Ich hatte das Glück, meine Jugend in der Bundesrepublik der 1970er und 80er Jahre zu verbringen. Damals schien alles wohlgefügt und dauerhaft – vieles scheinbar für die Ewigkeit gemacht.
Gewiss, alle paar Jahre gab es neue Autos, neue Mode, neue Stars, Regierungen kamen und gingen – doch die Welt an sich um mich herum war solide, zuverlässig, sicher.
Erst mit dem Abstand der Jahrzehnte stellt man fest, was alles verloren ist, was damals selbstverständlich war.
Moderne, leistungsfähige Infrastruktur, ganz gleich welches Verkehrsmittel man nutzte, Gemäuer ohne Graffitti-Geschmier, wilde Diskussionen mit Toleranz für die andere Sicht, Alltag ohne Aufsicht durch selbsternannte Tugendwarte, Wälder und weite Ebenen ohne tausende Türme der Windkraftbarone, eine knallharte Währung mit höchster Kaufkraft usw..
Dass das Dasein eine einzige Folge von Abschieden und Verlusten ist, das wird einem umso mehr vor Augen geführt, je weiter man zurückschaut in der Vergangenheit.
Natürlich ist das banal, was ich hier erzähle, vor allem aus Sicht der Leser, die ein paar Jahre Vorsprung haben.
Aber wie Sie wissen, brauche ich immer eine Weile, um mich dem anzunähern, was es dann in Sachen Vorkriegsautos auf alten Fotos Großartiges und Nachdenklichmachendes zu besichtigen gibt.
Den äußeren Anlass dazu lieferte mir die folgende spektakuläre Aufnahme, die mir Leser Matthias Schmidt aus Dresden in digitaler Form zu kommen ließ:

Wir sehen hier einen Tourenwagen aus der Zeit vor dem 1. Weltkrieg – die Gasscheinwerfer und das Fehlen einer Windschutzscheibe sind klare Indizien dafür – vor einer mittelalterlichen Burg sowie einer (damals) modernen Hängebrücke.
Für mich ist das eine großartige Melange aus Elementen verschiedener Epochen, die für sich genommen für die Ewigkeit gemacht schienen. Besonders stark ist der Kontrast zwischen der mittelalterlichen Burg Elbogen in Westböhmen und dem modernen Auto im Vordergrund – aber eigentlich nur in zeitlicher Hinsicht.
Der Wagen wirkt keinesfalls fremdartig, wie das bei einem Fahrzeug unserer Tage der Fall wäre. Das liegt nur vordergründig daran, dass dieser Wagen zur damaligen Auto-Aristokratie zählte. Denn wir haben es mit einem „Mercedes“ aus dem Hause Daimler zu tun, als man dort noch weit davon entfernt war, sich mit Konkurrent Benz zusammenzutun.
Als „Mercedes“ lässt sich der Wagen nur anhand der Kühlergestaltung identifizieren. Die Form des Kühlergehäuses und die horizontalen Unterteilungen des Kühlergeflechts waren damals markentypisch und wurden vom Prinzip über Jahrzehnte nur schrittweise verändert.
Eine Typansprache brauchen wir erst gar nicht zu versuchen, die Wagen eines Herstellers sahen damals prinzipiell fast gleich aus, unabhängig von der Motorisierung. Nur eine Datierung können wir anhand des Windlaufs zwischen Motorhaube und Innenraum wagen – das kam so bei deutschen Autos ab 1910 auf.
Der Mercedes war damals ein enorm teures Luxusobjekt – damals erschien er wie für die Ewigkeit gemacht und wie die überlebenden Exemplare zeigen, waren sie das prinzipiell auch. Doch das Bessere ist der Feind des Guten und die Mode ist unerbittlich.
So dürfen wir davon ausgehen, dass der Mercedes heute nicht mehr existiert. Nur mit den Mitteln der Moderne können wir ihn in eine vertrauter scheinende farbige Welt herüberzaubern. Das könnte dann etwa so aussehen:

Die Farbe des Mercedes habe ich selbst ausgewählt, alles übrige habe ich der KI überlassen. Man könnte meinen, dass das Ergebnis ziemlich nahe am heutigen Erscheinungsbild liegen dürfte – vom Auto einmal abgesehen.
Aber dem ist nicht so, wie ich festellen musste. Nicht nur der Mercedes ist den Weg alles Stählernen gegangen, auch die schöne Hängebrücke, die zur Burg Elbogen führte, ist schon lange Geschichte.
Gebaut wurde sie bereits um 1830 – nebenbei zu einer Zeit enormer technischer Kompetenz bei solchen anspruchsvollen Infrastrukturbauten. Leider wurde sie nach rund 100 Jahren Betrieb in den 1930er Jahren durch eine weniger aufregende Betonbrücke ersetzt. Diese existiert übrigens nach wiederum fast 100 Jahren immer noch.
In einem weiteren Punkt gilt es, ebenfalls Konzessionen an den Gang der Zeit zu machen. So hat die Kirche im Hintergrund – zwischen den Pylonen der Brücke und der Burg heute die barocke Farbfassung des 18. Jh., wie ein Blick auf das heutige Erscheinungsbild verrät.
Ob das auch zur Entstehungszeit des hier präsentierten Fotos der Fall war, weiß ich nicht. Sollte es so gewesen sein, wäre die Barockkirche und nicht das Auto für mich ein Fremdkörper gewesen:

Man sieht letztlich, was sich bei scheinbar für die Ewigkeit gemachtem Menschenwerk so alles tut, wenn man den Zahn der Zeit nagen lässt und auch dem Zeitgeist Gelegenheit gibt, seine Spuren zu hinterlassen.
Manches mag mit Gewinn verbunden sein, wie etwa das Automobil, das sich hier so trefflich ins Ensemble einfügt. Anderes wirft Fragen auf oder gibt Anlass zu glatter Ablehnung.
Doch letztlich bleibt nach dem Studium dieser Zeitzeugen nur zu konstatieren: Alles geht unaufhaltsam seinen Gang, ob es uns gefällt oder nicht. Es gilt aber auch: Was uns heute belastet und bedrückt, kann schon morgen ebenfalls von gestern sein…
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