Heute wird es wieder mal (vordergründig) politisch – denn wir müssen uns mit der Klassenfrage auseinandersetzen.
Meine ostdeutschen Leser werden dabei vielleicht schmunzeln, sofern sie noch das sozialistische Massenexperiment in der DDR erleben „durften“. Dort war es offiziell überaus wichtig, auch Alltagsfragen vom „richtigen“ Klassenstandpunkt aus anzugehen.
Das ist zwar zum Glück Geschichte, wenngleich ähnlich alberne Übungen im Sachen „richtige“ Haltung zu aktuellen Fragestellungen inzwischen gefragt sind. Doch heute nichts davon – die desolaten politischen Verhältnisse und ihre Protagonisten kommentieren sich ohnehin selbst am besten.
Allerdings kommen wir nicht ganz an der Politik vorbei – und zwar an der ganz großen vor weit über 100 Jahren, deren Folgen in einigen Regionen Europas bis heute fortwirken.
Anlass zu dergleichen Betrachtungen gab mir das folgende Foto, das mir Leser Matthias Schmidt aus Dresden in digitaler Kopie übermittelt hat:

„Welche Klasse!“, möchte der Freund von Veteranenautos auf alten Fotos hier ausrufen. In der Tat – hier stimmt einfach alles: perfekte Perspektive, beste technische Qualität, ausgezeichnete Erhaltung und ein Klassewagen obendrein.
Das Auto lässt sich an dem birnenförmigen Kühler als ein Fiat identifizieren, wie er ab 1914 serienmäßig verbaut wurde, beginnend mit dem Tipo 2B. Von diesem zuletzt rund 30 PS starken Modell entstanden bis 1920 über 20.000 Stück, damals eine enorme Zahl.
Der Fiat auf dem heute vorgestellten Foto dürfte allerdings eher der große Bruder gewesen sein – der Tipo 3 mit rund 50 PS Leistung. Dafür sprechen die weit größeren Bremstrommeln an der Hinterachse in Verbindung mit Drahtspeichenrädern.
Da Italien nach Beginn des 1. Weltkriegs bis 1915 neutral blieb, wurden Fiats mit dem neuen birnenfömigen Kühler noch eine ganze Weile auch an die späteren Gegnerstaaten wie Deutschland, Österreich und Ungarn geliefert.
Auch die österreichische Tochtergesellschaft Austro-Fiat produzierte entsprechende Modelle für den heimischen Markt. Das erklärt aus meiner Sicht, weshalb der Fiat Tipo 3 mit der ab 1914 üblichen Kühlerform offensichtlich auf Seiten des ungarischen Militärs genutzt wurde.
Wieso „offensichtlich„?, werden Sie jetzt vielleicht fragen. Nun, weil auf dem Gebäude im Hintergrund etwas in Ungarisch geschrieben steht.
Wenn Sie jetzt sagen „Das ist ja Klasse!„, dann haben Sie recht. Doch offen bleibt vorerst, welche Klasse mit „OSZTÁLY“ gemeint ist. Jedenfalls interpretiere ich die Inschrift so, ohne von Ungarisch auch nur die geringste Ahnung zu haben.
Vielleicht vermag es ja ein Leser zu sagen, wie die Klassenfrage hier richtig zu beantworten ist.
Unterdessen habe ich mir erlaubt, mich selbst als Klassenprimus zu inszenieren, indem ich mit dieser selbstgeschaffenen Interpretation des Klasseautos von Fiat in Vorlage gehe:
Was sagen Sie dazu? Ich meine: Es ist eine Klasse für sich, was man mit den Mitteln des 21. Jahrhunderts aus den Zeugnissen der Vergangenheit zaubern kann, ohne diesen die Würde des Originals zu nehmen.
Im Gegenteil: In Farbe begegnet uns die Welt von gestern so natürlich und lebendig, wie sie einmal war. Das ist keine Spielerei, das ist ein Fortschritt gleich um mehrere Klassen…
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