Was ich Ihnen heute präsentieren darf, hat gut und gerne das Zeug zum Fund des Jahres. Aber wem ist damit geholfen, solange mit der Publikation zu warten – zumal das Jahr noch jung ist und sich schon etwas finden wird, das noch besser die Königsklasse repräsentiert?
Schon an der Motorisierung des heutigen Objekts der Begierde ist zu erkennen, dass wir ganz oben einsteigen – nämlich in der 100 PS-Kategorie. Die war in der zweiten Hälfte der der 1920er Jahre auf dem europäischen Kontinent äußerst dünn besiedelt.
In Deutschland war damals nur Daimler-Benz in dieser Liga zu finden – so dachte ich jedenfalls lange Zeit.
Irgendwann begegnete mir dann beim Aufbereiten alter Abbildungen dieses Gerät von Hansa-Lloyd – einer deutschen Traditionsfirma, die man überwiegend mit gehobener Mittelklasse in Verbindung bringen würde – aber nicht mit einem 100 PS-Wagen:

Diese Wiedergabe sollte für lange Zeit die einzige bleiben, die mir von diesem Wagen in die Hände gefallen war. Das Auto verfügte über einen 5,2 Liter großen Achtyzlinder feinster Machart – mit Ventilantrieb über Königswelle und obenliegende Nockenwelle.
Vorgestellt hatte Hansa-Lloyd dieses prächtige Stück Motorenbau zwar schon 1923, aber in Serie ging er erst kurz nachdem Konkurrent Horch seinen Achtzylinder auf den Markt gebracht hatte.
Weshalb Hansa-Lloyd mit seinem als „Trumpf-Ass“ bezeichneten Spitzenmodell keine nennenswerte Konkurrenz für Horch darstellte, dürfte logistische Gründe beim Bau der Wagen gehabt haben – anders formuliert: Man wird sich übernommen haben.
Denn als Anbieter in der Oberklasse hatte sich die Marke durchaus schon zuvor hervorgetan, mit dem großvolumigen Vierzylindertyp „Treff-Ass“ der frühen 20er Jahre. Und da der Bedarf an Automobilen in Deutschland damals weit größer war als das heimische Angebot, wäre für den neuen Achytzlinder „Trumpf-Ass“ durchaus Platz gewesen.
Auch am Styling kann es nicht gelegen haben. Das kann ich dank Leser Jörg-Pielmann beweisen, der mir eine digitale Kopie eines Fotos aus seiner Sammlung zur Verfügung gestellt, welches diese Cabrio-Version des Hansa-Lloyd „Trumpf-Ass“ zeigt:

Ich glaube, viele von Ihnen werden mir zustimmen, wenn ich meine, dass dieses herrliche Auto einen klassischen Vorkriegwagen mit sportlicher Anmutung vollkommen repräsentiert.
An dieser Linienführung ist aus meiner Sicht alles perfekt, ich wüsste nicht, was man hätte daran besser machen können. Markanter und eigenwilliger gewiss – das geht immer – doch noch ausbalancierter und noch harmonischer proportioniert bekam das damals kein anderer Anbieter hin.
Dieses Auto hätte ohne jede Änderung auch mit Würde einen Kühler von Mercedes, Rolls-Royce oder Alfa-Romeo tragen können.
Nun werden Sie einwenden, wieso ich denn so sicher sein kann, dass es sich nicht um so einen Wagen aus dem europäischen Hochadel handelt. Die Antwort ist einfach – sie findet sich auf der Rückseite des Originalabzugs:

Nett so ein handschrifltlicher Beleg, nicht wahr? Noch dazu geadelt durch den Stempel des späteren Borgward-Archivs, das auch die Vorgängermarke umfasste.
Dennoch sollte man auch in solchen vermeintlich klaren Fällen nicht das eigene Denken abstellen. Sicher werden Sie auch bemerkt haben, dass die Hubraumangabe 7 Liter nicht zum Trumpf-Ass mit 100 PS-Motor passte.
In dieser Größenordnung war damals in deutschen Landen nur Maybach unterwegs und diese Wagen leisteten dann auch zu erwartende 120 PS.
Nun kann das ein Überlieferungsfehler sein, da die Beschriftung wie der Stempel aus späterer Zeit stammen kann. Aber ist einmal der Zweifel geweckt, dann breitet er sich aus, und das ist generell ein gesunder Instinkt – man muss dem nachgehen.
Stimmt vielleicht auch das angegebene Baujahr 1927 nicht? Mir kommt das arg früh vor, wenn ich Zweifenster-Cabriolets deutscher Provenienz zugrundelege. Ich würde hier eher 1929/30 für passend halten, allerdings auch nicht später.
Dazu würde passen, dass Hansa-Lloyd sein phänomenales „Trumpf-Ass“-Modell bis 1930 anbot. 1929 war die Marke von Carl Borgward in sein Auto-Imperium aufgenommen worden.
Kurzzeitig hatte ich sogar erwogen, dass es sich bei dem Wagen in Wahrheit um eine frühe Ausführung des NAG-Protos 16/80 PS handeln könnte, von dem es ein auf den ersten Blick ähnliches Sport-Cabriolet mit Karosserie von Drauz gab.
Aber ich habe mich dann doch dafür entschieden, der „Hansa-Lloyd“-Zuschreibung Glauben zu schenken, da einige wichtige Details nicht zum NAG-Protos passen.
Ich könnte an dieser Stelle das Urteil Ihnen überlassen, liebe Leser, und bin auch sehr gespannt darauf. Aber da mich dieses Auto so fasziniert hat, konnte ich es nicht lassen und habe KI-basiert noch ein paar zeitgenössische Farbschemata daran ausprobiert.
Nr 1. ist diese vielleicht etwas unterkühlt daherkommende Version:

Ich hatte hier auch ein dunkelblaues Verdeck ausprobiert, wie es das durchaus gab, aber das Resultat gefiel mir weniger.
Dafür habe ich bei der 2. Variante mehr Farbe auch an der Dachpartie gewagt:

Mir gefallen die wärmeren Farbtöne weit besser, wenngleich die Chromteile hier ein wenig fremd erscheinen.
Aber herrje, mit dergleichen Luxusproblemen waren die Käufer solcher Automobile ja ebenfalls konfrontiert, also versuchen wir, uns weiter das Thema einzufühlen:

Was sagen Sie dazu? Das war übrigens mein ursprünglicher „Entwurf“ und Favorit, bis ich feststellte, dass es noch mehr reizvolle Farbkombinationen gibt, welche diesem wunderschönen Auto schmeicheln.
Gut, einen Versuch gönnen wir uns noch, aber dann soll es auch genug sein:

Das war’s vorerst von meiner Seite – jetzt sind Sie dran, und zwar sowohl, was die Identifikation des Autos und eventuelle weitere Abbildungen des Modells als auch Ihre favorisierte Farbgebung angeht…
Nachtrag: Die leisen Zweifel an der Zuschreibung auf dem Originalabzug haben sich bestätigt – und zwar auch, was den Hersteller angeht. Leser Gerd Klioba konnte auf Material verweisen, dass den vermeintlichen Hansa-Lloyd als NAG-Protos von 1929 identifiziert – eine neue Abhandlung dazu folgt…
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