1929: Pontiac auf dem Kriegspfad in Deutschland

Bei der Beschäftigung mit historischen Fotografien von Automobilen erfährt man oft nebenher Dinge, die mit dem Motiv gar nichts zu tun haben.

So kann man auf eine Abbildung stoßen, die zwar nicht den ganzen Wagen zeigt, aber gerade das, was seine Identifikation ermöglicht und weitere Recherchen veranlasst.

Nehmen wir folgendes Beispiel eines US-Wagens:

Pontiac_New_Series_Galerie

© Pontiac Series 6-28; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Man sieht einen stolzen Autobesitzer mit Denkerstirn und Fliege – vielleicht ein leitender Angestellter oder höherer Beamter, der auf dem Kotflügel seines recht neu wirkenden Wagens posiert.

Die Beschriftung des Nummernschilds spricht für ein Auto mit deutscher Zulassung aus den 1920/30er Jahren. Die Doppelstoßstangen und die Proportionen des Wagens lassen aber vermuten, dass es ein amerikanisches Fabrikat ist.

Dummerweise sahen sich viele Großserienautos in der Zwischenkriegszeit sehr ähnlich. Wirklich individuell waren damals nur Fahrzeuge mit Sonderkarosserie. Die große Zeit der unverwechselbaren Autogesichter waren erst die 1950-70er Jahre.

Was tut man in solch einem scheinbar hoffnungslosen Fall? Genau hinsehen!

Pontiac_New_Series_AusschnittZwar kann man nicht erkennen, was auf der Kühlerplakette steht, doch der markante Kopf darüber liefert den entscheidenden Hinweis. Es muss sich um ein Auto der Marke Pontiac handeln, die einen Indianerkopf als Kühlerfigur verwendete.

Leider leben wir in Zeiten, in denen von interessierter Seite jede Bezugnahme auf ethnische Charakteristika als „diskriminierend“ verurteilt wird. Bevor nun ein selbsternannter Blockwart reflexartig die Kühlerfigur für verwerflich erklärt, ein Exkurs zur Geschichte dahinter:

Die Kühlerfigur und der Name Pontiac erinnern an einen tragischen Helden des Widerstands der Indianer gegen die britischen Eroberungszüge in Nordamerika in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts.

Der aus der Gegend des späteren Detroit stammende Häuptling Pontiac leitete kluge, aber letztlich erfolglose Operationen gegen die Engländer, die sich damals in vielen Teilen der Welt als Herrenrasse aufführten.

Erst recht nach den Erfahrungen des 20. Jh. erscheint das stolze Indianerhaupt an einem Pontiac daher als Symbol für den Selbstbehauptungswillen eines Volkes.

Zurück zum abgebildeten Wagen: Wir haben es mit dem ersten von Pontiac gebauten Typ zu tun, dem Series-6. Die 1926 von General Motors neugeschaffene Marke besetzte das Mittelklassesegment und landete auf Anhieb einen Erfolg.

Bis 1928 – dem Baujahr des hier gezeigten Wagens, entstanden über 400.000 Exemplare des Pontiac Series 6. Mit solchen Größenordnungen hätte der Newcomer mühelos weite Teile des europäischen Markts bedienen können.

Deutsche Marken hatten die Entwicklung auf der anderen Seite des Atlantiks verschlafen. Sogar Opel meinte 1928 noch damit werben zu müssen, dass seine Wagen „keine Massenfabrikate“ seien.

Opel-Reklame_1928

© Opel-Reklame von 1928; Quelle: Sammlung Michael Schlenger

Dabei waren zur auch hierzulande erstrebten Volksmotorisierung Massenfabrikate notwendig, wie sie die US-Hersteller in großer Auswahl anboten und die wirklich jedermann erschwingliche Motorisierung ermöglichten.

Dazu brauchte es gerade keine hilflosen Appelle wie „Fahren Sie deutsche Wagen“ oder verschrobene Konzepte, die in den 1920er Jahren hiesige Firmen wie  Hanomag mit dem „Kommissbrot“ verfolgten, sondern schlicht bodenständige Lösungen, die rationell herzustellen waren.

Entsprechend verfügte der Pontiac auf unserem Foto  über einen technisch unauffälligen, 3 Liter messenden 6-Zylinder mit 40 PS, was seinerzeit in Europa als großzügig galt.

Dass ein solcher Wagen einst den Weg über den Atlantik gefunden hatte, verwundert an sich nicht. Doch ob neben Buick, Chevrolet und Ford auch andere US-Großserienhersteller wie Pontiac in Europa eine Fertigung unterhielten, ist dem Verfasser unbekannt. Vielleicht weiß ein sachkundiger Leser mehr dazu.

Ein Gedanke zu „1929: Pontiac auf dem Kriegspfad in Deutschland

  1. Einen Bildbeleg fand ich nur für die Buick-Fertigung in Borsigwalde (diese hatten Sie schon voriges Jahr beim Buick an der DEROP-Tankstelle belegt) :

    https://timelineimages.sueddeutsche.de/autoproduktion-bei-general-motors-in-berlin—borsigwalde-1929_00241402

    Zum Pontiac 6-28 sind aber ein deutschsprachiger Prospekt „Der neue Pontiac 1928“ sowie auch „Oakland – Pontiac“ Wartungsanleitungen durch die General Motors GmbH Borsigwalde herausgegeben worden. Gewiß wurde somit auch der Pontiac von Borsigwalde aus vertrieben; ob und in welcher Fertigungstiefe eine Montage erfolgte, konnte ich leider nicht herausfinden. Für den Pontiac 6-28 wäre die RDA-Eichel eh zu spät gekommen, aber auch am Big Six 6-29 findet man diese nicht. Was sich aber noch zum 1926 wiederbelebten und dann über ein halbes Jahrhundert sehr erfolgreichen Markennamen sagen läßt, so ist neben der Kühlerfigur, die den Häuptling der Ottawa zeigt, wohl auch die 1931 aufgegebene Schwestermarke Oakland zu nennen, denn diese entstand 1907 an der Baldwin Ave. in Pontiac, dem Verwaltungssitz des Oakland County. Der Ortsname Pontiac als Herkunftsindiz fand schon zuvor Eingang in örtliche Firmennamen wie die Pontiac Spring & Wagon Works, die einen Highwheeler Runabout fertigte, aber alsbald über weitere Fusionen Teil von Oakland und GM wurde :

    https://scripophily.net/pontiac-spring-wagon-works-made-1st-pontiac-car-early-gm-company-pontiac-michigan-1907/

    https://www.gmheritagecenter.com/media/us/en/gm/company_info/facilities/stamping/pmc.html

    Umso schöner ist es daher, daß die „wiederholte“ Entstehung der Marke Pontiac diesen New Series 6-28 hervorbrachte; und es bleibt seit 2009 die vage Hoffnung auf ein drittes Mal …

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