Die besten Dinge erlangt man nicht durch größtmögliche Anstrengung und Verschleißen der Kräfte, sondern durch Erkennen der eigenen Möglichkeiten sowie beharrliche Arbeit und Weiterentwicklung in diesem Rahmen – der Erfolg stellt sich dann von selbst ein.
Das beschreibt den Fund des Monats 2025 beinahe perfekt – in doppelter Hinsicht.
Zum einen bekomme ich nach 10 Jahren Bloggerei zum Thema Vorkriegsautos auf alten Fotos immer mehr und immer besseres Material von anderen Sammlern. So schickte mir Claus Wulff aus Berlin den diesjährigen Kandidaten zu.
Zum anderen ist das heute vorgestellte Auto selbst das Ergebnis eines disziplinierten Vorgehens unter realistischer Einschätzung der eigenen Fähigkeiten, überlegter Nutzung der Ressourcen anderer und zielgerichteter Fortentwicklung auf solider Grundlage.
Das kennzeichnet den Ansatz von Horacio Anasagasti (geboren 1879), der 1902 seinen Universitätsabschluss als Ingenieur erlangte. 1909 oder 1910 (je nach Quelle) gründete er unter seinem Namen eine Firma, die zunächst auf die Reparatur von Motoren sowie den Vertrieb hochwertiger Autos wie Isotta-Fraschini ausgerichtet war.
1910 stellte Anasagasti einen selbstentwickelten 4-Zylindermotor vor und beschloss, in die Autoproduktion einzusteigen. In realistischer Einschätzung des eigenen Könnens stellte er Kontakte zu hauptsächlich französischen Lieferanten her, die alle wesentlichen Bauteile in bewährter Qualität liefern sollten.
Trotz des präsentierten Prototyps entschied sich Anasagasti gegen eine eigene Motorenproduktion. Für die 1910/11 anlaufende Produktion (die Angaben variieren), kaufte er hauptsächlich Motoren (12/15 HP) der etablierten Marke Ballot zu.
Aus eigener Fertigung stammte vor allem der Aufbau, wobei wie damals üblich Tourerkarosserien überwogen. Genau so ein Fahrzeug sehen wir auf dem Foto, das mir Claus Wulff zur Präsentation als Fund des Jahres zugesandt hat:

Jetzt mögen Sie vielleicht denken, dass so ein Wagen kurz vor dem 1. Weltkrieg doch völlig konventionell war – hunderte Hersteller hatten damals so etwas in Europa im Programm, von den USA ganz abgesehen. Und das Foto stammt ja aus Europa, wie überliefert ist.
Gewiss, aber dieser nach seinem Hersteller benannte Anasagasti war dort, wo er entstand, nicht konventionell – das hatte ich ja ganz vergessen zu erwähnen. Denn montiert und mit einer lokalen Karosserie versehen wurde dieser Wagen in Buenos Aires (Argentinien)!
Doch nicht nur das macht den Wagen so außerordentlich interessant. Zwar gab es in Argentinien – vor dem 1. Weltkrieg eines der 10 reichsten Länder der Welt nach Pro-Kopf-Einkommen (noch vor Deutschland) – einen wachsenden Absatzmarkt, doch den dominierten mangels lokaler Hersteller Anbieter aus Europa.
Was macht man nun als erster argentinischer Autoproduzent, um seiner Marke zum erforderlichen Renommée zu verhelfen? Nun, man nimmt gezielt an prestigeträchtigen Sportveranstaltungen in Europa teil. Mit dort erworbenem Lorbeer ließ sich daheim gut werben und der eine oder andere Wagen sollte dann auch europäische Käufer finden.
Das wird wohl die Überlegung von Horacio Anasagasti gewesen sein und zumindest mit den Sporterfolgen sollte er auch recht behalten – nachfolgend eine Auswahl:
Juli 1912: Paris-Madrid (1515 km; Sieg ohne Strafpunkte)
August 1912: Calais-Rennen (Bronzemedaille)
September 1912: Rally nach San Sebastián (1332 km; ohne Strafpunkte)
Oktober 1912: Côte de Guillon-Bergfahrt (Sieg in der Kategorie)
Februar/März 1913: Tour de France (drei 15-HP-Sport; 2 Top-Platzierungen, Eleganzpreis)
Klingt erst einmal eindrucksvoll, oder? Aber solche Erfolge heimst man doch nicht mit so einer „zivilen“ Ausführung ein, mag man jetzt einwenden. Und Zeit für einen Fotohalt hatte man unterwegs auch noch:
Doch genau so verhielt es sich – das war einer der Anasagasti-Wagen, mit dem die Marke damals durch Europa tourte, sehr wahrscheinlich in Frankreich aufgenommen.
Schaut man genauer hin, zeigt sich indessen, dass es sich bei den genannten Sportveranstaltungen meist um Zuverlässigkeitsfahrten handelte – und da hatte man natürlich gute Karten, wenn man mit einer zwar zeitgemäßen, aber ausgereiften Konstruktion antrat.
Ein übriges taten dabei einige Verbesserungen an Schmierung und Fahrwerk, die man mit Blick auf die Verhältnisse am argentinischen Markt gezielt vorgenommen hatte.
So gesehen ging das Konzept durchaus auf. Doch jetzt kommt die andere Seite der Medaille(n):
Nicht bedacht hatte man zweierlei: Zum einen bot der Anasagasti keinen praktischen Vorteil für die Nutzung im Alltag – ein europäischer Interessent konnte ebensogut ein heimisches Produkt kaufen, ohne die Kosten und Probleme, die mit einem Nischenfahrzeug aus Übersee verbunden war.
Im Unterschied zu den US-Herstellern, die schon damals ein Niederlassungsnetz in Europa betrieben, über das Ersatzteile zu bekommen waren, hatte man „vergessen“, dass so ein Wagen auch beworben, verkauft und während seiner Lebensdauer versorgt sein wollte.
Weshalb sollte sich jemand auf das Abenteuer einlassen, einen solchen Exoten zu einem kolossalen Preis zu kaufen, der sich noch dazu weder äußerlich noch technisch irgendwie vom breiten Markt abhob?
Das Fatalste aber war, dass mit dem Beginn des 1. Weltkriegs 1914 die französischen Zulieferer ausfielen – DAS konnte Anasagasti mit keinen Achtungserfolgen kompensieren.
So endete die Produktion 1915 nach nur 30-50 Fahrzeugen – ohnehin auch für damalige Verhältnisse eine sehr geringe Zahl über drei Jahre betrachtet.
Überlebende Fahrzeuge fanden sich danach angeblich noch eine Weile in Buenos Aires – was nebenbei darauf hindeutet, dass auch die Rechnung nicht aufgegangen war, sich bei gut betuchten Argentiniern zu etablieren. Die kauften sich weiterhin Wagen aus Europa und zunehmend aus den USA.
Damit hätte diese Geschichte eigentlich ein trauriges Ende gefunden, doch das Neue Jahr steht bevor und das sollten wir auch beim Fehlen von Gründen mit einer positiven Note beginnen – denn vielleicht hebt es wenigstens die Stimmung im Privaten.
So unglaublich es klingt, existieren heute noch zwei dieser interessanten Automobile – eines können Sie hier bestaunen und bei der Gelegenheit auch den Markenschriftzug in aller Pracht studieren.
Wenn Sie jetzt spontan denken (Achtung dieses Wortspiel funktioniert nur auf deutsch): „Mehr Argentinien Wagen“, dann habe ich zwar Zweifel, was weitere solcher argentinischen Vorkriegsautos angeht, die es einst nach Europa schafften.
Aber für mich als liberalen Ökonomen eignet sich „Mehr Argentinien wagen“ angesichts der eindrucksvollen Befreiung des Landes von der alles lähmenden Staatswirtschaft seit dem Amtsantritt von Javier Milei durchaus als Motto für 2026.
Es muss nicht gleich ein Kettensägenmassaker sein – aber ein beherzter Einsatz der Blechschere, dort wo es nottut, und der Einsatz des Schweißgeräts, wo Stabilität und Struktur gefragt sind – das wäre schon ein Fortschritt im alten Europa.
Was auch kommt, wir treffen uns hier wieder im Neuen Jahr – kommen Sie gut rein und machen Sie das Beste draus!
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Danke für die Ergänzung und nochmals für die Inspiration!
Auch das eigene Foto darf man ja kommentieren. Deshalb hier meine Anmerkung. Bis zum Erwerb des Fotos dachte ich, dass es nur die umgekehrte Bewegung gab, wonach europäische Hersteller nach Argentinien exportierten. Und dann kam der Beweis, dass es auch umgekehrt versucht wurde. Lt. der Rückseite des Fotos mit einem Stempel wurde das Bild von der AGENCE DE REPORTAGE DE PHOTOGRAPHIQUE gefertigt und handschriftlich mit der Bemerkung ergänzt: Dans les Alpes. Nachträglich sind diese Beschriftungen offensichtlich nicht angebracht. Aus dem Zusammenspiel von Vorder- und Rückseite des Fotos ergibt sich für mich ein würdiges Foto des Jahres. Danke für die Besprechung und Veröffentlichung. Claus Wulff