Eines gleich vorab: der mysteriöse Titel mit verstörendem Buchstabensalat stammt von mir – dafür kann Leser Erhard Schmidt nichts, der mir eine hübsche kleine Geschichte nebst selten schönem Autofoto eingeliefert hat.
Eigentlich schuld an der Begriffsverwirrung ist ohnehin jemand anderes und die Sache ist längst verjährt: Dazu müssen wir zurück in die frühen 1920er Jahre, als die Österreichische Automobil-Fabrik AG (ÖAF) die Nachfolge der Österreichischen Fiat-Werke (bzw. Austro-Fiat) antrat, die bis dato Automobile nach Fiat-Patent gebaut hatte.
Nach dem 1. Weltkrieg produzierte man eigenständige Konstruktionen, „vergaß“ aber, diesen einen eingängigen Markennamen zu verpassen. „ÖAF“, das klingt wie der letzte Seufzer eines ans Spritmangel eingehenden Motorvehikels der alten kuk-Welt.
Doch wie so oft in der Automobilgeschichte fand der Volksmund eine Lösung für das Problem. Aus alter Gewohnheit und weil es irgendwie erhebend klingt, nannte man die ÖAF-Kreationen einfach weiterhin „Austro-Fiat“.
Dazu passend hatte ein subversiver Schlauberger bei der ÖAF die interne Typbezeichnung „AF“ für die Nachkriegsmodelle festgelegt – das konnte einfach für „Auto-Fabrik“ stehen, aber jeder mit Traditionsbewusstsein, assoziierte „Austro-Fiat“ damit.
Dass es im Alltag sogar zu einer Rolle rückwärts kommen konnte und so ein „Austro-Fiat“ der ÖAF völlig kontrafaktisch nur noch als „Fiat“ bezeichnet wurde, diese kuriose Erkenntnis verdanken wir (unter anderem) der folgenden Story von Erhard Schmidt:
„Beim Stöbern auf der Verkaufs-Plattform ebay fand ich diese rund 100 Jahre alte Aufnahme, die einen offenen Kraftwagen in der einst als Torpedo benannten Karosserieform zeigt – mit zwei Damen und ebensovielen Herren darin bzw. drumherum.
Auf der Rückseite des Abzugs war als Aufnahmeort der Wallfahrtsort „Altötting“ in Oberbayern vermerkt.„

„Zunächst erkundete ich den Hintergrund der Aufnahme, welche die uralte Altöttinger Gnadenkapelle sowie dahinter den Kirchturm von St. Magdalena zeigt.
Betrachtet man heute diesen Ort, so ist dieser baulich weitestgehend unverändert; man darf sich bloß vom scheinbar gleich hoch fortgesetzten Giebelverlauf hinter der Gnadenkapelle auf dieser Aufnahme nicht irritieren lassen.“
An dieser Stelle erlaube ich mir als Blogwart folgende Ergänzung: Ausgerechnet unter dem simpel wirkenden Spitzturm in Bildmitte ist ein Kleinod der frühen deutschen Architekturgeschichte verborgen – eine als Oktogon gestaltete Taufkapelle nach Vorbildern aus dem Mittelmeeraum – entstanden wohl im 8/9. Jh. im Zusammenhang mit der karolingischen Königspfalz am selben Ort. Dieser Kernbau hat mit dem sich erst im späten Mittelalter entfaltenden Walllfahrtskult in Altötting nichts zu tun.
Nun hat wieder Erhard Schmidt das Wort:
„Der beschrifteten Rückseite war außer Altötting als Ortsangabe zu entnehmen, dass hier ein gewisse Annemie in ihrem Fiat zu sehen sei. Erwähnt werden außerdem drei weitere Personen: ein Kommerzienrat Illein und ein Ehepaar Dr. Jacobs.„

„Da wohl eine der Damen dieses Fiat Annemie hieß, erschien mir eine alpenländische Herkunft naheliegend und so interpretierte ich den Buchstaben D als Hinweis auf eine Salzburger Zulassung.
Das von Marita Krauss herausgegebene Buch über die bayerischen Kommerzienräte jener Zeit werde ich noch sichten, um den erwähnten Herrn Illein vielleicht noch näher kennenzulernen.
Was für einen Fiat man nun genau hier sieht, das bleibt ebenfalls zu klären. Mit einer Insassin namens Annemie, einem Kommerzienrat und einem Ehepaar mit Doktortitel ist dieses Bilddokument doch gewiß bemerkenswert!?“
In der Tat, kann ich als Blogwart feststellen und bedanke mich ausdrücklich nochmals bei Erhard Schmidt, dass er uns an diesem Mirakel von Altötting teilhaben lässt, welches freilich nur vordergründig mit dem Wunder zu tun hat, welches die Volksfrömmigkeit dort seit Jahrhunderten verortet.
Wahrhaft wunderbar sind vielmehr die Wege, auf denen dieser vermeintliche Fiat es bis in unsere Tage geschafft hat und uns eine seltene Gelegenheit gibt, den Kreationen der ÖAF der frühen 1920er Jahre nachzuspüren.
Denn dass wir es hier mit einem weiteren Exemplar des AF1 9/32 PS zu tun haben, der uns bisher nur sporadisch begegnet ist, davon bin ich als Wallfahrer in der Wunderwelt des Vorkriegsautomobils tief überzeugt…
Copyright: Michael Schlenger, 2026. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.


































































