Ein Mathis Roadster in „beflügelter“ Gesellschaft

Wer diesen Oldtimerblog schon etwas länger verfolgt, der hat sicher bemerkt, dass sich der Verfasser außer für Vorkriegsautos aller Marken auch für historisches Fluggerät begeistern kann. Hier gilt ebenfalls: je älter desto besser.

Von besonderem Reiz ist die Kombination aus Veteranenfahr- und -flugzeugen, die man auf alten Fotos nur ganz selten findet. Ein paar solcher Raritäten befinden sich immerhin im Fundus – heute schauen wir uns eine davon an:

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© Mathis Roadster, um 1925; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Wer nun die Qualität dieses Abzugs beanstanden will, hat keine Vorstellung davon, wie das Ausgangsmaterial aussah: völlig ausgeblichen, an den Rändern ausgefressen und in der Mitte durch unbeabsichtigten Lichteinfall weitgehend ruiniert.

Dass man hier überhaupt wieder etwas erkennen kann, ist zeitaufwendigen Retuschen zu verdanken. Diese ließen sich gewiss noch eine Weile fortsetzen, doch ein altes Original darf ruhig die Spuren der Zeit zeigen.

Wir erkennen immerhin einen Roadster mit Fahrer und fünf weitere Herren vor einem Eindecker-Flugzeug unter Bäumen. Diese reizvolle Szenerie war auf dem Ursprungsfoto bereits zu ahnen; allerdings war der Wagentyp nicht zu erkennen.

Nun ist es beinahe umgekehrt: Wir können das Auto näherungsweise identifizieren, doch der Flugzeugtyp bleibt im wahrsten Sinne des Wortes „nebulös“.

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Wer bei dem hübschen kleinen Roadster mit dem schmalen, oben dreiecksförmig abchließenden Kühler auf eine französische Herkunft tippt, liegt richtig.

Britische Wagen in dieser Klasse wirken stämmiger, bodenständiger. Vergleichbare Modelle deutscher Hersteller sind Mangelware. In den 1920er Jahren waren zwar von fast jeder teutonischen Marke mächtige Tourenwagen zu bekommen, aber mit dem Konzept des knackigen Roaster wurde man nicht warm.

Doch halt: Auf gewisse Weise ist das abgebildete Fahrzeug eine Ausnahme von der Regel, denn der Hersteller befand sich ursprünglich ebenfalls auf deutschem Boden. Des Rätsels Lösung: Der Wagen ist der Kühlerpartie nach zu urteilen höchstwahrscheinlich ein Modell des Straßburger Herstellers Mathis.

Hier ein vergleichbares Fahrzeug, das einst vor dem dänischen Schloss Egeskov für eine Postkarte abgelichtet wurde:

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© Mathis Roadster; Ansichtskarte von Burg Egeskov aus Sammlung Michael Schlenger

Der Größe und Form nach in Frage kommen MathisZweisitzer von Anfang bis Mitte der 1920er Jahre mit 5 bis 10 Steuer-PS.

Interessanterweise scheint bei keiner dieser Versionen ein Roadster mit rund ausgeschnittenen Türen verfügbar gewesen zu sein. Beim obigen Mathis aus Dänemark verläuft die Türoberkante ebenfalls gerade nach hinten. Das will aber nichts heißen, da Mathis auch Chassis ohne Karosserie lieferte.

Wo könnte nun unsere Aufnahme entstanden sein?

Der Mathis auf unserem Flugzeufoto scheint die Kennung IT auf dem Nummernschild zu tragen, die für die einstige Provinz Hessen-Nassau stand. Ist es wahrscheinlich, dass ein Wagen der nach dem 1. Weltkrieg französischen Marke nach Deutschland verkauft wurde?

Mag sein, dass jemand alte Beziehungen ins Elsass hatte und auch nach der Einverleibung der Region ins französische Staatsgebiet ab 1918 öfters dort war. Vielleicht mochte auch jemand den speziellen Stil der Marke und ließ sich eine Roadster-Karosserie nach seinen Vorstellungen anfertigen.

Jedenfalls waren die Herrschaften auf unserem Foto, das der Kleidung nach zu urteilen nicht vor Mitte der 1920er Jahre entstand, gut situiert. Leider erlaubt es die Qualität des Abzugs nicht mehr, die einzelnen Personen zu präsentieren.

Nur einen der Herren wollen wir zeigen, der sich auf den Motor bzw. eine Zylinder des unbekannten Flugzeugs stützt.

mathis_5cv_flugzeug_mitte_1920er_flugzeug

Entspannte Haltung mit tief ins Gesicht gezogenem Hut, schmale Krawatte, Einstecktuch, geöffnetes Jackett, Hände in den Hosentaschen – all‘ das signalisierte seinerzeit eine Lässigkeit, die amerikanischen Filmschauspielern abgeschaut war.

So weit so gut – doch wie passt das zu dem archaisch wirkenden Eindecker mit den freistehenden Zylindern?

Tja, hier müssen wir zu spekulieren beginnen. Nach dem Versailler-Vertrag, der den späteren Aufstieg der NS-Partei beschleunigte, war den Deutschen nach 1918 zunächst keinerlei Motorflug erlaubt. 

Diese Bestimmungen wurden Mitte der 1920er Jahre gelockert oder ignoriert. Jedenfalls konnten – auf welcher Grundlage auch immer – wieder motorisierte Flugzeuge betrieben werden, und seien es Oldtimer wie auf unserer Aufnahme.

Denn auf der Höhe der Zeit war dieses an Eindecker vor 1914 erinnernde Gerät in den 1920er Jahren definitiv nicht mehr. Leider wissen wir nichts Genaues über Ort, Zeitpunkt und Anlass dieser Aufnahme.

Vielleicht kann ein Leser Licht ins Dunkel bringen – sowohl hinsichtlich des Mathis Roadsters als auch im Hinblick auf das mysteriöse Fluggerät.

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