Vom Schrott zum Schmuckstück: Simson Supra „Sport“

Meine nicht gerade seltenen Ausflüge in die Gefilde ausländischer Automarken im Vorkriegsdeutschland stoßen nur bei wenigen Lesern auf Resonanz – so stellte ich bei einer Auswertung der Zugriffsdaten im abgelaufenen Jahr 2025 fest.

Allerdings wendet sich dieser Blog ohnehin an keine breite Leserschaft – das Thema Vorkriegsauto in deutschen Landen hat sich im Unterschied zu Frankreich, England oder gar den USA weitgehend erledigt, was sich auch in der Preisentwicklung manifestiert.

So werde ich auch weiterhin vornehmlich das besprechen, was mich selbst interessiert – also das ganze Spektrum der einst bei uns präsenten Hersteller und das sind nun einmal nicht nur Adler, BMW, Hanomag, Horch, Mercedes, Opel und Wanderer.

Doch auch bei den heimischen Fabrikaten bringe ich gern immer mal wieder nicht so gängige und heute kaum noch bekannte Namen ins Spiel, um den Horizont zu weiten.

Heute ist so eine Gelegenheit und vielleicht hätte ich in früheren Jahren das hier sogar als Fund des Monats präsentiert:

Simson Supra „Sport“; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Was ist das denn für ein Schrott? Man erkennt ja kaum etwas auf diesem Foto! – Ja ich, weiß: was nicht besser als neu daherkommt, gilt in Deutschland vielen als minderwertig und unbeachtlich.

Das Verständnis für solche schwer mitgenommenen Zeitzeugen war und ist nur gering ausgeprägt – die frühen Sammler im Westdeutschland der frühen Nachkriegszeit können ein Lied davon singen: „Was willst Du mit dem Schrott?

Doch was Fortschritts- und Vollkommenheitsfetischisten als wertlos abtun, erweist sich dem historisch sensiblen Zeitgenossen als prezioses Schmuckstück – man muss allerdings etwas darin investieren, bis es wieder etwas von seiner Würde zurückerlangt.

Das gilt für historische Automobile im Maßstab 1:1, aber auch für solche kleinformatigen Restaurierungsobjekte. Zunächst muss man sich ein Bild davon machen, womit man es überhaupt zu tun hat.

Eine gründliche Reinigung und das Beseitigen leicht zu behebender Mängel lässt das Bild schon klarer werden:

Simson Supra „Sport“; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Bei der eingehenden Beschäftigung mit der Oberfläche und den noch vorhandenen Details sammelt man wertvolle Hinweise, was Identität und Charakter des Fahrzeugs betrifft.

Sie, liebe Leser, können das im Fall nur ansatzweise nachvollziehen, doch mir sind bei der Aufbereitung dieses alten Abzugs einige wichtige Dinge aufgefallen.

So besitzt der Wagen einen markanten Kühler mit nach vorne abfallender Oberseite, aus welcher der Einfüllstutzen für das Kühlwasser ein ganzes Stück aufragt. Das allein verweist schon auf die Marke Simson aus dem thüringischen Suhl, die in meinem Blog bisher nur mit „zivilen“ Fahrzeugen vertreten war.

Festzuhalten ist bei der Gelegenheit das nachgerüstete Kühlwasserthermometer im runden Gehäuse auf dem Einfüllldeckel. Das ist auf der Originalaufnahme leicht zu übersehen.

Auch treten nun die niedrigen Luftschlitze in der Motorhaube deutlicher zuvor. Merkwürdig bleibt, dass das Lenkrad zwei Fehlstellen aufweist – ein Defekt des Fotos selbst, vielleicht?

Klar ist nur, dass wir es hier mit einem Simson auf deutlich kürzerem Chassis zu tun haben als bei den bisher vorgestellten Wagen dieser Nischenmarke, die gewissermaßen einen Nebenkriegschauplatz des bedeutenden Waffenherstellers aus Suhl darstellte.

Sollte unsere „Schrottkiste“ in Wahrheit eines der Sportmodelle gewesen sein, die Simson Mitte der 1920er Jahre einigen Lorbeer einbrachten?

Simson Supra „Sport“; Originalreklame: Sammlung Michael Schlenger

Mit diesem Gerät hatten die Thüringer damals eine echte Waffe im Programm. Der von Paul Henze (zuvor bei Steiger) entwickelte Hochleistungsmotor quetschte aus nur 2 Litern Hubraum 50 bis 80 PS.

Diese damals phänomenale Leistung war vor allem dem hocheffizienten Ventiltrieb mit zwei obenliegenden Nockenwellen und vier Ventilen pro Zylinder zu verdanken. Das war Rennwagentechnik, die ungewöhnlich hohe Drehzahlen ermöglichte.

In der Sportszene der mittleren bis späten 1920er Jahre im deutschsprachigen Raum traten viele Privatfahrer erfolgreich mit dieser heißen Sportversion des Simson Supra an – dessen zivile Ausführung 8/40 PS nur eine obenliegende Nockenwelle und zwei Ventilen pro Zylinder besaß, was immer noch deutlich über dem damaligen Standard lag.

Was machen wir nun mit dem oberflächlich vom Staub und Schmutz befreiten Simson, nachdem wir erkannt haben, was wir da für ein „Präzisionsstück“ ergattert haben, wie die Werbeleute der Marke einst trefflich texteten?

Nun, wir sorgen dafür, dass der Wagen wieder auf die Straße kommt und dort zeigen kann, was er „drauf“ hat – oder eher drunter, unter der Haube nämlich.

Dabei haben wir das Glück, dass ein zweites Foto desselben Wagens die Zeit überdauert hat, an dem wir nun studieren können, was das für ein sportliches Schmuckstück war:

Simson Supra „Sport“; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Schick, nicht wahr? Ein Fotograf der Firma Gradl & Gürtner aus München hat den Simson einst in voller Fahrt abgelichtet, wie der Fotostempel verrät.

Schön und gut, mögen Sie jetzt sagen, aber wie soll man wissen, ob das wirklich derselbe (und nicht nur ein gleicher) Wagen war?

Diesen Einwand erwartend hatte ich bei der Besprechung des ersten Fotos einige Details hervorgehoben, welche einen entsprechenden Aha-Effekt begünstigen. Ich könnte noch die Gestaltung der Vorderkotflügel anführen, die sich so keineswegs an jedem Simson Supra in der Sportausführung fand – oder auch das Kennzeichen.

So, jetzt schauen Sie selbst, ob sich das schrottige Ausgangsmaterial hier nicht plötzlich ganz schmuck präsentiert:

Simson Supra „Sport“; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Nun fällt auch der Groschen, was das merkwürdig unterbrochene Lenkrad auf der Ausgangsaufnahme angeht.

Dafür waren die Streben der minimalistischen Streben der sportlich knapp gehaltenen Frontscheibe verantwortlich – man sah sie bloß nicht gegen den hellen Hintergrund.

Zufrieden mit dem heute Gebotenen? Das wäre vielleicht ein kurzes Wort der Anerkennung wert – ein „Daumen hoch“ oder „Gefällt mir“ genügt völlig.

Es gibt genügend Schrott in Sachen Vorkriegs“oldtimer“ im Netz (die einschlägigen Heftchen ignorieren das Thema sogar weitgehend). Wo sonst also bekommt man kostenlos und werbefrei ein solches Schmuckstück bequem ins Haus geliefert?

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23 Gedanken zu „Vom Schrott zum Schmuckstück: Simson Supra „Sport“

  1. Noch eine Frage zum Kennzeichen M – 766. Soll das M hier wirklich für München stehen? München hatte doch vor 1945 das Kürzel IIA.
    Steht das M nicht viel eher für das ab 1934 eingeführte Kürzel für Mecklenburg?

    Viele Grüße René

  2. Vielen Dank! Leider ist wie bei solchen via ebay erworbenen Bildern nichts über deren Herkunft bekannt. Habe noch ein paar andere Fotos ähnlichen Kalibers – ebenfalls von einem Münchener Fotografen, aber andere zeitgenössishce Sportwagen zeigend (u.a. Steiger und Dixi) – möglicherweise aus dem Nachlass des Fotografen selbst.

  3. Danke – toll, dass von den Wage mit Rennmotor noch einer existiert. Ein Foto können Sie über die Funktion „Leserbeiträge“ einreichen.

  4. Ja, Herr Schlenger, Daumen hoch ist wahrlich angebracht, und zwar Daumen im Plural, denn aller guten Dinge sind bekanntlich drei:
    👍👍👍
    Und dann habe ich noch einen Hinweis für Sie:
    Der Spende-Button lieferte mir folgenden Hinweis:
    „Wir können Ihre Spende nicht abwickeln. Das Konto dieser Organisation ist inaktiv.“
    Schade, denn ich hatte heute meinen spendablen Abend (nach total verkorkstem Tag).

    Zum „heißen“ Simson habe ich leider keinen sachlich-fachlichen Beitrag zu liefern.

  5. Ein klasse Schmuckstück, die Simson Auto-Sparte ist vielen weitgehend unbekannt. So meine Erfahrung. Dabei waren deren Lösungen sehr oft weit ihrer Zeit voraus. So wie hier beschrieben, die Motordaten.

    Für Liebhaber der Marke sei das Fahrzeugmuseum Suhl empfohlen. Es bietet, neben den bekannten Zweirädern, auch einige interessante Exponate der Simson-Auto-Epoche.

    Danke für diesen Beitrag.
    Gruß aus dem brandenburger Land
    M. Grunwald

  6. Auch ich möchte betonen, dass ich die Beiträge über die „Amerikanerwagen“ mit großem Interesse lese. Deren Bedeutung auf dem europäischen Markt ist mir vor allem durch diesen Blog aufgegangen. Da ich allerdings wenig Ahnung darüber habe kommt von mir dann kein Kommentar.
    Ebenso ging es mir mit den beiden Beiträge über die Reisen durch Italien: Interessiert gelesen, aber keine eigenen Erfahrungen südlich von Florenz. Danke also generell für die vielfältigen Mühen des Blog-Warts.

  7. Auch von mir gibt’s einen dicken Daumen nach oben.
    Die Beschäftigung mit ausländischen Vorkriegsfabrikaten finde ich zwar auch sehr spannend, insbesondere weil es deutlich macht, was es für eine gigantische Vielfalt an Marken und Modellen gab. Allerdings „zünden“ die deutschen Hersteller bei mir noch mehr, insbesondere solche Nischenmarken wie Simson im Sport-/Luxusbereich aber auch die vermeintlichen Volksautomobile und Kleinautos die in den 1920ern zu Hauf auf dem Markt waren.

    Am 25.08.25 hatte ich die Gelegenheit 5 der 6 bekannten Überlebenden Simson Supras is Suhl auf dem Oldtimertreffen bewundern zu dürfen. 3 standen draußen auf dem „Platz der deutschen Einheit“ die weiteren 2 direkt vis-a-vis im Museum.
    Insbesondere Motor des Typ S des Renners ( ehem. von Hermann Cornell) war eine Augenweide.
    Leider gibt es keine Funktion um dem Kommentar hier Bilder anzuhängen, sonst hätte ich ein paar Fotos dieses schmucken Motörchens hier gezeigt.

  8. Hallo Herr Schlenger,

    Hier nochmal eine Ergänzung zu meinem Kommentar vom Vormittag.
    Weil mich der heutige Bericht zu diesem außergewöhnlichen Sport- und Rennfahrzeug sehr interessiert hat und das Kennzeichen wie auch der Hinweis auf den Münchner Fotografen, den Standort München vermuten lassen, habe ich mal in den Rennlisten von 1924 – 1933 nachgeblättert. Neben Ernst Kotte, Dresden und Karl Kappe, Gernsbach, die bei zahlreichen Rennen viele Erfolge mit diesem Fahrzeug holten, gab es tatsächlich einen Rennfahrer aus München, mit Namen J. Mayr, der u.a. mit diesem Fahrzeug am Oberjoch Bergrennen im Allgäu 1926 in der Sport- u.Tourenwagenklasse den 1 Preis geholt hat. Es spricht also schon einiges dafür dass es sich um sein Fahrzeug handeln könnte. Vielleicht können sie meine Vermutung durch die Kaufdetails ,Kontakte, Rückmeldungen noch erhärten. Die Rennlisten stammen aus dem Buch der Rennfahrer Hans Stuck und E.G. Burggaller „ DAS Autobuch“ von 1933. Ich gehe mal davon aus dass sie das Buch besitzen, falls nicht kann ich gerne Kopien der betroffenen Rennlisten senden.
    Mit freundlichen Grüßen
    Wolfgang Hirmer

  9. Moin , gerade diese Nischenmarken und -modelle sind das Salz in der Suppe der damaligen „Einheits-Massenwagen“ . Und gerade in diesem Bereich gibt es noch viel zu erforschen . Simson ist da ja noch einer der „Großen“ …

  10. Schnappschüsse derart seltener und exklusiver „Bewohner“ unserer Straßen anno dazumal sind natürlich auch eine Bereicherung unseres Horizontes als Liebhaber der Teilnehmer historischen Kraftverkehrs – Daumen hoch für die Tätigkeit unseres Blogwartes !
    Ein sicher sehr rares Dokument eines solchen Spitzenproduktes deutscher Motoreningenieurs- Kunst – aber eben doch nur Spielzeug….
    Das von dem Rahmen der Sport- Scheibe verdeckte Lenkrad tritt zwar auf dem unbearbeitet Original- Abzug wenig , aber doch m.E. unübersehbar hervor und wird von der frontaleren Perspektive logisch bestätigt!

  11. Chapeau, was aus einer recht minderwertigen Aufnahme noch rauszuholen ist. Da staunt der Laie und freut sich im Stillen nicht zuletzt über die fantastische Ausarbeitung. Vielen, vielen Dank.

  12. Das Kühlwasserthermometer war kein durch den Besitzer nachgerüstetes Extra, sondern findet sich auf vielen zeitgenössischen Abbildungen des Simson Supra Sportmodells, so dass man wohl davon ausgehen kann, dass es zum Ausstattungsumfang dieses Modells gehörte.

    Zum Thema Schrottfotos: Künstlerisch hochwertige Autofotos erfreuen zwar das Auge, aber Aufnahmen jedweder Qualität von seltenen Fahrzeugen erfreuen das Herz des Enthusiasten.

  13. Die Streben der geteilten Windschutzscheibe als Ursache der „Durchbrechung“ des Lenkrads sah ich erst bei der frontaleren Perspektive, und die digitale Aufbereitung dieser 100 Jahre alten Aufnahmen, deren Bildabzug im halben Postkartenformat oft nur 10-12 cm in der Diagonale bemißt, ist schon ein Thema für sich. Ihre einleitenden Worte möchte ich umso mehr aufgreifen, denn ich finde die ausländischen Autos und besonders die „Amerikanerwagen“ aus den Jahren vor der Weltwirtschaftskrise sehr bemerkenswert, wenn sie mit deutscher oder angrenzender Zulassung hier zu sehen sind. Ob sächsisch-römisch beziffert, ob Thüringer Th, Berliner IA oder das schlesische IK – es vermittelt doch einen interessanten und wohl auch historisch bedeutsamen Eindruck, Buick und Brennabor, Simson und Studebaker, Peugeot und Presto so nebeneinander oder nacheinander zu betrachten, wie sie einst auch in 1:1 vorkamen.

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