Nanu, hat es denn keinen Fund des Monats Juni gegeben? Doch, ich habe bloß noch nicht darüber geschrieben. Das liegt daran, dass mir das heutige Datum viel besser dafür geeignet erscheint.
Ich hätte das Dokument, das ich nun vorstellen will, auch unter dem raunenden Titel „Das dunkle Rätsel von Ravenwood“ bringen können – ich bin sicher, das hätte ebenfalls Anklang gefunden.
Aber „Alte Liebe, ewig jung“ gefällt mir viel besser, und das nicht nur, weil die Leidenschaft für’s Automobil als Kunstwerk und Zeitmaschine jenseits schnöder Funktion offenbar früh entstand und bei dafür empfänglichen Personen bis heute anhält.
Ich wüsste keine Aufnahme, welche das so spektakulär zu illustrieren vermag wie diese hier aus der Sammlung von Leser Klaas Dierks:

Gewiss, dieser atemberaubende Wagen mit luxuriösem Aufbau als Doppel-Phaeton – die Bezeichnung verschwand, als die Abteile von Fahrer und Passagieren zu einem Ganzen verschmolzen – dieses kolossal anmutende Automobil also profitiert in seine Wirkung maßgeblich von dem jungen Mädchen am Lenkrad.
Sie gibt dem einschüchternd wirkenden Gefährt die Lebendigkeit und Anmut, die der unbelebten Maschine bei allem Glanz und Gloria des Auftritts sonst fehlen würde.
Sie bezaubert aber auch mit dem selbsbewussten Blick einer Persönlichkeit, die früh weiß, was sie will und entschlossen ist, sich das zu erobern, wonach ihr der Sinn steht.
Aber was war das überhaupt für ein Fahrzeug, mit dem sie sich hier ganz selbstverständlich besitzergreifend zeigt? Nun, wenigstens das birgt kein großes Rätsel, denn auf auf der Nabenkappe der Vorderrads ist auf dem Originalfoto gut lesbar „NAPIER“ eingraviert.
Die Firma Napier & Son aus dem Londoner Stadtteil Lambeth baute ab Ende der 1890er Jahre zunächst hochwertige Fahrräder und Motoren, ab etwa 1900 dann exklusive Autos.
Napier gilt als eine der führenden britischen Automobilmarken der Zeit vor dem 1. Weltkrieg (Edwardian Era). Die äußerst hochwertigen Modelle wurden von wohlhabenden Familien, Industriellen und dem britischen Adel so geschätzt wie die von Rolls-Royce.
Das Fahrzeug auf dem Foto von Klaas Dierks dürfte zwischen 1908 und 1910 entstanden sein, als Napier eine Reihe von großen Sechszylindertypen mit 35 bis 45 PS Leistung anbot.
Mit einem dieser Modelle dürften wir es hier zu tun haben – ein sehr originales Vergleichsfahrzeug mit geschlossenem Aufbau wurde 2019 von Bonhams versteigert.
Rätselhaft bleibt indessen, was auf der Rückseite des Originalfotos vermerkt ist: „Ravenwood, Hale, Manchester“.
Zwar gibt es einige Kilometer südwestlich der englischen Industriemetropole Manchester eine Straße namens „Ravenwood Drive“ angrenzend an das Dorf Hale.
Doch nach meinen Recherchen entstand die dortige Wohnsiedlung erst ab den 1930er Jahren. Dagegen konnnte ich keinen Hinweis auf ein früheres Einzelanwesen des Namens Ravenwood in der Gegend finden.
Da im Hintergrund aber ein freistehendes zweistöckiges Gebäude der Zeit um 1900 zu sehen ist, vermute ich, dass es sich um eine Villa handelte, welche die Besitzer einfach nach der alten Flurbezeichnung Ravenwood bezeichneten.
Solche auf „…wood“ endenden Namen für eine ländliche Gegend sind in England allgegenwärtig – viele Autoenthusiasten werden gleich an „Goodwood“ denken.
Gut möglich, dass das ursprünglich im Grünen stehende Haus später der „modernen“ Wohnsiedlung wich, die noch heute zu den besseren Adressen der Gegend gehört.
Der Straßenname „Ravenwood Drive“ würde dann die Erinnnerung an das einstige Heim des kleinen Mädchens aus großbürgerlichen Verhältnissen perfekt bewahren.
Was nach dem Zivilisationsbruch des 1. Weltkriegs, zu dessen Hauptverlierern neben Österreich-Ungarn und Deutschland auch Großbritannien zählte, von ihrer Welt übrigblieb – das wissen wir nicht.
Das der Napier noch existiert, ist nicht auszuschließen, und sei es in Form eines späteren Umbaus unter Nutzung des großvolumigen Motors.
Dass er aber heute noch genau so dasteht, wie ich mir das vorstelle, wage ich zu bezweifeln. Denn bei einem Schwarz-Weiß-Foto bleibt stets eine gewisse Unsicherheit, was die tatsächliche Farbgebung angeht.
Ich habe das Original sorgfältig studiert und dann der von mir für solche Aufgaben bevorzugten KI-Funktion eine genaue Anweisung gegeben, wie das Fahrzeug und das Drumherum zu kolorieren ist.
Das Ergebnis mag überraschend anmuten, aber ich meine, dass ich hiermit nahe am Original liegen dürfte:
Nicht ganz perfekt ist zwar die Wiedergabe des Dekors auf der Oberseite der Motorhaube – doch davon abgesehen, wurde das Zweifarbschema genau so umgesetzt, wie ich das in Auftrag gegeben habe.
Was die Holzteile angeht, ist nur der Kasten auf dem Trittbrett etwas fragwürdig – mir ist nicht ganz klar, ob das Teil vielleicht doch aus Metall war. Dafür ist die Stirnwand unter der Windschutzscheibe und die Partie unterhalb des Trittbretts gut gelungen, finde ich.
Das auf den ersten Blick irritierend wirkende Muster auf der Seitenpartie findet sich genau so bei original erhaltenen hochkarätigen Tourern der „Messingära“ – ebenso die lederne Verkleidung des Zwischenraums zwischen Rahmen und Trittbrett.
Auch der Bub im Matrosenanzug im Hintergrund kommt nun zur Geltung – ein schönes Beispiel dafür, dass eine historisch informierte Kolorierung authentische Details angemessen hervorheben kann, die im Schwarz-Weiß-Modus weitgehend untergehen.
Wer mit Kolorierungen alter Fotos ein fundamentales Problem hat, darf darüber nachdenken, ob denn das Schwarz-Weiß-Original näher an der Wirklichkeit ist. Ich liefere die Antwort gleich dazu: Nein, es ist nur eine sehr abstrakte Wiedergabe – eine durchdachte Kolorierung ist dagegen um einiges näher an der Realität, wie sie sich einst darstellte.
Vielleicht lässt sich mit solchen kreativen Interpretationen die alte Liebe für das ganz frühe Automobil leichter in die Gegenwart herüberretten. Wie das in der Liebe überhaupt ist, muss man etwas dafür tun, dass sie immer jung bleibt.
Mir wird das indessen im vorliegenden Fall ganz leicht gemacht…
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Vielen Dank für Ihre Sicht, Herr Röhrs! Ich meine, dass eine historisch informierte Kolorierung zwar nur eine mögliche Interpretation darstellt, die aber in vielen Punkten näher an der damaligen Realität ist. Wir wissen genau beispielsweise genau, wann welche Glanzteile aus Messing oder vernickelt bzw. verchromt waren. Wir wissen genau, dass die frühen Reifen nicht schwarz waren, dass hölzerne Radspeichen entweder „naturfarben“ oder in einer am Wagen vertretenen Farbe lackiert waren, wir wissen genau, dass äußerlich sichtbare Holzelemente (wie Kästen oder Stirnwände) nicht grau oder schwarz waren. Wir kennen auch die begrenzte Farbpalette der Frühzeit und die typischen Farbkombinationen (aus Beschreibungen, Prospekten oder von überlebenden Originalen) usw. Natürlich können wir nicht genau wissen, ob der abgebildete Napier nun ein blau-schwarzes, rot-schwarzes oder braun-schwarzes Farbschema hatte – wir wissen aber genau, dass er nicht einfach nur schwarz-grau war. Durch die Wahl einer plausiblen und zugleich dokumentierten Farbkombination können wir demnach in jedem Fall ein realistischeres Abbild eines Fahrzeugs kreieren, als es das schwarz-weiße Originalfoto erlaubt. Da ich immer Original und historisch informierte Kolorierung zeige, wird niemand in seiner Wahrnehmung beeinträchtigt oder beeinflusst. Im übrigen bringen einen schon die natürlichen Farben von Blättern, Mauern, Straßenstaub usw. – an denen wohl wenig Zweifel bestehen kann – der damaligen Situation viel näher. Oft entsteht dadurch eine Tiefe und Differnzierung, die sich im Original hinter den Grauwerten verbirgt. Auch im vorliegenden Fall sieht man nach der Kolorierung mehr von der tatsächlichen Umgebung als vorher, ohne dass irgendetwas dazugedichtet wurde. Ich achte akribisch darauf, dass es infolge der Kolorierung keine Artefakte gibt, die dem Original fehlen. Beste Grüße, Michael Schlenger
Hallo Herr Schlenger,
In Ihren Erklärungen zu der Kolorierung alter Schwarz-Weiß-Fotos sehe ich doch einige Darstellungen, die ich nicht unwidersprochen so stehen lassen möchte. Sicherlich bleibt bei einem SW-Foto „stets eine gewisse Unsicherheit, was die tatsächliche Farbgebung angeht“. Das selbe trifft aber auch auf Ihre Kolorierungen zu, selbst dann, wenn Sie sich die allergrößte Mühe gegeben haben. Sie schreiben, die SW Darstellung sei eine Abstraktion, ich würde es eine Reduktion nennen, was aber in gewisser Weise auf das selbe hinausläuft. Eine nachträgliche Kolorierung erzeugt dagegen eine Illusion, denn niemand kann sagen, welche Farbgebung damals tatsächlich gegeben war. Ich persönlich ziehe also eine SW Darstellung deutlich vor, denn sie läßt mir den Raum, meine eigene Fantasie bezgl. der Farbgebung walten zu lassen, wohingegen das von Ihnen kolorierte Foto jeden derartigen Spielraum ausschließt und den Betrachter auf das von Ihnen gewählte Farbschema festlegt, ohne den geringsten Hinweis auf dessen Richtigkeit. Und eine solche Kolorierung ist damit mindestens genauso weit von der Realität entfernt wie das Ausgangsmaterial, das SW-Foto. Ein solches ist ein mit den damals zur Verfügung stehenden Mitteln erstelltes Dokument, eine Eigenschaft, die dem „manipulierten“ Farbfoto eindeutig abgeht.
Ich habe dennoch stets große Freude an Ihrem Blog und verbleibe
mit freundlichen Grüßen
Christoph Röhrs
Danke für die zusätzlichen Informationen!
Sehr geehrter Herr Schlenger,
Die herrliche Kolorierung wird durch ihre detaillierte Beschreibung nochmals enorm aufgewertet. Für mich ein fantastisches Ergebnis, und auch ein besonderes Erlebnis wie sie die Wertschätzung am Kunstwerk Automobil gerade durch die Liebe zum Detail für uns Leser aufbauen. Herzlichen Dank dafür.
Hallo,
nach Recherchen von Bekannten aus England gehörte Ravenwood im Zeitraum der Entstehung dieses Fotos wie das Auto selbst sehr wahrscheinlich einem Herbert Bowker, Eigentümer einer Baumwollfabrik im nahen Manchester. Am Steuer seine damals 6jährige Tochter, im Hintergrund einer seiner beiden Söhne. Heute wohnen in der Gegend ua Spieler von Manchester United etc.
Die KI-Kolorierung nach Deinen Vorgaben gefällt mir!
Schöne Grüße,
KD