Fund des Monats: Ein „Priamus“ von ca. 1912

Der Fund des Monats Juli 2026 verdient diese Bezeichnung in besonderer Weise, denn ich habe das Foto, auf dem er zu sehen ist, tatsächlich erst kürzlich (wieder)entdeckt.).

Wie viele unbearbeitete Aufnahmen und Einsendungen großzügiger Sammler schlummerte die folgende Aufnahme in einem der Stapel, die mein leider nicht mehr spielbares Tafelklavier von Thomas Preston aus London (um 1800) beschweren.

Das historische Tasteninstrument hatte ich vor rund 20 Jahren als Möbelstück des englischen Klassizismus erstanden – man könnte es prinzipiell restaurieren, aber mir genügt seine ästhetische Wirkung im Raum.

Wenn ich wie gerade jetzt am Schreibtisch (aus etwa derselben Zeit) sitze und mich nach links drehe, sehe ich das edle Stück – und das sich darauf türmende Material als stete Mahnung, diese verborgenen Schätze zutagezufördern.

Mit dem Schatz des legendären trojanischen Königs Priamos, den Heinrich Schliemann anno 1873 gefunden zu haben glaubte, kann es mein Fund zwar nicht aufnehmen. Doch ist mir der Fund des Monats Juli 2026 besonders wertvoll, da ich ihn einem langjährigen Leser verdanke, der mir immer mal wieder historische Autofotos im Original zugesandt hat.

Sein Name ist Ralf Schönewald und diesmal musste er ganze zwei Jahre warten, bis ich seine großzügige Gabe endlich angemessen würdigen konnte:

NAG und Priamus-Tourenwagen, Feldpostkarte von 1916; Schenkung von Ralf Schönewald

Den meisten von uns – so auch mir – wird auf dieser im September 1916 von Modlin (Russisch-Polen) nach Berlin versandten deutschen Feldpostkarte vermutlich der Tourenwagen mit dem ovalen Kühler als erster ins Auge fallen.

Wir dürfen davon ausgehen, dass wir es mit einem NAG des Berliner Traditionsherstellers zu tun haben, dessen Fahrzeuge vor und nach dem 1. Weltkrieg zu den meistgebauten in Deutschland überhaupt zählten.

Den Proportionen nach zu urteilen dürften wir es mit einem mittleren Modell der K-Reihe zu tun haben – in der Größenordnung von 2 bis 2,5 Litern Hubraum mit gut 20 bis 30 PS.

Zwar wird auf die abgebildeten Autos auf der Rückseite der Postkarte kein Bezug genommen. Doch der Absendeort passt zur Abbildung des Kraftwagendepots in Modlin, einer 1915 von deutschen Truppen besetzten Stadt im damals zu Russland gehörigen Teil Polens:

NAG und Priamus-Tourenwagen, Feldpostkarte von 1916; Schenkung von Ralf Schönewald

Der Absender namens Alfred bedankt sich bei seiner Mutter für ein empfangenes Paket, weist aber darauf hin, dass Lebensmittelsendungen vorläufig nicht möglich sind. Das übrige kann ich nur teilweise entziffern – am Ende stehen Grüße an diverse Personen.

Ich vermute, dass der Absender einer der Spaßvögel von der Kraftwagentruppe war, die zusammen mit weiteren Soldaten diese karnevaleske Szene haben ablichten lassen.

Offenbar hatten die Herren viel Zeit und gehörten nicht zur kämpfenden Truppe, was nicht heißt, dass man als Fahrer eines Offiziers nicht auch gefährliche Situationen zu gewärtigen hatte.

Aber zumindest hier ist der Horror der Front weit entfernt und man verwandte einige Leidenschaft auf die Gestaltung dieser Situation. Besonders kurios ist der Schubkarren, der hier als flugfertiger Probewagen präsentiert wird – ein Paradox, das auf speziellen Humor und tolerante Vorgesetzte schließen lässt:

Priamus-Tourenwagen, Feldpostkarte von 1916; Schenkung von Ralf Schönewald

Erst beim Studium dieser bizarren Szene bemerkte ich den Schriftzuge auf dem birnenförmigen Kühler des zweiten Tourenwagens.

„Großartig“, dachte ich, „einen Priamus-Wagen habe ich noch nie auf einem Originalfoto gefunden“.

Einige Reklamen dieser von ca. 1900 bis 1920 in Köln beheimateten Marke waren mir zwar schon begegnet (siehe meine „Exoten„-Galerie). Doch selbst in der mir vorliegenden Literatur zu deutschen Vorkriegsautos konnte ich bisher keine solche Aufnahme finden.

Datieren würde ich den Priamus auf rein stilistischer Basis auf etwa 1912 und es kommen einige in der Literatur erwähnte Motorisierungen dafür in Betracht. Wie im Fall des NAG daneben würde ich auf ein mittelschweres Modell tippen.

Interessieren dürfte das zwar nur eine handvoll Spezialisten, die ein Herz für die wenigen frühen deutschen Autohersteller aus dem Rheinland (wie auch Cudell und Fafnir) haben.

Doch mir ist dieser Fund an sich bereits Belohnung genug für meine Aktivitäten in Sachen Vorkriegsautos. Irgendwer wird schon etwas damit anfangen können. das war auch das Motiv von Ralf Schönewald, der diese Flaschenpost auf die Reise schickte.

Sie lag viel zu lange herum an meinen Gestaden, doch endlich habe ich sie geöffnet und nun ist der automobile Geist des Priamus endlich wieder an der frischen Luft.

Jetzt ist es nach Mitternacht und passenderweise kommt gerade kühle frische Luft herein. Ganze 17 Grad zeigt das Thermometer im Hof – nicht gerade eine „Tropennacht“, wie sie seit Wochen im Wetterdienst herbeifantasiert wird, bloß weil gerade Hochsommer ist.

Seien wir froh, dass uns die heißen Zeiten von anno 1916 bisher erspart geblieben sind, bewahren wir kühlen Kopf und lassen uns nicht verrückt machen. Es gibt sie noch, die guten Dinge und heute ist es dieser alte Gruß aus der Welt des Priamus…

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