1a auch ohne vier Ringe: Audi Typ 225 Luxus-Cabriolet

Kürzlich las ich, dass die Firma Audi für den chinesischen Markt erstmals ein Modell ohne die typischen vier Ringe herausbringen will. Und da sie es wohl selbst nicht kann – oder nicht so schnell kann – lässt man die Basis von einem Partner in China entwickeln.

Ob die Rechnung aufgeht und man für einen chinesischen Audi ohne die vier Ringe Audi-Preise durchsetzen kann, sei dahingestellt. Wer den deutschen Automobilbau des 21. Jh. ohnehin für überschätzt hält, wird das achselzuckend zur Kenntnis nehmen.

Der lange nach dem 2. Weltkrieg quasi neu erfundene heutige Serienhersteller Audi mit Sitz in Ingolstadt hat außer dem Namen ohnehin nichts mit der einstigen Manufakturmarke aus dem sächsischen Zwickau zu tun.

Moment einmal, sind denn nicht wenigstens die vier Ringe ein gemeinsames Element? Nun, allenfalls auf den ersten Blick:

Audi Typ 225 Luxus; Originalfoto aus Privatbesitz (Wolfgang Müller-Judex)

Tatsächlich trug auch dieses schöne 4-Fenster-Cabriolet auf Basis des frontgetriebenen Audi 225 Luxus (Bauzeit: 1936-38) die vier Ringe auf der Mittelstrebe des Kühlergrills. Doch das wies bloß auf die Zugehörigkeit der Marke zum Auto-Union-Verbund hin (ab 1931).

Die vier Ringe trugen daher auch die Wagen der übrigen unter diesem Dach vereinten sächsischen Marken – also neben Audi außerdem DKW, Horch und Wanderer.

Eigentlich konnte der Audi Typ 225 Luxus speziell in den meisterhaft gestylten Cabrio-Ausführungen aus dem Hause Gläser (Dresden) auf das Adelsprädikat der vier Ringe der Auto-Union gut verzichten, was bei DKW und Wanderer anders war.

Allerdings gab es bei diesem Modell einen weiteren Hinweis auf die Markenidentität, die auf obigem Foto, das mir Wolfgang Müller-Judex aus seinem Familienalbum zur Verfügung gestellt hat, nicht unmittelbar ins Auge fällt.

Besser sieht man es auf dieser Aufnahme aus dem Leser von Leser Klaas Dierks, welche dasselbe Modell zeigt, hier aber ganz dunkel gehalten, was dem Wagen eine ganz andere, ernsthafte Anmutung verleiht:

Audi Typ 225 Luxus Gläser-Cabriolet; Originalfoto: Sammlung Klaas Dierks

Können Sie die „1“ auf dem Kühler erkennen? Das war seit etwa Mitte der 1920er Jahre die Kühler“figur“ aller Audi-Automobile – hätten Sie das gewusst?

Als eindrucksvollen Beleg möchte ich an dieser Stelle diese Werbung von Audi anführen,. welche 1924 in der Zeitschrift „Motor“ erschien. Sie besticht mit ihrer phänomenalen grafischen Wirkung und kombiniert geschickt die harten Konturen des Emblems mit den lebendigen Formen des abgebildeten Wagens:

Audi-Reklame aus „Motor“, 1924; Original aus Sammlung Michael Schlenger

Dass Audi sich selbst damals eine glatte „1“ verlieh, zeugt von einem gesunden Selbstbewusstsein, aber gut: Ab 1924 bot man mit dem hochmodernen 6-Zylindertyp M 18/70 PS auch ein Auto an, das man bei anderen deutschen Herstellern vergebens suchte – und sei es nur aufgrund der hydraulisch unterstützten Bremsen.

Mit den ab 1933 gebauten Frontantriebswagen knüpfte man überzeugend an die Tradition des Klassenprimus an – kein anderer deutscher Hersteller bot in dieser Klasse den zukunftsweisenden Vorderradantrieb an (die Fronttriebler von Adler, DKW und Stoewer waren darunter angesiedelt).

Zusammen mit dem hocheleganten Stil der Gläser-Aufbauten, die eine erst in den 1930er Jahre entwickelte eigene deutsche Gestaltungslinie repräsentierten, verdienten die offenen Versionen des Audi Front Typ 225 Luxus meines Erachtens sogar die Note 1a.

Diese Wagen bedurften in der Tat der vier Ringe überhaupt nicht – das möchte ich heute anhand dieses „neuen“ Fotos aus meiner Sammlung illustrieren:

Audi Typ 225 Luxus Gläser-Cabriolet; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Sehen Sie, was ich meine? Spätestens die „1“ auf dem Kühler lässt keinen Zweifel an der Marke und die doppelte Reihe Luftschlitze in der Motorhaube liefert die ergänzende Information, dass wir es mit einem Audi des Typs 225 Front Luxus ab 1936 zu tun haben.

Den Aufbau als 4-Fenster-Cabriolet gab es m.W. so nur von Gläser und so kann man verstehen, weshalb der junge Mann mit sportlichen Knickerbockern und keckem Tirolerhut so zufrieden mit sich und der Welt dreinschaut.

Ob es überhaupt sein Audi war, sei dahingestellt – vielleicht ergab sich bloß die Gelegenheit, sich besitzergreifend damit ablichten zu lassen.

Festzuhalten bleibt am Ende, dass ein echter Audi gut ohne die vier Ringe auskommt, die heute so gern als markentypisch angesehen werden. Was aus dem entsprechenden Projekt des gleichnamigen Herstellers im fernen China wird, kann uns gleichgültig sein. Wir haben hier andere „Probleme“ – jedenfalls in meinem Blog…

Michael Schlenger, 2024. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

4 Gedanken zu „1a auch ohne vier Ringe: Audi Typ 225 Luxus-Cabriolet

  1. Besten Dank! Auch weil der erste Nachkriegs-Audi faktisch ein DKW mit Mercedes-Motor war, steht er für mich in keiner direkten Traditionslinie mit den „echten“ Audis“. Mein schönes original erhaltenes „Dixi“-Fahrrad der 50er trägt auch den Eisenacher Kentauren als Markenzeichen, weil die Firma Kruse aus Paderborn das nach dem Ende von Dixi (nach Übernahme durch BMW) durfte. Von einer „Wiederbelebung“ würde ich hier ebenfalls nicht sprechen – dafür müsste man noch vorhandene Substanz in Form übernommener und weiterentwickelter Konstruktionselemente usw. haben, die über den Namen hinausgeht. Aber letztlich ist das Wortklauberei – entscheidend ist die bleibende Faszination, die von den schon immer sehr raren Vorkriegs-Audis ausgeht.

  2. Schön waren sie wohl, die Audis der Dreißiger Jahre mit dem von Porsche konstruierten Wanderer – Motor mit nassen Laufbuchsen im Alu- Block. Nur: problematisch blieben diese Motoren mit ihrer damals noch unerprobten Bauweise Zeit ihres Lebens. Ausgereizt war die Konstruktion dann im Endstadium als Kompressor mit aufgeblasenen 80 PS , was der BMW 328 , wie wir wissen auch ohne schaffte!
    Die Gläserkarossen waren im Bereich der recht stark geneigten A- Säule empfindlich gegen Instabilwerden durch Alterung der Holzverbindung. Wir hatten eins dieser herrlichen Kabrios der vorletzten Ausführung in Arbeit gehabt. Man konnte die rechte A- Säule oben um 5 – 6 cm hin- her drücken! Man musste sich was überlegen: Ich baute eine spitzwinklige Stahlarmierung und setzte sie von innen zwischen Grundholm und Türpfosten ein und: nach dran kommt fest!
    Das Vierringe- Symbol sollte die
    Zusammengehörigkeit der vier Herstellerwerke in Sachsen als wirtschaftliche Einheit symbolisieren und war natürlich zu einer Zeit, als die nächsten Olympischen Spiele das Deutsche Reich endgültig wieder in den Kreis der int. geachteten Nationen bringen sollten, als Symbol der Einheit und Partnerschaft im friedlichen Wettbewerb der Nationen, das gegebene Vorbild!
    Die 5 verschlungenen Olympia- Ringe = 5 teilnehmende Kontinente.
    4 verschlungenen Ringe = 4 dem gemeinsamen Fortschritt verschriebene Werke der Auto Union AG ( Hauptaktionär: die Sächsische Staatsbank, bei der alle Werke mehr oder weniger hoch verschuldeten waren).
    Einzig wirtschaftlich tragfähiger Partner war der Privatkonzern DKW von Rasmussen, zu dem schon die 1929 zu 100 % übernommenen Audi- Werke gehörten. Deshalb wurde DKW zur Auffang- Gesellschaft bestimmt und in Zschopau zunächst die Konzernleitung an- gesiedelt.
    Die Vierringe waren also weder als Prestigekennzeichen noch Prädikat o.ä. gedacht sondern schlicht das Symbol der Zusammengehörigkeit.
    Nach und nach erst wurde es als Zusatz und Ergänzung der Markenidentität der hergebrachten Firmenembleme eingeführt und an den Fahrzeugen geführt.
    Zuletzt bei Wanderer, die zunächst ein Fähnchen mit der Aufschrift „Autonobile“ führen mussten ( Rechtsstreit mit dem ja weiter unter gleicher Symbolik
    des Wanderer-Ws produzieren – den WANDERERWERKes).
    Die Reihenfolge der Nennung der Einzelmarken im Zusammenhang wurde festgelegt nach Stellung der Anfangsbuchstaben im Alphabet: also nicht Horch voran, wie man heute oft liest, sondern Audi – DKW – HORCH – WANDERER !
    Da die nach DDR- Gründung endgültig liquidierte Auto Union AG in Ingolstadt als GmbH neu gegründet wurde
    und im Besitz sämtlicher Markenrechte war, aber bis 1965 ausschließlich Produkte der Marke DKW produzierte, war Audi 1965 nach Übernahme durch das VW- Werk also keine Neuerfindung sonder eine Wiederbelebung. Deren erstes Produkt war der letzte als DKW F102 völlig neu konstruierte Pkw der Auto Union GmbH, der durch Neukonstruktion des Vorderwagens unter Anpassung an den 4- Zylinder 4- Takt- Motor, der heute als Ur- Audi- Motor betrachtet wird.
    Genau genommen war er eine „Mitgift“ vom Vorbesitzer Daimler- Benz.

  3. Und er trägt sie doch,die vier Ringe.
    Denn wenn es sie nicht gegeben hätte würde ich bezweifel daß es diese Autos gebaut worden wären.
    Die Gründung der Auto Union war ein der einzige richtige Schritt der Rettung von Horch DKW und Audi.Wanderer war Recht solvent und ist dennoch mit ins Boot gesprungen.
    Auch hätte es die Sächische Staatsbank schwer getroffen
    ,von den vielen Arbeitskräften ganz zu schweigen.
    Ein richtiger Schritt den Omas Bruder R.Bruhn gemacht hat.
    Viele Grüße von Martin Kruse aus der Maschinenwerkstatt

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