Der sehr ins Ungefähre gehende Titel meines heutigen Blog-Eintrags kommt keineswegs von ungefähr.
Denn heute spielt ein bekanntes Schloss eine prominente Rolle und vor 100 Jahren (anno 1926) wurde „Das Schloss“ von Franz Kafka veröffentlicht – vielleicht dem schillerndsten Klassiker deutscher Sprache, wenn mir der Kalauer erlaubt ist.
Jeder kennt DAS Schloss, selbst wenn er das unvollendet gebliebene Werk nie gelesen hat.
Die dort vorzufindenden „kafkaesken“ Verhältnisse mit einer verselbständigten unbegreiflichen Bürokratie finden ihre Entsprechung jedoch nicht in dem für Effizienz, Bürgernähe und Realitätsorientierung bekannten Beamtenapparat unserer Tage.
Kafka kannte Brüssel noch nicht, aber schon die Welt an sich: Ein uns unausweichlich umgebender Apparat, in dem zu funktionieren wir Menschen gezwungen sind, dessen Sinn – falls vorhanden – wir aber letztlich nicht erfassen können.
Diese zeitlose Interpretation des Schlosses als Daseinsrätsel gefällt mir besonders. Keine Sorge, es wird ab hier nicht tiefsinniger – ich habe bloß die passenden Fotos dazu.
Das erste zeigt einen unscharf wiedergegebenen Tourenwagen der frühen 1920er Jahre, der alles Mögliche gewesen sein könnte – denn solche Autos mit Spitzkühler bauten damals viele Hersteller im deutschen Sprachraum:

Fabrikate wie Adler, Benz, Dürkopp, Simson und Steyr kommen hier in Frage – unter anderem. Jeder Versuch der Annäherung und Gewinnung von Gewissheit scheitert jedoch wie im Fall des tragischen Helden in Kafkas unvollendetem letzten Roman.
Eigentlich ein Foto, das man für unerheblich halten müsste, gäbe es nicht eine zweite Aufnahme desselben Fahrzeugs, auf der einem plötzlich einiges klar wird.
Das Schloss thront weiterhin unnahbar auf dem Felsen in der Ferne. Jeder kennt’s, versteht bloß nicht, was sich dort vollzieht. Aber das ist nichts Neues in der Welt der mutmaßlich Mächtigen. Ihnen nicht zuviel Aufmerksamkeit zukommen zu lassen, ist Lebenskunst
Interessanter und zugänglicher dagegen präsentiert sich davor der angekündigte Benz:
Das Schloss übt unverkennbar auch hier große Anziehungskraft aus, doch widerstehen wir dem Versuch, dem Treiben der Hohenzollern über die Zeit etwas abzugewinnen.
Sinnvoller erscheint es, sich auf die Sphäre des Unmittelbaren zu konzentrieren, die sich schon als komplex genug erweist. Denn auch wenn man hier denselben Wagen wie auf dem ersten Foto erkennt, bleibt vordergründig unklar, worum genau es sich handelt.
Wir vermögen dem Großen und Ganzen nicht seinen letzten Sinn abzuringen, doch für einige bodenständige Details reicht das Erkenntnisvermögen.
So offenbart sich dem entsprechend vorgebildeten Betrachter hier der Schriftzug „BENZ“ auf der Nabenkappe (jedenfalls auf dem Originalfoto):
Das passt ausgezeichnet zum übrigen Erscheinungsbild, wenn auch im Ungewissen bleiben muss, was für ein Typ aus dem Haus Benz das genau war.
Die Firma hatte nach dem 1. Weltkrieg nach wie vor ein umfangreiches Angebot – vom Typ 6/18 PS bis hin zu Hubraumriesen mit 70 PS. Letztlich liefern nur die Proportionen einen ungefähren Hinweis darauf, in welcher Klasse ein solcher Benz vor dem Zusammenschluss mit Daimler angesiedelt war – auch das war übrigens 1926.
Ich würde hier auf mittelstarke Modelle in der Kategorie von 30 bis 40 PS tippen. Letztlich ist es auch nicht wichtig – es gibt in unserem Hobby keine Punkte, wenn man das festnagelt.
Punkten bei den Freunden solcher Vorkriegsautos kann man eher, wenn man ihnen eine andere Perspektive abzugewinnen vermag – so wie mit dem heutigen Zusammentreffen mit Kafkas Schloss.
Analog zum Roman bleibt meine heutige Interpretation letztlich dem Betrachter überlassen – es gibt wie bei den Grundfragen des Daseins hier kein Richtig oder Falsch:
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