Einfach…schön! BMW 309 Cabriolimousine

Bis zum Fund des Monats August müssen sich die Leser dieses Blogs noch ein wenig gedulden – eine ganze Reihe von Kandidaten steht zur Wahl.

In der Zwischenzeit können wir uns aber auch an profaneren Zeugnissen aus der Welt der Vorkriegsautos erfreuen.

Zum einen beziehen oft Aufnahmen ganz alltäglicher Typen – soweit man im autoarmen Deutschland jener Zeit überhaupt davon sprechen kann – ihren Reiz aus der besonderen Situation oder einer außergewöhnlichen Perspektive.

Zum anderen sind selbst einige Vorkriegsmodelle der unteren Mittelklasse einfach so perfekt gestaltet, dass man sie immer wieder gerne sieht.

Ausgerechnet die Firma BMW, die überhaupt erst ab 1932 eigenständige Autos baute, entwickelte in unglaublich kurzer Zeit ein unverwechselbares und harmonisches Erscheinungsbild, das bis in die Gegenwart fortwirkt.

Um diesen gestalterischen Entwicklungssprung zu veranschaulichen, werfen wir zunächst einen Blick auf den BMW 3/20 PS, mit dem sich die Marke allmählich von der Austin/Dixi-Traditionslinie löste:

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BMW 3/20 PS, aufgenommen 1952; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dieses 1932 vorgestellte Modell unterschied sich deutlich von dem auf dem Austin 7 basierenden Dixi DA1, den BMW nach Übernahme der Eisenacher Marke noch eine Weile in leicht modifizierter Form weiterbaute.

Neu waren Rahmen- und Fahrwerkskonstruktion des BMW 3/20 PS, während der noch auf der Austin-Konstruktion basierende Motor im Zylinderkopf hängende Ventile erhielt. Von der später für BMW typischen Sportlichkeit war noch nichts zu erkennen.

Doch schon 1933 gab BMW mit dem raffiniert gestalteten Sechszylindertyp 303 ordentlich Gas. Damit konnte man sich buchstäblich sehen lassen:

BMW_303_Galerie

BMW 303; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Technisch wie äußerlich war das ein großer Wurf und katapultierte BMW in die Riege der Hersteller sportlicher Wagen mit unverkennbarem Profil.

Um höhere Stückzahlen für die neue Rahmen- und Fahrgestellkonstruktion zu erreichen, bot man das Modell ab 1934 auch mit dem leistungsgesteigerten Vierzylindermotor des alten BMW 3/20 an – der BMW 309 war geboren.

Ein Exemplar davon als Cabrio-Limousine sehen wir sehr wahrscheinlich hier:

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BMW 309; Originalfoto aus Sammlung Marcus Bengsch

Diese in technischer wie formaler Hinsicht ausgezeichnete Aufnahme verdanken wir Leser Marcus Bengsch, der neben seinem Spezialgebiet „Röhr“ weitere Fotoschätze in seiner Sammlung beherbergt, die wir hier nach und nach zeigen dürfen.

Auseinanderhalten kann man die Typen 303 und 309 äußerlich nur anhand der Ausführung der Luftschlitze in der Motorhaube.

In der Literatur erwähnt wird zwar bloß, dass sich der untere Abschluss der Luftschlitze der beiden Typen unterscheidet. Man erkennt aber auf Fotos weitere Unterschiede, wenn nicht alles täuscht:

  • Beim Sechszylindertyp 303 sind die Luftschlitze in die Motorhaube eingeprägt und enden unmittelbar unter der horizontalen Unterteilung der Haube.
  • Beim Vierzylindertyp 309 wurde ein Blech mit den eingeprägten Schlitzen in die Haube eingenietet und die Schlitze enden weiter unten.

Letzteres scheint auch bei dem Foto von Marcus Bengsch der Fall zu sein:

BMW_309_Eschwege_Bengsch_Ausschnitt

Wer auch immer diese schöne Aufnahme machte, wusste, wie man den BMW mit der markanten Doppelniere wirkungsvoll in Szene setzt.

Übrigens wäre auch diese Szene nicht so reizvoll ohne die beiden Damen und den Steppke auf dem Trittbrett. Ihnen scheint hier wohl im Sommer gegen Mittag die Sonne tüchtig aufs Haupt, aber wo?

Nun, das Kennzeichen lässt auf eine Zulassung im nordhessischen Landkreis Eschwege schließen. Das verrät uns das unverzichtbare „Handbuch Deutsche Kfz-Kennzeichen Deutschland bis 1945“ von Andreas Herzfeld auf S. 84.

Die Ausführung des Fachwerks entspricht ebenfalls hessischer Tradition (zwar eine Wissenschaft für sich, doch mit etwas Erfahrung erkennt man das).

Sollte die Aufnahme tatsächlich in der über tausendjährigen Altstadt von Eschwege entstanden sein, kann ein ortskundiger Leser vielleicht den genauen Aufnahmeort lokalisieren.

Hilfreich sollte dabei folgender Ausschnitt aus dem Originalfoto sein:

BMW_309_Eschwege_Bengsch_Ausschnitt2

Charakteristisch ist das mindestens dreistöckige Fachwerkhaus im Hintergrund mit dem vorkragenden Mittelgiebel an der Längsseite. Es scheint sich an einer nicht ganz rechtwinkligen Straßenkreuzung zu befinden.

Die Geschäftschilder an den übrigen Häusern und die gepflegte breite Straße sprechen dafür, dass der Aufnahmeort im belebten Zentrum der Stadt war.

Mit etwas Glück existieren diese freundlichen Bauten noch. Sie wurden einst für viele Generationen gebaut, während heute sogenannte „nachhaltige“ Geschäfts- und Wohnbauten oft schon nach 30 Jahren „noch besseren“ Moden weichen müssen.

Für uns Liebhaber von Vorkriegsautos ist ein solches historisches Umfeld perfekt, merkwürdigerweise stören die alten Gefährte die Harmonie in keiner Weise…

© Michael Schlenger, 2018. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

 

 

 

Idyll mit Schattenseiten: Opel 4/12 PS von 1925

Der unverhoffte Besuch eines befreundeten Altopel-Fahrers am heutigen Sonntag gibt dem Verfasser willkommenen Anlass, sich einmal wieder einem der Vorkriegsmodelle der Rüsselsheimer Traditionsfirma zu widmen.

Dabei wird deutlich, dass selbst das bodenständigste Modell der Marke – der 1924 vorgestellte Typ 4/12 PS mit dem Spitznamen Laubfrosch – seinen Reiz hat, auch wenn es sich um ein dreistes Plagiat des erfolgreichen Citroen 5 CV handelte.

Wie so oft ist es die Aufnahmesituation, die selbst einem unspektakulären Massenfabrikat jener Zeit auf einmal Charakter verleiht. Ein schönes Beispiel dafür ist folgendes Profifoto, das wir bereits vor längerem vorgestellt haben:

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Opel 4/12 PS von 1924; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Diese charmante Aufnahme zeigt den Opel „Laubfrosch“ in seiner ursprünglichen Form – mit sieben breiten Haubenschlitzen und angedeutetem Spitzkühler.

Auf die Kühlerpartie kommen wir noch zurück. Bei der Gelegenheit präge man sich die Form des in Fahrtrichtung rechten Halters der Windschutzscheibe ein. Ansonsten genieße man die Linien dieses Zweisitzers mit Spitzheck.

Wie so oft war hier die Ausgangsbasis formal am überzeugendsten – später gingen Details wie die raffinierte Kühlermaske und die kühn geschwungenen Schutzbleche verloren – während die Scheibenräder bei den späteren Versionen beibehalten wurden.

Apropos Scheibenräder: Wie kam man eigentlich an die Reifenventile heran? Nun, auch das wird sich heute klären, obwohl dabei ein Foto herhalten muss, das unter nicht gerade idyllischen Umständen geschossen wurde.

Bevor wir dazu kommen, sei ein kleiner Einschub erlaubt, an dem Leser Helmut Kasimirowicz schuld ist, denn er stellte uns eine ungewöhnliche Aufnahme aus seiner Sammlung zur Verfügung, die ebenfalls einen Opel 4/12 PS zeigt:

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Opel 4/12 PS von 1925; Originalfoto aus Sammlung Helmut Kasimirowicz

Ein Foto eines Opel 4/12 PS aus dieser Perspektive dürfte ziemlich einzigartig sein. Es wird aus dem ersten Stock des Bauernhauses gemacht worden sein, auf dessen Areal der Wagen in einem Schuppen abgestellt war.

Während der Hof einen verwahrlosten Eindruck macht, schien man sich immerhin ein Automobil leisten zu können. Vielleicht gehörte der Opel aber auch einem Besucher, der seinen Wagen vor der Abfahrt noch einmal prüft.

Jedenfalls erkennen wir hier ebenfalls den moderat gepfeilten Kühler, nun aber in Kombination mit in zwei Feldern angebrachten insgesamt 12 Haubenschlitzen. Damit lässt sich der Opel auf das Baujahr 1925 datieren. Danach verschwand der Spitzkühler.

Ihren Reiz bezieht diese Aufnahme auch aus dem aufgespannten Verdeck, das den Wagen großzügiger wirken lässt als in der offenen Version.

Was oberhalb der geöffneten Tür herunterhängen zu scheint und das Licht spiegelt, könnte die seitliche „Scheibe“ sein – beim Tourenwagen ein in Segeltuch eingefasstes Zelluloidlement. Wer eine bessere Idee hat, nutze bitte die Kommentarfunktion.

Nun aber zum Hauptdarsteller des heutigen Blogeintrags:

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Opel 4/12 PS von 1925; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Zu diesem bemerkenswerten Foto sei folgendes angemerkt: Normalerweise zeigt der Verfasser dieses Blogs Unfallwagen nur dann, wenn die Insassen wahrscheinlich mit dem Schrecken davongekommen sind.

Hier könnte die Sache weniger glimpflich ausgegangen sein. Man erkennt nämlich neben der Hand des rechten Schirmmützenträgers mit der markanten Nase die oben erwähnte Halterung der Frontscheibe – nur ist weit und breit kein Glas zu sehen.

Auch wenn die Frontpartie des Opel nur wenig beschädigt wirkt, scheint die Windschutzscheibe zerstört worden zu sein – vielleicht durch den Aufprall der Insassen selbst und damals gab es noch kein Sicherheitsglas…

Merkwürdig ist zwar die Stellung des Verdecks, die aber nicht dem Unfall geschuldet sein muss. Wie dem auch sei: Dieses Foto ist eines der wenigen, auf denen man einen Opel 4/12 PS in der Frontansicht studieren kann – nur deshalb zeigen wir es auch.

Hier sieht man sehr schön die aufwendig gestaltete Kühlermaske, die später einem sachlichen Nachfolger wich, der wiederum von einem Plagiat des Packard-Kühlers abgelöst wurde.

Die Ästhetik dieses Kühlers knüpft noch an Vorkriegstraditionen an, wie das bei anderen deutschen Herstellern jener Zeit der Fall war, beispielsweise Protos. Mit der eigenständigen Kühlergestaltung trat Opel übrigens dem Plagiatsvorwurf entgegen…

Interessant ist außerdem der freie Blick auf die Vorderachskonstruktion und die Innenseite der Räder – hier sieht man auch, wo die Reifenventile versteckt waren!

Opel_4-12_PS_Unfallwagen_Ausschnitt2

Was die Scheinwerfer angeht, so scheint derjenige in Fahrtrichtung rechts bei dem Unfall sein Glas verloren zu haben. Überhaupt ist diese Seite stark lädiert, möglicherweise fand eine Kollision mit einem Motorrad statt.

Über den Unfallhergang wollen wir nicht weiter spekulieren. Letztlich ist der Wagen bei zwei jungen Männern gelandet, die damit zufrieden zu sein scheinen.

Der eine zumindest lächelt entspannt. Der andere mag sich bereits überlegen, was hier alles zu reparieren ist – oder er hat den Opel in Gedanken bereits ausgeschlachtet.

Opel_4-12_PS_Unfallwagen_Ausschnitt

Wie es scheint, hält er in seiner linken Hand ein Werkzeug und in der rechten die Seitenscheibe des Opel in besagter Ausführung aus Segeltuch und Zelluloid.

Was aus dem einst so hübschen Opel „Laubfrosch“ wurde, wissen wir natürlich nicht. Doch ist in diesem Zeitdokument etwas festgehalten, was ganz im Gegensatz zu den idyllischen Szenen steht, in denen uns Vorkriegswagen so oft begegnen.

Der Leser des 21. Jh. mag bei der Betrachtung dieser unvollkommenen Gefährte darüber sinnieren, was davon zu halten ist, wenn heute der für jedermann bezahlbare PKW mit sparsamem Verbrennungsmotor und auf die Spitze getriebener Sicherheit von interessierter Seite als Umweltschädling, ja sogar als „Waffe“ verunglimpft wird…

© Michael Schlenger, 2018. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

„Kleiner“ 6-Zylinder aus Turin: Fiat 520

Freunde von Nachkriegs-Fiats haben es leicht – da gab es nur einen Fiat 500, ansonsten war bei den Klassikern aus Turin bis in die 1960er Jahre der Hubraum Bestandteil der Typenbezeichnung.

In der Vorkriegszeit dagegen gab es eine auf den ersten (und auch auf den zweiten) Blick verwirrende Typologie. Vom kompakten Vierzylinder-Fiat 501 der frühen 1920er Jahre – dem ersten Großserienerfolg der Marke – gab es bis zum Sechszylindertyp 527 der 1930er Jahre über 20 verschiedene Modelle, die als 500er Fiat firmierten.

Etliche davon wurden in diesem Blog für Vorkriegswagen anhand von Originalfotos vorgestellt, beispielsweise der Sechszylindertyp 521 der späten 1920er Jahre. Hier haben wir eine historische Originalaufnahme dieses großzüigen Modells:

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Fiat 521; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Fiat hatte jedoch bereits kurz zuvor – im Jahr 1927  – einen etwas schwächeren Wagen mit 6 Zylindern vorgestellt, den Typ 520. Er war der erste Fiat mit Linkslenkung, folgte aber stilistisch noch nicht so konsequent der US-Mode wie der große Bruder.

Die formalen Unterschiede waren im Detail erheblich und das Gesamtbild stellte sich grundlegend anders dar. Vielleicht am augenfälligsten ist das weniger massige Erscheinungsbild dank des niedrigeren und transparenter wirkenden Aufbaus: 

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Fiat 520; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Die zwei hochsommerlich gekleideten Damen scheinen sich auf dem Trittbrett des Fiat mit eleganter Zweifarblackierung sehr wohl zu fühlen. Offenbar war schon damals ein Fiat aus der 500er-Familie ein Favorit beim schönen Geschlecht.

Nun mag ein kritischer Geist einwenden: Woher wissen wir, dass das ein Fiat ist? Zugegeben: Aus dieser Perspektive wäre der Verfasser auch nicht darauf gekommen, obwohl es ein winziges Indiz dafür gibt.

Zum Glück wurde der Wagen am selben Tag und am selben Ort ein weiteres Mal fotografiert:

Fiat_520_2_Galerie

Hier haben wir auf einmal einen schlechtgelaunt dreinblickenden Pfarrer, eine weitere Dame mit Schäferhund und zwei Herren, die zwei ganz unterschiedliche Typen repräsentieren.

Außerdem können wir nun dem Wagen quasi ins Gesicht schauen – die Frontpartie war  bei Autos der 1920er Jahre der charakteristischste Part. So liefert die folgende Ausschnittsvergrößerung die entscheidenden Indizien:

Fiat_520_2_Ausschnitt

Die Kühlerform, das runde Markenemblem, die Ausführung der Scheinwerfer mit markant profiliertem Chromring und die Gestaltung der Frontschutzbleche – alles passt perfekt zu einem Sechszylinder-Fiat des Typs 520 (1927-29).

Wer genau hinschaut, erkennt auch, dass sich das einer antiken Tempelfront nachgebildete Profil der Kühlermaske in der Motorhaube fortsetzt. Deren hinterer Abschluss ist auf obigem Foto gerade noch zu erkennen.

Die Unterseite der Frontscheibe spiegelt nochmals die Kontur des klassischen Dreiecksgiebels wider, die die Gestaltung der Kühlermaske bestimmt:

Fiat_520_3_Frontpartie

Diese Details erlauben die Ansprache des Wagens als Fiat des kleinen Sechszylindertyps 520 mit 46 PS. Wer die Leistung dürftig findet, sei an zwei Dinge erinnert:

  • Ende der 1920er Jahre gab es kaum Straßen, auf denen sich dauerhaft ein Tempo von mehr als 80 km/h aufrechterhalten ließ.
  • Wichtiger war die Fähigkeit des Motors, ohne Schalten aus niedrigen Drehzahlen zu beschleunigen, und die Steigfähigkeit am Berg – beides Funktionen eines ausreichenden Hubraums (im Fall des Fiat 520 2,2 Liter).

Noch zehn Jahre später begnügte sich ein Mercedes des Typs 170V mit zahmen 38 PS aus 1,7 Litern Hubraum. Fiat bot damals übrigens den deutlich ehrgeizigeren Sechszylindertyp 1500 mit 45 PS an, aber das ist eine andere Geschichte

Übrigens entstand die Aufnahme in Deutschland – der Fiat trägt nämlich eine Zulassung im Regierungsbezirk Oberpfalz. Die hochwertigen Tourenwagen und Limousinen aus Turin waren in den 1920er Jahren keineswegs eine Seltenheit hierzulande – heute dagegen ist Fiat außer mit dem 500er praktisch nicht mehr präsent…

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Großer Auftritt: Ein Stoewer Typ D3 Tourenwagen

Im letzten Blogeintrag hieß es, wir würden uns nach dem Rückblick auf die Classic Days 2018 auf Schloss Dyck wieder in die „Niederungen“ des automobilen Alltags im Deutschland der Vorkriegszeit begeben.

Das war halbironisch gemeint. Zwar lassen sich auf historischen Originalfotos nicht ständig Preziosen wie dieser auf Schloss Dyck zu bewundernde Atalanta-Sportwagen entdecken:

Atalanta_Classic_Days_2018_Galerie

Atalanta; Bildrechte: Michael Schlenger

Doch spannend sind selbst Aufnahmen einst gängiger deutscher Marken allemal – wobei „gängig“ relativ zu verstehen ist.

Gemessen an der Autoindustrie in den Vereinigten Staaten blieben nämlich die meisten deutschen Hersteller – von DKW und Opel abgesehen – Nischenproduzenten.

Manche einst hochangesehene Marke würde man heute sogar als Manufakturhersteller bezeichnen. In diese Kategorie fällt beispielsweise Stoewer aus Stettin – eine Firma, deren Ruf stets größer war als ihre eigentliche Bedeutung.

Das ist durchaus positiv gemeint, denn wie sich Stoewer vom Ende des 19. Jahrhunderts bis Mitte der 1930er Jahre als familiengeprägtes Unternehmen über Wasser hielt und dabei ein eigenes Profil bewahrte, ist bewundernswert.

Gemessen an den stets überschaubaren Stückzahlen ist es erstaunlich, wieviele historische Fotos von Stoewer-Wagen erhalten sind. In diesem Blog ist naturgemäß der Typ D3 am häufigsten vertreten, der von 1920-23 rund 2.000mal gebaut wurde.

Hier haben wir eine Aufnahme des 24 PS leistenden Vierzylindermodells, die bislang noch nicht publiziert wurde:

Stoewer_D3-Typ_Galerie

Stoewer Typ D3; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Wann und wo dieses Foto entstand, wissen wir leider nicht – Kleidung und Frisuren lassen auf die Mitte der 1920er Jahre schließen.

Der Aufbau mit Spitzkühler und „Tulpenkarosserie“ – wegen des wie bei einer Tulpenblüte nach oben immer breiter werdenden Passagierraums – ist typisch für deutsche Tourenwagen der frühen Nachkriegszeit.

Dennoch erkennt man auf Anhieb, dass dies ein Stoewer sein muss. Die leichte Schrägstellung der Vorderkante des Spitzkühlers, die Anordnung der Haubenschlitze und die gepfeilte Frontscheibe verraten es.

So weit, so konventionell – wenn das bei einem Stoewer zu sagen erlaubt ist. Neben diesem Standardaufbau gab es eine raffiniertere Variante, die wir hier sehen:

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Stoewer Typ D3 Tourenwagen; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Auf den ersten Blick ist man geneigt, hier auf einen der stärkeren D-Typen von Stoewer zu tippen. Doch wie die Rückfrage beim unbedingt sehenswerten Stoewer-Museum bestätigte, haben wir auch hier einen Typ D3 vor uns.

Jedoch wurde hier ein großzügiger und eleganterer Aufbau montiert – man beachte allein die feine Zierlinie zwischen dem hinteren Ende der Motorhaube und dem Windlauf vor der Frontscheibe.

Außerdem wurde eine flache, jedoch leicht schräggestellte Frontscheibe verbaut. Wenn nicht alles täuscht, besitzt dieser Wagen auch ein Kühlwasserthermometer:

Stoewer_D3_großer aufbau_Brennabor_Frontpartie

Das Nummernschild lässt auf eine Zulassung in Schleswig-Holstein (Kennung IP) im Landkreis Steinburg-Itzehoe schließen.

Ansonsten wissen wir auch hier nichts über den genauen Ort und das Datum der Aufnahme. Sicher ist nur, dass die Besitzer des Stoewer über einen Chauffeur verfügten, zu erkennen an der Schirmmütze.

Bei der Betrachtung dieses Automobils fragt man sich: Wie kann so ein eindrucksvolles Produkt menschlicher Schöpferkraft einfach vom Erdboden verschwinden?

Vielleicht gibt es irgendwo noch Fragmente davon – eventuell der Kühler oder eine Nabenkappe, möglicherweise hat irgendwo das Lenkrad überlebt oder ein Scheinwerfer.

Auf diesem alten Foto, das es bis ins 21. Jahrhundert geschafft hat, ist der Stoewer jedenfalls noch in voller Pracht zu sehen – der tiefe Glanz des Lacks und das blitzsaubere Erscheinungsbild lassen auf ein fast neues Fahrzeug schließen.

Freuen wir uns einfach darüber, dass zumindest diese Aufnahme übriggeblieben ist…

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Powered by Rickenbacker: Audi Typ SS „Zwickau“

In den letzten Blogeinträgen kamen herausragende Vorkriegsmodelle zu ihrem Recht, die bei den Classic Days 2018 auf Schloss Dyck am Niederrhein zu bewundern waren.

Bevor wir in die „Niederungen“ konventioneller (doch nicht weniger interessanter) Vorkriegswagen im deutschen Sprachraum zurückkehren, widmen wir uns einem Prachstück, das auf einer alten Postkarte in unsere Zeit gelangt ist.

Dabei handelt es sich um ein Achtzylindermodell der sächsischen Marke Audi, die vor dem Krieg auf hochwertige Manufakturwagen spezialisiert war.

Hier haben wir einen dieser feinen Wagen, die wie die Modelle von Horch in Zwickau gefertigt wurden:

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Audi Typ SS „Zwickau“; originale Postkarte aus Sammlung Michael Schlenger

Woran genau man den Typ erkennt, damit beschäftigen wir uns noch. Auf den ersten Blick sieht man auf jeden Fall, dass es sich um ein Achtzylindermodell handelt.

Mancher Leser mag sich daran erinnern, dass wir vor geraumer Zeit schon einen Achtzylinderwagen von Audi gezeigt haben. Das war der 100 PS starke Typ R, der 1927 vorgestellt wurde und später die selbstbewusste Bezeichnung „Imperator“ erhielt.

Originalfotos dieses über 5 Meter langen und mehr als 2 Tonnen schweren Kolosses sind selten, das gilt besonders für die raffinierten Spezialaufbauten. Immerhin ließ sich ein Werksfoto auftreiben, das die Pullmanlimousine des Typs R zeigt:

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Audi Typ R „Imperator“; Werksfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Zum Zeitpunkt der Vorstellung dieses mächtigen Wagens war Audi schon geraume Zeit in wirtschaftlichen Schwierigkeiten.

Ein Schuldenschnitt im Jahr 1926 hatte der Firma zwar etwas Zeit gekauft, doch die mittelständische Eigentümerfamilie erkannte, dass sie mit dem Automobilbau auf keinen grünen Zweig kommen würde.

Als Käufer fand sich der expansionsfreudige Inhaber der Zschopauer DKW-Werke, J.S. Rasmussen. Er hatte 1927 in den USA die 6- und 8-Zylindermotorenfertigung  der insolventen Firma Rickenbacker gekauft und suchte nach einem Einsatzfeld dafür.

Doch hielt sich die Nachfrage nach Rickenbacker-Motoren am deutschen Markt in Grenzen – die meisten Hersteller boten selbst 8-Zylinder an (wie Horch) oder arbeiteten daran (wie Adler, Brennabor, Hansa, NAG, Röhr, Stoewer usw.).

Da bot sich für Rasmussen in Form der Audi-Werke ein scheinbar ideales Einsatzgebiet für die nach Deutschland transportierte Rickenbacker-Motorenfertigung.

Nach Übernahme von Audi im Jahr 1928 ließ Rasmussen den in Zwickau entwickelten 8-Zylinder noch ein Jahr lang im Imperator verbauen, dann bekamen die parallel verfügbaren Rickenbacker-Aggregate den Vorzug.

Damit wären wir wieder bei der eingangs gezeigten Aufnahme eines 8-Zylinder-Audi mit Zulassung im schlesischen Görlitz. Seine Frontpartie unterschied sich in einem Detail von der des Imperator:

Audi_SS_Zwickau_Ak_Photograph_Görlitz_Ausschnitt

Im Unterschied zum „Imperator“ ist auf dem oberen Teil der Kühlermaske kein „Audi“-Schriftzug mehr angebracht – dieser ist nur noch im unteren Teil der „8“ auf der Scheinwerferstange zu sehen.

Stattdessen prangt oben auf dem Kühler das Wappen der Stadt Zwickau, die namensgebend für den neuen Audi mit Rickenbacker-Achtzylinder war.

Ungeachtet der ähnlichen Frontpartie unterschied sich der Audi Typ SS „Zwickau“ in vielen Details vom Vorgängertyp „Imperator“:

  • Der amerikanische Motor war mit 5,1 Litern Hubraum großvolumiger als der von Audi entwickelte Achtzylinder des Imperator (4,9 Liter).
  • Die Spitzenleistung war identisch (100 PS), fiel beim Rickenbacker-Aggregat aber bereits deutlich früher an.
  • Dank neun statt fünf Kurbelwellenlagern lief der Motor kultivierter.
  • Der Typ „Zwickau“ besaß zusätzlich einen lang übersetzten 4. Gang, der eine Drehzahlabsenkung bei hohem Tempo ermöglichte.
  • Die zuvor gestängebetätigte Vierradbremse wich einer hydraulischen Bremse von ATE nach Lockheed-Patent.
  • Der Radstand fiel merklich kürzer aus als beim Imperator und das Gewicht sank um 300 kg.

Ein großer Markterfolg war der Audi Typ R „Zwickau“ mit gut 450 Exemplaren bis 1932 allerdings auch nicht (Imperator: 145 Stück von 1928-29).

Neben dem 8-Zylindertyp „Zwickau“ fertigte Audi übrigens auch ein 6-Zylindermodell T mit der Bezeichnung „Dresden“, dessen Aggregat ebenfalls von Rickenbacker stammte. Dieses Modell war allerdings mit nur 76 Exemplaren ein Reinfall.

Auf alten Fotos erkennt man diesen Typ am Dresdener Stadtwappen oben auf der Kühlermaske und natürlich am Fehlen der „8“ auf der Scheinwerferstange.

Sollte ein Leser eine Aufnahme eines solchen Modells besitzen, wäre der Verfasser für eine digitale Kopie zur Vervollständigung der Audi-Typengalerie sehr dankbar.

Übrigens sind die Audis der Typen R „Imperator“, SS „Zwickau“ und T  „Dresden“ in der Seitenansicht schwer zu erkennen. Da Audi damals keine eigene Karosseriefertigung besaß, entstanden die Aufbauten bei Fremdfirmen und waren oft hochindividuell.

Davon kann der heutige Besitzer eines Audis – so ausgezeichnet die Wagen auch sonst sind – nur träumen. Man sieht: Zur Erfüllung mancher Träume kommt man auch im 21. Jahrhundert an einer Reise in die Vorkriegszeit nicht vorbei…

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Classic Days 2018: Prinz-Heinrich-Wagen von Benz

Unter den vielen herausragenden Vorkriegsfahrzeugen, die bei den Classic Days 2018 auf Schloss Dyck zu bewundern waren – davon etliche auch in Aktion – gebührt vielleicht einem Wagen besonderer Rang.

Die Rede ist vom Benz des Typs „Prinz-Heinrich“ aus dem Jahr 1910. Um zu ermessen, welchen Meilenstein dieses Sportmodell einst darstellte, blenden wir zunächst 120 Jahre zurück.

Im Jahr 1898 erschien die folgende Anzeige der Mannheimer Firma Benz & Co.:

Benz-Reklame_von_1898_Galerie

Hier wurde nur 13 Jahre nach Vorstellung des ersten Automobils der Welt bereits sehr selbstbewusst auf die hohe Zahl der bis dato hergestellten Wagen, die globale Präsenz der Marke und die Sporterfolge verwiesen.

Das in der Anzeige abgebildete Modell ist wohl ein Typ „Vis-à-vis“, der 1895 erschienen war und einen Einzylindermotor mit anfänglich 4, später 6 PS besaß. Vom im Heck liegenden Motorraum abgesehen wirkt hier noch alles wie im Kutschbau – immerhin waren die Holzspeichenräder bereits vollgummibereift.

Neben solchen Basismodellen gab die Firma Benz jedoch mächtig Gas und bot auch deutlich schnellere und steigfähigere Zweizylindertypen an. Zwischenzeitlich erlahmte allerdings der Elan und die Konkurrenz zog ab 1900 an Benz vorbei.

Doch erkannte man bei Benz noch rechtzeitig die Zeichen der Zeit und stellte mit Hilfe französischer Konstrukteure 1903 das erste Vierzylindermodell vor, das dank 20 PS Leistung bereits ein Spitzentempo von 70 km/h erreichte.

Von da an ging es rasant aufwärts. 1904 erwarb auch der sportbegeisterte Bruder des deutschen Kaisers – Prinz Heinrich von Preußen – einen 40 PS-Benz und blieb der Marke treu.

In den Folgejahren heimsten Benz-Wagen international zahlreiche Erfolge bei Renn- und Sportveranstaltungen ein – auch bei den von Prinz-Heinrich gestifteten Langstreckenfahrten.

Hier haben wir Fritz Erle auf seinem fast 100 PS starken 7,5 Liter-Benz bei einer Schnelligkeitsprüfung im Rahmen der ersten, im Jahr 1908 ausgetragenen Prinz-Heinrich-Fahrt:

Benz_Erle_Prinz_Heinrich_Fahrt_1908_Galerie

Hier taucht erstmals ein Element auf, das für eine bedeutende Zäsur im Erscheinungsbild der Automobile jener Zeit steht – der sogenannte Windlauf (auch Torpedo genannt).

Das haubenartige Blech zwischen Motorhaube und Fahrerraum gestaltet den Übergang strömungsgünstiger und wird ab 1910 Standard im Serienbau bei deutschen Automobilen.

Davon abgesehen, sind noch keine Bemühungen um verbesserte Aerodynamik zu erkennen. Nur zwei Jahre später sollte das ganz anders aussehen.

Damit wären wir im Jahr 1910 und bei dem Benz, um den es heute eigentlich geht:

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Benz Typ „Prinz Heinrich“ von 1910; Bildrechte: Michael Schlenger

Hier haben wir auf einmal ein in jeder Hinsicht hochmodernes Auto vor uns:

Die gesamte Karosserie ist von vorne bis hinten strömungsoptimiert, selbst die Radspeichen sind  mit abnehmbaren Aluminiumblechen abgedeckt.

Die Kühlermaske ist außen fast tropfenförmig ausgeführt; innen ist sie so gestaltet, dass die durch den verengten Einlass eintretende Kühlluft wie in einer Düse auf das eigentliche Kühlernetz beschleunigt wird.

Ein besonderer Leckerbissen ist außerdem der Motor:

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Benz Typ „Prinz Heinrich“ von 1910; Bildrechte: Michael Schlenger

In der Rennversion leistete dieses 5,7 Liter-Aggregat an die 100 PS. Für die „zivile“ Version, die in Kleinserie für Privatleute gebaut wurde, waren es immer noch 80 PS.

Wichtige Merkmale waren die im Zylinderkopf strömungsgünstig hängenden vier Ventile pro Zylinder – Standard waren bis in die 1930er Jahre zwei, die seitlich neben dem Zylinder lagen –  außerdem die Verwendung von zwei Zündkerzen pro Zylinder.

Äußerlich waren die privat erwerbbaren Benz-Modelle des Sporttyps „Prinz Heinrich“ weitgehend identisch mit den Rennwagen.

Das machte diese Fahrzeuge für Privatfahrer umso attraktiver, auch wenn sie auf die Spitzenleistung der Rennversion verzichten mussten, von der es neben der 5,7 Liter-Ausführung auch eine noch stärkere mit 7,3 Litern und 115 PS gab.

So beeindruckend die Leistungswerte dieser weit über 100 Jahre alten Sportwagen von Benz auch sind – noch eindrucksvoller ist die Präsenz dieser streng nach funktionellen Aspekten und dennoch wunderschön gestalteten Fahrzeuge:

Benz_Prinz_Heinrich_1910_Ausschnitt0

Gerade in der Schwarz-Weiß-Ansicht kann man die fließenden Linien und sinnlichen Kurven dieses Aufbaus besonders gut studieren.

Hier sieht man auch die auf alten Fotos meist kaum erkennbare Plastizität und Spannung des Karosseriekörpers, der sich über dem Rahmen weitet wie eine Blüte – daher die Bezeichnung „Tulpenkarosserie“.

Das kann man erst so richtig genießen, wenn man die Tourenwagen jener Zeit aus dem obigen Blickwinkel ins Visier nimmt, den damals kaum ein Fotograf einnahm (eine spektakuläre Ausnahme folgt gelegentlich).

Zu erkennen ist auch die zeittypische außenliegende Anbringung von Brems- und Schalthebel – im Innenraum wäre schlicht kein Platz dafür gewesen.

Selbst diese streng funktionell gestalteten Elemente besitzen eine schwer zu erklärende Magie, die wohl mit der Materialanmutung, aber auch dem Verzicht auf unnötige Durchgestaltung zu tun hat:

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Benz „Prinz Heinrich“ von 1910; Bildrechte: Michael Schlenger

In Zeiten, in denen ganze Heerscharen sogenannter Designer dafür bezahlt werden, sich über das Erscheinungsbild jedes Schalters im Innenraum den Kopf zu zermartern, ist eine derartige Klarheit der Gestaltung von vornherein unmöglich.

Darin liegt der Zauber der frühen Automobile, bei denen das Entwicklungstempo keine Zeit für angestrengtes Sinnieren über neue formale Gimmicks ließ.

Wer begreifen will, was echter Fortschritt im Automobilbau einmal bedeutete, der vergleiche einfach den Benz „Vis-à-vis“ von 1898 mit dem zwölf Jahre später entstandenen Benz des Sporttyps „Prinz Heinrich…

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Classic Days 2018: Ein Horch 8 Typ 305 Landaulet

Wie im Blogeintrag zum Horch 10/50 PS versprochen, der bei den Classic Days 2018 auf Schloss Dyck zu sehen war, schauen wir uns auch den daneben präsentierten Horch 8 Typ 305 näher an.

Der Wagen ist in zweierlei Hinsicht interessant: Zum einen sieht er in praktisch allen Details wie der Nachfolgetyp 350 aus, zum anderen besitzt er eine Karosserie mit besonderer Raffinesse, wie sich erst bei eingehender Betrachtung offenbart.

Beginnen wir mit einem Originalfoto eines Horch 8 Typ 350, das Lesern dieses Blogs bekannt vorkommen wird:

Horch_350_Pullman-Limousine_Galerie

Horch 8 Typ 350; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Diese Aufnahme zeigt eine mächtige Sechsfenster-Limousine, die sich anhand der Kühlermaske mit breiten Lamellen, den abgerundeten Vorderschutzblechen, den großen Hauptscheinwerfern und der Doppelstoßstange als Horch 8 Typ 350 ansprechen lässt.

Dabei handelte es sich um die ab 1928 verfügbare leistungsgesteigerte (4 Liter, 80 PS) und neu gestaltete Nachfolgeversion des 1927 vorgestellten Typs 305 (3,4 Liter, 65 PS).

Für kurze Zeit waren beiden Modelle parallel erhältlich. Das macht es recht schwierig , sie auseinanderzuhalten, denn der kleinere Typ 305 wurde 1928 äußerlich an den Nachfolger des Typs 350 angeglichen.

Um so einen Horch 8 Typ 305 im Gewand des stärkeren und modernisierten Typs 350 handelte es sich bei dem Wagen, der anlässlich der Classic Days 2018 zu sehen war:

Horch_305_spät_Classic_Days_2018

Horch 8 Typ 305; Bildrechte: Michael Schlenger

Beim Vergleich mit dem Horch 8 Typ 350 auf dem historischen Foto sind außer der Anbringung der Positionslampen, der Kühlerfigur und der Ausführung der Stoßstange kaum Unterschiede zu erkennen.

Doch besteht an der Identifikation des auf Schloss Dyck ausgestellten Wagens kein Zweifel. Außer dem Kennzeichen verwies auch eine Informationstafel neben dem Auto auf den Typ 305.

Nun könnte man einwenden, dass vielleicht auch der Horch auf dem Schwarzweißfoto gar kein Typ 350 ist, sondern ebenfalls ein Typ 305 in der späten, äußerlich dem Typ 350 gleichenden Ausführung.

Dagegen spricht aber ein Detail der Pullmanlimousine – der verstellbare Sonnenschutz am oberen Ende der Frontscheibe. Bei der Pullmanlimousine des Typs 305 dagegen gab es das nicht – dort endete lediglich das Dach weiter vorn.

Wie das aussah, können wir ausgerechnet dem Titelbild dieses Blogs entnehmen:

Horch_350_Opel_4-20_PS_Ausschnitt_1

Horch 305 Pullman-Limousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Zwar sieht auch der Horch neben dem Opel 4/20 PS in allen Details der Frontpartie wie ein Typ 350 aus, doch besitzt er noch den starren Sonnenschutz, wie er laut Literatur typisch für die Pullman-Limousine des Typs 305 war.

Zugegebenermaßen ist das alles recht kompliziert, aber so ist das nun einmal bei Vorkriegsautos, bei denen es eine oft verwirrende Vielzahl von Versionen gab, die sich zeitlich mitunter überschnitten.

Warum aber besaß der bei den Classic Days 2018 präsentierte Horch des Typs 305 nicht ebenfalls einen starren Sonnenschutz wie der Wagen auf dem Titelbild des Blogs?

Nun, zwar besitzt auch er sechs Seitenfenster, doch trägt er keinen Aufbau als Pullman-Limousine, sondern etwas ganz Eigenständiges:

Horch_305_Landaulet_spät_Classic_Days_2018_2

Horch 8 Typ 305; Bildrechte: Michael Schlenger

Auf den ersten Blick scheint der Horch ebenfalls einen geschlossenen Limousinenaufbau mit sechs Seitenfenstern zu tragen – lediglich die hintere Dachpartie ist in Kunstleder ausgeführt.

So etwas sollte entweder bloß den Eindruck einer zu öffnenden Karosserie erzeugen („Faux Cabriolet“) oder es handelte sich um einen Aufbau als Landaulet, wo nur die rückwärtigen Passagiere in den Genuss eines zu öffnenden Dachs kamen.

Doch müsste bei einem Landaulet nicht eine seitliche Sturmstange am Verdeck zu sehen sein? Außerdem dürfte es dort keinen festen Fensterrahmen geben.

Auch hier war besagte Informationstafel an dem Horch eindeutig – der Wagen trägt tatsächlich einen Landauletaufbau – jedoch einen besonders raffinierten:

Horch_305_Landaulet_spät_Classic_Days_2018_3

Betrachtet man den Dachholm über dem hinteren Seitenfenster, erkennt man, dass er vorne und hinten unterbrochen ist. Auch die hintere Dachsäule ist am unteren Ende unterbrochen.

Tatsächlich konnte nach Herunterkurbeln der Scheibe die Dachsäule mitsamt Verdeck nach hinten geklappt werden; gleichzeitig wurde der obere Dachholm so umgelegt, dass er auf der dann fast waagerecht liegenden Dachsäule ruhte.

Dieses Detail wäre dem Verfasser ohne den ausdrücklichen Hinweis auf den Landauletaufbau wohl verborgen geblieben. Wie die Mechanik funktioniert, begreift man auch erst, wenn man den Wagen mit offenem Verdeck betrachtet.

Dies war leider bei den Classic Days nicht möglich, weshalb der Verfasser kein entsprechendes Foto zeigen kann.

Doch der Zufall will es, dass genau dieses Auto im Standardwerk „Horch – Typen, Technik, Modelle“ von Kirchberg/Pönisch auf Seite 239 abgebildet ist – und zwar mit geöffnetem Verdeck!

Nebenbei eine klare Kaufempfehlung für dieses Buch (und die parallel dazu im Verlag Delius-Klasing erschienenen Werke zu den übrigen Marken der Auto-Union). Damit ausgerüstet, machen solche Recherchen zu deutschen Vorkriegsautos doppelt Spaß…

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Classic Days 2018: Endlich ein Fiat 1500!

Ein Fiat 1500 – was soll ein Nachkriegsmodell in einem Blog für Vorkriegsautos? Das mag sich der Konsument ordinärer deutscher Klassikermagazine fragen.

Doch Leser dieses Blogs wissen mehr. Sie verbinden damit eines der modernsten Automobile, die in den 1930er Jahre in Deutschland erhältlich waren. Merkwürdigerweise wird andernorts fast nie darüber berichtet.

Hier dagegen haben wir uns bereits anhand mehrerer historischer Originalfotos mit diesem reizvollen Modell befasst:

Der 1935 vorgestellte Fiat 1500 verband den Komfort einer viertürigen Limousine ohne Mittelsäule mit einem Sechszylindermotor, der 45 PS leistete, und einer hochmodernen Karosserie in Stromlinienoptik.

Damit stellte der Fiat in mancher Hinsicht den zeitgenössischen Mercedes 170V in den Schatten, dessen rückständiger Vierzylinder-Seitenventiler trotz größeren Hubraums schwächer war. Allerdings war der konservativ gestaltete 170er auch deutlich billiger.

Von den über 35.000 Exemplaren, die bis 1939 vom Fiat 1500 entstanden, wurde eine unbekannte Zahl im ehemaligen NSU-Automobilwerk in Heilbronn gebaut.

Leider ist dieser technisch interessante und auffallend gestaltete Fiat in Deutschland ein völliger Außenseiter. Dabei ist er für Automobilgourmets ein absoluter Leckerbissen – erst recht, wenn er die Spuren von über 80 Jahren mit Würde trägt.

Bei den Classic Days 2018 auf Schloss Dyck konnte der Verfasser nun erstmals genau solch einen Vertreter dieses Typs dingfest machen:

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Fiat 1500; Bildrechte: Michael Schlenger

Der sympathische Besitzer hat den Wagen in fein patiniertem Zustand in Italien aus alter Hand erworben. Lediglich die Technik wurde überholt und die angefressene Innenausstattung soweit erforderlich erneuert.

Die Anmutung eines solchen Zeitzeugen, dem man sein langes Leben ansieht, ohne dass er an ästhetischer Wirkung verloren hat, ist mit keinem der vielen oft ohne Not auf vermeintlich „neu“ gemachten Klassiker zu vergleichen.

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Fiat 1500; Bildrechte: Michael Schlenger

Hier sieht man übrigens die Ähnlichkeit der Frontpartie mit derjenigen des Peugeot 402 – nur dass beim Fiat die Scheinwerfer nicht hinter dem Kühlergrill liegen.

Fiat-typisch sind die versenkt angebrachten senkrechten Türgriffe. Auffallend ist außerdem das Fehlen seitlicher Luftschlitze – die geöffnete Klappe dient der Innenraumbelüftung.

Interessant ist auch die Gestaltung der Motorhaube. Im Unterschied zu den Peugeots der 02er-Reihe ist sie noch zweigeteilt und endet vor dem Kühlergrill.

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Fiat 1500; Bildrechte: Michael Schlenger

Die tropfenförmigen aufgesetzten Scheinwerfer sind aus dieser Perspektive besonders wirkungsvoll – sie tragen zum charaktervollen „Gesicht“ des Fiats bei.

Eine elegante Lösung stellen die beiden Stoßfänger in Form einer Halbellipse dar. Sie rahmen den weit nach unten reichenden, herzförmigen Kühlergrill ein. Der eigentliche Kühler liegt wie bei den 02er Peugeots weit dahinter.

Schön, dass der heutige Besitzer die Messingplakette des Dachverbands der italienischen Clubs für historische Autos und Motorräder (ASI) ebenso beibehalten hat wie das alte Kennzeichen (aus Bologna).

Ein weiteres reizvolles Detail sieht man auf folgender Aufnahme:

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Fiat 1500; Bildrechte: Michael Schlenger

Auf dem Trittbrett wechseln sich gummierte Aluminiumleisten mit Gummimatten ab. Auf den ersten Blick scheint man damit die bei Ein- und Ausstieg stark exponierten Stellen besonders geschützt zu haben.

Doch dürften diese Trittbretter nur noch der Zierde gedient haben – wie beim späteren Volkswagen erscheinen sie nicht belastbar.

Unsere kleine Fotoreihe wäre nicht vollständig ohne eine Ansicht der Heckpartie – die sich übrigens auch in obiger Zusammenstellung historischer Originalfotos findet:

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Fiat 1500; Bildrechte: Michael Schlenger

Zwar kann dieser Fiat 1500 nicht mit einer raffinierten Zweifarblackierung und verchromter Reserveradeinfassung aufwarten. Dennoch hinterlässt er aus rückwärtiger Perspektive einen harmonischen Eindruck.

Bestechend ist die Plastizität der Formen auch am Heck – von jeher die schwierigste Partie bei der Gestaltung eines Automobils. Hier besitzt jede Linie einen klaren, in sich geschlossenen Verlauf.

Da gibt es keine irgendwo anfangenden und plötzlich endenden Sicken, keine funktionslosen und überdies oft noch farblich abgesetzten Kunststoffelemente im Stoßfängerbereich, auch der Anblick von Auspuffrohren bleibt einem erspart.

Hier ruht der Blick schlicht auf Formen, die keiner vulgären Akzente bedürfen – auch darin liegt die Schönheit vieler Vorkriegswagen. Dann noch ein Exemplar in einem über Jahrzehnte gewachsenen harmonischen Gesamtzustand!

Was will man mehr? Nun, allenfalls weitere solche charaktervollen Fahrzeuge – und dafür bieten die Classic Days auf Schloss Dyck Jahr für Jahr das perfekte Umfeld.

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Classic Days 2018: Ein Mercedes 39/75 PS von 1907

So reizvoll die Beschäftigung mit Automobilen der Frühzeit auf alten Fotos auch ist – einem Wagen der Pionierzeit im Maßstab 1:1 zu begegnen, ist ein außerordentliches Erlebnis.

Bereits 2015 hatte der Verfasser anlässlich der Kronprinz Wilhelm Rasanz am Niederrhein das Vergnügen, sich in einem Cadillac 30 von 1912 in die Situation von Automobilisten vor über 100 Jahren zu versetzen.

Unter den Teilnehmern an der Ausfahrt waren auch frühe Exemplare aus dem Hause Daimler vom Typ „Mercedes Simplex“. Hier haben wir einen davon aus dem Jahr 1905 mit Karosserie von Rothschild, Paris:

Mercedes_Simplex_1905_Rothschild_Rasanz_2015

Daimler „Mercedes Simplex“; Bildrechte: Michael Schlenger

In Zeiten, in denen Kleinkinder bereits auf dem Dreirad zum Tragen von Helmen gezwungen werden, erscheint diese Situation gewagt. Mit der Sicherheitsobsession mancher Zeitgenossen würden wir allerdings heute noch zu Fuß gehen…

Diese Aufnahme zeigt nicht nur ein Beispiel entspannten Umgangs mit historischer Technik, sondern zugleich einen Mercedes-Wagen, der für die Markengeschichte von großer Bedeutung war.

Der im Herbst 1901 vorgestellte Mercedes Simplex verfügte über einen Vierzylindermotor, der 40 PS aus 6,6 Litern Hubraum schöpfte, was dem Auto auch bei Steigungen eine souveräne Kraftentfaltung ermöglichte.

In den Folgejahren bis 1907 tat sich stilistisch nur wenig an den Mercedes-Wagen, doch unter der Haube vollzogen sich große Fortschritte. Bereits 1905/06 hatten Paul Daimler und Wilhelm Maybach für Sportzwecke Sechszylindermotoren entwickelt.

Ab 1907 waren erstmals auch Serienwagen von Mercedes mit Sechszylinder verfügbar. Ein außergewöhnlich schönes Exemplar davon wurde 2018 bei den Classic Days auf Schloss Dyck gezeigt:

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Daimler „Mercedes“ 39/75 PS Spyder; Bildrechte: Michael Schlenger

Wie man sieht, steht dieser 1907 gebaute Wagen stilistisch noch in der Tradition des eingangs gezeigten Daimler „Mercedes Simplex“ von 1905.

Nach wie vor stößt die Motorhaube rechtwinklig auf die Schottwand, hinter der sich das Fahrer- bzw. Passagierabteil befindet. Allerdings folgt der obere Abschluss der Schotttwand hier bereits der Kontur der Motorhaube.

Die Schutzbleche verdienen mit ihrer expressiven Schrägstellung noch mehr die Bezeichnung „Kotflügel“ als beim konventioneller gestalteten Mercedes Simplex. Auffallend auch die harmonischere Gestaltung des unteren Kühlerabschlusses.

Ansonsten unterscheiden sich die beiden Wagen im vorderen Bereich kaum – wenn man von der Haubenlänge absieht. Beide tragen mächtige Messingscheinwerfer, die im Unterschied zu den an der Schottwand angebrachten, mit Petroleum betriebenen Positionsleuchten gasbetrieben waren (Danke für den Leserhinweis).

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Diese Laternen besaßen nicht umsonst Griffbügel – bei längeren unbefestigten Strecken wurden die empfindlichen Leuchten entfernt. Überliefert ist, dass sie anlässlich von Fernreisen mitunter in Holzwolle verpackt mit der Bahn ans Ziel geschickt wurden.

Dann konnte man zwar nur tagsüber fahren, aber das war angesichts der damaligen Straßenverhältnisse ohnehin ratsam. Noch in den 1920er Jahren sahen sich Automobilisten auf dem Lande nämlich mit solchen „Straßen“ konfrontiert:

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Fahrweg in Bulgarien (zwischen Varna und Burgas); Orignalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Bei derartigen Verhältnissen half die überragende Motorisierung des Mercedes mit 75 PS aus 10,2 Litern Hubraum zwar wenig. Dafür war man aber für alle Eventualitäten gewappnet – Steigungen ließen sich so mühelos überwinden.

Für die vermögende Kundschaft von Daimler war die Möglichkeit, bei Bedarf auch Fernreisen mit herausfordernden Partien absolvieren zu können, Teil des Leistungsversprechens eines Mercedes.

Der auf Schloss Dyck gezeigt zweisitzige „Spyder“ war freilich eher ein Modell, das den sportlichen Ehrgeiz betuchter Amateure ansprach. So wurde hier weder ein Verdeck noch viel Platz für Gepäck geboten:

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Daimler „Mercedes“ 37/75 PS; Bildrechte: Michael Schlenger

Die Heckpartie des Mercedes 37/75 PS Spyder wird vom Benzintank dominiert – ein schönes Beispiel für die Ästhetik ganz früher Automobile, die vom transparenten Nebeneinander funktioneller Bauelemente geprägt war.

Dabei mutet das Ergebnis keineswegs „kalt und technisch“ an, sondern erscheint durchaus reizvoll, was wohl den organisch wirkenden, geschwungenen Formen geschuldet ist, die der Mensch als besonders harmonisch empfindet.

Apropos geschwungen: Wer sich über den Verlauf des hinteren Schutzblechs wundert, dem sei gesagt: Auch er entspricht dem gestalterischen Grundsatz von „form follows function“, als dieser noch kein Dogma von auf den rechten Winkel, Stahl und Beton fixierten Bauhaus-Anhängern war:

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Daimer „Mercedes“ 39/75 PS; Bildrechte Michael Schlenger

Vor dem Hinterrad befindet sich nämlich das Antriebsritzel für den damals noch verbreiteten Kettenantrieb – seinen Konturen folgt das Schutzblech.

Neben solcher gestalterischen Raffinesse – Automobildesigner gab es damals übrigens nicht – beeindruckt auch der Umgang mit kontrastierenden Farbtönen, die wirkungsvoll Akzente setzen.

Weiter oben war bereits zu sehen, dass die Ledermanschetten um die vorderen Blattfedern in einem aufmerksamkeitsstarken Rot gehalten sind – wie auch die Sitze:

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Daimler „Mercedes“ 39/75 PS Spyder; Bildrechte: Michael Schlenger

Wer meint, die roten Bremssättel zeitgenössischer Sportwagen wären eine neuartige Idee, wird hier feststellen: alles dem Grundsatz nach schon mal dagewesen.

Was im übrigen von den Reifen zu halten ist, deren Profil den Schriftzug „NON  SKID“ – also rutschfest – wiedergibt, das kann sicher ein sachkundiger Leser sagen…

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Classic Days 2018: Ein rarer Horch Typ 10/50 PS

Bei den diesjährigen Classic Days auf Schloss Dyck wurde anlässlich des 150. Geburtstages von Pionier August Horch (1868-1951) groß aufgefahren. Gleich mehrere hochkarätige Horch-Wagen der 1930er Jahre waren vor der grandiosen Kulisse des ehrwürdigen Wasserschlosses zu bewundern:

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Horch-Präsentation Schloss Dyck 2018; Bildrechte: Michael Schlenger

Natürlich weiß der Kenner, dass diese Prachtstücke außer dem Namen nichts mit August Horch zu tun haben, der bereits 1909 die von ihm gegründete Firma verließ und kurz danach Audi gründete.

Dennoch war dies eine angemessene Würdigung eines der bedeutendsten Automobilkonstrukteure aus dem deutschen Sprachraum überhaupt.

Weniger prominent präsentiert waren zwei weitere, nicht ganz so spektakuläre Horch-Modelle, die aber eine Betrachtung verdienen, da sie selten zu sehen sind:

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Horch 8 Typ 305 und Typ 10/50 PS; Bildrechte: Michael Schlenger

Lesern dieses Blogs wird zumindest der vordere Wagen vertraut vorkommen. Der mächtige Achtyzlinder des Typs 305 steht hier zwar im Vordergrund, muss heute aber zugunsten seines unscheinbareren Kameraden zurücktreten.

Der neben dem luxuriösen Horch 8 Typ 305 abgestellte Wagen stellt nämlich heute eine Rarität dar, obwohl er einst in über 2.300 Exemplaren gebaut wurde. Es handelt sich um den letzten Vierzylinder von Horch, den Typ 10/50 PS.

Wir haben von diesem kultivierten Modell mit obenliegender Nockenwelle, Königswellenantrieb und Aluminiumkolben bereits mehrere Originalfotos gezeigt.

Dabei war die Identifikation mitunter nicht einfach, da der Horch 10/50 PS im radikal-sachlichen Stil daherkam, der Mitte der 1920er Jahre in Deutschland vorherrschte.

Die Zugehörigkeit zur automobilen Oberklasse sah man dem Wagen nicht unmittelbar an, nur die Dimensionen (und der Preis von rund 13.000 Reichsmark) ließen auf ein höherwertiges Fahrzeug schließen.

Das bis dato an Spitzkühlermodelle gewöhnte solvente Publikum scheint damals vorübergehend Gefallen an der neuen Sachlichkeit gefunden zu haben, bevor die Konkurrenz aus Übersee eine neue, konsequent auf Luxus getrimmte Linie vorgab.

So dürfte auch zu erklären sein, das von dem technisch seinerzeit hochmodernen Horch 10/50 PS nur wenige Exemplare überlebt haben. Das auf Schloss Dyck gezeigte Fahrzeug war das erste, das dem Verfasser bislang in natura begegnet ist:

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Horch Typ 10/50 PS Tourenwagen; Bildrechte: Michael Schlenger

Wäre da nicht das mit einer Krone geschmückte „H“ auf der Kühlermaske, übrigens erstmals am Typ 10/50 PS zu finden, dann wäre dieser Wagen nur sehr schwer als Horch zu identifizieren.

Umso erfreulicher, dass man sich entschieden hat, dieses auf den ersten Blick beliebig wirkende Qualitätsautom aus dem Hause Horch mit zu den Classic Days zu nehmen.

Übrigens wurde die Rechtslenkung erst bei den letzten im Herbst 1926 gebauten Exemplaren des Horch 10/50 PS aufgegeben. Mit Stoßdämpfern und Bremsen an allen vier Rädern war der für 100 km/h Spitze ausgelegte Wagen angemessen ausgestattet.

Was auf dem obigen Schwarzweißfoto wie auch auf historischen Originalaufnahmen untergeht, ist die Wirkung der damals modischen Zweifarblackierungen.

Der auf Schloss Dyck gezeigte Horch 10/50 PS verfügte über ein besonders raffiniertes Farbschema, bei dem der Vorderwagen in Schwarz gehalten war, während der den Insassen vorbehaltene Karosserieabschnitt sowie die Räder in einem hellen Grünton lackiert waren:

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Horch 10/50 PS Tourenwagen; Bildrechte Michael Schlenger

Leider war dem Verfasser keine Aufnahme der gesamten Seitenpartie möglich, da sich daneben eine Reihe von Besuchern niedergelassen hatte, um in aller Ausführlichkeit dort ihr Mittagessen einzunehmen.

Vermutlich war ihnen kaum bewusst, vor welchem Hintergrund sie da ihre Würstchen und Pommes Frites verzehrten – so haben sich die Zeiten geändert.

So blieb nur die Wahl, sich Details zu widmen, bei denen keine fragwürdigen Zutaten der Gegenwart den Genuss beeinträchtigen:

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Horch 10/50 PS; Bildrechte: Michael Schlenger

Auf diesem Ausschnitt lassen sich zwei Dinge gut erkennen:

Zum einen sind hier die blanken Metallteile noch vernickelt, nicht  –  wie später üblich – verchromt. Zum anderen sieht man moderate Benutzungsspuren. Sie künden davon, dass dieser über 90 Jahre alte Wagen kein zum Stillstand verdammtes Museumsstück ist – genau so soll es sein!

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