Heiße 27 PS aus 1 Liter Hubraum: Fiat 509S Zweisitzer

Der Titel meines heutigen Blog-Eintrags ist keineswegs satirisch zu verstehen. Die Kunst der Satire ist hierzulande ohnehin tot, seitdem Regierungspolitiker im Karneval ernsthaft in dieselbe Bütt steigen, von der aus sie einst gnadenlos verspottet wurden…

Nein, mit 27 PS meinte es Fiat Mitte der 1920er Jahre bei seinem Modell 509 todernst. Die gab es nur bei einer heißgemachten Sportversion auf Basis des populären 1 Liter-Modells, von dem von 1925 bis 1929 fast 70.000 Exemplare entstanden.

In meiner Fiat-Galerie finden sich eine ganze Reihe zeitgenössischer Fotos des auch im deutschprachigen Raum gern gekauften kleinen Fiat 509.

Die „zivile“ Version besaß zwar bereits eine sportwagenmäßige Ventilsteuerung über eine oben im Zylinderkopf angebrachte Nockenwelle, doch musste sie sich mit maximal 22 PS bei 3.400 Umdrehungen begnügen.

Hier einige Fotos eines in Deutschland zugelassenen Fiat 509-Cabriolets. Wahrscheinlich handelt es sich trotz wechselnden Kennzeichens um dasselbe Auto:

 

Der Frontpartie nach zu urteilen ist das eindeutig ein Fiat 509, wenngleich mir genau diese Cabriolet-Version noch nirgends begegnet ist.

Entstanden sind diese Aufnahmen übrigens im Raum Kassel, offenkundig nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten.

Der junge Mann auf dem zweiten Foto trägt die Uniform des Reichsarbeitsdienstes und die Schirmmütze des Reichswehr-Offiziers auf dem letzten Foto lässt bereits den Adler mit Hakenkreuz erkennen, wenn nicht alles täuscht.

Wir kehren aber aus diesen politisch bedrückenden Zeiten zurück in die 1920er Jahre, als der Fiat 509 ein Symbol für eine beginnende Volksmotorisierung in Europa war.

Erstaunlich, dass der Riesenerfolg des Fiat 509 wie der seines noch häufiger gebauten Vorgängers 501 (1919-26) von Italien ausging, das in wirtschaftlicher Hinsicht weit rückständiger war als das vom Versailler „Vertrag“ ausgepresste Deutschland.

Die Präsenz der Turiner Kleinwagen auf deutschem Boden verdeutlicht, dass die einheimischen Marken in diesem Segment lange Zeit kaum Vergleichbares zu bieten hatten. Nur theoretisiert wurde hierzulande fleißig über einen „Volkswagen“…

Noch bemerkenswerter ist, dass Fiat neben dem Großserien-Kleinwagentyp 509 auch attraktive Werks-Sportversionen auf derselben Basis anzubieten vermochte.

Ein solcher heißgemachter Fiat 509″S“ ist mir kürzlich ins Netz gegangen:

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Fiat 509″S“ Zweisitzer; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

In der mir vorliegenden Literatur findet sich wie im Fall des eingangs gezeigten Cabriolets keine entsprechende Abbildung. Doch das Netz weiß inzwischen auch in punkto Vorkriegsautos mehr – zumindest wenn man die Kunst der Suche beherrscht.

Der schicke Zweisitzer grenzt sich durch folgende Details von der Serienversion ab:

  • v-förmig geteilte Frontscheibe
  • Zweisitzerkarosserie mit Bootsheck
  • flügelartig ausgestellte Vorderschutzbleche
  • Luftleitblech zwischen den vorderen Rahmenauslegern
  • Drahtspeichenräder mit Zentralverschlussmutter.

Vergleichbare Fiats des Sporttyps 509S finden sich im Netz hier und hier und hier.

Gegenüber dem Serienmodell war die Spitzenleistung um mehr als 20 % auf 27 PS gesteigert worden. Da der Hubraum von nur 990ccm unverändert geblieben war, muss hier klassisches „Frisieren“ erfolgt sein.

Neben einer anderen Gemischaufbereitung kommt hier die Verwendung anderer (leichterer) Kolben und abweichender Steuerzeiten der Nockenwelle in Frage – eventuell auch strömungsgünstigere Ein-und Auslasskanäle.

Für entsprechende Bemühungen spricht die stark erhöhte Drehzahl, bei der die Spitzenleistung des Fiat 509″S“ anfiel – 4.000 Umdrehungen pro Minute!

Ich wüsste keinen deutschen Hersteller, der Mitte der 1920er Jahre in der 1-Liter-Klasse ab Werk Autos mit derartig sportlicher Abstimmung im Angebot gehabt hätte.

Bleibt die Frage, wo und bei welcher Gelegenheit dieser Fiat 509S aufgenommen wurde. Leider konnte ich dazu bisher nichts in Erfahrung bringen, auch Kenner der Sportwagenszene im Deutschland der Zwischenkriegszeit mussten passen.

Doch vielleicht kann ein Leser etwas anhand des größeren Originalfotos dazu sagen:

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Fiat 509S Zweisitzer; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Neben dem Fiat 509S-Zweisitzer mit der Startnummer 7 steht ein konventioneller Tourenwagen mit der Startnummer 6, dessen Identität ich noch nicht klären konnte.

Weitere Hinweise könnte das Nummernschild des Fiat geben, auf dem auf dunklem Untergrund am rechten Ende ein „B“ erkennbar ist. Hat jemand eine Idee dazu?

Der Gesamtsituation nach zu urteilen, haben wir hier ein Dokument einer wohl lokalen Sportveranstaltung, wie sie es in der Zwischenkriegszeit tausendfach gegeben hat. Dennoch wäre es schön, Ort und Anlass enger einengen zu können.

Und natürlich interessiert mich brennend, was das für ein Wagen neben dem „heißgemachten“ Fiat 509S ist… Wie immer sind Leserkommentare willkommen!

© Michael Schlenger, 2019. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

 

 

 

 

 

Endlich von vorn! Audi Front 225 Cabriolet von 1934/35

„Endlich von vorn“ – das könnte man glatt auf den neuen Frontantriebswagen beziehen, der ab 1933 im Auto Union-Verbund unter der Traditionsmarke Audi gefertigt wurde.

Leser Marcus Bengsch verdanke ich das Foto einer frühen Ausführung dieses modernen und zugleich eleganten Modells, das zunächst nur mit einem von Wanderer übernommenen 6-Zylinder-Motor mit 40 PS ausgestattet war:

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Audi Front Typ UW; Originalfoto aus Sammlung Marcus Bengsch

Von den späteren Ausführungen unterschied sich diese Version wie folgt:

  • senkrechte Luftklappen in der Motorhaube
  • Vorderschutzbleche ohne seitliche „Schürzen“

Der Vollständigkeit halber sei angemerkt, dass ganz zu Beginn die Luftklappen in der Haube quer angeordnet waren – auf ein entsprechendes Foto warte ich noch…

Übrigens wurde die Karosserie der oben abgebildeten Limousine von Ambi-Budd aus Berlin bezogen, die denselben Stahlaufbau auch anderen Herstellern lieferten.

Das mag erklären, warum sich die eigentliche Schönheit der Audi-Fronttriebler hier noch nicht so recht entfalten konnte.

Wie anders ist das Bild bei den Cabriolet-Versionen, deren Aufbauten meist von einem der ganz großen Namen des deutschen Karosseriebaus stammten – Gläser aus Dresden.

Hier haben wir einen Audi Front Typ UW als Vierfenster-Cabriolet von Gläser:

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Audi Front Typ UW; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Anhand der nun vorhandenen seitlichen „Schürzen“ an den Frontkotflügeln lässt sich dieser Wagen auf das Winterhalbjahr 1933/34 datieren.Das Foto selbst ist natürlich späteren Datums, es entstand im Juli 1937.

Im März 1934 wurden die aus Aluminium gefertigten Klappen in der Motorhaube durch in Stahl gepresste senkrechte Schlitze ersetzt. Das Erscheinungsbild des Audi Front änderte sich dadurch nachhaltig, wenngleich unter der Haube immer noch der mit dem Wagengewicht überforderte 40 PS-Wanderer-Motor werkelte.

Von dieser formal überarbeiteten Ausführung des Jahrs 1934 hatte ich bislang nur eine Heckansicht im Angebot:

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Audi Front Cabriolet von 1934; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Nun kann man durchaus der Ansicht sein, dass eine Aufnahme aus solcher Perspektive noch größeren Seltenheitswert besitzt. Sie entstand übrigens in den späten 1960er bzw. frühen 1970er Jahren, als es in der „DDR“ eine bereits sehr lebendige Altautoszene gab.

Sehr wahrscheinlich existiert dieser Audi – hier ebenfalls mit Gläser-Aufbau als Vierfenster-Cabriolet – noch.

Es sei daran erinnert, dass unsere ostdeutschen Landsleute trotz der bedrückenden Umstände des Sozialismus auf oft abenteuerliche Weise die Ressourcen fanden, viele herrliche Vorkriegsmodelle am Leben zu erhalten, die im modernitätsbesessenen Westen häufig in die Schrottpresse wanderten.

Nicht unerwähnt bleiben darf auch, dass das mit zunehmender wirtschaftlicher Misere immer rabiater auftretende DDR-Regime später private Besitzer solcher Schätze dazu zwang, sich zwecks Devisenbeschaffung davon zu trennen.

Doch zurück zum Audi Front mit der im Frühjahr 1934 geänderten Gestaltung der Haubenschlitze. Denn heute kann ich ein solches Exemplar „endlich von vorn“ zeigen – so ist der Titel meines heutigen Blog-Eintrags nämlich gemeint:

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Audi Front von 1934/35; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Der Unterschied zu dem weiter oben gezeigten dunkel lackierten Cabrio mit den seitlichen Luftklappen könnte kaum größer sein.

Die leicht schräggestellten Haubenschlitze wirken wesentlich eleganter und geben der Haubenseite eine filigrane Struktur. Die Schwesterfirma DKW nutzte denselben Effekt übrigens bei den Luxusauführungen ihrer populären Zweitakt-Fronttriebler.

Die Zweifarblackierung mit hellem Karosseriekorpus grenzt die Elemente des Aufbaus dezent voneinander ab und lässt den Wagen leichter erscheinen, als er war. Immerhin 1,5 Tonnen brachte das Cabriolet auf die Waage.

Dank der stattlichen Figur des Herrn im Vordergrund wirkt der Audi Front hier fast kompakt, was er mit 4,50 m Länge und knapp 1,60 m Höhe freilich nicht war.

An den harmonischen Linien des Wagens gibt es nicht das Mindeste auszusetzen – hier haben die Gestalter und Handwerker von Gläser beste Arbeit abgeliefert. Nur die als Zubehör lieferbare Chromabdeckung des Ersatzrads wirkt ein wenig neureich.

Aber das ist wohl das Einzige, was sich an diesem herrlichen Wagen bemängeln ließe. Leider muss offen bleiben, ob wir hier noch einen Audi Front des Jahres 1934 vor uns haben oder bereits einen von 1935.

Der Hauptunterschied zwischen den Jahrgängen fand sich unter Motorhaube – ab 1935 war der überforderte 40 PS-Motor durch ein wiederum von Wanderer stammendes 50-PS-Aggregat mit ebenfalls sechs Zylindern ersetzt worden.

Formal hatten sich lediglich leichte Änderungen ergeben, vor allem am hier nicht sichtbaren Kofferraum. Vielleicht sieht ein sachkundiger Leser aber ein Detail, das dennoch eine konkrete Bestimmung des Baujahrs erlaubt.

Dabei mag die folgende Ausschnittsvergrößerung helfen, auf der sich nochmals die formale Raffinesse des Audi Front mit Aufbau von Gläser genießen lässt.

Audi_Front_Typ_225_Gläser_Cabriolet_Frontpartie

Gut nachvollziehen lassen sich hier unter anderem die Dimensionen der „Eins“ auf dem Kühlergehäuse, die bei dieser Ausführung des Audi Front zum letzten Mal so eindrucksvoll ausfallen sollten.

In der nächsten Entwicklungsstufe gestaltete man dieses noch aus den 1920er Jahren stammende Element deutlich dezenter und der Eleganz des Wagens angemessener. Damit wären wir beim Audi Front 225 Luxus, wie er ab 1936 gebaut wurde.

Diese letzte Ausbaustufe ist Gegenstand eigener Blogeinträge (hier und hier), an die ich sicher irgendwann mit „neuen“ Aufnahmen vergleichbaren Kalibers anknüpfen kann.

Wie immer freue ich mich dabei über Originalfotos aus den Privatsammlungen von Lesern. Im heutigen Fall konnte ich auf einen Abzug zurückgreifen, den mir Leser Raoul Rainer (Online-Galerie) großzügig vermacht hat – danke dafür!

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Sechszylinder und Vierrad-Bremsen: Stoewer D12V

Das Jahr 1925 markiert im deutschen Automobilbau eine wichtige Zäsur.

Die bis dato so verbreiteten Spitzkühler – ein Relikt der Zeit vor dem 1. Weltkrieg – wichen bei den meisten Herstellern konventionellen Flachkühlern.

Gleichzeitig setzten sich allgemein Vierradbremsen durch, die in den USA längst Standard waren (in einigen Fällen sogar bereits hydraulisch betätigt).

Der Stoewer, den ich heute vorstelle, ist ein schönes Beispiel dafür, dass sich der Wandel bei den einzelnen Marken unterschiedlich schnell vollzog. Übrigens habe ich das entsprechende Modell bereits vor längerer Zeit präsentiert:

Stoewer_D9V_oder_12V_Grünsberg bei_Altdorf_07-1930_Ausschnitt

Stoewer D9V oder D12V; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Sicher erinnert sich der eine oder andere Leser an dieses gekonnt aufgenommene Prachtexemplar mit vier Charaktertypen (Porträt).

Man erkennt hier sehr gut die großdimensionierten Bremstrommeln an der Vorderachse. In Verbindung mit dem mächtigen Spitzkühler sind sie ein Merkmal des Vierzylindertyps D9V bzw. des parallel erhältlichen Sechszylindermodells D12V.

Beide wurden ab 1925 gefertigt und das „V“ in der Typbezeichnung weist auf die neuen Vierradbremsen hin. Ob sich unter der Haube ein 2,3 Liter Vierzylinder mit 32 PS oder ein 3,4 Liter Sechszylinder mit 55 PS verbarg, ist schwer zu sagen.

Äußerlich unterschieden sich die beiden Varianten vor allem durch den um fast 40 cm differierenden Radstand. Die Fläche des Kühlers dürfte – bei identischer Grundform – aber ebenfalls unterschiedlich gewesen sein.

Mein vorläufiger Eindruck ist der, dass die Abmessungen des Innenraums der beiden Modelle identisch waren und nur die Haubenpartie des Sechszylinders länger war.

Dadurch konnte das Vorderschutzblech flacher nach hinten auslaufen und bot zudem Platz für seitlich montierte Ersatzräder. Wenn das zutrifft, hätten wir es auf folgendem „neuen“ Foto aus meiner Sammlung mit einem 6-zylindrigen Stoewer D12V zu tun:

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Stoewer D12V; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Praktisch dieselbe Ausführung eines D12V als Tourenwagen findet sich im Standardwerk „Stoewer Automobile 1896-1945“ von Hans Mai auf Seite 65.

Das eindrucksvolle Format der Reifen (laut Literatur 33 Zoll x 6,20 ggü. 31 Zoll x 5,25) ist aus meiner Sicht ein weiteres Indiz dafür, dass dieses Foto einen Stoewer-Sechszylinder D12V und keinen Vierzylinder D9V zeigt.

So der so handelt es sich bei dieser Abbildung um eine Rarität. Denn es wurden nur ziemlich wenige dieser Spitzkühlermodelle mit Vierradbremsen gebaut. Irgendwann im Lauf des Jahres 1926 wurden sie durch Flachkühlermodelle abgelöst.

In der Literatur findet sich zwar die Abbildung eines von Gläser aus Dresden eingekleideten Cabriolets des Typs D12V mit Spitzkühler von 1926. Im selben Jahr begann aber der Umstieg auf das sachlicher wirkende Flachkühlermodell.

Für mich verloren die Stoewer D-Typen mit dieser formalen Änderung schlagartig an Reiz. Erst die ab 1928 gebauten Achtzylinder-Stoewer boten wieder ein unverwechselbares Erscheinungsbild.

Darauf komme ich gelegentlich zurück – es haben sich einige Aufnahmen solcher Wagen in meinem Fundus angesammelt.

Was das heute vorgestellte Foto angeht, beschäftigt mich noch eines: Wo befand sich einst die „Gastwirtschaft Otto Jouvenal“, vor der der Stoewer abgelichtet wurde?

Der französische Name verweist auf eine hugenottische Abkunft der Vorfahren des Gastwirts. Einen Hinweis mag das Kennzeichen des Stoewer geben – demnach war der Wagen im nordhessischen Landkreis Hofgeismar zugelassen.

Vielleicht erkennt ja ein Leser den Ort wieder, an dem dieser schöne Sechszylinder-Stoewer vor über 90 Jahren haltmachte.

Wo mag er geblieben sein? Wie kann etwas so Schönes einfach verschwinden? Eine Frage, die nicht nur die Automobile unserer Altvorderen betrifft…

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Offenbar gängiger als gedacht: Komnick Tourenwagen

Vor genau einem Jahr – im Mai 2018 – durfte ich das Foto eines Lesers aus Australien als Fund des Monats präsentieren. Es zeigte einen wunderbaren 8/30 PS-Tourenwagen der Marke Komnick aus dem ostpreußischen Elbing.

Die überragende Qualität rechtfertigt den besonderen Status dieser Aufnahme nach wie vor.

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Komnick 8/30 PS Tourenwagen; Originalfoto aus Sammlung Jason Palmer

Die gesamte mir bekannte Literatur zu deutschen Vorkriegsmarken (Stand: Mai 2019) zeigt keine Abbildung, die annähernd an dieses Dokument heranreicht.

Dadurch wurde nicht nur ich für diese untergegangene Qualitätsmarke aus Deutschlands ehemaligem Osten sensibilisiert, sondern auch Leser meines Blogs.

In der Folge fand sich nach und nach eine ganze Reihe weitere Bilder des markanten Komnick-Tourers, der in den 1920er Jahren mit 8/30 PS (später 8/45 PS)-Motor als offenbar einziges Modell des traditionsreichen Fahrzeugbauers entstand.

So konnte ich hier unter anderem diese ebenfalls ausgezeichnete Aufnahme eines solchen Komnick präsentieren – bereits mit Vierradbremse: 

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Komnick 8/45 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Zwar führte Komnick in der bisherigen Literatur bislang nur ein Nischendasein – doch tatsächlich müssen Wagen dieser Marke gängiger gewesen sein, als man denkt. Dabei lasse ich bewusst die Modelle außen vor, die vor dem 1. Weltkrieg entstanden.

Konzentriert man sich auf die PKW-Produktion von Komnick aus den 1920er Jahren – genau gesagt von 1923-27, wenn man der Literatur trauen darf – begegnen einem immer wieder Exemplare davon.

Das ist auch kein Wunder, denn Komnick präsentierte seine Automobile bei der Berliner Automobilausstellung selbstbewusst in repräsentativem Rahmen:

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Komnick-Stand auf der Automobilmesse in Berlin um 1926; Originalpostkarte aus Sammlung Michael Schlenger

Wenn nicht alles täuscht, ist auf der anderen Seite der Stand des Frankfurter Herstellers Adler zu sehen. Die Komnick-Delegation befand sich also in bester Gesellschaft.

Autos der Marke Beckmann vom Nachbarstand werde ich hoffentlich eines Tages ebenfalls anhand von Originalfotos zeigen können.

Zurück zu Komnick. Hier haben wir eine „neue“ Aufnahme eines Tourenwagens des Herstellers aus Elbing, die ich eher zufällig erwerben konnte:

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Komnick Tourenwagen um 1925; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Der aufmerksame Betrachter wird die ersten drei Buchstaben des Markennamens auf der Oberseite der Kühlermaske registrieren. Doch der eigentliche Reiz liegt in der Inszenierung der aus acht Personen bestehenden Gesellschaft.

Es ist immer wieder faszinierend zu sehen, wie die damaligen Besitzer oder auch zufällig Anwesenden diese teuren Luxusvehikel „eroberten“ und ganz selbstverständlich darauf Platz nahmen.

Offenbar fürchtete niemand um Kratzer im Lack oder Dellen im Blech. Das mag mit der hervorragenden Qualität der damaligen Lackierungen und der Materialstärke zu tun haben. Wahrscheinlich hatte man aber angesichts der miserablen Straßen zu jener Zeit ohnehin ein entspanntes Verhältnis zu Benutzungsspuren aller Art.

Interessant ist, dass auch dieser Komnick Drahtspeichenräder besitzt – wie auf bisher allen mir vorliegenden Aufnahmen dieses Tourenwagentyps. Tatsächlich war eine solche Ausstattung im Deutschland der Zwischenkriegszeit eher die Ausnahme.

In Österreich, Frankreich und England dagegen waren die filigranen, aber auch empfindlichen Drahtspeichenräder serienmäßig weit häufiger zu finden. Könnte dies mit dem unterschiedlichen Zustand der Straßen zu tun gehabt haben?

Ich habe den Eindruck, dass dies eher eine Stilfrage war. An den Rädern war ohnehin ständig etwas zu machen, da kam es auf die eine oder andere lockere Speiche auch nicht mehr an. Das geringere Gewicht und die sportliche Optik könnten manchem Besitzer wichtiger gewesen sein.

So war auch der Komnick-Tourenwagen auf der folgenden, ebenfalls bisher unveröffentlichten Aufnahme mit Drahtspeichenrädern und Zentralverschlussmutter ausgestattet:

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Komnick Tourenwagen; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Auf diese Aufnahme wies mich übrigens ein Leser  meines Blogs hin, sodass ich diese günstig erstehen konnte. Bemerkenswert ist, dass der Verkäufer wusste, was das für ein Wagen ist – die Nachfrage beflügelt hat dies gleichwohl nicht.

Leider interessiert sich im Unterschied zu anderen Nachbarvölkern hierzulande nur noch ein recht überschaubarer Kreis für Automobile untergegangener heimischer Hersteller – erst recht, wenn sie nicht das für unsichere Persönlichkeiten offenbar sehr wichtige „Prestige“ aufweisen.

Ob wir hier nun einen Komnick 8/30 PS mit Zweiradbremsen oder den äußerlich gleichen Typ 8/45 PS mit Vierradbremsen vor uns haben, lässt sich meines Erachtens nicht entscheiden.

Für den Reiz des Fotos ist das auch unerheblich. Die Originalaufnahme ist noch etwas größer und zeigt im Hintergrund ein holzverkleidetes Haus  aus dem späten 19. Jahrhundert, wenn ich mich nicht irre.

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Komnick Tourenwagen; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Die stilistischen Details des Gebäudes wirken auf mich etwas eigentümlich, obwohl ich aus dem reichen Bestand an Bauten jener Zeit in meiner Heimatstadt Bad Nauheim einiges an Extravaganzen der Gründerzeit und des Jugendstils kenne.

Mein Gefühl tendiert dazu, hier ein Haus irgendwo im Osten zu sehen, nicht notwendigerweise aus dem Territorium des damaligen Deutschlands, vielleicht auch aus dem Baltikum, wo viele deutsche Familien Verwandschaft hatten.

Daher würde ich auch dem Kennzeichen keine große Bedeutung beimessen, zumal es sich nicht eindeutig interpretieren lässt (die Kennungen „III“ oder „IIN“ sind möglich).

Solche Aufnahmen wurden gern anlässlich der Abfahrt von Besuchern aus der Ferne gemacht. Vielleicht war der edle Komnick gerade startklar für die Heimreise gemacht worden und wurde mitsamt Insassen noch einmal für’s Familienalbum festgehalten.

Das ist gerade einmal etwas mehr als 90 Jahre her und doch wirkt die Welt auf diesem Foto merkwürdig fern und fremd. Ob wenigstens einer dieser so markanten Komnick-Tourer irgendwo als Botschafter aus der Vergangenheit überlebt hat?

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Die reine Freude: BMW 315 Zweifenster-Cabriolet

Nach langer Abstinenz steht heute endlich wieder einmal ein Vorkriegs-BMW im Mittelpunkt meines Blogs.

Natürlich gibt es jede Menge historische Aufnahmen des frühen, noch auf dem „Dixi“ basierenden Typs 3/15 PS, der bis 1932 gebaut wurde. Doch erst mit den ab 1933 angebotenen feinen Sechszylindermodellen fand BMW eine eigene Identität.

Den einen oder anderen davon habe ich bereits vorgestellt -neben dem Erstling 303 auch den äußerlich ähnlichen Vierzylindertyp 309. Das waren durchaus ansprechende Wagen, doch so richtig will der Funken dabei noch nicht überspringen.

Das wird sich mit dem heute zu besprechenden BMW-Modell ändern, das in jeder Hinsicht die reine Freude ist – ganz gleich aus welchem Winkel man ihn betrachtet.

Der Wagen, um den es geht, ist gleich in vier Ansichten überliefert, von denen eine reizvoller als die andere ist. Hinzu kommt, dass es sich um eine besonders elegante Karosserievariante handelt.

Es lohnt sich unbedingt, sich diesem schönen Fahrzeug auf Umwegen zu nähern – beginnen wir mit dieser Heckansicht:

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BMW 315 2-Fenster-Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Hand auf’s Herz: Bei einer solchen Momentaufnahme ist es eigentlich vollkommen gleichgültig, was für ein Auto hier die Kulisse liefert.

Einen derartigen Schnappschuss in dieser Qualität muss man mit den technischen Mitteln der 1930er Jahre erst einmal hinbekommen. Dass das kein Zufallstreffer war, werden die noch folgenden drei Aufnahmen aus derselben Serie zeigen.

So freudig erregt wie der kleine Hund weiß man gar nicht, worauf man das Auge am ehesten ruhen lassen soll – der jungen Dame mit dem hellen Reisemantel, den dezenten Netzstrümpfen und filigranen Riemchen-Pumps oder eher der feinen Baumwollstruktur der Verdeckhülle, den verchromten Knöpfen der Sturmstange und dem profilierten Scheibenrad mit Chromradkappe und BMW-Emblem.

Nebenbei verrät das Kennzeichen, dass dieser BMW in Sachsen (Kennung „IM“) und dort im Landkreis Oschersleben zugelassen war.

Noch mehr erfahren wir über das Auto auf der nächsten Aufnahme:

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BMW 315 2-Fenster-Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Die sechs Felder in der Seite der Motorhaube finden sich am Sechszylindertyp 315, den BMW ab 1934 in weniger als 10.000 Exemplaren baute.

Diese markanten, auf die Zylinderzahl verweisenden Luftschlitze waren den frühen Modellen vorbehalten. Jedenfalls fehlen sie auf anderen Aufnahmen desselben Typs, ohne dass die mir vorliegende Literatur ein Wort darüber verliert.

Nachtrag: Leser Dirk Steffens bestätigt, dass die ab 1935 gebauten BMWs des Typs 315 über Luftschlitze verfügten.

Spannend wird die Sache dadurch, dass das abgebildete BMW-Cabriolet nur zwei Seitenfenster besitzt, während die meisten Abbildungen deren vier zeigen. Zwar gab es vom BMW 315 auch ein wunderschönes 2-Sitzer-Sportcabriolet mit ebenfalls nur zwei Seitenscheiben – es besaß aber keinen am Heck angesetzten Kofferraum.

In seiner ganzen Schönheit zeigt sich unser BMW nun auf der folgenden Aufnahme:

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BMW 315 2-Fenster-Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Hier sehen wir nun auch die mächtige Doppelniere, die der Kühlerpartie ihr BMW-typisches „Gesicht“ verlieh.

Ins Auge fallen hier auch die mit einer Mittelrippe versehenen Stoßstange, die man an den gängigen Versionen des BMW 315 in der Literatur so nicht findet.

Aus meiner Sicht spricht die Ausführung der Vorderschutzbleche wie auch die der Luftschlitze für eine frühe Ausführung. So fehlen hier noch die seitlichen „Schürzen“, die sich bei BMW ab 1935 durchsetzten – wie übrigens bei anderen Marken ebenfalls.

Hier haben wir zum Vergleich einen BMW 315 in der herkömmlichen Ausführung als 4-Fenster-Cabriolet mit den erwähnten Kotflügelschürzen und den offenbar später zur Standardausstattung gehörenden horizontalen Luftschlitzen:

BMW_315_Vater_und_Sohn_1938_Galerie

BMW 315 4-Fenster-Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Diese schöne Aufnahme hatte ich vor längerem hier ausführlich besprochen. Hier sieht man nebenbei auch die abweichende Ausführung der Stoßstange.

War es das schon zum BMW 315 in der Ausführung als frühes 2-Fenster-Cabriolet?

Einen Pfeil habe ich noch im Köcher – der noch mehr als die erste Aufnahme direkt das Herz all derjenigen treffen sollte, die sich nicht nur an den Autos der Vorkriegszeit erfreuen können, sondern auch offen sind für die Magie jener untergegangenen Welt.

Dazu gehören nicht immer nur schöne Zeugnisse – gerade was Aufnahmen aus dem deutschsprachigen Raum der 1930er Jahre und aus dem 2. Weltkrieg angeht.

Doch hier haben wir noch einmal ein Dokument, das die reine, ungetrübte Freude am Vorkriegsautomobil und ihren einstigen Besitzern verkörpert:

BMW_315_Cabriolet_2_Galerie

BMW 315 2-Fenster-Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dank des Hinweises von Leser Dirk Steffens weiß ich nun auch, wer der Schöpfer dieser schönen Ausführung des BMW 315 als 2-Fenster-Cabriolet war: Reutter aus Stuttgart (Vergleichsabbildung).

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Ungleiche Brüder: Hanomag „Kurier“ und „Rekord“

Heute kehre ich in meinem Blog zu einem der deutschen PKW-Modelle der Vorkriegszeit zurück, die trotz niedriger Stückzahl (knapp 20.000) auf historischen Fotos erstaunlich oft zu finden sind – dem „Rekord“ aus dem Hause Hanomag.

Ohne dass ich gezielt danach gesucht hätte, haben sich in meiner Hanomag-Bildergalerie mittlerweile weit über 20 Originalaufnahmen dieses Vierzylinderwagens mit 32 PS (später 35 PS) eingefunden – mehr als 1 Promille der einstigen Produktion.

Diese Quote ließe sich mühelos steigern, wenn man wollte – auch deshalb, weil viele der technisch unauffälligen, aber enorm robusten Wagen den Krieg überlebt haben.

Hier haben wir einen solchen Hanomag „Rekord“, der seinem Nummernschild nach zu urteilen in der britischen Besatzungszone Rheinland lief:

Hanomag_Rekord_Rheinland_Nachkrieg_Galerie

Hanomag „Rekord“; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Der zum Aufnahmezeitpunkt mindestens zehn Jahre alte Wagen steht äußerlich hervorragend dar und eignet sich somit als Anschauungsobjekt, um die Besonderheiten des Modells „Rekord“ herauszuarbeiten:

  • vier seitliche Luftklappen mit mittig angebrachter Chromleiste in der Motorhaube
  • schrägstehende Kühlermaske mit Mittelstrebe und „Rekord“-Schriftzug

Auf die erste Ausführung des Modells (Bauzeit: 1934-36) verweisen die Scheibenräder ohne Lochung. Auffallend ist, dass die Radkappe hier zweiteilig und nur der äußere Teil verchromt ist. Festzuhalten ist außerdem die glattflächige Stoßstange.

Die nächste Aufnahme aus meiner Sammlung zeigt ebenfalls einen Hanomag „Rekord“ in der frühen Ausführung, d.h. mit ungelochten Scheibenrädern:

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Hanomag „Rekord“; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dieses schöne Foto entstand noch vor dem 2. Weltkrieg und zeigt einen in Schleswig-Holstein zugelassenen Hanomag „Rekord“. 

Folgende Unterschiede zu dem Wagen auf dem ersten Foto fallen ins Auge:

  • Das Hanomag-Emblem befindet sich an der Oberseite der Kühlermaske und nicht im oberen Drittel.
  • Der „Rekord-Schriftzug“ ist nicht im unteren, sondern im oberen Drittel des Kühlergrills angebracht.
  • Die Radkappe ist einteilig und vollverchromt.
  • Die Stoßstange weist ein Mittelrippe auf und läuft am Ende rechtwinklig aus.

Interessanterweise geht die mir zugängliche Literatur mit keinem Wort auf diese Unterschiede ein, die auf zwei Entwicklungsstufen oder Varianten der ersten Ausführung des Hanomag „Rekord“ schließen lassen.

Nun könnte man vermuten, dass die frühen Exemplare der von 1934-36 gebauten Ausführung noch mit der gerippten Stoßstange ausgestattet waren und das Hanomag-Emblem oben auf der Kühlermaske trugen.

Dagegen spricht jedoch dieses Foto von Pfingsten 1937, das ich bereits an anderer Stelle besprochen habe:

hanomag_rekord_1934-36_pfingsten_2017_ausschnitt

Hanomag „Rekord“; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Vielleicht kann ein Leser erläutern, was es mit den Stoßstangenversionen und der unterschiedlichen Position von Hanomag-Emblem und Modell-Schriftzug auf sich hat.

Dass die Scheinwerferstange und Hupe auf dem eingangs gezeigten Nachkriegsfoto lackiert sind, will nichts besagen – es kann sich um eine nachträgliche Modifikation gehandelt haben – zumal die Hupe auch eine andere Form aufweist.

Die originale Hupenform sieht man übrigens auf der folgenden Aufnahme in wünschenswerter Klarheit, die mir Leser Marcus Bengsch zur Verfügung gestellt hat:

Hanomag_Rekord_Bengsch_Galerie

Hanomag „Rekord“; Originalfoto aus Sammlung Marcus Bengsch

Dieser im Landkreis Ludwigsburg zugelassene Hanomag „Rekord“ scheint noch die Scheibenräder zu besitzen, die auf die erste Modellgeneration (1934-36) verweist, und besitzt ebenfalls die erwähnte eckige Stoßstange mit Mittelrippe.

Das Abzeichen der NS-Partei an dem Wagen ist mit 80 Jahren Abstand als historische Gegebenheit zur Kenntnis zu nehmen. Was den Deutschen und ihren Nachbarvölkern unter diesem Symbol in den folgenden Jahren blühte, ist bekannt, wenngleich das nicht für jedermann absehbar war – soviel Fairness sollte aus meiner Sicht sein.

Kommen wir nun zur zweiten Generation des Hanomag „Rekord“, die 1937/38 gebaut wurde. Dazu kann ich ein technisch hervorragendes Werksfoto aus meiner Sammlung als Anschauungsexemplar beisteuern:

Hanomag_Rekord_1938_Werksfoto_Galerie

Hanomag Rekord; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Die Hauptmerkmale der späten Ausführung des Hanomag „Rekord“ sind folgende:

  • gelochte Scheibenräder,
  • lackierte statt verchromte Scheinwerfer und Hupe,
  • Wegfall der verchromten Scheinwerferstange

Die auffallende Reduzierung des Chromzierrats war Anweisungen der NS-Regierung an die deutsche Automobilindustrie geschuldet. Chrom galt als kriegswichtiger Rohstoff – speziell für Zylinderlaufbahnen bei Flugzeugen und Panzern.

Die Rationierung von Chrom spiegelt sich auch in der Ausstattung von Zivilfahrzeugen anderer Hersteller kurz vor Kriegsbeginn deutlich wider.

Von dieser Werksaufnahme lässt sich hervorragend zum parallel verfügbaren Hanomag-Modell „Kurier“ überleiten. Dieses wurde nämlich ebenfalls 1938 in einem schönen Werksfoto festgehalten:

Hanomag_Kurier_1938_Pressefoto_Galerie

Hanomag „Kurier“; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Die Karosserie ist identisch – es handelt sich um dieselbe Ganzstahlkarosserie von Ambi-Budd (Berlin), die auch auf dem Chassis des Hanomag „Rekord“ montiert wurde.

Lediglich der Radstand des „Rekord“ war zehn Zentimeter länger als der des „Kurier“, der statt eines 1,5 Liter-Motors mit 32 bzw. 35 PS lediglich über ein 1,1 Liter-Aggregat mit 23 PS verfügte, das bereits seit Anfang der 1930er Jahre im Einsatz war.

Auch das Fahrwerk mit vorderer Einzelradaufhängung und hydraulischen Vierradbremsen war bei „Rekord“ und Kurier“ das gleiche.

Interessant auf der obigen Werksaufnahme des Hanomag „Kurier“ ist, dass hier nur der äußere Teil der (zweigeteilten) Radkappe verchromt ist, dafür aber die Scheinwerferringe im Unterschied zum „Rekord“ ebenfalls verchromt sind.

Augenfälliger ist aber ein anderes formales Element: Der Hanomag „Kurier“ auf dem Werksfoto von 1938 besitzt schrägstehende Luftschlitze in der Haube, keine Klappen wie der „Rekord“.

Tatsächlich gab es die verstellbaren Luftklappen nur beim Hanomag „Rekord“. Daraus ist aber nicht zu schließen, dass ein Hanomag „Rekord“ immer damit ausgestattet war, auch wenn die folgende Originalreklame aus meiner Sammlung dies suggeriert:

Hanomag_Reklame_Galerie

Hanomag-Reklame, ab 1938; Original aus Sammlung Michael Schlenger

Aus optischen Gründen musste der Grafiker, der diese Darstellung links oben mit „Brunig“ signierte, das schwächste und kleinste Modell „Kurier“ hier etwas größer abbilden als die beiden größeren Typen „Rekord“ und „Sturm“ (mit Sechszylinder).

Jedoch gab es auch einen Hanomag „Rekord“ mit den schrägstehenden Luftschlitzen in der Haube, die doch eigentlich Merkmal des „Kurier“ waren, und zwar bei der viertürigen Limousine:

Hanomag_Rekord_Nachkrieg_Berlin_Galerie

Hanomag „Rekord“; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Die gelochten Scheibenräder deuten darauf hin, dass wir hier ein spätes Modell von 1937/38 vor uns haben. Der Schriftzug auf dem Kühlergrill verweist eindeutig auf den Typ „Rekord“. Zugleich kann man anhand der Länge der hinteren Seitenscheibe (auf der in Fahrtrichtung linken Seite einen „Kurier“ auschließen.

Tatsächlich findet sich in Werner Oswalds Standardwerk „Deutsche Autos 1920-1945“ eine Abbildung eines solchen Hanomag „Rekord“ von 1937/38 in der Ausführung als viertürige Limousine mit genau diesen Luftschlitzen statt der üblichen Luftklappen.

Warum man nur bei der viertürigen Limousine des „Rekord“ auf ein formales Element des „Kurier“ zurückgriff, ist mir schleierhaft. Ist es möglich, dass die ganz späten Exemplare der Modelle „Rekord“ und „Kurier“ aus Rationalierungsgründen dieselben Karosserien erhielten?

Dies muss eine Hypothese bleiben, bis sich eine weitere Aufnahme eines Hanomag „Rekord“ findet, die ebenfalls die schrägstehenden Luftschlitze des „Kurier“ zeigt, dies aber in Verbindung mit einer zweitürigen Limousine.

Letztlich bin ich selbst überrascht, wieviele Details bei den beiden Modellen „Rekord“ und „Kurier“ Rätsel aufgeben, hielt ich doch diese Wagen für gut dokumentiert.

Wer als Leser bis hierher durchgehalten hat, wird sich vielleicht über eine letzte Aufnahme freuen, die keine weiteren Fragen aufwirft. Sie zeigt schlicht einen Hanomag „Kurier“ (der Schriftzug ist im Original eindeutig) in einer selten schönen Aufnahme:

Hanomag_Kurier_1934-36_Galerie

Hanomag „Kurier“; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dieser Hanomag war aus ausweislich seines Kennzeichens im Landkreis Hannover zugelassen – wo er auch gebaut worden war.

Die Scheibenräder und das Vorhandensein eine durchgehenden Scheinwerferstange sind eindeutige Hinweise darauf, dass es sich um ein Exemplar der ersten Modellgeneration von 1934-36 handelt.

Woran mag das das blonde Mädchen im Vordergrund wohl gedacht haben, als dieses Foto vor gut 80 Jahren entstand? Was mag aus ihr und dem schönen Wagen geworden sein. Wir wissen leider nichts darüber.

Dem Wortschatz meiner Mutter, die 1931 geboren wurde, verdanke ich aber die Kenntnis eines Fachbegriffs, der zumindest die korrekte Ansprache der Zöpfe des Mädchens erlaubt: „Affenschaukeln“. Die trug sie auch, als sie im selben Alter war…

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Steyr Typ II oder V? Das ist hier die Frage…

Die intensive Beschäftigung mit Vorkriegautos auf alten Fotos schärft zwar den Blick für’s Detail weit mehr als die Betrachtung von Abbildungen in Büchern oder das Studium überlebender Fahrzeuge.

Doch je mehr man weiß und sieht, desto eher können auch bisherige Gewissheiten ins Wanken kommen. Mit einem solchen Fall will ich mich heute befassen.

Vielleicht erinnert sich der eine oder andere Leser an die folgende Originalaufnahme aus meiner Sammlung, die ich in einem älteren Blog-Eintrag (hier) besprochen habe.

Steyr_Typ_V_Tourenwagen_Galerie

Steyr Typ II oder V; Orignalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Den mächtigen Tourenwagen mit Steyr-typischem Spitzkühler hatte ich als Typ V 12/40 PS identifiziert – den ab 1924 gebauten Nachfolger des noch vom genialen Konstrukteur Hans Ledwinka entwickelten Sechszylindermodells Typ II der österreichischen Waffenschmiede.

Mich hatte seinerzeit der beträchtliche Radstand dazu gebracht, hier einen längeren Typ V statt des identisch motorisierten Vorgängers Typ II zu sehen. Tatsächlich sind mir bei der Lektüre der technischen Details der beiden Steyr-Modelle außer dem um 15 cm differierenden Radstand keine wesentlichen Unterschiede aufgefallen.

Nun scheint es aber so, dass Steyr Typ II und V zumindest in einem gestalterischen Detail voneinander abwichen. Betrachten wir dazu die Frontpartie des eingangs gezeigten Wagens näher:

Steyr_Typ_II_Tourenwagen_2_Frontpartie

Nebenbei: Ist es nicht fantastisch, wie präzise hier jedes Detail des Vorderwagens festgehalten ist? Das ist ein Beispiel für die fotografische Qualität, die vor über 90 Jahren möglich war, und selbst das ist noch längst nicht das Ende der Fahnenstange…

An sich erschließt sich hier dem Auge alles von allein – nur auf eines möchte ich aufmerksam machen:

Die Innenseite der Vorderschutzbleche reicht hier nicht bis an das vordere Ende der Rahmenausleger, sondern läuft nach hinten geneigt abwärts.

Schräg von vorne würde das dann so aussehen wie auf dem folgenden Foto aus meiner Sammlung, das ich hier erstmals vorstelle:

Steyr_Typ_II_oder V_Galerie

Steyr Typ II oder V; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Trotz der weit schlechteren Qualität finden sich hier alle Elemente wieder, die bei der ersten Aufnahme so gestochen klar hervortreten – auch die Ausführung der nach hinten versetzten Luftschlitze in der Motorhaube, die Zahl der Speichen der Stahlräder und die Art der Unterteilung der Winschutzscheibe stimmen überein.

Der Radstand des Tourenwagens ist aus dieser Perspektive schwer einzuschätzen. Ausschließen würde ich hier nur den kleinen Vierzylindertyp IV (Radstand: 2,90 m), den Steyr parallel zum sechszylindrigen Typ II (Radstand: 3,33 m) baute.

Doch könnte nach meiner vorläufigen Einschätzung die erwähnte Ausführung der Vorderschutzbleche ein Unterscheidungsmerkmal – vielleicht sogar das einzige – des Steyr Typs II gegenüber dem Nachfolgetyp V sein.

Denn auf der folgenden, schon einmal besprochenen Aufnahme eines Steyr Typ V findet man eine andere Linienführung am Innenteil des Vorderkotflügels:

Steyr_Typ_V_Galerie

Steyr Typ V; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Hier läuft die Innenkante des Schutzblechs nämlich nicht nach hinten, sondern schwungvoll auf das vordere Ende der Rahmenausleger zu.

Dem aufmerksamen Betrachter wird außerdem die horizontale statt vertikale Unterteilung der Windschutzscheibe auffallen, außerdem die verchromte (oder vernickelte) Ausführung der Kühlermaske.

Könnten die in glänzendem Metall ausgeführten Elemente Hinweise auf eine spätere Entstehung und damit den ab 1924 gebauten Typ V statt den Vorläufertyp II sein? Oder handelte es sich lediglich um aufpreispflichtige Extras?

Aus der mir vorliegenden Literatur (Hubert Schier: Die Steyrer Automobil-Geschichte von 1956-1945, Verlag Ennsthaler, 2015) geht das nicht klar hervor. Sicher kann ein sachkundiger Leser hierzu etwas beisteuern.

Dann ließe sich nämlich auch dieser Steyr-Tourenwagen auf einer weiteren bislang noch nicht gezeigten Privataufnahme aus meiner Sammlung eindeutig ansprechen:

Steyr_Typ_V_Berchtesgaden_Galerie

Steyr Typ II oder V; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Hier finden sich ebenfalls in wünschenswerter Klarheit die dem vorderen Ende des Rahmens zustrebenden scharfen Kanten der Kotflügel, die ich für ein typisches Merkmal des Steyr Typs V in Abgrenzung vom Typ II halte.

Interessant allerdings, dass hier die Ausführung der Frontscheibe wieder derjenigen des Steyr auf dem ersten Foto entspricht, den ich als Typ II ansprechen würde.

Möglicherweise lassen sich solche Details wie auch die Verchromung/Vernickelung der Kühlereinfassung nicht eindeutig einem der beiden Typen zuordnen.

Wir dürfen bei allem Forschereifer nicht vergessen, dass wir es bei den Steyr-Automobilen der 1920er Jahren mit Manufakturwagen zu tun haben – zumindest, was das äußere Erscheinungsbild angeht. Da war auf Kundenwunsch einiges möglich.

So individuell wie die hochkarätigen und hochpreisigen Wagen von Steyr fielen im besten Fall auch deren Insassen aus – dafür liefert die letzte Aufnahme ein schönes Beispiel:

Steyr_Typ_V_Berchtesgaden_Passagiere

Schauen Sie sich einmal diese Damen und Herren genauer an – Typen wie aus dem Traum eines Filmregisseurs – man könnte jedem davon eine Charakterrolle zuweisen.

Eine solche Aufnahme wird man heute nicht mehr zustandebekommen – dazu bedürfte es so etwas wie des englischen Goodwood Revivals auf deutschem Boden – zumindest die Autos sind ja vorhanden.

Nur der Wille, sich dermaßen geschmackvoll und stilsicher in Szene zu setzen, scheint hierzulande wie einiges andere auch verlorengegangen zu sein…

Zum Glück gibt es aber Ausnahmen wie die folgende:

Classic_Days_2014_Galerie

Classic Days auf Schloss Dyck 2014; Bildrechte: Michael Schlenger

Dieser 2014 anlässlich der Classic Days auf Schloss Dyck entstandene Schnappschuss könnte glatt ein Vorgeschmack darauf sein, was die Veranstalter für 2019 planen – nämlich die Besucher zu einem der schönen alten Autos würdigen Erscheinungsbild zu animieren. Mehr dazu hier.

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Fund des Monats: Fiat 1500 Cabriolet in Thüringen

30. April, kurz vor 11 Uhr abends – höchste Zeit für den Fund des Monats.  Mal sehen, ob ich noch die Kurve kriege…

Fund des Monats und Fiat 1500 – wie geht das zusammen? Sicher, mit dem formal wie technisch hochmodernen Wagen der oberen Mittelklasse schufen die Turiner 1935 ein heute viel zu selten gewürdigtes Meisterwerk.

Stromlinienkarosserie mit großem Platzangebot, hydraulische Bremsen, standfeste 45 PS aus nur 1500ccm Hubraum und Spitze 115 km/h – kein deutscher Hersteller konnte in dieser Klasse Vergleichbares bieten.

Auch in der einstigen NSU-Autofabrik in Heilbronn wurde der Fiat 1500 einst gebaut – und so wundert es nicht, dass zeitgenössische Aufnahmen des Modells aus Deutschland alles andere als Mangelware sind.

Hier haben wir einen Fiat 1500 mit sächsischer Zulassung, der von seinem Besitzer an irgendeiner einsamen Landstraße abgelichtet wurde:

Fiat_1500_Sachsen_Galerie

Fiat 1500 Limousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Vom etwas kleineren, aber noch populäreren Vierzylindertyp Fiat 1100 unterschied sich der 1500er äußerlich vor allem durch die halb in die Vorderkotflügel integrierten Scheinwerfer.

Weitere sehenswerte Aufnahmen dieses hierzulande fast völlig vergessenen Fiat-Modells sind in einem Blog-Eintrag aus dem Jahr 2018 zu sehen. Dort gibt’s sogar Fotos eines überlebenden Fahrzeugs zu bestaunen.

Dass der Fiat 1500 einst in Deutschland Furore machte, zeigt auch die folgende Aufnahme aus meiner Sammlung, die ich hier erstmals vorstelle:

Fiat_1500_ital_kz_Galerie

Wenn ich mich nicht täusche, besaß dieser Fiat 1500 ein italienisches Kennzeichen, das auf eine Zulassung in Mailand (Milano) verweist.

Vermutlich handelte es sich um einen Wagen von Reisenden aus dem Süden, vor dem sich ein deutsches Paar gegen Ende der 1930er Jahre ablichten ließ, als sei es ihres.

Wo genau das Foto entstand, lässt sich leider nicht mehr rekonstruieren. Aufgrund des Bündnisses des Deutschen Reichs mit Italien sind einige Konstellationen denkbar, etwa ein Wagen italienischer Gesandter in Berlin.

Die stark abgefahrenen Reifen weisen darauf hin, dass der Fiat schon länger in Gebrauch war. Autobahntauglich war er nach damaligen Maßstäben absolut und so traut man ihm durchaus zu, als Kurierwagen entlang der „Achse“ Berlin-Rom eingesetzt worden zu sein.

Doch auch abseits der damaligen Autobahnrouten konnte man einem Fiat 1500 begegnen – und was für einem! So wurde einst in Thüringen in einem Örtchen mit dem schönen deutschen Namen Finsterbergen diese Variante abgelichtet:

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Fiat 1500 Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Hier haben wir den Fiat 1500 in der sehr raren Ausführung als zweitüriges Cabriolet. Bei einem offenen Wagen hält sich der Vorteil einer strömungsgünstigen Karosserie zwar in Grenzen – aber im Stehen weiß der luftige Fiat das Auge umso mehr zu erfreuen.

Die Zweifarblackierung mit hellem Wagenkörper und dunkel abgesetzten Elementen – Kotflügel, Motorhaube und Gürtellinie – steht dem Auto ausgezeichnet – sie gab es vermutlich nur bei den Cabrioletversionen.

Hier übrigens die Originalaufnahme des Wagens, die erkennen lässt, dass der Fiat vor einer wehrhaft wirkenden Kirche im romanischen Stil abgelichtet wurde.

Fiat_1500_Finsterbergen_Th_Wald_2_Galerie

Fiat 1500 Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Kann jemand den Kirchenbau identifizieren? Zum Ort Finsterbergen im Thüringer Wald – laut umseitiger Beschriftung des Abzugs der Aufnahmeort – will der Turm jedenfalls nicht passen.

Merkwürdig ist auch das Nummernschild mit weißen Lettern auf schwarzem Untergrund. Das gab es in Deutschland nur einige Jahre lang nach dem 2. Weltkrieg, als die Besatzungsmächte entsprechende neue Kennzeichen ausgaben.

Meine Vermutung ist, dass dieser offene Fiat 1500 in den späten 1940er Jahren aufgenommen wurde. Dafür spricht ein weiteres, ganz wunderbares Foto, das ich zusammen mit dem ersten erwerben konnte:

Fiat_1500_Cabrio_Finsterbergen_Th_1_Galerie

Fiat 1500 Cabriolet; Originalfoto aus Sammlug Michael Schlenger

Fast überflüssig zu sagen, dass der Fiat hier als Hochzeitsauto eingesetzt wurde – vermutlich war er das schönste Fahrzeug, das weit und breit aufzutreiben war.

Die abgefahrenen Reifen und der auf dem linken Vorderschutzblech angebrachte Außenspiegel erzählt von den Verhältnissen der frühen Nachkriegsfahrzeug, als man die Fahrzeuge, die der Krieg übriggelassen hatte, irgendwie in Gang hielt.

Die Hochzeitsgesellschaft wirkt auf den ersten Blick nicht anders als eine vor dem Krieg – Kleidung und Frisuren blieben noch eine Weile unverändert, man hatte andere Sorgen.

Doch fällt auf, wie gertenschlank alle Personen auf dem Foto sind – in der Vorkriegszeit hätte man den einen oder anderen gut genährten Zeitgenossen zu sehen bekommen.

Die einzigen opulenten Rundungen besaß hier der Fiat. Man vergleiche die herrlichen Formen des Vorderkotflügels mit denen der Limousinenversion. So etwas fiel nicht aus irgendeiner Blechpresse, das war wahrscheinlich Manufakturarbeit.

Vom serienmäßigen Fiat 1500 in der geschlossenen Variante weicht auch die Gestaltung der Seitenpartie unterhalb der Motorhaube ab. Weiß vielleicht jemand, wo diese wunderbaren offenen Versionen entstanden?

Vermutlich glich davon keine der anderen. Darauf deutet zumindest eine Aufnahme hin, die wir dem Familienalbum von Leser Rolf Ackermann verdanken:

Fiat_1500_Cabrio_Rolf_Ackermann

Fiat 1500 Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Zwar haben wir hier ebenfalls einen Fiat 1500 als zweitüriges Cabriolet mit identischem Farbschema und wunderbar fließender Linienführung. Doch es fehlen die seitlichen Zierleisten unterhalb der Motorhaube.

Denkbar ist, dass diese Leisten am Wagen auf dem vorherigen Foto erst nachträglich angebracht worden waren. Mit über 70 Jahren Abstand wäre aber auch eine solche Variation als authentisch anzusehen.

Doch gibt es heute überhaupt noch einen Überlebenden dieses Typs – also des Fiat 1500 als zweitüriges Cabriolet? Ich habe da meine Zweifel – lasse mich aber gern eines Besseren belehren – denn ein solcher Wagen müsste doch ganz wunderbar sein!

© Michael Schlenger, 2019. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Zeitgenossen mit Charakter: Ley Typ M8 8/36 PS

Die Automobilfabrikation des Maschinenbauers Ley aus dem thüringischen Arnstadt wird den meisten heutigen Zeitgenossen wohl nur vom Hörensagen bekannt sein.

Doch von den wenigen tausend Wagen, die ab 1905 unter der Marke Loreley und nach dem 1. Weltkrieg als Ley verkauft wurden, haben sich ausreichend originale Fotos gefunden, dass ich eine kleine „Ley“-Galerie in meinem Blog einrichten konnte.

Einige davon habe ich bereits vorgestellt, zuletzt den recht erfolgreichen Typ T6 6/16 bzw. 6/20 PS. Doch bot Ley parallel dazu auch ein wesentlich stärkeres 2-Liter-Modell an, das ab 1921 unter der Typbezeichnung M8 gebaut wurde.

Ob der bis 1927 gebaute Ley M8 von Anfang an bereits als 8/36 PS-Typ firmierte oder als 8/25 PS oder zumindest 8/30 PS-Typ begann, lässt die mir zugängliche Literatur offen.

Jedenfalls fällt es schwer zu glauben, dass die Thüringer 1921 schon einen 8/36 PS-Wagen bauten, während die erfahrenere Rüsselsheimer Konkurrenz damals nur einen Opel 8/25 PS zustandebrachte. Der Leistungsunterschied erscheint arg groß.

Wie dem auch sei – noch interessanter als die Entwicklung der Motorisierung der Ley-Wagen des Typs M8 ist ihre formale Evolution, die sich im Deutschland der 1920er Jahre oft nur in Trippelschritten vollzog.

Als erstes Anschauungsobjekt eignet sich die folgende Aufnahme aus der schier unerschöpflichen Sammlung von Leser Klaas Dierks:

Ley_M8_bis_1924_Dierks_Galerie

Ley Typ M8; Originalfoto aus Sammlung Klaas Dierks,

Trotz einiger lagerungs- /altersbedingter Mängel des Abzugs erkennt man hier auf Anhieb die Merkmale eines Ley Typ M8 der frühen 1920er Jahre:

  • moderater Spitzkühler mit typischem Ley-Emblem (hier sogar mit „Ley“-Schriftzug)
  • fünf niedrige, breite Luftschlitze in der Motorhaube, leicht nach hinten versetzt
  • Bremstrommeln nur an der Hinterachse, innenliegender Bremshebel.

Untypisch (soweit sich das sagen lässt) sind die filigranen Drahtspeichenräder. Sie waren bei deutschen Autos bis in die Mittelklasse generell selten, stattdessen dominierten weniger empfindliche Stahlspeichenräder.

Interessant ist, dass hier zwar noch keine Vorderradbremse verbaut wurde – was für eine frühe Entstehung bis 1924 spricht – jedoch bereits Reibungsstoßdämpfer vorhanden waren (neben der vorderen Federaufnahme zu erkennen):

Ley_M8_bis_1924_Dierks_Frontpartie

Dabei kann es sich wie im Fall der sportlich-leichten Drahtspeichenräder um ein auf Wunsch erhältliches Zubehör gehandelt haben.

Die Stoßstange aus rustikal zurechtgebogenem Bandstahl folgt zeitgenössischen Vorbildern aus den USA und will nicht so recht zur Raffinesse des Ley passen.

Sehr schön zu sehen ist auf diesem Bildausschnitt neben dem geschwungenen „Ley“-Schriftzug am unteren Ende des Kühlers die leicht nach außen zeigende Stellung der Zusatzlampen unterhalb der Hauptscheinwerfer.

Damit wurde in Kurven gezielt der Straßenrand ausgeleuchtet, der damals meist unbefestigt war und entsprechend tückisch sein konnte.

Vom Kennzeichen ist leider nur ein Teil zu sehen, die Machart der Nummernschilds mit schwarzem Rahmen und schwarzer Schrift auf weißem Grund verweist aber auf eine Zulassung in Deutschland.

Besondere Aufmerksamkeit verdient die Seitenpartie, da sie Details zeigt, die bei etwas späteren Wagen desselben Typs verschwunden sind:

Ley_M8_bis_1924_Dierks_Seitenpartie

Bedingt durch die Montage der zwei (!) Reservereifen hinter dem Vorderschutzblech ist hier kein Platz für eine Fahrertür.

Das wirft die Frage auf, weshalb die Ersatzräder nicht auf der anderen Seite angebracht wurden. Nun, dann hätte es der Beifahrer beim Einsteigen schwerer gehabt als der Fahrer – damals stand der Komfort der Passagiere noch im Vordergrund.

Dasselbe gilt für das großzügige Platzangebot im Heck des Wagens. Für ausreichende Beinlänge war im Fonds von Vorkriegsautos stets gesorgt – speziell zu Zeiten, als  die  Besitzer hinten saßen und über einen angestellten Chauffeur verfügten.

Hier wurde durch einen Kunstgriff auch für zusätzliche Breite gesorgt. So kragt die Karosserie im hinteren Bereich deutlich über den Schweller hinaus, der den Rahmen kaschiert. Weiter vorne verengt sich der Aufbau dann zunehmend.

Besitzer von Vorkriegsautos, die auf „großem Fuß“ leben, wissen, wie eng es im Bereich der Pedalerie bei solchen frühen Wagen werden kann.

Passend zur Überschrift sollen auch die Zeitgenossen gewürdigt werden, die einst in diesem Ley Typ M8 unterwegs waren:

Ley_M8_bis_1924_Dierks_Insassen

Wie die Ley-Wagen jener Zeit sind auch die Insassen eigenständige Charaktere – das erkennt man schon daran, dass hier jeder Kopf auf andere Weise gegen den Fahrtwind gewappnet ist.

Bei dem gebräunten Herrn mit Nickelbrille könnte es sich um den eigentlichen Fahrer gehandelt haben. Dafür spräche die „Prinz-Heinrich“-Mütze und das Fehlen einer auf der Rückbank solcher offener Wagen anzuratenden Schutzbrille.

Genau eine solche trägt dagegen der Beifahrer, der sie wie die Dame am Steuer eigentlich nicht unbedingt bräuchte, da vorn die Windschutzscheibe ausreichend Augenschutz bietet.

Wer übrigens außer der „Sunlicht“-Reklame auf der Werbetafel weitere Marken erkennen kann, kann dies über die Kommentarfunktion kundtun. Ich freue mich immer über Details, die aufmerksame Leser bemerken und die ich übersehen habe.

Nachtrag: Leser Matthias Schmidt aus Dresden macht mich darauf aufmerksam, dass die Anzeigentafel auch eine Reklame des Kaufhauses Renner aus seiner Heimatstadt zeigt. Somit wird dieses Foto im Umland der sächsischen Metropole entstanden sein.

Nun aber zum Vergleichsstück – einem auf den ersten Blick ganz ähnlichen Ley Typ M8 auf einem Foto aus meiner eigenen Sammlung:

Ley_M8_1924_Pk_07-1930_Galerie

Ley Typ M8; Originalaufnahme aus Sammlung Michael Schlenger

Auch hier sehen wie einen moderaten Spitzkühler mit „Ley“-Emblem sowie fünf etwas nach hinten versetzte Luftschlitze in der Motorhaube.

Die übrigen Details erscheinen ebenfalls recht ähnlich.

Doch schaut man hier genauer hin, treten zahlreiche Unterschiede zutage – teils formaler, teils technischer Art. Beginnen wir auch hier am Vorderwagen:

Ley_M8_1924_Pk_07-1930_Frontpartie

Der wohl augenfälligste Unterschied gegenüber dem Ley M8 auf dem ersten Foto ist der nach hinten ausschwingende Vorderkotflügel, in den das Reserverrad eingelassen ist. Diese Lösung war nicht nur platzsparend, sondern wirkte auch gefälliger.

Im Vergleich zu den Drahtspeichenrädern kommen die lackierten Stahlspeichenräder hier zwar stämmiger daher, fügen sich aber gut in das Gesamtbild ein.

Hinter den Speichen des uns zugewandten Vorderrads ist – wenn nicht alles täuscht – der Umriss einer Bremstrommel zu erkennen. Ihr Durchmesser scheint dem der Trommel an der Hinterachse zu ähneln.

Das ist interessanter Befund: Möglicherweise waren die letzten Spitzkühlermodelle dieses Typs, die 1924/25 durch modernisierte Wagen mit Flachkühler ersetzt wurden, bereits ab Werk ebenfalls mit Vorderradbremsen ausgestattet.

Dasselbe Phänomen findet sich übrigens am Presto Typ D 9/30PS, der ausweislich zeitgenössischer Werbung zuletzt ebenfalls Vierradbremsen besaß, ohne dass die Literatur dies erwähnt.

Aufmerksamen Betrachtern dieses Bildausschnitts wird der Taxameter nicht entgangen sein, der am Frontscheibenrahmen angebracht ist. Wenn ein Wagentyp im harten Droschkenbetrieb eingesetzt wurde, was das ein Qualitätsausweis.

In der Tat besaßen die Ley-Automobile einen ausgezeichneten Ruf. Ob der hier abgebildete Ley M8 von Anfang im Taxibetrieb unterwegs war, ist aber ungewiss.

Das Foto lief nämlich erst im Juli 1930 als Postkarte. Demnach war der Ley wahrscheinlich schon etliche Jahre alt, als er auf Zelluloid gebannt wurde.

Möglicherweise gibt die Uniform des Soldaten (wenn es einer war) neben dem Wagen einen Hinweis auf das frühestmögliche Entstehungsdatum dieser Aufnahme:

Ley_M8_1924_Pk_07-1930_Insassen

Die Insassen des Ley bieten ein opulentes Spektrum an Charakteren. Vorn rechts am Steuer der wackere Fahrer, der die Verbindung zu seinem Ley mit einem entsprechenden Emblem an der Schirmmütze kundtut.

Auf dem Beifahrersitz wendet sich ein wohlgenährter Schnauzbartträger der Kamera zu. Der helle Anzug weist ihn als Flaneur aus, der viel Zeit für leibliche Genüsse hat…

Auf der Rückbank sitzt zusammengesackt sein Gegenstück im fortgeschrittenen Alter und in ungesund wirkender Verfassung – sein Schneider wird ihm demnächst eine neue Weste anfertigen müssen, wenn nicht vorzeitiges Ableben dies überflüssig macht.

Solide wie der Fahrer wirkt der zweite Schirmmützenträger im Wagen – eventuell wie dieser Angestellter eines florierenden Droschkenbetriebs.

Am sympathischsten kommt mir der gelöst wirkende ältere Herr auf der Rückbank vor. Seiner Barttracht nach zu urteilen ist er noch in der Kaiserzeit großgeworden.

Vielleicht bezieht er als ehemaliger Staatsbediensteter eine solide Pension und genießt nun im Alter die Vorzüge motorisierter Fortbewegung, deren Kindertage er als junger Bursche bewusst miterlebt hat.

Alles, was auf diesem alten Abzug festgehalten wurde, ist längst vergangen – sicher auch der Ley Typ M8 in der frühen Spitzkühlerversion. Mir ist lediglich bekannt, dass von der ab 1924/25 gebauten Flachkühlerversion zumindest ein Exemplar noch existiert.

Es würde mich aber nicht wundern, wenn sich in Skandinavien, in Osteuropa oder in Australien noch ein Spitzkühler-Ley erhalten hätte und wir es bloß nicht wissen, dass ein derartig charakterstarker Zeitgenosse auf vier Rädern noch unter uns weilt…

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Auf Spurensuche: Horch 470/480 Sport-Cabriolet

Meine bisherigen Blog-Einträge zur Zwickauer Luxusmarke Horch konzentrierten sich auf Modelle der Vierzylinderära (40 PS-Modell von 1913/14 und 10/50 PS um 1925) sowie die frühen Achtzylinder (303, 305, 350 und 375 der späten 1920er Jahre).

Von diesen Typen will ich auch hin und wieder „neue“ Bilder vorstellen – es hat sich einiges angesammelt über den Winter. Doch für die meisten Horch-Freunde sind die hocheleganten Modelle der 1930er die eigentlichen Objekte der Begierde.

Wer nun auf die legendären Typen 853 und 853 A hofft, muss sich aber noch etwas in Geduld üben – wenngleich meine Fotosammlung auch da einiges zu bieten hat.

Die Horch-Modelle, die diesen einmalig schönen Wagen der späten 30er Jahre vorangingen, werden selten gewürdigt, dabei lassen sie bereits die formale Klasse erkennen, für die die sächsische Traditionsmarke bis heute Bewunderung genießt.

Allerdings ist der Zugang dazu gar nicht so einfach – die laufend verfeinerten Horch-Achtzylindermodelle der frühen 1930er Jahre wurden jeweils nur in wenigen hundert Exemplaren gefertigt – heute kennt sie kaum noch jemand.

Gutes zeitgenössisches Bildmaterial ist entsprechend schwer zu bekommen, aber oft genug liegt der Reiz von Meisterwerken im Fragment:

Horch_470_oder_480_Sport-Cabriolet_Fahrt_nach_Freiburg_Galerie

Horch 470 oder 480 Sport-Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Auweia, mag jetzt mancher denken – wie soll man so einen Wagen identfizieren?

Halten wir zunächst fest, was wir vor uns sehen:

  • ein zweitüriges Cabriolet mit schrägstehender Frontscheibe und Winkern
  • Vorderschutzbleche ohne seitliche Schürzen (d.h. vor 1933/34)
  • voluminöses Kühlergehäuse mit davor montiertem Steinschlagschutzgitter
  • Drahtspeichenräder mit großen Radkappen und erhaben geprägtem Emblem
  • zwei Reihen senkrecht stehender Luftschlitze in der Motorhaube

Der Originalabzug liefert als zusätzliche Information dieses: „Fahrt nach Freiburg“. Somit haben wir es sehr wahrscheinlich mit einem deutschen Auto zu tun – eines der Luxusklasse, wie die hierzulande eher seltenen Dratspeichenräder verraten.

Maybach und Mercedes-Benz sind anhand der genannten Karosseriedetails rasch ausgeschlossen – was bleibt dann noch übrig? Die in den 1930er Jahren arg dezimierte Herstellerlandschaft lässt nur noch Horch als Kandidaten übrig.

Und tatsächlich: Horch baute 1931/32 ein solches Sport-Cabriolet mit allen diesen Elementen, allerdings in drei nicht leicht voneinander unterscheidbaren Varianten:

  • Modell 420 mit 4,5 Liter Achtzylinder und 90 PS (späte Ausführung)
  • Modell 470 mit 4,5 Liter Achtzylinder und 90 PS
  • Modell 480 mit 5 Liter Achtzylinder und 100 PS

Die Modelle 470 und 480, die sich offenbar nur in Motorisierung und Spurweite unterschieden, sind unter anderem an der bis an die Frontscheibe reichenden Motorhaube zu erkennen.

Dumm nur, dass die späten Versionen des kürzeren Modells 420 ebenfalls damit ausgestattet wurden.

Ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal zwischen dem modernisierten Typ 420 und den längeren Typen 470 bzw. 480 ist auf unserem Foto nicht zu sehen – die Ausführung der Stoßstange.

Diese blieb nämlich beim Horch 420 bis zum Schluss zweiteilig (so scheint es), während Horch 470 und 480 eine massive einteilige Stoßstange besaßen.

Solche Details werden ohne Anschauungsmaterial zunehmend abstrakt, je mehr man davon aufzählt, daher zur Illustration eine weitere Originalaufnahme:

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Horch 470 oder 480 Sport-Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Hier haben wir neben den bereits oben erwähnten Details auch die einteilige Stoßstange und wiederum besagtes Steinschlagschutzgitter vor dem Kühler, das beim Horch 470 und 480 serienmäßig war.

Dass auch das erste Foto ein solches Accessoire aufweist, ist ein Indiz dafür, dass es ebenfalls einen Horch 470 oder 480 zeigt. Dies ist aber kein Beweis, da es auch ein Extra beim Horch 420 gewesen sein kann.

Generell sollte man sich nie an nur einem Element orientieren, wenn es um die genaue Ansprache eines Vorkriegswagens geht. Erst das Vorhandensein mehrerer typischer Details erlaubt eine einigermaßen sichere Identifikation.

So muss offenbleiben, ob das Sport-Cabriolet auf dem ersten Foto einer der letzten Hochs des Typs 420 mit kurzem Radstand war oder ein Typ 470 bzw. 480 mit längerem Radstand und im Fall des Typs 480 stärkerer Motorisierung.

Bei Manufakturwagen, wie sie Horch fast ausschließlich produzierte, kommt hinzu, dass prinzipiell unbegrenzte Möglichkeiten zur Individualisierung bestanden.

Und bei manchen überlieferten Horch-Fotos wird wohl ganz ungeklärt bleiben, was sie genau zeigen – etwa in diesem Fall:

Horch_450_Cabrio_Grazien_Galerie

Horch 8 eventuell Modell 450 Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dieses viertürige Cabriolet ist ebenfalls ein Horch der frühen 1930er Jahre – das verraten allein schon die Radkappen mit dem gekrönten „H“ und die typische Kühlerfigur.

Doch leider sehen wir nichts von der Motorhaube und bei den Stoßstangen bin ich unsicher, ob sie einteilig oder zweigeteilt sind. Dennoch ist das ein wunderbares Dokument – nicht nur wegen der gut aufgelegten Insassen.

Nur selten bekommt man Details der Innenausstattung dieser luxuriösen Horch-Wagen so gut zu sehen, hier etwa die in Leder ausgeführte Tasche an der Türverkleidung sowie den Chromgriff und das Netz an den Vordersitzen.

Was mag aus dem schönen Cabriolet und seinen Passagieren geworden sein, die hier für die Nachwelt festgehalten sind? Genaues wissen wir nicht, aber es wäre doch merkwürdig, wenn zumindest von dem Horch überhaupt nichts außer diesem Foto erhalten geblieben wäre.

Eine verbogene Kühlerfigur, eine rostige Radkappe, ein eingedellter Scheinwerfer – irgendetwas von dem, was wir auf diesem Fotos sehen, mag noch existieren – meine eigene Teilesammlung umfasst ebenfalls solche Relikte, auch von Horch-Wagen.

So kehrt man auf der Suche nach den Spuren alter Autos stets zum Thema Vergänglichkeit zurück – und dem Bemühen des Menschen, diese aufzuhalten – einst, indem man solche Fotos machte und heute, indem man übriggebliebene Fahrzeuge erhält oder Geschichten darüber erzählt…

© Michael Schlenger, 2019. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.