Vor allem zwei Dinge machen für mich den Reiz der Beschäftigung mit Vorkriegsautos aus:
Zum einen lernt man nie aus, ganz gleich, wieviele Fachbücher man konsumiert hat (so wie im richtigen Leben). Entweder lernt man aus der eigenen Betrachtung oder man lernt von anderen, die Dinge wissen, welche es (noch) nicht in die Literatur geschafft haben.
Zum anderen kommt man in Kontakt mit Zeitgenossen, die einem unvermittelt und aus heiterem Himmel etwas zukommen lassen, was einen begeistert und dankbar macht.
Genau das widerfuhr mir dieser Tage nicht zum ersten Mal – aber wieder so großartig, als es sei es das erste Mal. In meiner Post fand ich einen großen Umschlag von einem Absender, dessen Name mir nichts sagte. Den hob ich mir, wie ich das zu tun pflege, als letzten auf und sah erst einmal die anderen Sendungen durch.
Dann kam besagter Umschlag an die Reihe, in dem ich das persönliche Schreiben von Hartmut Hohmann und dieses schöne Foto im Original vorfand:

„Ich schicke Ihnen dieses Foto als Geschenk zu und hoffe, dass SIe es nutzen können. In meiner Familie gibt es leider niemanden, der Interesse daran hat„, stand da geschrieben.
Gerührt von so viel Großzügigkeit, dachte ich: „Spitze, endlich mal wieder eine der ganz frühen Ausführungen des Brennabor Typ P 8/24 PS aus der Zeit nach dem 1. Weltkrieg – und dann noch mit familiärem Hintergrund.„
Die Marke aus Brandenburg an der Havel hatte sich damals an die Spitze der deutschen Automobilfabrikation gesetzt, indem sie ganz auf Großserienproduktion setzte, wie das sonst in Europa nur Citroen, Fiat und Austin taten.
Dem Typ P 8/24 PS begegnet man auf alten Fotos auf Schritt und Tritt – meine wohl einzigartige Markengalerie bestätigt, dass die Brennabor-Modelle Anfang der 1920er Jahre zu den meistgebauten deutschen Wagen zählten.
Vor allem die Flachkühlerausführung wurde vieltausendfach gebaut und entsprechend selbstbewusst beworben:

Während diese Werbeanzeige aus dem letzten Produktionsjahr des Typs P 8/24 PS stammt, repräsentiert die Version auf dem Foto, das mir Hartmut Hohmann vermacht hat, aus der Anfangsphase der Produktion.
Wohl nur 1919/20 – genau kann man das nirgends nachlesen – wurde der Brennabor noch mit einem Spitzkühler gebaut, wie er seit 1913/14 bei deutschen Fabrikaten Mode war.
Hier haben wir ein solches Exemplar, das wie der Wagen auf dem eingangs vorgestellten Foto ohne Luftschlitze in der Motorhaube daherkommt, aber eine mittig unterteilte Windschutzscheibe und eine Verkleidung dort aufweist, wo sich der vordere Anlenkpunkt der hinteren Blattfeder befindet:

Die Ausführung ohne unterteilte Scheibe und ohne die erwähnte Verkleidung der Blattfederaufnahme habe ich bisher nur ein einziges Mal gefunden, während ich die späteren Versionen inwzischen dutzendfach dokumentieren konnte.
Meine Vermutung ist die, dass nur ganz frühe Wagen dieses Typs – noch vor Beginn der Großserienfertigung bei Brennabor – eine Gestaltung wie das Exemplar auf dem Foto von Hartmut Hohmann aufwiesen.
In meinem eigenen Fundus fand sich bislang nur dieses Beispiel:

Das Foto, das mir dieser Tage von Herrn Hohmann übereignet wurde, zeigt genau so einen Brennabor des Typs P 8/24 PS in der wohl urspünglichen Ausführung.
Auf jeden Fall bewegen wir uns hier in der Zeit nach dem 1. Weltkrieg – das verrät nicht nur die durchweg verbaute elektrische Beleuchtung mit ergänzenden kleinen Kurvenlichtern unterhalb der großen Hauptscheinwerfer.
Auch die Kleidung der Insassen verweist ausnahmslos auf die Zwischenkriegszeit – im Fall des heute neu vorgestellten Foto mindestens auf die Mitte der 20er Jahre. Dafür spricht vor allem die Beinfreiheit der jungen Dame ganz rechts.
Einsender Hartmut Hohmann (81) hatte eine frühere Datierung dieser Aufnahme aus Familienbesitz angenommen, da er in dem Herrn vor dem Brennabor seinen Großvater Ernst Schmidt aus dem Raum Magdeburg zu erkennen meinte.
Das mag vielleicht nicht ganz passen und nach einem ersten Telefonat mit Herrn Hohmann müssen die Personen auf dem Foto wohl noch einmal neu „einsortiert“ werden.
Ich habe mir unterdessen erlaubt, die Situation auf dem Foto ein wenig näher ins Hier und Jetzt zu bringen – jedenfalls, was die Farben angeht:

So sind uns doch die Altvorderen doch gleich viel näher, und auch der Brennabor wirkt bei aller Schlichtheit – auf Glanzteile wurde weitgehend verzichtet – weit präsenter.
Ich habe den Wagen im Rahmen der KI-gestützten Kolorierung bewusst etwas gealtert dargestellt, da er zum Zeitpunkt der Aufnahme schon einige Jahre auf dem Buckel gehabt haben muss.
Auch wenn das Auto nicht mehr ganz taufrisch war, gilt: Mit so einem Brennabor Typ P 8-24 PS war man im Deutschland der 1920er Jahre an der Spitze der Wohlhabenden, die sich mit einem Automobil eine Freiheit erkaufen konnten, welche damals für die allermeisten Deutschen unerreichbar war.
Das zeitlose Versprechen des Automobils als einzigartiger Erweiterer des Horizonts und Überschreiters von Grenzen – das ist es, was die Faszination dieser großartigen Maschine ausmacht, die wir heute für selbstverständlich nehmen – sie ist es aber nicht, auch das erzählen uns die Bilder von einst…
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