In meinem Blog dominiert meist pures Schwarz-Weiß-Denken – weil es das Thema verlangt, aber auch weil ich ein Freund zugespitzter Sichtweisen bin. Sie sind es, die zum Widerspruch anstacheln oder auch zur Überprüfung der eigenen gefestigten Meinung.
Wenn man sich immer einig ist, Widerspruch strikt meidet, schnell beleidigt ist, bewegt man sich auf dem bequemen Terrain der Beliebigkeit. Damit scheut man letztlich den sportlich verstandenen Konflikt, von dem der Fortschritt lebt.
Als Blogwart habe ich den Vorteil, mit meiner Sicht der Dinge nicht hinterm Berg zurückhalten zu müssen. Was mir gefällt, wird hemmungslos gepriesen, gern auch über den grünen Klee gelobt. Und wenn ich von etwas rein gar nichts halte, wird das schonungslos zum Ausdruck gebracht.
Heute will ich mich aber von einer ganz anderen Seite zeigen. So will mich von der gewohnten Schwarz-Weiß-Perspektive lösen und mich ganz meiner Begeisterung für schwarz-rote Koalitionen hingeben, natürlich bezogen auf Vorkriegsautos.
Den äußeren Anlass zu dieser spielerischen Auseinandersetzung mit der Farbpalette gab mir folgende Aufnahme, die mir Leser Matthias Schmidt in digitaler Kopie zur Verfügung gestellt hat:

Die Kenner deutscher Vorkriegwagen werden bereits anhand der Kühlerfigur – ein geflügelter Pfeil – auf Anhieb erkennen, dass wir es bei diesem abweisend erscheinenden Automobil mit einem Produkt der sächsischen Manufaktur Horch zu tun haben.
Das ist praktisch, aber eigentlich sollte es diese Kühlerfigur an dem abgebildeten Wagen noch gar nicht geben – die wurde ab Werk nämlich erst beim Nachfolger ab 1928 verbaut – dem Typ 350.
Hier haben wir es jedoch mit dem 1927 eingeführten Modell 303 zu tun – dem ersten Achtzylinder-Horch überhaupt. Äußerlich unterschied sich dieser vor allem durch die eher kantig geformten Vorderkotflügel und die kleineren Scheinwerfern vom verfeinerten und etwas stärkeren Typ 350, den wir hier in einer offenen Ausführung haben:

Wie man sieht, fiel auch der verchromte Zierrat beim Horch 350 deutlich üppiger aus als beim weniger luxuriös daherkommmenden Erstling von 1927.
Wenn der Horch 303 auf dem eingangs gezeigten Foto demgegenüber spartanischer wirkt, dann täuscht das. Bereits er kam mit 3,50 Metern Radstand und fast 5 Metern Gesamtlänge daher und besaß schon den formidablen 8-Zylinder-Reihenmotor mit Ventilantrieb über zwei obenliegende Nockenwellen.
Die anfänglich zu geringe Leistung für einen Wagen dieses Formats – gerade einmal 60 PS bei fast zwei Tonnen Gewicht – korrigierte Horch jedoch rasch beim Nachfolgemodell 350, der nun 80 PS leistete, aber diese Anpassung war den beiden Typen ja nicht anzusehen.
So bleibt nur das erwähnte weniger glamouröse Erscheinungsbild des Horch 303, welches die Identifikation erlaubt. Dass seine Besitzer die beeindruckende Kühlerfigur nachrüsteten, ist nicht ungewöhnlich, man darf sich nur nicht von ihr leiten lassen.
Soweit der heutige Ausflug in die scheinbar schwarz-weiße Welt der späten 1920er Jahre. Wie leicht man dabei einen falschen Eindruck vom tatsächlichen Erscheinungsbild der damaligen Automobile bekommt, das will ich nachfolgend illustrieren.
Oje, jetzt kommt wieder eine dieser neumodischen Kolorierungen, mit denen der Blogwart seine Autogeschichten aus alter Zeit neuerdings noch stärker einfärbt als ohnehin schon. In der Tat, aber ich lege es dabei in der Regel nicht auf billige Effekte an.
Wir sind uns einig darüber, dass die hier vorgestellten zeitgenössischen Fotos nur insoweit Originalitätsanspruch reklamieren können, als sie die darauf festgehaltenen Autos in einer zwar ausdruckstarken, aber historisch bedingt unvollkommenen Weise wiedergeben.
Daher kann eine intelligente nachträgliche Kolorierung den dokumentarischen Wert solcher Fotos durchaus erhöhen. Die technischen Voraussetzungen dafür sind dem Laien erst seit kurzem zugänglich – eine der neuen KI-Anwendungen macht es möglich.
Mit der von mir bevorzugten Funktion kann ich präzise Anweisungen geben, welche Partien eines alten Fotos wie eingefärbt werden sollen, ich kann die Farbtemperatur festlegen und sogar Alterungseffekte anordnen. Die Kunst dabei ist ein wohlüberlegter, präziser „Prompt“.
Im vorliegenden Fall habe ich versucht, die überlieferten Farbschemata eines solchen 8-Zylinder-Horch des Typs 303 möglichst akkurat umzusetzen, aber auch den Hintergrund überzeugend zu gestalten.
Und nun beurteilen Sie selbst, inwieweit mir das gelungen ist:

Ich selbst bin mit dem Ergebnis meines Traums in Schwarz-Rot sehr zufrieden, vor allem wenn ich den geringen Zeitaufwand von vielleicht 10 Minuten dafür berücksichtige.
Wichtig ist mir vor allem, dass das Farbschema traumhaft genau umgesetzt wurde. Dazu gehört insbesondere das schlichte Erscheinungsbild der in Wagenfabe lackierten Stahlspeichenräder ohne vernickelte Nabenkappe.
Bei einer automatisierten Kolorierung hätten wir wahrscheinlich Holzspeichenräder und mehr Chrom bekommen, weil das bei den damals am Weltmarkt dominierenden US-Automobilen so war. Auch wären eventuell seitliche Parkleuchten dazu gezaubert worden und das Nummernschild wäre ebenfalls koloriert gewesen.
Das lässt sich durch genaue Formulierung von „Dos & Dont’s“ vermeiden. Nur eines konnte ich auf die Schnelle nicht vermeiden: Die Befestigung des Reserverads ist nicht ganz akkurat gehalten, das habe ich zu spät bemerkt.
Weil ich aber ansonsten angetan war von dieser Schwarz-Roten Koalition aus Stahl, überlegte ich, wie ich diese kleine Unvollkommenheit noch weghexe.
Dabei wollte ich die Gelegenheit nutzen, der Szene noch ein weiteres Element hinzuzufügen, das für mich ein perfektes Autofoto ausmacht.

Damit wäre das erwähnte Problem und zugleich der Mangel an Leben behoben. So könnte es doch gewesen sein irgendwann Ende der 1920er Jahre, eventuell um 1930, oder?
Wenn jetzt noch jemand sagen kann, wo diese Situation einst in düsterem Schwarz-Weiß festgehalten wurde, wäre ich vollkommen zufrieden mit dem Wirken von Schwarz-Rot…
Übrigens gibt es auch eine animierte Version des kolorierten Fotos – die bringe ich aber lieber als Appetitmacher an anderer Stelle im Netz. Wir sind hier ja doch eher konservativ und neigen nicht zu Träumen…
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