Merkwürdig, wie sich die Bedeutung von Begriffen im Zeitverlauf wandelt.
Das einst progressive Element in der europäischen Gesellschaft war das Bürgertum, das wirtschaftlichen Erfolg und breite zweckmäßige Bildung als Abgrenzungsmerkmal für sich entdeckte.
Später übernahmen sich progressiv dünkende Ideologen das Kommmando und erklärten das Bürgertum für rückständig, überholt, ja schädlich – übrigens eine der auffallend vielen Gemeinsamkeiten von Kollektivisten diverser Couleur.
Desgleichen wich die einst als erstrebenswert erachtete Goldene Mitte der Verachtung des Mittelmaßes und aus der einst mithilfe der Kirche installierten Oberklasse – dem Adel – wurde im 20. Jh. die banale Bezeichnung für eine automobile Kategorie.
Wie geht man nun mit diesen schillernden Begriffen im 21. Jh. um, in dem von der Aufklärung geforderte Ideale wie Selberdenken und Skepsis gegenüber autoritär ihren Status vertretenden Eliten plötzlich als Gefahr gelten?
Nun, man treibt am besten sein harmloses Spiel damit auf einem unverdächtigen Feld wie dem Studium des Vorkriegsautomobils. Dort können Mittelmaß und Oberklasse noch ihre ganz eigene Bedeutung entfalten, ohne dass irgendein Tugendwächter Witterung aufnimmt.
Ganz sicher nicht der automobilen Oberklasse angehörig war dieser wohlgestaltete Tourenwagen aus der Zeit kurz vor dem 1. Weltkrieg. Und doch war er ein Angebot an die Oberklasse jener Zeit – und die war in punkto Automobil ohne jede historisch gewachsene Klassenfolklore materiell definiert:

Vor dem 1. Weltkrieg musste man sich auch das einfachste Auto erst einmal rein wirtschaftlich leisten können.
Verarmter Adel hatte meist noch die Moneten für Personal und Haus und Garten, aber der Chauffeur wie hier war ein teurer Spezialist – den gab es nicht an jeder Ecke und der ließ sich nicht nebenher von den anderen anlernen.
Man brauchte also nicht nur ein Heidengeld für ein in Manufaktur über Monate gebautes Auto – je nach Komplexität mit dem Gegenwert eines Häuschens oder einer Villa – man musste auch dem Fahrer ein Gehalt zahlen können, das dem Gesetz der Knappheit folgend ziemlich üppig ausfallen konnte.
Entsprechend selbstbewusst schauen die Herren Chauffeure auf solchen Fotos in die Ferne – häufig erscheinen sie sogar stolzer und sicherer als ihre Arbeitgeber. Sie wussten, dass sie die Repräsentanten einer neuen Zeit waren, in der altes Klassendenken von gestern war.
Die damaligen Autohersteller erkannten die Zeichen der Zeit – es gab einige Jahre nach der Jahrhundertwende nicht mehr nur einen Markt für exotische Luxusgefährte mit häufig enormen Hubräumen.
Zunehmend interessierte sich die finanzielle Oberklasse auch für alltagstaugliche Wagen mittlerer Motorisierung und – vergleichsweise – moderaten Anschaffungskosten.
Dies brachte auch den belgischen Hersteller FN dazu, zwischen etwa 1906 und 1913 ein breitgefächertes Angebot an Wagen zu entwickeln, die Hubräume von nur 1,3, zwei und 2,5 Litern aufwiesen.
Die damaligen FN-Wagen unterschieden sich äußerlich hauptsächlich in ihren Dimensionen – gemeinsam war ihnen der markante Kühler mit mehreren horizontalen Unterteilungen und dem kronenförmigen Kühlerverschlussdeckel.

Im Fall des heute vorgestellten Fotos von Leser Matthias Schmidt (Dresden) ist der Hersteller FN zudem auf der vorderen Radnabe und dem Kühleremblem zu erkennen.
Die 12 Radspeichen und sechs horizontalen Unterteilungen des Kühlers grenzen den abgebildeten Wagen von den kleinen Modellen mit 1,4 bzw. später 1,3 Litern Hubraum ab.
Doch war dieser FN deutlich unterhalb der seit 1908 gebauten Hubraumriesen mit 6,8 Litern angesiedelt – in Frage kommen aus meiner Sicht der ab 1912 gebaute Typ 2400 bzw. sein darauf basierender Nachfolger 2700 (ab 1913). Das war die damalige Mittelklasse.
Aus stilistischen Gründen würde ich den FN auf dem heute vorgestellten Foto kaum nach 1912/13 verorten. Letztliche Gewissheit werden wir wohl nicht erlangen, das ist aber auch nicht entscheidend.
Festzuhalten bleibt, dass FN schon vor dem 1. Weltkrieg ein Angebot für die ökonomische Oberklasse hatte, welches im besten Sinne „mittelmäßig“ war. Hinreichend leistungsfähig für längere Touren, aber nicht so exorbitant teuer wie die Spitzenfabrikate.
Den damaligen Chauffeuren konnte dieser Trend nur entgegenkommen. Die Arbeitgeber wurden zahlreicher, ohne dass die Autos plötzlich von jedermann gefahren werden konnten.
Auch für die heutigen Freunde dieser Veteranenwagen war das eine goldene Zeit – nie zuvor und nie danach gab es soviele Hersteller (allein in Europa über tausend) und eine dermaßen rapide Entwicklung, in der sich noch heute erkennbare Fortschritte binnen weniger als fünf Jahren vollzogen.
Nur deshalb lassen sich diese frühen Autos bei allen Schwierigkeiten der genauen Modellansprache oft so irritierend präzise datieren. Dass dieses Exemplar noch dazu am deutschen Markt einen Käufer fand, unterstreicht nur seinen Reiz…
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