Willkommener Gast im Gestern: Dürkopp P8 8/32 PS

Wer hat nicht Sehnsucht nach der heilen Welt von gestern? Darunter versteht gewiss ein jeder etwas anderes und ob in diesem Gestern wirklich alles heile war, darf bezweifelt werden.

Und doch hat man zumindest eine Vorstellung von der Welt, wie sie eigentlich sein sollte, wenn man die normalen Leute einfach ihr Leben leben ließe – ohne aggressive Ideologien, Feindbilder, Propaganda, Terror usw.

Natürlich verhielt es sich von einigen Phasen des Friedens, der Prosperität und kulturellen Blüte die meiste Zeit der Geschichte über anders. Die dem Menschen als Art wohl von Natur aus innewohnende Tendenz zur Verdrängung und Unterdrückung als Konkurrenz empfundener Mitgeschöpfe tritt immer wieder zutage.

Gleichwohl halten wir gerne fest an der Vorstellung, dass es doch zumindest Zeiten und Orte gibt, an denen sich wenigstens oberflächlich ein ungestörtes Idyll einstellt.

Ein Dokument, auf dem so ein Augenblick – näherungsweise – wiedergegeben ist, möchte ich heute vorstellen.

Ich verdanke es Leser Matthias Schmidt (Dresden) und es gefällt mir auch deshalb so gut, weil es wieder einmal ein Bespiel dafür ist, dass Vorkriegsautos keine industriellen Fremdkörper in einer Welt waren, deren Erscheinungsbild über Jahrhunderte ausschließlich vom individuellem Wirken zahlreicher Handwerke bestimmt wurde.

Hier haben wir die Aufnahme, die mich denken ließ, dass vor ziemlich genau 100 Jahren ein wohl nagelneues Automobil ein willkommener Gast in der Welt von gestern war:

Dürkopp Typ P8 8/32 PS; Originalfoto: Sammlung Matthias Schmidt (Dresden)

Vor einem Fachwerkhaus im norddeutschen Stil haben sich mehrere Generationen einer Familie zum Fototermin versammelt – der Anlass scheint das Eintreffen eines Autos gewesen zu sein, das man soeben selbst erworben hatte oder von einem Verwandten vorgestellt wurde.

Dem Nummernschild nach zu urteilen, war der Wagen im Landkreis Helmstedt in der Nähe von Braunschweig zugelassen.

Dort finden sich heute noch viele solcher Fachwerkbauten in guter Erhaltung, gepflegt von ihren Besitzern und meist ohne die geschmacklosen Veränderungen ab den 1950er Jahren, die in meiner Heimatregion Wetterau soviel historische erhaltene Bausubstanz ruiniert haben.

Das kurze Kleid der etwas zerknirscht dreinschauenden jungen Dame im Vordergrund deutet auf eine Entstehung der Aufnahme um die Mitte der 1920er Jahre hin.

Dazu passt der hell lackierte Tourenwagen sehr gut, denn diese Art moderater Spitzkühler fand sich bei deutschen Autos bis etwa 1925.

Beiderseitig der Kühlerspitze ist ein stilisiertes „D“ zu erkennen – das Emblem der Bielefelder Traditionsmarke Dürkopp. Die Automobilproduktion der vor allem für ihre Fahrräder und Nähmaschinen bekannten Marke ist so gut wie nicht dokumentiert, dennoch finden sich genügend Prospekte, Reklamen und Fotos, aus denen man sich ein Bild machen kann.

Nach dem 1. Weltkrieg baute Dürkopp vor allem den Vierzylindertyp P 8/24 PS in größeren Stückzahlen – selten sind Fotos wie das nachfolgende daher keineswegs:

Dürkopp Typ P8 8/24 PS; Originalfoto aus Familienbesitz (Dr. Siegfried Roth, Rüsselsheim)

Allerdings wiesen die Exemplare der frühen 1920er Jahre offenbar noch anders gestaltete Luftschlitze in der Motorhaube auf – weniger und breitere als bei dem Exemplar auf dem Foto von Matthias Schmidt.

Auch das Fehlen von Vorderradbremsen ist ein Hinweis auf eine Entstehung vor 1925. Wann genau Vierradbremsen beim Dürkopp P 8/24 PS zumindest optional erhältich waren, ist mir nicht bekannt.

Die Einführung begann nach meiner Wahrnehmung bei den meisten deutschen Autoherstellern fließend ab 1924. Nach 1925 findet man so gut wie keine Wagen mehr ohne gebremste Vorderräder.

Allerdings ist dies bisweilen nicht klar zu erkennen, speziell wenn die vorderen Bremstrommeln kleiner waren als die hinteren – ier ein Beispiel aus meinem Dürkopp-Fundus:

Dürkopp Typ P8 8/32 PS; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Dennoch meine ich aufgrund der modernisierten Haubenpartie hier einen Dürkopp des leistungsgesteigerten Typs PA 8/30 PS ab 1925 zu sehen.

Dieser Wagen entspricht von der Farbgebung abgesehen vollkommen dem in Helmstedt zugelassenen Exemplar. Daher würde ich auch dieses als Dürkopp PA 8/32 PS ansprechen.

Beweisen kann ich das nicht, aber mangels Liteatur dürfte sich auch das Gegenteil schwer belegen lassen.

Letztlich ist es mir heute auch gar nicht so wichtig – Hauptsache, wir haben wieder einmal einen der gut aussehenden Tourer der Marke ans Tageslicht geholt, die heute völlig verschwunden zu sein scheinen.

Hier sind sie indessen willkommene Gäste aus der Welt von gestern.

Wer weiß, vielleicht findet sich ja dereinst doch noch jemand, der sich dieser Automobile in literarischer Form annimmt – Material zur Illustration ist ja genug vorhanden – etwa in meiner Dürkopp-Galerie.

Das muss für heute genügen – der anstehende Fund des Monats erfordert noch etwas Vorbereitung…

Michael Schlenger, 2025. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

2 Gedanken zu „Willkommener Gast im Gestern: Dürkopp P8 8/32 PS

  1. Und: was damals ein Neuwagen war sah man neben einem noch niemals von einer Staubwolke eingehüllten Karosserie – Glanz
    vor allem am damals noch recht vergänglichen Reifenprofil – und ob es noch rundum, einschließlich den Ersatzreifen das gleiche war wie bei dem Wagen auf Bild 2!

  2. Drei im Vergleich sehr interessante Aufnahmen sehen (und vergleichen) wir im heutigen Blog. Da wir (fast) nichts über die Fahrzeuge des norddeutschen
    Gemischtwarenladens Dürkopp wissen, ist hier die Bevölkerung der Aufnahmen das ergiebigere
    Feld der Heimatforschung:
    Bild 1 zeigt den zweifellos zu den Honoratioren des Braunschweig‘ schen Fachwerkstädtchens zählenden
    Herrn und Gebieters mit dem unerlässlichen Stumpen in der Rechten mit seiner Gemahlin in Bildmitte und den vier jüngeren Kindern in klassischer Anordnung: der Jüngste noch an der Hand der Mama, die ältere Tochter zieht den typischen Backfisch – Flunsch (denn sie würde wohl schon gern mal allein posieren), neben ihr in erhöhter Position auf dem Trittbrett (oder ist’s ein Laufsteg?) des neuerworbenen Familienmitglieds die jüngere Schwester, noch ganz die freundliche lächende Unschuld. Und wo ist denn der Bengel nur wieder?
    Hat der sich doch ins Auto geschlichen und linst frech durch Steuer!
    Und da man ja nach der schweren Kriegszeit modern war – und demokratiach, rief man das unscheinbare Kinderfrollein und die wohlgenährte Köchin aus ihrer Küche noch mit dazu.
    Sie gehörten ja jetzt zur Familie! Und der Chauffeur, er wurde immer mit einem „Herr“ vor seinem Namen benannt, gehörte selbstverständlich zu seinem großen dunklen, altmodischen Dienstwagen, und nun auch zu seinem kleinen Brüderchen, den der Herr Papa zur Freude seines jüngeren Nachwuchses für Schönwettertouren in der wärmeren Jahreszeit angeschafft hatte, vielleicht auf Anregung des Herrn Chauffeur der ihn von einem Kollegen empfohlen bekommen hatte.
    Und bald wollte ja auch Papa einen Führerschein erwerben, ganz bestimmt bis – nächstes – Frühjahr ! Dann könnte er selber mit Mama und den Kindern mal ’ne Fahrt „ins Blaue“ unternehmen….
    Übrigens: Der Fortschritt der Fotographischen Aufnahme- Technik machte so eine Home Story erst möglich. Ein Anruf und der örtliche Photographen – Meister schwang sich mit seiner
    Kamera im Leder- Etui aufs Fahrrad und erschien vor dem Haus der werten Kundschaft und so konnte dieses Bild entstehen :
    Papa im Alltagsanzug – ohne Krawatte, Mama im Hauskleid und nur der Kleine sollte doch wenigstens ordentlich aussehen, damit man Oma auch einen Abzug schicken könnte!
    Das gutbürgerliche Fachwerkhaus mit offenem Haupttor und rechts dahinter der Glastür zum Vorraum des Kontors, rechts angebaut die Garage für die großmächtige
    Limousine.
    Die beiden weiteren Foto- Dokumente, wie ich sie nennen möchte, zeigen zumindest phototechnisch Spitzenprodukte!
    Und Dürkopp- Typen noch vor Ausbruch der allrad- gebremsten Verzögerungstechnik, der damals die Kundschaft noch misstraute ‐ wegen der befürchteten (und auch real gegebenen) Schleudergefahr bei schlechten „Straßenvehältnissen“ oder gar schief ziehenden vorderen Bremsen auf steilen Pass- abfahrten – die einen das Lenkrad „aus der Hand rissen“.
    Ganz so einfach war das damals noch nicht !

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