der Vergangenheit ist es, welche einen davon bewahrt, den Verhältnissen der Gegenwart zuviel Macht über die eigene Befindlichkeit zu geben. Lässt man sich darauf ein, macht man erstaunliche Entdeckungen.
Darauf spielt der merkwürdig klingende Titel meines heutigen Blog-Eintrags an. In der Tat krass, was sich einem offenbart, wenn man auf einen Namen wie „Carshalton“ stößt und seiner Bedeutung nachgeht.
Klar, dass es dabei oberflächlich um „cars“ geht, wie man das hier erwarten würde, doch das Wort bedeutet im gegebenen Kontext etwas ganz anderes als „Autos“ auf englisch.
Dabei führt uns das folgende Foto an einen anderen Ort, wie er englischer kaum sein könnte. Zwar ist dieser seit den 1960er Jahren Teil von „Greater London“, doch historisch ist es ein Städtchen, das sich eine gewisse ländliche Anmutung bewahrt hat.
In besagtes „Carshalton“ transportiert uns dieses Foto aus den 1950er Jahren:

Die viertürige Limousine mit sechs Seitenfenstern ist unverkennbar britisch. Die Silhouette mit hohem Aufbau und schmaler Kühlerfront ist ein Merkmal vieler Automobile aus dem England der 1930er Jahre.
Schnell ist der Hersteller „Morris“ identifiziert und das Baujahr auf 1933 festgelegt. Offenbar war dieses Exemplar noch über 20 Jahre nach seiner Produktion in hervorragendem Zustand im Alltag unterwegs und die Chancen stehen gut, dass „GW 3793“ – das Nummernschild stand früher in England für die Identität eines Autos – noch heute existiert.
Viel interessanter fand ich aber, wo dieses Fahrzeug in den 1950er Jahren aufgenommen wurde. Die Ortsangabe „Carshalton Place“ verweist nämlich mitnichten auf einen Ort, wo es Autos geboten war anzuhalten, wie man vermuten könnte.
Tatsächlich transportiert uns diese Bezeichnung fast 1.000 Jahre zurück in die Zeit, als das bis dahin angelsächsisch geprägte England eine Kulturspritze in Form der Übernahme durch die neuen Herren aus der französischen Normandie erhielt.
Ursprünglich ging es dabei „nur“ um die englische Thronfolge, doch letztlich transformierten die Eroberer unter „William the Conqueror“ anno 1066 das bis dato von eher primitiven germanischen Stämmen beherrschte England binnen kürzester Zeit.
Eines der beeindruckendsten Zeugnisse des Herrschaftswillens, aber vor allem der organisatorischen Kompetenz der romanisierten „Normannen“ ist das bereits 1086 fertiggestellte „Domesday Book“.
Dabei handelt es sich um ein bis ins Detail jedes Hofes vollständiges Kataster Britanniens, in dem fast 13.500 Orte mit rund 270.000 Haushalten aufgeführt sind – das einzige erhaltene Werk dieser bis heute atemberaubenden Präzision aus dem Mittelalter.
In dem Werk aus dem späten 11. Jh. erscheint auch Carshalton – womit die Verbindung zu dem Morris hergestellt ist. Das Domesday Book hält fest, dass es in der winzigen Ortschaft „Aulton“ eine Kirche, eine Mühle, eine handvoll Haushalte und zehn Pflüge gab.
Die frühe Bezeichnung Aulton setzte sich zusammen aus Aul für Wasser und ton für Ort (vgl. „town“, „Zaun“ usw.). Etwas später findet sich für das Dorf die Bezeichnung „Cresaulton“, die auf das französische Wort für „Kresse“ zurückgeführt wird.
Krass, was eine fast tausendjährige Quelle über den Aufnahmeort dieses Morris offenbart:
Michael Schlenger, 2024. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.
Danke, auch für den dezenten Hinweis auf einen Schreibfehler – natürlich ging es durchgängig um „Cars“, nicht „Carls“…
Besten Dank! Dass in dem Stall Kühe standen ist weit über 100 Jahre her. Am Boden ist ein dicker Estrich, die ursprünglich blanken Ziegelmauern sind irgendwann in den 1950er Jahren verputzt worden. Keine Ausblühungen in den Wänden, alles trocken – bestes Raumklima. Also keine Sorge.
Wieder einmal ein schöner Artikel mit vielen Informationen zu Geschichte des Katasters. Das einzige was mich heute beunruhigte sind Oldtimer in einem ehemaligen Kuhstall. Wie haben Sie das Thema Ammoniak gelöst?
Viele Grüße Ludwig Kimmig
Ja, das war eine frühe english lesson damals: „1066 William and the Normans conquered England“.
Das Domsday book für mittelalterliche Verhältnisse sicher eine organisatorische Glanzleistung – und clevere Maßnahme zur schnellstmöglichen Erfassung der wirtschaftlichen und menschlichen Ressourcen des eroberten Landes und die Schaffung übersichtlicher Strukturen zur Beherrschung und Romanisierung der dort siedelnden Angeln und Sachsen.
Die englischen Wagen der Dreißiger haben immer einen gewissen Reiz, haben sie doch bei aller Knorrigkeit meist eine gewisse feingliedriche Eleganz.
Aber ging es bei der flinken Geistreichelei unseres Blogwartes um cars – oder vielleicht doch um Carls ?