Ich war erst einige Monate alt, kann mich also nicht mehr daran erinnern, dennoch weiß ich, dass im Jahr 1969 die SPD-Bundesregierung unter Willy Brandt mit dem Motto „Mehr Demokratie wagen“ in die neue Legislaturperiode startete.
Mit diesem Konzept und dem Personal von damals wäre der einst ehrwürdige Arbeiterverein heute wohl nicht da, wo er sich von den Zustimmungswerten in unseren Tagen befindet – aber lassen wir das.
Auch wenn ich der Ansicht bin, dass wir in existenziellen Fragen mehr (direkte) Demokratie brauchen, möchte ich die heutige Betrachtung unter das scheinbar abwegige Motto „Mehr Monarchie“-Wagen stellen.
Tatsächlich halte ich die Monarchie für eine großartige Sache – vorausgesetzt ihre Vertreter haben nur repräsentative Aufgaben und ansonsten nichts zu melden.
Als formal oberste (und teuerste) Angestellte des Staats wären die hohen Herrschaften strikt dazu verpflichtet, dem Volk gehobene Lebensart vorzuleben – also ein Vorbild in Sachen Stil und Umgangsformen zu sein – und gleichzeitig das niedere Bedürfnis der Masse nach Sensationen und Skandalen laufend zu bedienen.
Vorbildlich in beiderlei Hinsicht sind auf dem Sektor bekanntlich die Briten und daher gibt es auf der Insel keine ernsthaften Versuche, der zugkräftigen Show der Royals den Strom abzustellen.
Was läge näher, das auf deutsche Verhältnisse zu übertragen?
Immerhin gibt es Familienbande zwischen dem britischen Haus Windsor und den Bewohnern der Immobilie, welche auf dem folgenden Foto im Hintergrund zu sehen ist.

Na, was sagen Sie? Kann man es wagen, sich ein perfekteres Autofoto vorzustellen? Ich meine hier ist alles auf’s Glücklichste versammelt:
Die uralte Niststätte der deutschen Monarchie in Form der Hohenzollernburg, dann ein Wagen aus den Vereinigten Staaten, ohne deren Kriegseintritt 1917 das erste demokratische Experiment in deutschen Landen wohl nicht zustandegekommen wäre, sowie sympathisch wirkende Monarchie-Touristen, die genau wissen, wie man sich in der Öffentlichkeit zur Freude der Mitmenschen präsentiert und selbst Spaß dabei hat.
Man stelle sich eine auf unsere Zeit übertragene Variante davor: eine Familienkutsche von Kia vor dem Sichtbeton des Kanzleramts und ein in buntem Funktionsfummel posierendes Paar mit schlecht gelaunt dreinschauender Tochter mit Piercing und orange gefärbten Haaren (wahlweise zu ersetzen durch Ihre private Horrorvorstellung).
Sie sehen, was ich meine, wenn ich die Variante „Mehr Monarchie“-Wagen bevorzuge…
Apropos Wagen: Von diesem durchaus repräsentativ wirkenden Modell – einem Chrysler „Four“ von 1926/27 – sind uns schon einige mit deutscher Zulassung begegnet. Bereits vor der großen 6-Zylinder-Offensive der US-Hersteller Ende der 1920er Jahre fanden amerikanische Vierzylinderwagen beachtlichen Absatz in Deutschland.
Die praktisch in beliebigen Stückzahlen herzustellenden US-Großserienmodelle mit solider Motorisierung und der am Heimatmarkt erforderlichen robusten Ausführung stießen in die Lücke, die sich zwischen der stetig wachsenden Nachfrage und der kaum steigerbaren Produktion der deutschen Manufakturhersteller auftat.
Zeitweise erreichte die Dominanz von US-Fabrikaten in der gehobenen Klasse in Deutschland an Monarchie grenzende Ausmaße.
Das im Raum Stuttgart zugelassene Exemplar auf dem heute präsentierten Foto war also keineswegs ein Exot auf deutschen Straßen. Das muss man sich immer wieder vor Augen führen, wenn man die Markenauswahl bei „Oldtimer“-Veranstaltungen hierzulande in unseren Tagen Revue passieren lässt.
Die in den 1920er und noch frühen 1930er Jahren allgegegenwärtigen „Amerikanerwagen“ sind nahezu ganz verschwunden. Selbst die öfters anzutreffenden Ford Model A sind fast immer neuzeitliche Importe (häufig aus europäischen Ländern).
Nur im Osten der Republik haben einige der einst so gängigen US-Wagen überlebt – vielleicht weiß ja jemand sogar von einem solchen Chrysler „Four“, der noch existiert.
Jedenfalls werden Sie mir (hoffentlich) zustimmen, wenn ich (linguistisch etwas fragwürdig) sage: In der Form, wie ich sie auf dem heutigen Foto zeigen durfte, möchte man durchaus mehr „Monarchie“-Wagen…
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In der Tat – die Kühler“figur“ ist ein ziemlich sicheres Kennnzeichen, dass man es mit einem Chrysler und nicht mit einem „Gauloise“ zu tun hat…
Den Imperial hätte ich fast für einen Vauxhall gehalten, doch wie beim Four erinnert mich die Kühlerfigur an Asterix – denn diese sieht auf den historischen Aufnahmen oft wie ein gallischer Helm aus :
https://www.goodingco.com/lot/1928-chrysler-imperial-series-80l-roadster/
https://carsonline.bonhams.com/en/listings/chrysler/imperial-80/18c038e3-bdee-4e5c-947a-431f80f97167
Hinzu kam, dass Chrysler neben dem „Four“ gleichzeitig mehrere Sechszylinder sowie auf ganz langem Chassis den mächtigen Imperial im Programm hatte. Intelligente Produkt- und Preisdifferenzierung in Verbindung mit großen Serien war und ist ein unschlagbares Rezept auf anspruchsvollen Märkten.
Betreffs der Weimarer Reichsverfassung möchte ich mich durchaus als Befürworter dieser viel direkteren Demokratieform bekennen; denn unter anderen Umständen wie eben zwischen den 1950er und 1970er Jahren hätte sie weitaus mehr Bestandskraft gehabt. Aber greift man etwa zu dem 1924 erschienenen Buch von E.A.Powell „“Mit Auto und Kamel zum Pfauenthron“, so gibt dieses streckenweise exakt die heutige Lage in diesem Reisegebiet wieder, um global betrachtet nur diesen Teilbereich zu benennen. Also besser zurück zu schöneren Formen, die wir hier wie vor 100 Jahren erblicken dürfen : Der Chrysler Four war hierzulande sehr präsent; ich habe gerade 2 weitere Bildbelege gefunden – einer wie der NAG aus Schlesien und der andere aus dem vormaligen Großherzogtum Baden. Der NAG wirkte wohl majestätischer, doch auch der Chrysler bot in dieser Karosserieform insgesamt 6 große Seitenfenster, was auf einen hinreichend dimensionierten Passagierraum hinweist. Die Jahresproduktion des Chrysler lag mit 80.000 Stück weit hinter Ford und Chevrolet, überbot aber NAG um das Hundertfache.