Vorsicht, frische Farbe! Ein Audi der frühen 20er Jahre

Heute unternehme ich den Versuch, das gewohnte Bild von einem Audi ein wenig zu korrigieren. Ob mir das am Ende gelingt, werden Sie mir im Zweifelsfall schon sagen.

Was einem heute unter der Marke „Audi“ auf der Straße begegnet. ist gewiss exzellent. Ein modernes Exemplar dieses Fabrikats steht einem Mercedes in nichts nach, ohne dass man sich zwischenzeitlich ähnlich eklatante Verarbeitungsmängel geleistet hätte.

Insofern markieren die großen Audis heute eine ähnliche Klasse wie einst die Wagen der Marke Horch, welche in der Auto-Union aufging, deren vier Ringe Audi sich nach dem 2. Weltkrieg angeignet hat.

Auf diese Weise hat man Audi neu erfunden – eine direkte Kontinuität zwischen den Vorkriegsaudis aus Zwickau und den Nachkriegswagen aus Ingolstadt gibt es meines Erachtens nicht.

Natürlich ist stets Vorsicht angebracht, wenn man den Versuch einer solchen Auffrischung alter Gene unternimmt. Im Fall der Nachkriegsmarke Audi war es tatsächlich ein sehr langer Weg, bis das Ergebnis wirklich überzeugte.

Heute will ich zeigen, dass sich das auch schneller bewerkstelligen lässt, wenn man nur beherzt und mit einer klaren Vorstellung ans Werk geht.

Auch in diesem Fall geht es darum, nach einem Weltkrieg ein Relikt von gestern neu zu beleben – und zwar dieses hier:

Audi Typ B 10/28 PS oder C 14/35 PS; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Dass sich dieser Tourenwagen mit typischer Zweifarblackierung überhaupt als Audi ansprechen lässt, erfordert schon einige Erfahrung. Den Schlüssel zur Identifizierung liefern die Kühlergestaltung sowie Zahl und Anordnung der Haubenschlitze.

Da Vorkriegs-Audis immer nur in Manufaktur und speziell vor dem 1. Weltkrieg in nur sehr geringen Stückzahlen gebaut wurden, ist es gar nicht so einfach, genügend Vergleichsmaterial zusammenzutragen.

Gemeinsam mit Sammlerkollegen (und zugleich Lesern dieses Blogs) ist mir das über die Jahre einigermaßen gelungen – jedenfalls bietet meine Audi-Galerie inzwischen mehr Originalaufnahmen als andere mir bekannte Quellen.

In Frage kommen hier die Audi-Typen B 10/28 PS bzw. C 14/35 PS, die bereits 1911/12 eingeführt und mit nur wenigen Änderungen bis kurz nach dem 1. Weltkrieg gebaut wurden. Vor allem die Gestaltung des Kühlers und die Art der Scheinwerfer erlaubt eine genauere Einordnung.

Im vorliegenden Fall kommt ein Audi von ca. 1914 ebenso in Betracht wie einer von 1918/19. Elektrische Scheinwerfer – erkennbar an der Schüsselform – waren optional bei den meisten deutschen Herstellern bereits kurz vor dem Krieg erhältlch und wurden danach Standard.

Insofern können wir uns hier nicht genauer festlegen. Doch eines ist klar: Dieser Audi war noch zum Aufnahmezeitpunkt Mitte der 1920er Jahre durchaus auf der Höhe der Zeit.

Vielleicht hatte er eine neue Lackierung erhalten, wenn es noch ein Vorkriegsexemplar war. Genau das will ich heute simulieren, indem ich dem Original mit frischer Farbe einen neuen Anstrich gebe:

Audi Typ B 10/28 PS oder C 14/35 PS um 1920; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger; KI-basierte Kolorierung

Das Ergebnis kann sich sehen lassen, meine ich, zumal einige Details nun klarer hervortreten und die schlechte Qualität des alten Fotos korrigiert wurde.

Nur mit einem Detail bin ich nicht ganz glücklich – die von mir zur Kolorierung genutzte KI weigerte sich nämlich standhaft, auch die Scheinwerfergehäuse in Wagenfarbe zu lackieren.

Insofern gilt auch bei solchen historisch informierten Kolorierungen stets: „Vorsicht, frische Farbe“ – wir sind Augenmenschen und nehmen nur zu gern zum Nennwert, was wir sehen oder von anderen in manipulativer Absicht als „Bildbeweis“ serviert bekommen.

Und jetzt bin ich gespannt auf Ihre Meinung!

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3 Gedanken zu „Vorsicht, frische Farbe! Ein Audi der frühen 20er Jahre

  1. Lieber Herr Börner, bekanntlich sind Farben unschuldig, und es wäre albern, sich diesbezüglich Verbote aufzuerlegen (am Ende bliebe wie im Fall von Wort- und Buchstabenkombinationen nicht viel übrig). So lasse ich auch den roten Beckmann ohne politische Bedenken sehr gerne wieder auferstehen. Das mache ich gern hier im Blog und würde dann gleich mehrere Farbvarianten zur Diskussion stellen. Sie wären dann natürlich der Juror. Die Bilder vom wiederauferstandenen Beckmann aus Schweden würde ich auch sehr gern der Leserschaft präsentieren – es freut mich sehr, dass Sie nun endlich Ihren Wunsch erfüllt bekommen!

  2. Hallo Herr Schlenger,
    um Ihre Frage kurz beantworten: Die Kolorierung des Audi ist gut gelungen, obwohl mein erster Gedanke war „muss es denn so ein Braunton sein?“ Bei längerer Betrachtung verflogen meine Zweifel, denn die unselige braune Ära hatte noch nicht begonnen.
    Wie Sie auch selber schreiben, sind Details deutlich besser zu entdecken, was ich schon bei früheren Kolorierungen sehen konnte. Also: Bitte weiter so!

    Und jetzt habe ich noch eine dreiste Bitte an Sie, die daher rührt, dass ich in meinem Alter mit dem Umgang mit der KI meine Probleme habe und zwei Versuche, Fotos ebenfalls die gewünschte Farbe zu verleihen, kläglich gescheitert sind.
    Ihr/unser gemeinsamer Blog-Beitrag „Beckmann Spurensuche“ vom 16.06.2024 beinhaltete die beiden Fotos meiner – sehr geliebten – Großtante Ilse Beckmann auf ihrem SL 40. Den hatte sie sich in einem kräftigen Rot lackieren lassen und stach damit aus der Masse vieler anderer Autos heraus. Die Firma Beckmann, die ihr nach des Vaters Tod anno 1914 gemeinsam mit Bruder Otto und Schwester Erna gehörte, pflegte diese Farbe den Kunden nicht anzubieten.
    Würden Sie mir den Wunsch erfüllen?
    Als „Gegenleistung“ kann ich Ihnen nur anbieten, Ende Juli Fotos des wiederaufgebauten Beckmann 21/45 aus dem Jahr 1911 zu schicken, denn dieser wird 115 Jahre nach seiner ersten Jungfernfahrt am 10./11. Juli in Landsberg/Lech bei der Herkomer-Konkurrenz seine zweite Jungfernfahrt absolvieren. Da geht dann nach fast unendlichen Jahren mein Traum in Erfüllung: Ich hatte die Fragmente 1986 in Schweden bei einem Sammler entdeckt und nie den Glauben daran verloren, eines Tages damit (mit)fahren zu können.

  3. Die Frage nach der Beweiskraft von Bildern hat durchaus auch eine historische Dimension, wie etwa schon vor über 100 Jahren :

    https://www.fluter.de/ausradierte-genossen

    Für die fast schwarzen Lampenteller sehe ich aber schon im monochromen Originalbild eine Rechtfertigung, da diese eine dunklere Graustufe als die Kotflügel und die Oberseite der Motorhaube aufweisen. Erst die Pelzstola der Dame im Fond zeigt aber vollkommenes Schwarz, während am Scheinwerfer ein dunkles Anthrazit verwendet wurde. Das farbige Resultat gefällt mir aber sehr gut !
    Zur Nachkriegsgeschichte der 4 Ringe in Düsseldorf und Ingolstadt möchte ich Ludwig Kraus nennen, der so auch die Grundlage für den VW Passat schuf : Denn ohne Audi 50 kein Polo und mit der Fließheckversion des Audi 80 (B2) entstand das nach dem Golf zweitwichtigste VW-Modell ! Mit dem Audi 100 (C1) kam ein zum Mercedes /8 vergleichbar großer Wagen nur wenige Monate später, während Ford Granada, Opel Rekord D und der erste 5er BMW (E12) sich 3 Jahre Zeit ließen. Ein wie Horch der Oberklasse zuzurechnender Audi entstand dann mit dem V8/A8, aber wichtig waren m.E. schon Audi 60, 75 und Super 90.

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