Meine heutigen Betrachtungen knüpfen an den vorherigen Blog-Eintrag an – auch wenn es da nur um den arg primitiven Ford „Köln“ der 1930er Jahre ging.
Denn dank einer Doppelbelichtung erschien uns da geradezu gespenstisch der mächtige Adler „Standard 6“ der späten 20er Jahre mit Limousinenaufbau – zu erkennen an dem ungewöhnlich weiten Lochkreis der Räder mit sieben Radbolzen:

Ich hab es zwar nicht so mit dem Übernatürlichen – doch nahm ich diesen Zufall als Aufforderung, endlich einmal wieder ausführlich dem Adler „Standard 6“ zu widmen.
An Material zu diesem bis 1934 gebauten Oberklassemodell der Frankfurter Adlerwerke herrscht kein Mangel, ganz gleich, um was es für einen Aufbau sich handelt.
Um der aufgelaufenen Menge an Fotos irgendwie Herr zu werden, beschloss ich, zur Abwechslung einmal halbwegs strukturiert an die Sache heranzugehen.
Daher werden Sie heute nur Exemplare des frühen Adler „Standard 6“ mit Limousinenaufbau von Ambi-Budd (Berlin) zu sehen bekommen. Was langweilig klingt, wird sich indessen als reizvolle Reise durch die Welt derer erweisen, die einst so ein Fahrzeug bewegten – vom Prof zum Profi!
Auf den Prof brachten mich zwei Dinge. Zum einen kann ich mir diesen Herrn, der sich hier zwischen zwei jüngeren Damen paschamäßig präsentiert, durchaus als Universitätsprofessor vorstellen:

Was den Prof über die professionelle Ebene hinaus mit den Ladies verband, muss ungeklärt bleiben – alles war und ist bekanntlich auf diesem Sektor möglich.
Gesichert ist indessen, dass der Prof einen Adler Standard 6 mit Limousinenaufbau von Ambi-Budd fuhr. Verwiesen sei dazu auf die typische Kühlerfigur, die bereits erwähnte Gestaltung der Räder mit sieben Radbolzen und die beiden weit auseinanderliegenden Zierleisten entlang der Flanke.
Letztere sind gewissermaßen das Leiltmotiv dieser Standardkarosserie von Ambi-Budd, die außer bei Adler auch bei anderen deutschen Herstellern verbaut wurde.
Hier haben wir ein vom fehlenden Suchscheinwerfer abgesehen fast identisches Exemplar:

Übrigens ging der ursprüngliche Entwurf für den Adler „Standard 6“ der Überlieferung nach auf einen Professor zurück, der von den Adlerwerken beauftragt worden war.
Die Story klingt für einen Traditionshersteller ziemlich verwegen, konnte doch damals selbst ein chronisch klammer Nischenhersteller wie Stoewer sogar Achtzylinder in einem Marktsegment platzieren, das stark von preisgünstigen. leistungsfähigen und gut ausgestatteten US-Fabrikaten geprägt war.
Angeblich verfiel der Prof auf die Idee, kurzerhand einen solchen Amerikaner-Wagen mehr oder weniger zu kopieren. Etwas in der Richtung hätten wohl auch Nicht-Akademiker am abendlichen Autostammtisch empfohlen.
Bloß muss eine Kopie entweder besser oder billiger als das Vorbild sein, um sich Marktanteile erobern zu können. Mit dergleichen Marketingüberlegungen tat man sich in deutschen Landen damals traditionell schwer, weshalb Dutzende von Manufakturmodellen an der Kundenrealität vorbeientwickelt wurden, anstatt ein in großem Stil skalierbares Produkt mit eigenem Prof-Fil zu lancieren.
Mit dem Standard 6 wäre Adler ebenfalls beinahe gescheitert, doch gelang es, die Kopfgeburt des Prof von echten Profis zu einem halbwegs konkurrenzfähigen 6-Zylinderwagen mit moderater Motorisierung (45, später 50 PS) zu entwickeln.
So sind zeitgenössische Fotos dieses auch formal gelungenen Wagens, der seine Identität äußerlich aus der markanten Vorderpartie bezog, keineswegs rar. Heute bekommen Sie einige „neue“ davon gezeigt:

Ist Ihnen eigentlich aufgefallen, dass die bisher gezeigten Exemplare nicht nur die Ganzstahlkarosserie von Ambi-Budd und die auffallenden Räder gemeinsam hatten, sondern auch die Doppelstoßstange nach US-Vorbild?
Letztere war offenbar serienmäßig, denn mir ist noch kein Foto dieses Typs begegnet, auf dem sie fehlt. Optionales Zubehör findet sich dagegen in Gestalt gelochter und verchromter Schutzbleche an der Schwellerpartie unterhalb der Türen:

Der Reservekanister auf dem Trittbrett stammte wohl aus dem Zubehörhandel, er fällt meist unterschiedlich aus.
Übrigens findet sich an diesem Exemplar auch die standardmäßige Montage der Ersatzräder am Heck.
Sie sind beim folgenden Wagen ebenfalls dort zu vermuten, der zudem die erwähnten Trittschutzbleche aufweist – und als weiteres Extra eine in einer Raute eingefasste „6“ auf der Scheinwerferstange:

Noch eine optionale Zutat findet sich an einigen anderen Exemplaren des Standard 6 aus dem Hause Adler.
Die Rede ist von den seitlich in den Vorderkotflügeln angebrachten Ersatzrädern mit prächtig gestalteter Abdeckung – für mich ist so ein Adler jener Zeit erst damit „komplett“:

Diese Aufnahme ist ein gutes Beispiel dafür, wie sehr die Wirkung eines dieser Wagen von der Körpergröße der damit abgelichteten Personen abhängt.
Hier ist es der wohlgenährte und recht große Herr in der Mitte, welcher den Adler beinahe kompakt erscheinen lässt.
Beeindruckender wirkt die immerhin 1,82 Meter hohe Limousine auf der folgenden Aufnahme, auch wenn man hier die genannten Extras vermisst:

Allerdings ist in diesem Zusammenhang ein weiterer Faktor zu berücksichtigen. So bot Adler den Standard 6 mit zwei Radständen an, die sich um immerhin 30 Zentimeter unterschieden.
Die kürzere Ausführung war von den Proportionen fast identisch mit dem nur 35 PS leistenden Vierzylinder-Schwestermodell „Favorit“, der nur über 5 Radbolzen verfügte.
Das könnte erklären, warum etwa dieses Exemplar eines Standard 6 gar nicht mehr so repräsentativ wirkt, es kann aber auch am Aufnahmewinkel liegen:

Hingegen erscheint der Adler auf der folgenden Aufnahme majestätisch dimensioniert, obwohl der Herr davor nicht gerade kleinwüchsig war.
Zumindest die Schirmmütze lässt ihn recht groß wirken, was ein durchaus erwünschter Effekt dieser Kopfbedeckung war.

Interessant ist hier wieder die individuelle Kombination der Extras: seitlich montierte Erstzräder, aber keine „6“ auf der Scheinwerferstange und wohl auch keine Trittschutzbleche am Schweller, dafür wieder ein individueller Reservekanister.
Wir bewegen uns in diesem Fall nun in der Welt der Profis, denn der zuletzt gezeigte Adler wurde von einem Chauffeur der deutschen Reichspost bewegt.
Vermutlich ebenfalls ein professioneller Fahrer war der Herr auf der nächsten Aufnahme. welche zusätzlichen Reiz aus der eher seltenen farblichen Hervorhebung von Reifenmarke und -typ bezieht:

Damit wären wir für heute fast am Ende, obwohl in meiner Adler-Galerie – der größten allgemein zugänglichen im Netz überhaupt – noch weitere Kandidaten schlummern.
Doch die passen nicht so recht zum heutigen Thema „Vom Prof zum Profi“. Am Ende will ich aber noch einmal zum Ausgangspunkt zurückkehren. Denn unser mutmaßlicher Professor wirkt bei näherer Betrachtung nicht mehr ganz so akademisch.
Zwar hat er auf sämtliche Extras an seinem Adler verzichtet, wie es scheint, doch weiß er sich mit diesen beiden Trophäen in bester Gesellschaft und hat am Ende alles richtig gemacht:

Das war’s für heute in Sachen Adler „Standard 6“ mit Ambi-Budd-Limousinenaufbau. Künftige weitere Porträts des Typs werden sich den offenen Versionen, aber auch den optischen Eigenheiten späterer Ausführungen widmen…
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