Sprache ist mein Handwerkszeug. Mit ihrer Analyse und Anwendung verdiene ich das Geld, das ich nach Abzug des Tributs an eine Bürokratie fragwürdiger Befähigung, Ausgaben für Kraftstoff, Katzenfutter und anderes Lebensnotwendiges in der Beschäftigung mit allerlei Antiquitäten versenke.
Als Sprachhandwerker konservativer Prägung beobachte ich viele Veränderungen kritisch, etwa die Folgen der Rechtschreib“reform“, betrachte aber auch manches wohlwollend, da Sprache sich naturgemäß mit der Welt verändert, in der sie gesprochen wird.
In einem Italien, in dem noch Latein gesprochen wird, würde ich nach einer Weile zwar zurechtkommen (obwohl wir in der Schule nur aus dem Lateinischen übersetzt haben), aber das Melodische, Sinnliche, Opernhafte der von Dante, Bocaccio und Petrarca im 14. Jh. geadelten Volkssprache würde mir fehlen.
Und auch im modernen Italienischen kommt keiner an Lehnwörtern wie „Podcast“ und Co. vorbei, es gibt schlicht keine praktikable Alternative und die Amis sind nun einmal Meister im Prägen von eingängigen Begriffen, speziell wenn sich damit Geld verdienen lässt.
In den Sprachen, die solche Fremdwörter in ihren Wortschatz aufnehmen, kommt es dabei mitunter zu interessanten Bedeutungsverschiebungen.
Bezeichnet „Mail“ im Englischen jede Postsendung, meint der Begriff bei der Verwendung im Deutschen nur die elektronische Nachricht – die „E-Mail“. „Schick‘ mir ’ne Mail„, meint immer die digitale Variante, es ist sogar das Verb „zumailen“ entstanden.
Im Deutschen funktioniert diese Form der Integration in die Grammatik besonders gut, im Italienischen dagegen nicht. Dort spricht man Fremdwörter dafür so aus, als ob sie schon immer zum eigenen Bestand gehörten. So wird aus „vintage“ dort „vintadsche“.
Nach dieser wie immer für Sie völlig überflüssigen, aber für mich notwendigen Einleitung, komme ich nun zur Sache.
Heute bringe ich einen „Special“ und noch dazu einen, der schon vor fast 100 Jahren per „Mail“ (damals noch als Post zu verstehen) versandt wurde.
Eine nicht der Serie entsprechende Sonderausführung eines Automobils, die per Postversand zugestellt wurde, das klingt auch für das Berlin der Vorkriegszeit mit seiner legendären Logistikkompetenz eine Nummer zu gewagt.
Und doch verhielt es sich genau so, zumindest in einem Fall. Regelmäßige Blog-Konsumenten erinnern sich bestimmt an diese Aufnahme eines Dixi-Cyklon 9/40 PS:

Die spannende Geschichte dieses 6-Zylinderwagens, der in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre sowohl als Cyklon 9/40 PS als auch als Dixi 9/40 PS verkauft wurde, wird hier (vor allem in den Kommentaren) beleuchtet.
Ich spreche diesen bislang nur schlecht dokumentierten Wagentyp bewusst als Dixi-Cyklon an, da eine wirklich eigenständige Cyklon-Variante unwahrscheinlich ist. Nach den bisherigen Recherchen gab es nur Versionen mit Dixi- bzw. Cyklon-Kühleremblem.
Ansonsten unterschieden sich die wohl durchweg in den Eisenacher Dixi-Werken gebauten Autos nicht. Die Limousine erhielt einen Ganzstahlaufbau von Ambi-Budd (Berlin), welcher auch von Adler für seine Modelle „Favorit“ und „Standard 6“ verwendet wurde.
Man erkennt diese vor allem an dem großen Abstand zwischen der seitlichen Zierleiste und der Fensterlinie. Das findet sich so auf allen mir bisher vorliegenden Aufnahmen, die einen Dixi-Cyklon 9/40 PS als Limousine zeigen – nur die Kühlerembleme variieren.
Doch das Bild änderte sich kürzlich, denn ein gewisser P. Wilke (wohnhaft in der Willibald-Alexis-Str. 9 in Berlin-Kreuzberg) schrieb einst auf einer Ansichtskarte „Hier schicke ich Ihnen Ihr Auto“ und gab auf der Rückseite das Konterfei desselben wieder.
Für mich besteht kein Zweifel daran, dass auch dieser per „Mail“ versandte Wagen ein Dixi-Cyklon 9/40 PS war, nun mit „Dixi“-Emblem (siehe hier).
Der Limousinenaufbau weicht deutlich von dem ab, der üblicherweise von Ambi-Budd für dieses Fahrzeug geliefert wurde. Die oben erwähnte seitliche Zierleiste ist verschwunden und jetzt ist auch die Hintertür vorne „angeschlagen“.
Genügt das bereits, um hier von einem serienfernen „Special“ zu sprechen? Ich vermute, dass der Besitzer dieses Dixi-Cyklon 9/40 PS schlicht eine andere Karosseriebaufirma mit dem Aufbau dieses wohl nur selten gebauten Wagens beauftragte.
Aber welche? Dieses Geheimnis hat der einstige Besitzer aus Berlin-Reinickendorf wohl mit ins Grab genommen, dem einst P. Wilke sein Auto „zumailte“ – aber lesen Sie die Story einfach selbst…
Michael Schlenger, 2025. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.
Danke für die bedenkenswerten Anmerkungen. Bekanntlich war solch ein simpler 40 PS-Dixi nach deutschen Maßstäben ein Luxusobjekt. Die wenigen Leute, die sich in Deutschland überhaupt ein richtiges Familienauto leisten konnten, hatten im Einzelfall wohl auch das Kleingeld für einen Spezialaufbau. So wie es keinen rationalen Grund gab, damals so einen Dixi und nicht ein überlegenes US-Modell zu kaufen, so gab es auch keinen rationalen Grund, die 0815-Karosse von Ambi-Budd zu akzeptieren, die schon von Adler tausendfach unter die Leute gebracht wurde. Hier hat ein Käufer sich bewusst für einen Dixi und bewusst und für eine nicht ganz serienmäßige Karosserie entschieden. Das macht ein Teil der Autofans ja noch heute so – und sei es, dass man nachträglich etwas Individuelles aus einem Großserienauto kreiert.
Besten Dank! Bemerkenswert, dass dieser offensichtliche „Dixi“-Cyklon nur als „Cyklon“ registriert war. Entscheidend war wohl, was in den Papieren stand und nicht auf dem Kühleremblem.
Danke für die interessante Latein-Lektion (ich schätze solche fundierten persönlichen Abschweifungen sehr), aber vor allem für die Korrektur meines Fehlers, was den „Anschlag“ der Türen betrifft. Jedenfalls unterscheidet sich dieser von der Ambi-Budd-Ausführung, darauf kommt es an. Mein Eindruck ist der, dass die dünne Schicht in Deutschland, die sich überhaupt Automobile leisten konnte, auch bei eher einfachen Autos gern zu einer Manufaktur-Karosserie griff, schlicht weil man es sich leisten konnte. Das wird vor allem an den vielen US-Wagen deutlich, bei denen gerade nicht die preisgünstige Großserienkarosserie gekauft, sondern ein Spezialaufbau aus deutschen Landen beauftragt wurde. Im Einzelfall war alles möglich, sofern man die Moneten dafür hatte und das illustrieren die vielen individuellen Karosserien auf Basis von Massenprodukten. Das könne auch für diesen Dixi-Cyklon gegolten haben…
Es ist schon erstaunlich, dass sich jemand eine „besondere“ Limousinenkarosse auf ein Chassis und des billigsten deutschen Sechszylinders am Markt hat setzten lassen, wo doch sicher die Ambi-Budd-Ganzstahlvariante über jeden Zweifel erhaben war.
Ein ganz interessantes Foto von einer Karosserie die ich bisher auch noch nicht kannte.
Die Fa. Buhne hat auf Dixi Cyklon 9/40 Landaulet-Karossen für den Taxi-Betrieb in der Hauptstadt gefertigt, bei denen waren die Hintertüren ebenfalls vorn angeschlagen. Diese hatten jedoch den Türgriff auf unterschiedlicher Höhe zur Vordertür.
Auch gab es elegante Cabrios von Karmann.
Aber eine so (Entschuldigung) schnöde Limousinenkarosse von einem separaten Karosseriebauer musste schon besondere innere Qualitäten besessen haben, oder ganz besonders günstig gewesen sein.
Auf jeden Fall ein toller Fund.
Viele Grüße René
Laut Dietlers Auto-Adressbuch für Groß-Berlin 1932 war der Wagen mit dem Kennzeichen IA-70972 ein 40-PS-Cyklon, zugelassen auf H. Hewusz (nicht Hewusch), wohnhaft Engelmannweg 17 in Reinickendorf.
Entgegen meiner sonst geübten Enthaltsamkeit wiill ich heute mal auf die „kulturkritische“ Einleitung unseres Blogwarts eingehen : Das Lateinische, so wie es an uns überkommen ist, diente Jahrtausende als inter- „nationale“ Herrschaftssprache und ist als solche „tote“ Sprache mit Entwicklung eines elitären Bildungs- und Ausbildungssystems über die Jahrhunderte überliefert und gepflegt worden auf dem tragenden Ideologischen Unterbau der Katholischen Kirche. Es hat sich mit der Ablösung der Wissenschaften von der kirchlich dominierten Geisteswelt und Errichtung universitärer Bildungsstrukturen als internationale Wissenschaftssprache etabliert und der allgemeinen Verständigung uber alle Sprachgrenzen hinweg gedient.
Mein Großvater, Absolvent des Dresdner Kreuz- Gymnasiums und als solcher des Lateinischen
wohl fließend mächtig, erzählte gern, er habe sich auf einer seiner ersten Forschungsreisen (1911) im Zugabteil der spanischen Eisenbahn mit einem – höheren – Geistlichen auf Latein sehr gut unterhalten können. Ebenso ergab es sich, daß er an seinem letzten Wohnort in Bayern beim Milchholen im Kuhstall die ersten Verse der „Ilias“(auf altgriechisch) im Chor mit dem Bauern hersagen konnte. Dieser hatte das Freisinger bischöfliche Gymnasium absolviert, weil er eigentlich Geistlicher werden sollte, nach dem plötzlichen Tod des Vaters (nach Hufschlag) aber den Hof übernehmen mußte.
Erkenntnis: Die allgemeine Verständigungsloaigkeit unter den Völkern der Erde und Erfolglosigkeit von Versuchen, die „Weltsprache“ zu schaffen (etwa „Esperanto“) war das Lateinische auch immer ein Herrschafts- Instrument der Eliten!
Zum heutigen „Auto- Bild“ wäre nur zu bemerken, daß die „andere“ Karosserie der Berliner DIXI- Limousine keineswegs hinten angeschlagene Türen hatte wie man bei aller Unschärfe den glänzenden Strichen der Türgriffe entnehmen kann, die ja gegenüber der Anschlag- Seite liegen!
Das diese zweifellos „andere“ Karosse ein Werk individueller Kunden- Vorstellung war ist unwahrscheinlich.
Zuliefer- Karossen wurden ja Los- weise vergeben und von den Karosserie- Fabriken nach Kapazität (und Kundenpriorität)
zugeliefert. War also eine Auto- Fabrik in den Stückzahlen den Lieferjapazitäten des Hauptzulieferers deutlich voraus, musste sie sich einen Zweit- Lieferanten suchen.
Diese handwerklichen Fabrikanten hatten dann des Problem, mit dem Lieferanten der Hauptserie (wie z B. dem Großhersteller Ambi Bud) preislich mithalten zu müssen!
Dankeschön!
Hallo,
während sich Herr Wilke als Mechaniker in den Berliner Adressbüchern der Zeit wiederfindet, ist für den Zeitraum 1931-1933 weder ein H. Hewusch, H. Hewisch oder H. Hewusz im Berliner Adressbuch nachzuweisen. Er wird also wohl als Untermieter dort gewohnt haben.
Gruß,
KD