Mein heutiger Blog-Eintrag ist zur Abwechslung kein Produkt spontan sich entfaltender Kreativität mit all Ihren Licht- und Schattenseiten.
Nein, diesmal werden Sie Zeuge einer langen Pilgerfahrt, deren Stationen mich schon lange beschäftigen. Das Material dazu hat sich über Jahre eingefunden, ohne dass ich gezielt danach gesucht hätte.
Nun fügt sich alles auf wunderbare Weise zusammen – auf geht’s zur Pilgerfahrt von Berlin nach Assisi im italienischen Umbrien – mit Goethe und einer Lancia „Aprilia“.
Meister Goethe war zwar nicht „schuld“ an meiner Italien-Liebe – außer England lockt mich übrigens von jeher kein anderes Land in Europa dermaßen. Aber er hat mit seinen Zeugnissen (inkl. der genialen Römischen Elegien, die man uns in der Schule vorenthalten hat) dazu beigetragen, dass sie sich immer weiterentwickelt hat.
Ziemlich genau 240 Jahre ist es her, dass Goethe aus den ihn hemmenden Verhältnissen in Weimar gen Süden floh – freilich mit großzügiger Unterstützung seines Arbeitgebers und Freundes Herzog Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach.
In seiner literarischen Aufbereitung seiner Italienreise, von der er als veränderter Mensch und als reifer Künstler zurückkehrte, beschreibt Goethe, wie hingerissen er vom herrlichen Minerva-Tempel in der umbrischen Pilgerstadt Assisi war.
Die in religiöser wie künstlerischer Hinsicht bedeutenden Kirchenbauten und Paläste dieser für mich spektakulärsten Stadt Mittelitaliens interessierten Goethe nicht im geringsten.
Es war im Oktober 1786, als der die klassische Antike suchende Pilger aus dem Norden mit dem Minerva-Tempel das erste original erhaltene römische Bauwerk überhaupt sah und diese Begegnung in seinem Tagebuch vermerkte. Dort erwähnt er den „bescheidenen Tempel, wie er sich für eine so kleine Stadt schickte, und doch so vollkommen, so schön gedacht, daß er überall glänzen würde.“
Von dem Fiat 1100 auf dem Platz vor der herrlichen Säulenfront abgesehen, wird sich Goethe damals fast derselbe Blick geboten haben wie hier:

Wie Goethe hatte ich bei meinem ersten Umbrien-Aufenthalt vor über 30 Jahren wenig Sinn für die nicht-antiken Schönheiten und Kunstschätze dieser 2500 Jahre alten und auf wundersame Weise komplett erhaltenen Stadt in einer Lage, die sich kaum übertreffen lässt.
Ich wusste allerdings, dass mein Paderborner Großonkel väterlicherseits ein leidenschaftlicher Assisi-Pilger war.
Er war „gut katholisch“, was ihn nicht davon abhielt, nach dem frühen Tod seiner jungen Frau in jahrzehntelanger „wilder Ehe“ mit einer Angestellten des Paderborner Bistums zu leben und er war wohl auch seiner Haushälterin durchaus zugetan.
Onkel Ferdinand war aber nicht nur ein Freund der Frauen im besten Sinne und Bonvivant – stets makellos gekleidet, glattrasiert, gut riechend und sehr auf Manieren bedacht – er war auch leidenschaftlicher Fotograf und dokumentierte mit Diaschauen die Italienreisen, die er wohl ab den 1960er Jahren unternahm.
Leider sind seine Fotos nach seinem Tod verlorengegangen. Was wäre das für ein Schatz gewesen, aus dem ich hätte schöpfen können.
Doch ich denke auch so gerne an ihn zurück. Ich habe in den Ferien bei ihm vieles gelernt, wenngleich mich seine christliche Glaubenswelt nie überzeugt hat – zu groß war mir der Kontrast zur Wirklichkeit und zu anmaßend der totale Anspruch auf Welterklärung.
Vor etlichen Jahren entdeckte ich dann Umbrien neu und stieß irgendwann auf diese herrliche Aufnahme aus Assisi – sie war es, die schon eine ganze Weile darauf wartet, nun endlich angemessen und in würdigem Kontext präsentiert zu werden:

Das Irre ist, dass diese grandiose Perspektive von der Burg oberhalb der Stadt genau dorthin geht, wo einst fast gleichzeitig das Foto aufgenommen wurde, das ich heute zeigen darf. Das stellte ich aber erst fest, als ich besagte Aufnahme kürzlich nachstellte.
Klingt kompliziert, aber warten Sie’s ab – die Sache wird sich im Folgenden vor Ihren Augen ganz selbstverständlich ausbreiten.
Bitte prägen Sie sich dazu den Kirchenbau in Bildmitte ein – den mit den markanten seitlichen Stützpfeilern. Umbrien ist von jeher Erdbebengebiet und die Leute dort haben gelernt, wie sie ihre Bauten schützen. Gefährdet bleiben indessen die hohen Türme.
Wer genau hinsieht, erkennt ganz links am Rand auf der Straße einen Lastwagen und daneben vor dem Pfeiler der Kirche einen Bus der 1950er Jahre:

Dorthin, vor die Fassade der Kirche Santa Chiara in Assisi, werden wir uns auf unserer heutigen Fotoreise begeben. Die nach der Heiligen benannten Klarissen hatten übrigens auch in der Heimatstadt von Onkel Ferdinand ein Kloster, das er gerne aufsuchte.
Es befand sich in der Nähe seines schönen Hauses und ich durfte ihn als Bub einmal dorthin begleiten. Dass die Klarissen quasi das weibliche Pendant zu den Franziskanern waren, die ihren Ursprung ebenfalls in Assisi hatten, wusste ich damals nicht. Erst viel später begriff ich die Verbindung.
Szenenwechsel: Ebenfalls um 1950 entstand in Berlin die folgende Aufnahme, welche die Nachkriegsversion des bekannten Kaffeehauses „Kranzler“ zeigt. Doch die Autos davor sind noch eindeutig Vorkriegstypen:

Das zweisitzige DKW-Cabriolet interessiert uns heute weniger – weit spannender und rarer ist nämlich die Limousine links davon mit der etwas unglücklich wirkenden Heckpartie.
Wer hier ein Heckmotor-Modell wie den Volkswagen vermutet, liegt daneben, aber das ist keine Schande. Dieses Fahrzeug wurde 1937 von der italienischen Nischenmarke Lancia vorgestellt und äußerlich kaum verändert bis 1949 gebaut.
Da nur rund 20.000 Exemplare dieses Typs entstanden, finden sie sich nur selten auf zeitgenössischen Fotos. Diese in der Schweiz entstandene Aufnahme hatte ich bereits vor 10 Jahren hier vorgestellt:

Unter der zumindest von hinten eigenwilligen Karosserie verbarg sich ein durchaus modernes Konzept. Der Aufbau war selbsttragend, benötigte also keinen Rahmen mehr, die Räder waren einzeln aufgehängt und die hinteren Bremsen waren innenliegend.
Der nur 1,4 Liter „große“ Motor leistete knapp 50 PS und ermöglichte in Verbindung mit dem im Windkanal optimierten Aufbau ein in dieser Klasse achtbares Spitzentempo von 125 km/h, das aufgrund des hervorragenden Fahrwerks auch ausgefahren werden konnte.
Dabei wirkte der Lancia „Aprilia“ von vorne beinahe konservativ zu einer Zeit, als sich aus den USA kommend bereits die Pontonkarosserie abzeichnete, bei der Kühlerpartie, Motorhaube und Vorderkotflügel zu einem harmonischen Ganzen zu verschmelzen begannen – davon ist hier wenig zu sehen:

Dieses in Mailand zugelassene Exemplar kommt mir gelegen – markiert es doch eine Zwischenstation in Oberitalien auf der Reise im Lancia Aprilia von Berlin nach Assisi, auch wenn wir auf diesem Trip wie Goethe den Brenner gegenüber dem Gotthard bevorzugt hätten.
Egal, wir sind jetzt südlich der Alpen und das ist die Hauptsache. Jetzt sind es nur noch wenige hundert Kilometer, bis wir ins grüne Herz Italiens gelangen – also Umbrien.
Nachdem wir die Hauptstadt der Region – Perugia – hinter uns gelassen haben, die vielen Umbrien-Liebhabern zu groß ist, ist die nächste Station auf dem Weg nach Rom die grandios am Fuß des Monte Subasio gelegene alter Römer- und Pilgerstadt Assisi.
Im Jahr 2025 hatte ich Sie schon einmal mit einer Ansicht dieser Stadt behelligt, die sich einem auch bei der x-ten Annäherung wie eine Traumvision darbietet.

Davon gibt es heute mehr als damals, aus den unterschiedlichsten Perspektiven aufgenommen und in vielleicht überraschenden Formaten präsentiert.
Doch zuvor gilt es noch zu illustrieren, was nun ausgerechnet den Lancia Aprilia mit Assisi verbindet.
Das ist ganz einfach, denn vor einiger Zeit erwarb ich die folgende Privataufnahme, die von alter Hand auf 1954 datiert ist und wohl von deutschen Pilgern angefertigt wurde:

Den schwarzen Lancia „Aprilia“ entdeckte ich erst auf den zweiten Blick, während ich auf Anhieb wusste, dass dieses Foto einst in Assisi entstanden sein muss.
Zwar war ich zuvor noch nie an genau dem Ort gewesen, von dem aus die Aufnahme gemacht worden war. Doch erkannte ich die gewaltige Burg wieder, welche der Kirchenstaat über der stolzen Stadt errichtet hatte – wie in anderen umbrischen Städten auch.
Die Bürger Assisis konnten sich vom päpstlichen Joch irgendwann befreien, was dadurch versinnbildlicht wird, dass die verhasste Burg bis heute die einzige Ruine der Stadt ist.
Da Assisi während meiner regelmäßigen Umbrien-Aufenthalte ganz in der Nähe liegt, kam ich auf die Idee, dass sich die Fotosituation nachstellen lassen müsste, auch wenn kein Lancia Aprilia zur Hand ist. Viel dürfte sich an der Szenerie nicht geändert haben.
Und genau an dieser Pilgerfahrt möchte ich Sie heute teilhaben lassen. Beginnen wir im Tal und erbauen uns an dieser Ansicht Assisis aus Westen:

Sicher erkennen Sie auf Anhieb die Silhouette der erwähnten päpstlichen Burg, aber auch vielleicht den Kirchturm an der Piazza del Comune in der Mitte des Bilds, an dem der Minerva-Tempel steht, den Goethe so bewunderte.
Aufmerksam machen möchte ich Sie aber auch auf die große Kirche mit dem Kuppelbau sowie das Gotteshaus ganz rechts – beide waren von Norden aus fotografiert bereits auf der eingangs gezeigten Postkarte zu sehen.
Wir fahren nun hoch zur Stadt, stellen das Auto ab und schalten um in den Schwarzweiß-Modus, um uns besser in die Fotosituation der 50er Jahre einfühlen zu können.

Gewiss, bei dieser Strenge gehen die warmen Farben des beigen und rosafarbenen Kalksteins verloren, aus dem praktisch die ganze Stadt besteht. Doch keine Sorge, wir kommen darauf zurück.
Sie haben doch Zeit, oder?
Also nehmen wir die Kirche Santa Chiara noch aus einem etwas anderen Blickwinkel ins Visier, bevor wir uns langsam zu Fuß hocharbeiten wie die Pilger seit Jahrhunderten:

So, jetzt ist es geschafft.
Wir befinden uns nun auf dem Plateau, auf dem im 13. Jh. die Kirche Santa Chiara errichtet wurde. Wer hier das „dunkle Mittelalter“ vermisst, darf zumindest im Hinblick auf Italien seine Vorstellungen korrigieren.
Damals hatte südlich der Alpen bereits die Frührenaissance eingesetzt, man übersprang die „barbarische“ Gotik und ließ sich von der Klarheit der antiken Klassik inspirieren.
Einzigartig sind die bereits erwähnten Stützpfeiler, die in einem notorischen Erdbebengebiet eine wirksame und zugleich ästhetisch kühne Lösung darstellten:

Die Härte des Mittagslichts verstärkt vielleicht den Eindruck einer schroffen, herrisch wirkenden Fassade.
Doch die Wirklichkeit stellt sich in Farbe anders dar – heiter und elegant.
Das ist einer der Gründe, weshalb der Platz vor Santa Chiara besonders viele Assisi-Reisende zum genüsslichen Verweilen einlädt:

Schon mancher ist hier hoch über der Valle Umbra im Sonnenschein selig eingeschlummert.
Das wussten auch die Bildhauer, welche diesen Platz über einige Jahrhunderte verfeinerten und zu einem bei allem Touristentrubel magischen Ort gemacht haben.
Nimmt man sich etwas Zeit, macht man dort die wundersamsten Entdeckungen:

Man möchte es dem altgewordenen Löwen nachtun und hier glatt die Zeit vergessen.
Und da habe ich Ihnen noch nicht den Blick vom Platz vor Santa Chiara über die Valle Umbra nach Westen gezeigt, wo man in der Ferne den Trasimenischen See erahnt, den Sie aus dem Geschichtsunterricht kennen.
Doch dazu müssen Sie sich schon selbst herbequemen – wir haben heute anderes vor.
So drehen wir uns um, lassen die herrliche Fassade von Santa Chiara rechts liegen und lassen den Blick über die Weite des Platzes schweifen.

Hier sind wir dem Ort ganz nahe, an dem in den 1950er Jahren jemand den Lancia Aprilia fotografierte. Und, nicht zu vergessen: Wir befinden uns genau vor der Kirche Santa Chiara, welche damals ein anderer Fotograf von der Burg oberhalb Assisis ins Visier nahm.
Die beiden Fotos haben die Blickachse gemeinsam – einmal ging sie von der Kirche zur Burg und einmal in die entgegengesetzte Richtung. Ein kleines Wunder, wenn man an solche Sachen glaubt.
Und nun stellen wir uns auf die Treppe vor dem Portal von Santa Chiara – dort, wo 1954 jemand den Lancia Aprilia zufällig mit aufnahm, als er die Kamera zur Burg hin ausrichtete.
Dann nehmen wir Maß anhand der alten Aufnahme und drücken auf den Auslöser:

Der Lancia hat prosaischeren Gefährten Platz gemacht und ein Café hat die freie Fläche okkupiert – ansonsten ist alles beim alten gelieben. Auch die Zypressen um die Burg herum sind noch da nach über 70 Jahren, bloß mächtig in die Höhe gewachsen.
Alte Bäume wie alte Autos und alte Häuser sind es, die uns direkt mit der Vergangenheit und damit mit unseren Vorfahren in Verbindung bringen, nachdem diese selbst längst verschwunden sind.
Sie waren schon da, als die Menschen von damals lebten und sie werden noch da sein, wenn auch wir Geschichte sind.
Diesen Gedanken möchte ich an dieser Stelle weiter veranschaulichen. Dazu werfen wir einen nunmehr fokussierten Blick auf das Foto von 1954:

Schauen Sie: Das Paar im Vordergrund, das dort steht, wo sich die abwärts führende Straße befindet, das sind wir: vorübergehende Gäste in einer Welt, die größer und dauerhafter ist als wir selbst.
Und genau an diesem Ort hält der Fotograf heute nebenbei andere Menschen (und Autos) fest, während sich die über Jahrhunderte steingewordene Situation kaum verändert zeigt.
Wer sich angesichts solcher bleibender Tatsachen immer noch über Gebühr wichtig nimmt, der hat etwas Fundamentales nicht verstanden: „Wir sind nur auf der Durchreise„, wie meine Mutter zu sagen pflegte:

Das was bleibt, sieht man auf dieser Aufnahme, die ich kürzlich machte. Ich muss speziell in der traumhaften Kulisse von Assisi immer an etwas denken, was Meister Goethe sagte am Ende seines Lebens.
Er hatte kurz vor seinem Tod im März 1832 eine Abbildung erhalten, die das im Vorjahr in Pompeji gefundene Mosaik der Alexanderschlacht zeigte. Nach dem Studium der meisterhaften Komposition und der atemberaubenden Porträts des Makedonen Alexander und des Persers Dareios schrieb der durch seine Italienerfahrung gewandelte Mann:
„Mitwelt und Nachwelt werden nicht hinreichen, solches Wunder der Kunst würdig zu commentiren, und wir werden genöthigt seyn, nach aufklärender Betrachtung wieder zur reinen Bewunderung zurückzukehren„.
Ob Goethe dabei vielleicht auch noch einmal an seinen augenöffnenden Besuch in Assisi vor über 45 Jahren dachte, sei dahingestellt. Mir erscheint es jedenfalls passend.
Die nie nachlassende reine Bewunderung ist das Leitmotiv, welches mich begleitet, wenn ich mich einem Juwel wie Assisi annähere – immer wieder neu und von verschiedenen Seiten, wie einst die Pilger, die diesen Ort aufsuchten.
Hier gibt es nichts zu kommentieren, sondern nur zu genießen:
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