Ventillos, aber nicht stillos: Ein Minerva um 1912

Zu den weißen Flecken auf der Karte europäischer Vorkriegsmodelle gehört für viele wohl die einstige Markenwelt in Belgien.

Ich selbst hatte lange keine Vorstellung von der enorm reichen Automobiltradition in dem kleinen Land, das bis ins 20. Jahrhundert zu den führenden Industrienationen gehörte.

Da ich ohne Markenschwerpunkt historische Fotos von Vorkriegswagen in Europa sammle, stellte ich irgendwann fest, dass sich in meinem Fundus immer mehr Bilder einfanden, die offenbar belgische Autos (oder Lizennachbauten davon) zeigten.

Was sich da für eine Wunderwelt auftut, wenn man sich einmal darauf einlässt, wurde mir nach Erwerb eines Buchs schlagartig klar, das ich bei dieser Gelegenheit jedem Liebhaber untergegangener Marken ans Herz legen möchte:

Le Grand Livre de l’Automobile Belge von Kupélian/Sirtaine, ISBN: 978-287212-662-0


Bildquelle: https://www.books-on-collectables.eu/nl/transport/autos/le-grand-livre-de-l-automobile-belge/a-14787-10000001

Einziger Haken an dem 300 Seiten starken Standardwerk: Es ist nur auf Französisch erhältlich (die wichtigsten Marken werden am Ende außerdem auf Englisch vorgestellt).

Wer in der Schule ein wenig Französisch gelernt hat, wird feststellen, dass ihm dies hier kaum hilft, dafür ist das Vokabular zu speziell. Aber der Mensch wächst an der Herausforderung und die wichtigsten Fachbegriffe hat man sich rasch angeeignet.

Vielleicht nutzt ja auch der eine oder andere die wegen des Corona-Virus auf ungewisse Zeit verordnete allgemeine Untätigkeit – m.E. ein volkswirtschaftlich brandgefährliches Experiment – zur Weiterbildung und paukt sich die Grundlagen der schönen Sprache unserer linksrheinischen Nachbarn rein – das ist durchaus in ein paar Wochen machbar.

Die Sprache ist der Zugang zum Denken und Empfinden eines Volkes und da es so etwas wie „Europäer“ in Wirklichkeit nicht gibt, kommt man an den Idiomen der Nationen nicht vorbei, will man diese besser verstehen und selbst besser verstanden werden.

Bis zum 1. Weltkrieg war es in Europa in gebildeten Kreisen üblich, sich auf Französisch verständigen zu können – bis weit in den Osten hinein.

Daher verwundert es nicht, dass es damals viele Verbindungen zwischen den Automobilpionieren und -firmen links und rechts des Rheins gab – ungeachtet politisch motivierter Spannungen stand man in der Wirtschaft in intensivem Austausch.

Da vor dem 1. Weltkrieg die Autohersteller im französischsprachigen Raum zu den weltweit führenden gehörten, landeten viele ihrer Produkte auf dem deutschen Markt.

Ein hervorragendes Beispiel für solche grenzüberschreitende Wertschätzung verdanke ich Leser Klaas Dierks:

Minerva Chauffeur-Limousine um 1912; Originalfoto aus Sammlung Klaas Dierks

Das ist nicht nur ein großartiges Automobilfoto, sondern auch ein anrührendes Dokument einstigen Lebens – ich komme noch darauf zurück.

Eine derartig großzügig dimensionierte Limousine – quasi ein Salon auf Rädern – entsprach seinerzeit dem Gegenwert eines Hauses und besaß ein Prestige wie heute vielleicht noch der Besitz eines Privatflugzeugs.

Doch mit was für einem Wagen haben wir es hier überhaupt zu tun? Wie fast immer bei frühen Automobilen liefert der Vorderwagen die entscheidenden Hinweise:

Einen ersten Hinweis auf den belgischen Hersteller Minerva gibt die Silhouette der Kühlermaske, die sich in einer nach hinten auslaufenden Einbuchtung in der Motorhaube fortsetzt.

Das Kühleremblem ist aufgrund eines dort durchlaufenden Knicks verunstaltet, doch zum Glück findet es sich auf der Nabenkappe des linken Vorderrads wieder. Dort erkennt man die Seitenansicht der römischen Göttin Minerva – die der griechischen Athene entsprach.

Minerva, das war auch der Markenname eines 1889 gegründeten belgischen Fahrradherstellers. Schon 1899 baute die Firma ihr erstes Automobil mit selbstentwickeltem Motor.

Aus diesen bescheidenen Anfängen sollte eine Marke hervorgehen, die kurz nach der Jahrhundertwende international hohes Ansehen genoss. In England vertrieb ein gewisser Charles Rolls ab 1904 Minerva-Wagen und war voll des Lobes für ihren Komfort.

1907 kam Minerva mit einem 6-Zylinderwagen groß heraus, der 60 PS leistete und eine Höchstgeschwindigkeit von 100 km/h erreichte. Ein Jahr später präsentierte man einen Wagen mit ventillosem Motor nach Patent des Amerikaners Charles Knight.

Bei diesen auch als Schiebermotoren bezeichneten Aggregaten erfolgte der Wechsel zwischen Frischgas und Abgas nicht über Ventile, sondern über zwischen Kolben und Zylinder auf- und ablaufende Hülsenschieber mit Schlitzen.

Die Vorteile der ventillosen Knight-Schiebermotoren lagen in der größeren Laufruhe, der höheren Drehzahlfestigkeit und dem besseren Gaswechsel. Dem standen der hohe Schmierbedarf der Hülsenschieber und Verschleißanfälligkeit gegenüber.

Dennoch müssen die fast lautlos laufenden Knight-Motoren die Kunden so beeindruckt haben, dass sie etliche Jahre in Luxusautomobilen Bestand hatten – übrigens auch bei den „Mercedes“-Wagen der Daimler-Motoren-Gesellschaft.

Minerva in Belgien verzichtete ab 1910 ganz auf ventilgesteuerte Motoren und bot nur noch Wagen (mit 16, 26 und 38 Steuer-PS) mit Knight-Schiebermotor an. Diese Typen verfügten über den Zusatz „SS“ was für „sans soupapes“ stand, also „ohne Ventile“.

Wie lange das so blieb, konnte ich nicht in Erfahrung bringen. Ausgehend von der Verwendung von Knight-Schiebermotoren bei Mercedes gehe ich aber davon aus, dass Minerva bis zum 1. Weltkrieg solche Aggregate im Angebot hatte.

Der Wagen auf dem Foto von Klaas Dierks dürfte um 1912 entstanden sein und könnte demnach ebenfalls einen ventillosen Motor besessen haben. Dass „ventillos“ aber nicht gleichzusetzen war mit „stillos“, das ist unübersehbar:

Man kehrt beim Studium der Aufnahme letztlich zu dem jungen Mann zurück, der sich im Moment der Belichtung uns überrascht zuzuwenden scheint.

Sein Mantel mit Pelzbesatz auf dem Kragen und glänzenden Knöpfen sowie die Schirmmütze weisen ihn als Chauffeur aus. Angestellter Fahrer eines Automobils zu sein, bedeutete vor über 100 Jahren aber alles andere als eine prekäre Existenz.

Ein Chauffeur war ein geschätzter Fachmann, der nicht nur die Verantwortung über das Wohl der vermögenden Insassen trug, sondern dem auch das Funktionieren einer hochkomplexen und unglaublich kostspieligen Maschine anvertraut war.

Übrigens wurde der Minerva in Berlin in der Tauentzienstraße abgelichtet, die die einst großbürgerlich geprägten Stadtteile Charlottenburg und Schöneberg verbindet.

Das im Hintergrund des Bildes zu sehende Geschäft von Carl Schapski könnte die Hausnummer 6 getragen haben. Gegenüber, ganz in der Nähe – in der Hausnummer 13 – wohnte zum Zeitpunkt der Aufnahme ein Teenager, der später unter dem Namen Marlene Dietrich weltberühmt werden sollte…

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Lässt manches offen: Brennabor Landaulet um 1912

Besondere Zeiten verlangen besondere Anstrengungen. Gerade in Krisensituationen wie der, die wir derzeit durchlaufen, sollten sich besonderes Können, besondere Kompetenz, besondere Klugheit dort offenbaren, wo die administrativen Fäden zusammenlaufen, wo über die Ressourcen einer Volkswirtschaft verfügt werden kann.

Wer das möglicherweise vermisst und sich mangels kohärenter Führung fragt, wie es weitergehen soll (und wie lange), ist in diesen Tagen gut beraten, sich anderen Dingen zuwenden. Der Rückzug ins Private kann aber auch seine Vorteile haben.

Beispielsweise kann man sich am Können vergangener Zeiten erbauen, und dazu versuche ich im Rahmen meines Blogs für Vorkriegsautos ein wenig beizutragen.

Dabei scheue ich nicht die Anstrengungen, die das neben der Bewältigung des Alltags erfordert – ganz im Gegenteil – gern lege ich noch eine Schippe drauf. Was wir jetzt brauchen, ist nämlich nicht Resignation, sondern Anstrengungsbereitschaft.

Zur Illustration habe ich mir für heute ein Objekt ausgesucht, das es einem nur auf den ersten Blick einfach macht. Ganz unabhängig von dem Wagen, um den es konkret geht, handelt es sich zunächst um ein Dokument von außergewöhnlicher Qualität:

Chauffeurswagen von Brennabor, Benz, Daimler und anderen; Originalabzug aus Sammlung Michael Schlenger

Dieser prächtige Abzug ist auf geprägter Pappe montiert und für sein Alter ungewöhnlich gut erhalten. Ich habe für die folgenden Ausschnittsvergrößerungen nur ein paar störende Flecken wegretuschieren müssen.

Entstanden ist dieses Foto um 1912, wie ich aus dem Erscheinungsbild der jüngsten Fahrzeuge ableite. In allen sechs Autos sitzt außer dem Chauffeur niemand, weshalb ich annehme, dass die Aufnahme anlässlich eines Fahrerlehrgangs angefertigt wurde.

Jeder dieser Wagen, darunter mindestens ein Benz und ein Mercedes, würden eine nähere Betrachtung verdienen, doch mir hat es das Auto ganz links angetan:

Der Vergleich mit dem benachbarten Fahrzeug ist aufschlussreich:

So sieht man hier sehr schön den gestalterischen Sprung, der sich ab 1910 in deutschen Landen vollzog, als die bislang stumpf auf die Schottwand treffende Motorhaube durch eine schräg nach oben verlaufende „Windkappe“ ergänzt wurde, die speziell bei offenen Aufbauten für einen deutlich geringeren Luftwiderstand sorgte.

Unterstützt wurde die windschnittigere Optik der Vorderpartie oft – aber nicht immer – durch eine ansteigende Haube. Was das in ästhetischer Hinsicht ausmachte, lässt sich hier sehr gut nachvollziehen – das rechte Auto, das vielleicht nur drei, vier Jahre älter sein mag als das links neben ihm stehende, sieht buchstäblich aus wie von gestern.

Was zu jener Zeit – ab 1910, wie gesagt – dagegen noch unverändert blieb, ist der senkrecht im Wind stehende Kühler – erst der ab 1913/14 auftauchende Spitzkühler sollte auch hier für eine schnittigere Optik sorgen:

„Brennabor“ steht auf der Oberseite des Kühlergehäuses und wenn nicht alles täuscht wiederholt sich der Schriftzug in schräger Variante unten rechts auf dem Kühlergrill.

Ohne diesen Schriftzug wäre die Identifikation des Herstellers nicht gerade einfach. Was hier so markant an der Frontpartie anmutet, war tatsächlich bei etlichen französischen und belgischen Automarken gang und gebe.

Doch dank des Schriftzugs steht der Hersteller außer Frage. Der renommierte Fahradhersteller Brennabor aus Brandenburg an der Havel hatte 1908 sein erstes Serienautomobil gebaut – seinerzeit noch mit Einbaumotor von Fafnir aus Aachen.

Die leistungsfähigeren anschließenden Modelle besaßen dann von Brennabor konstruierte Motoren. Leider existieren von diesen Wagen kaum Abbildungen. So konnte ich für den heute vorgestellten Brennabor bisher keine direkte Entsprechung finden.

Das Landaulet mit dem über der Rückbank niedergelegten Verdeck lässt insofern manche Frage offen: Zwar tendiere ich zu einem der stärkeren Typen mit 10 Steuer-PS.

Doch ob wir nun einen Brennabor 10/24 PS vor uns sehen, der 1911/12 gebaut wurde, oder den 10/28 PS Typ, der bis 1914 entstand, ist mangels Vergleichsbildern fraglich. Ab 1912 gab es außerdem einen Typ G4 8/22 PS, der der Urvater des nach dem 1. Weltkrieg sehr erfolgreichen Modells P 8/24 PS werden sollte.

Vom Erscheinungsbild des Wagens her könnten alle drei Typen in Betracht kommen, die offenbar im Jahr 1912 parallel erhältlich waren, wenn man der Literatur trauen darf.

Wie immer in solchen Fällen lasse ich mich aber gern von Markenspezialisten eines Besseren belehren und hoffe, dass sich der Typ auf dem Foto besser einordnen lässt. Bis dahin lasse ich es bei der vorläufigen Ansprache als Brennabor um 1912 bewenden.

Ganz unabhängig davon kann man sich an der luxuriösen Landaulet-Karosserie erfreuen, deren Gewicht nebenbei gegen einen der Kleinwagentypen von Brennabor spricht. Für eine Marke, die überhaupt erst seit kurzem Autos baute, war es ein beeindruckender Erfolg, so rasch in einen so illustren Kreis an Qualitätswagen aufgenommen zu werden.

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Glanzstück aus Suhl: Simson „Supra“ So 40 PS

Heute schlage ich bei der Dokumentation von Vorkriegsfotos auf alten Fotos ein neues Kapitel der Geschichte der Autoproduktion von Simson aus Suhl auf.

Die für ihre Waffenproduktion bekannte Thüringer Firma war einer der vielen deutschen Nischenhersteller der 1920er Jahre – aber in diesem Fall muss man sagen: was für einer!

Nach dem 1. Weltkrieg tat sich Simson zunächst mit technisch verfeinerten Versionen der Typen B, C und D hervor, die sich optisch eng an die Mode hierzulande anlehnten. Ein Fahrzeug aus dieser Familie habe ich hier zuletzt vorgestellt.

Für weitere Impulse sorgte ab 1922 der zuvor bei Steiger tätige Konstrukteur Paul Henze, der auch den Konstruktionen von Simson seinen unverwechselbaren Stempel aufdrücken sollte.

Henze entwickelte für Simson eine neue Typenreihe, die dank modernem Ventiltrieb drehfreudige Motoren besaßen. Dabei zielte er von vornherein auf Sporteinsätze ab.

Das Ende 1924 vorgestellte Spitzenmodell mit der Bezeichnung „Supra S“ wurde unter anderem mit der folgenden Reklame beworben:

Simson Reklame für das Sportmodell „Supra So“; Original aus Sammlung Michael Schlenger

Dieser Sporttyp zeichnete sich durch einen hochmodernen Leichtmetallmotor aus, der über vier Ventile pro Zylinder verfügte, die über zwei obenliegende Nockenwellen betätigt werden – im Rennsport sollte das noch lange das Maß aller Dinge bleiben.

Für den Kenner waren der Königswellenantrieb, die Trockensumpfschmierung, die Zwei-Vergaseranlage und die Vierradbremse nach belgischem ADEX-Patent weitere Schmankerl.

In der serienmäßigen Sportversion Simson „Supra S“ leistete dieses hochfeine Aggregat bereits 50 PS aus 2 Litern Hubraum, damals ein beachtlicher Wert. Die zweisitzigen Rennversionen, die zahlreiche Siege einfahren sollten, kamen auf 60 PS und mehr.

Vom Prestige dieses Sportwagens sollte eine parallel hergestellte Variante profitieren, die sich im wesentlichen durch einen einfacheren Ventiltrieb und längeren Radstand unterschied – der Simson „Supra So“.

Sein Aggregat musste bei sonst gleicher Konstruktion mit nur einer obenliegenden Nockenwelle und zwei statt vier Ventilen pro Zylinder auskommen. Infolgedessen waren hier nur 40 PS bei identischem Hubraum drin.

Ansonsten wurde beim Simson „Supra So“ ein vergleichbarer Aufwand getrieben wie beim Sportmodell, bis hin zu den ausgesucht hochwertigen Materialien und der äußerst präzisen Fertigungsqualität.

Und so sah dieses Glanzstück des PKW-Baus von Simson aus Suhl in natura aus:

Simson „Supra So“ 8/40 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Bei dieser Aufnahme handelt es sich um einen Originalfoto der Nachkriegszeit, das einen der wenigen überlebenden Simson-Wagen dieses Typs zeigt.

Man sieht hier sehr schön den markanten Kühler, der sich stark von dem konventionellen Spitzkühler der Vorgängertypen unterscheidet. Weitgehend verdeckt sind hier die beiden großkalibrigen Auspuffrohre, die durch die linke Haubenseite nach unten wegführen.

Der Tourenwagenaufbau entspricht der in der Literatur gezeigten Karosserievariante „Karlsruhe“ – eine reichlich einfallslose Bezeichnung für einen so edlen Wagen – aber gekonntes Marketing war bei deutschen Autobauern damals ohnehin die Ausnahme.

Zeitgenössische Besprechungen loben die Drehfreudigkeit des Motors, seinen ruhigen Lauf und die leichte Schaltbarkeit des Getriebes – mangels Synchronisation nicht selbstverständlich.

Beindruckt zeigten sich zeitgenössische Tester zudem von der guten Straßenlage infolge günstiger Gewichtsverteilung, der sicheren Bremsleistung und dem Sitzkomfort der Insassen.

Viel mehr Worte will ich gar nicht verlieren zu diesem in technischer und ästhetischer Hinsicht meisterhaft gestalteten Wagen. Einen Wunsch kann ich meinen Lesern aber noch erfüllen.

Vom selben Wagen gibt es eine weitere Aufnahme, die ihn mit niedergelegtem Verdeck zeigt. Entstanden ist sie am gleichen Ort und am selben Tag, vermutlich wurden beide Fotos für Pressezwecke geschossen:

Simson „Supra So“ 8/40 PS; Originalfoto aus Sammlung Matthias Schmidt

Diese Aufnahme verdanke ich Matthias Schmidt aus Dresden, der schon viele schöne Aufnahmen deutscher Vorkriegswagen zu meinem Blog beigesteuert hat.

Eine Sache trübt hier leider den Genuss: Das Verdeck ist nicht vollständig niedergelegt oder es handelt sich um eine nicht originalgetreue Nachfertigung. Normalerweise liegt ein Tourenwagenverdeck ganz flach auf, auch beim Simson „Supra So“ (siehe hier).

Vermutlich wurde hier später ein nach Cabriolet-Manier dick gefüttertes Verdeck verbaut, das sich aufgrund des vielen Materials nicht flach zusammenlegen lässt.

Das ist aber auch das Einzige, was sich hier beanstanden lässt – fast. Denn beim zweiten Hinschauen stören auch die großen Bosch-Hupen unterhalb der Scheinwerfer. Mag sein, dass diese während der bis 1927 reichenden Bauzeit des Simson „Supra So“ irgendwann verfügbar waren – stimmig wirken sie bei einem Tourer der 1920er für mich nicht.

Für mich bleibt die Frage, wo dieser Wagen heute beiheimatet ist und wie er sich im 21.Jahrhundert darbietet. In dieser Übersicht der wenigen noch existierenden Simson-Automobile jedenfalls scheint er nicht enthalten zu sein – oder irre ich mich?

Nachtrag: Der hier vorgestellte Simson „Supra“ Typ So stand zur Zeit der Fotos (um 1970) im Automuseum von Uwe Hucke in Nettelstedt (Ostwestfalen). Heute befindet sich das Fahrzeug wieder am Ort seiner Entstehung in Suhl. Daneben ist ein weiterer überlebender Wagen des Typs mit identischem Aufbau bekannt – er befindet sich in Dresden (Quelle: Reinhard Barthel, Stand: März 2020).

Verwendete Literatur: Simson – Autos aus Suhl, von Ewald Dähn, transpress, 1988

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Taxifahren mit Stil: Protos Typ C 10/30 PS

Taxifahrten gehören für mich zu den seltenen Gelegenheiten, bei denen ich mit modernen Autos in Kontakt komme – das jüngste meiner Fahrzeuge ist 35 Jahre alt.

Das klassische Taxi ist aus meiner Sicht eine Mercedes-Limousine und auch wenn die Materialien im Innenraum in den letzten Jahrzehnten Qualitätseinbußen erlitten haben, ist es immer noch ein erhebendes Gefühl, hinten rechts sitzend chauffiert zu werden.

Voraussetzung: Man ist nicht einem derjenigen Fahrer aus Frankfurt/Main in die Hände gefallen, denen ich einige traumatische Erlebnnisse verdanke und bei denen man sich fragt, wie sie die Prüfung bestanden haben (es gibt freilich Erklärungen dafür…).

Jedenfalls am Fahrkomfort gibt es bei einer klassischen Mercedes-Limousine nichts zu beanstanden, das gehört quasi zum Markenstandard. Mit Erschütterung durfte ich dagegen feststellen, wie klapperig Taxis von Marken wie Opel und VW sein können.

Viel schlechter kann der Fahrkomfort vor über 90 Jahren nicht gewesen sein – und da hatte man immerhin die Wahl, offen oder geschlossen unterwegs zu sein.

Für die offene Variante steht stellvertretend diese Droschke, die ich vor längerer Zeit schon einmal gezeigt habe:

Protos Typ C 10/30 PS, Taxi mit Tourenwagenaufbau; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dieses Exemplar habe ich ausgewählt, weil es eine Taxiausführung des Typs C 10/30 PS von Protos ist, der ich heute eine geschlossene Variante gegenüberstellen kann.

Die bis ins 19. Jh. zurückreichende Berliner Automarke Protos beschränkte sich wie einige deutsche Hersteller nach dem 1. Weltkrieg auf ein einziges Serienmodell.

Der bis 1924 gebaute Protos-Einheitstyp C 10/30 PS bot in technischer Hinsicht nur soliden Standard, hob sich aber mit seiner prächtigen Kühlergestaltung und den auf zwei Gruppen verteilten schmalen Luftschlitzen optisch von der Konkurrenz ab.

Bereits das obige Foto des Taxis mit Tourenwagenaufbau vermittelt eine Ahnung von der Großzügigkeit des Protos C 10/30 PS – immerhin sieben Personen fanden darin Platz.

Dass man sich einst anlässlich einer Taxifahrt ablichten ließ, mutet heute zwar merkwürdig an. Doch scheinen die Passagiere einen speziellen Grund gehabt haben, ihren Ausflug fotografisch festzuhalten – wahrscheinlich hat er mit dem Banner im Hintergrund zu tun:

„Radfahrer-Verein Stern Storkow“ meine ich dort zu lesen. Das würde dafür sprechen, dass die Aufnahme im brandenburgischen Städtchen Storkow entstand.

Dann hätten wir es hier wohl mit wackeren Radsportlern zu tun, die sich aus welchem Anlass auch immer eine wadenschonende Spritztour im offenen Automobil gönnten.

Wir können sie nur zu der Wahl des Protos-Taxis beglückwünschen, das an jenem Tag sicher ein erquickliches Freiluftvergnügen bot. Bis zu 75 km/h Spitzentempo waren damit auf den staubigen Pisten des Umlandes drin, davon konnten Radler nur träumen.

Was aber, wenn das Wetter nach mehr Schutz verlangte und man auch nicht wie auf dem Präsentierteller umherkutschiert werden wollte?

Dann war natürlich ein Protos-Taxi des Typs C 10/30 PS in geschlossener Ausführung die erste Wahl – so kam man mit dem heute undenkbaren Komfort eines rollenden Salons zu Freunden, ins Theater oder in die Oper.

Genau ein solches Fahrzeug kann ich dank Matthias Schmidt aus Dresden heute zeigen:

Protos Typ C 10/30 PS Limousine; Originalfoto aus Sammlung Matthias Schmidt (Dresden)

Ist das nicht eine beeindruckende Aufnahme? Vermutlich hat sie der Fahrer von einem professionellen Fotografen aufnehmen lassen.

Die Perspektive ist ungewöhnlich für die Zeit und verrät, dass der Mann hinter der Kamera ein unabhängig denkender Kopf war.

So dynamisch findet man deutsche Wagen damals fast nie in offiziellen Verkaufsunterlagen. Vielmehr überwiegen in den Prospekten der frühen 1920er Jahre immer noch statische und unbelebte Seitenaufnahmen – ein Grund, weshalb manche Modelle jener Zeit schwer zu identifzieren sind, da aussagefähige Fotos Mangelware sind.

Und wie so oft ist es der Mensch, der letztlich mehr fasziniert als das Auto, so markant es auch sein mag – hier mit dem unverwechselbaren Jugendstil-Dekor am Kühler:

Das ist eine der Aufnahmen der Vorkriegszeit, wo man sich bei aller grafischen Wirkung der Schwarz-Weiß-Wiedergabe doch etwas Farbe wünschen würde.

Hier stellt man sich gern vor, dass der entschlossen in die Ferne schauende Fahrer stechend-blaue Augen hat. Auch fragt man sich, ob die schwere doppelreihige Jacke nun dunkelbraun oder grau war – schwarz kann man mit Blick auf die dunkleren Knöpfe und den tiefglänzenden Lack des Protos wohl ausschließen. Reizvoll auch die Überlegung, ob die Krawatte eine gedeckte Farbe aufwies oder einen bunten Akzent lieferte.

Wie sich diese Szene vor über 90 Jahren in natura darstellte, das überlasse ich dem „Kopfkino“ des Betrachters. So oder so ist das ein Dokument, bei dem man sich fragt, wie man einen solchen majestätischen Protos verschrotten kann und ein dermaßen stilvolles Outfit gegen das tauschen kann, was heute bei vielen Taxifahrern üblich ist…

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Fund des Monats: Ein Bolle & Fiedler aus Berlin

Der Fund des Monats Februar könnte auch ohne weiteres als Fund des Jahres firmieren – denn er zeigt im wahrsten Sinne des Wortes eine einzigartige Rarität, die für lange Zeit schwer zu übertreffen sein wird.

Doch warum damit warten, wenn doch so viele Leser meines Blogs auf genau solche Entdeckungen erpicht sind? Durchschnittlich rund 2.500 sind es übrigens, nicht schlecht für ein vermeintliches Nischenthema wie Vorkriegsautos auf alten Fotos.

Dass man außer mit dem nach wie vor unersetzlichen Autobuch auch im Netz viele Freunde wirklicher „Oldtimer“ erreichen und dabei wunderbar kooperieren kann, das zeigt das heutige Beispiel.

Leider ist die Zahl der Freunde von Vorkriegsautos hierzulande, die markenübergreifend die automobile Welt von gestern online dokumentieren, überschaubar. Einer davon ist Claus Wulff aus Berlin, der eine ganz spezielle Netz-Präsenz pflegt.

Seine Spezialität sind historische Kühlerembleme, von denen er eine große Zahl im Original zusammengetragen hat und die er auf seiner englischsprachigen Website präsentiert.

Man kann auf Claus Wulffs Seiten nicht nur viel Zeit zubringen, man kann ihn auch um Unterstützung bitten, wenn ein Foto eines Vorkriegsautos zwar die Kühlerpartie erkennen lässt, aber man partout nicht herausfindet, womit man es zu tun hat.

Auf diese Weise habe ich schon manches Rätsel lösen können. So war es Claus Wulff, der die Identifikation des Chiribirri aus dem Fundus von Sammlerkollege Klaas Dierks ermöglichte, den ich hier als Fund des Monats präsentieren konnte.

Diese Bereitschaft, sein Wissen mit Gleichgesinnten zu teilen, ist keineswegs selbstverständlich in einer Szene, in der viele auf alten Fotos und Prospekten sitzen, aber nichts daraus machen, bis der Sensenmann ihrem ängstlichen Horten ein Ende bereitet…

Umso erfreulicher die Bereitschaft von Claus Wulff, selbst prächtige Funde wie den heutigen nicht für sich zu behalten:

Straßensportwagen von B.F.A. (Bolle & Fiedler Automobilbau GmbH); Originalfoto via Claus Wulff (Berlin)

Dieser raffinierte Zweisitzer mit sportlichen Drahtspeichenrädern gehört zum Seltensten, was die deutsche Vorkriegsszene einst zu bieten hatte. Wie selten, darauf komme ich noch zurück…

Es handelt sich um ein Fahrzeug der Bolle & Fiedler Automobilbau Gmbh aus Berlin-Charlottenburg, die von 1923 bis 1926 unter dem Kürzel B.F.A. Rennsportwagen baute.

Eine gewisse Bekannheit erlangte die Firma, die im besten Sinn ein Hinterhofbetrieb war, durch die Teilnahme am Kleinwagen-Rennen auf der Berliner AVUS im Jahr 1923.

Dort trat man mit einem schnittigen 1-Liter-Wagen mit selbstentwickeltem Dreizylinder-Zweitakter an. Bis 1925 unternahm B.F.A. weitere Versuche, Rennsportlorbeeren einzuheimsen – wie es scheint, leider erfolglos. 1926 schloss die Firma ihre Tore.

Doch für uns Nachgeborene sind die Zeugnisse dieser einstigen Ambitionen so wertvoll wie damals ein Rennsieg. Denn Claus Wulff ist es gelungen, eine historische Bilderserie ausfindig zu machen, die Wagen von B.F.A im Sporteinsatz zeigt.

Diese Aufnahmen sind in seinem Bildbericht zu der Marke zu finden und da er der Entdecker ist, möchte ich diesen großartigen Dokumenten nicht vorgreifen.

Nur eines sei erlaubt: Von dem oben gezeigten zweisitzigen Straßensportwagen von Bolle & Fiedler Automobilbau gibt es eine weitere Aufnahme, die das Markenemblem erkennen lässt:

Straßen-Sportwagen der Bolle & Fiedler Automobilbau GmbH, Berlin; Originalfoto via Claus Wulff

Das ist nicht nur deshalb eine spektakuläre Aufnahme, weil es den wahrscheinlich einzigen B.F.A. mit Straßenzulassung zeigt, der jemals gebaut wurde.

Was die Sache noch spannender macht, ist die Tatsache, dass Claus Wulff ein originales Kühleremblem eines B.F.A. sein eigen nennt. Da insgesamt wohl weniger als eine handvoll B.F.A.-Automobile entstand, ist das ein absoluter Glücksfall.

Details dazu finden sich wie gesagt auf der Website von Claus Wulff, die ich allen Freunden rarer Vorkriegswagen (auch internationaler Marken) ans Herz legen möchte.

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Der Name ist Programm: Phänomen 12/50 PS

„Was haben uns die Römer eigentlich gebracht?“ so fragt im legendär subversiven Film „Life of Brian“ (1979) der Anführer der tolpatschigen „Judäischen Volksfront“ – oder war es die „Volksfront von Judäa“? – seine Getreuen.

Wider Erwarten zählen dann die Palästinenser von damals eine ganze Reihe von Errungenschaften der Besatzer auf, die von der Wasserversorgung über die öffentliche Sicherheit und den Wein bis zu allgemeinen Krankenkassen (!) reichen.

Doch eines hat die britische Monty Python-Truppe – deren gnadenloser Spott heute der Alptraum aller Berufsbetroffenen wäre – in dieser Szene einst vergessen: das Schaltjahr!

Zumindest ich bin den Römern für die Einführung des Schaltjahrs während der Regentschaft von Gaius Julius Caesar dankbar, denn ansonsten „müsste“ ich schon heute – am 28. Februar 2020 – den Fund des Monats präsentieren.

Doch auch so kann ich mit einem nicht alltäglichen Dokument aufwarten, das den letzten PKW-Typ einer Marke zeigt, die ich bisher mangels Material nur gestreift habe – Phänomen aus dem schönen Städtchen Zittau in Sachsens Südosten.

Die Geschichte des PKW-Baus in den Phänomen-Werken habe ich in einem früheren Blog-Eintrag zum Phänomen „Granit“ Kübelwagen ausführlich beleuchtet, weshalb ich sie an dieser Stelle nicht wiederholen will.

Stattdessen geht es gleich zur Sache anhand eines Fotos, das ich kürzlich entdeckt habe:

Phänomen 12/50 PS Limousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Der Originalabzug ist weit größer und ließ anfänglich nicht ahnen, was darauf zu sehen ist. Gerade deshalb habe ich ihn erworben, zumal da der Anbieter ebenfalls keine Vorstellung davon hatte, was das Foto zeigt.

Bei näherer Betrachtung kam mir dann rasch Phänomen in den Sinn – nicht etwa, weil ich diesen Typ schon einmal bewusst irgendwo gesehen hatte, sondern weil mir das Emblem von einigen anderen Fotos in meinem Fundus (bzw. von Lesern) vertraut vorkam, die eindeutig Phänomen-Wagen zeigen, die ich aber noch nicht vorgestellt habe.

Hier kann man das für Phänomen-Wagen der 1920er Jahre typische rautenförmige Emblem zumindest ahnen, auf dem Original zeichnet sich der Schriftzug besser ab.

Wie ordnet man nun ein Modell ein, das man zuvor nicht wahrgenommen hat und für das es in der bisherigen Literatur kaum Vergleichsstücke gibt?

Nun, glücklicherweise ist in der Neuausgabe des Klassikers von Werner Oswald „Deutsche Autos 1920-1945“ (Motorbuch-Verlag, 2019), zu der ich einige Bilder beisteuern durfte, auf S. 468 ein Phänomen mit identischer Frontpartie abgebildet.

Dieser wird dort als Typ 12/50 PS angesprochen, der von 1924-27 gebaut wurde und über einen beachtlichen Antrieb mit 3 Litern Hubraum und obenliegender Nockenwelle verfügte.

Nun ist der Erfahrung nach stets Vorsicht bei solchen Zuschreibungen von Exotenwagen angezeigt (das gilt auch für meine eigenen Fotos sonst kaum dokumentierter Automobile).

Im Netz findet sich nämlich die Abbildung eines ganz ähnlichen Phänomen-Autos, das dort als Typ 10/30 PS angesprochen wird.

Dieses schwächere Modell mit konventionellem seitengesteuerten Motor wurde jedoch in der ersten Hälfte der 1920er Jahre gebaut. Dazu passt weder das an US-Modelle angelehnte Erscheinungsbild mit Doppelstoßstange noch das Vorhandensein von Vorderradbremsen.

Dagegen könnte der in der älteren Ausgabe des Oswald auf Seite 334 abgebildete „Typ 12/50 PS“ tatsächlich eher einer der beiden Vorgänger 10/30 PS oder 16/45 PS sein.

So oder so ist das heute präsentierte Foto ein „Phänomen“ – denn mir ist kein vergleichbares in dieser Qualität bekannt. Tatsächlich handelt es sich auch nicht um einen Schnappschuss, sondern eine sorgfältig vorbereitete und sauber ausgeführte Aufnahme, die vermutlich der Fahrer selbst in Auftrag gegeben hatte:

Hier präsentiert er sich in selbstbewusster Pose neben „seinem“ Phänomen-Wagen, der mit drei Sitzreihen sicher einer wohlhabenden Familie gehörte.

Das Outfit mit ledernen Gamaschen und doppelreihiger Jacke knüpft an eine Tradition an, die bis in die Zeit vor dem 1. Weltkrieg zurückreicht, als solche Kleidung die oft noch im Freien sitzenden Fahrer vor Kälte schützte.

Hier ist allerdings die Lederjacke einer solchen aus Wollstoff – eventuell in Cord-Optik – gewichen. Der Schnitt ist aber derselbe wie noch ein Jahrzehnt zuvor.

Übrigens sieht man hier recht gut, dass der Phänomen keinen klassischen Limousinenaufbau besaß, sondern als Landaulet karossiert war. Über der hinteren Sitzbank – und nur dort – ließ sich also das Dach öffnen und niederlegen, sodass die Passagiere frische Luft, Sonne und ungestörte Aussicht genießen konnten.

Auch „Gesehenwerden“ war mit einem solchen Landaulet natürlich verbunden. Dabei machte man gewiss mit der Wahl eines ungewöhnlichen Automobils auf sich aufmerksam.

Die Bauzeit von 1924 bis 1927 darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass dieser Wagen noch in Manufaktur entstand. Über Stückzahlen schweigt sich die Literatur aus, doch werden sich diese bestenfalls im niedrigen dreistelligen Bereich bewegt haben.

Die Phänomen-Werke verlegten sich damals auf Lieferwagen und sollten damit später noch einigen Erfolg haben.

Wenn ein Leser etwas von einem überlebenden Phänomen des heute vorgestellten Typs weiß, würde mich ein entsprechender Hinweis freuen. Wie es scheint, findet man eher noch Exemplare von den Dreiradfahrzeugen, für die die Marke den meisten bekannt ist.

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Erster Brennabor mit 6-Zylindern: Typ A & AS

Die einst hochbedeutende Marke „Brennabor“ aus Brandenburg an der Havel gehört nach wie vor zu den weißen Flecken in der Dokumentation deutscher Automobilhersteller der Vorkriegszeit.

Immerhin gibt es dank des rührigen Brennaborvereins eine allmählich wachsende Internetpräsenz, die die breite Produktpalette der Firma nach und nach erschließen soll.

Doch was die PKW-Produktion angeht – nach dem 1. Weltkrieg zeitweilig die größte Deutschlands – bestehen dort (wie auch auf der Website der Interessengemeinschaft-Brennabor) nach wie vor erhebliche Lücken. Man darf aber hoffen, dass diese künftig geschlossen werden, wobei ich meinen Fundus gern zur Verfügung stelle.

Bis dahin stellt meine nebenher in den letzten fünf Jahren entstandene Galerie mit Originalfotos und Dokumenten von Brennabor-Wagen die größte ihrer Art im Netz dar.

Nach anfänglichen Startschwierigkeiten, die die desolate Bilddokumentation und die widersprüchlichen Angaben in der älteren Literatur widerspiegeln, finde ich nun laufend „neue“ zeitgenössische Aufnahmen von Brennabor-PKW, die ich mittlerweile auch recht gut ansprechen kann.

Das folgende Foto macht anschaulich, dass das für das ungeübte Auge nicht so einfach ist:

Brennabor Typ ASK 12/55 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dieses schöne Dokument, das vor fast genau 90 Jahren entstand (im Januar 1930 – offenbar gab es damals ebenfalls schneearme Winter) ist ein typisches Beispiel für mein Vorgehen beim Erwerb solcher Dokumente.

Die Situation muss mir gefallen und am besten ist nicht auf Anhieb zu erkennen, was für ein Wagen abgebildet ist. Das ermöglicht meist niedrige Kaufpreise und sorgt für ein gewisses Überraschungspotential.

Natürlich kann der Schuss auch erst einmal nach hinten losgehen – man freut sich über einen hübschen Fund wie diesen, ohne aber eine Idee zu haben, was darauf zu sehen ist.

Die lange Haube deutet auf ein Sechszylindermodell hin, weshalb ich anfänglich eines der zahlreichen US-Modelle der späten 1920er Jahre für möglich hielt, die damals dieses Segment in Deutschland dominierten.

Lackierte trommelförmige Scheinwerfer und Scheibenräder waren bei amerikanischen Basismodellen durchaus üblich, doch die „kiemenartig“ in die Motorhaube gepressten Luftschlitze eher nicht.

Bei US-Modellen wurde meist ein geprägtes Blech mit nach außen zeigenden Schlitzen aufgeschweißt oder es wurden – bei teureren Modellen – verstellbare Luftklappen verbaut.

Auch die Höhe des Wagens – gemessen an den umstehendenen Personen – spricht tendenziell gegen eines der meist höherbauenden US-Modelle jener Zeit:

So blieb mir nur, das Bild von Zeit zu Zeit zu betrachten – wie ich das bei den vielen hundert „Rätselfotos“ zu tun pflege, die sich angesammelt haben – und mich an der schönen Situation zu erfreuen, die von verlorengegangen Umgangsformen erzählt.

Nebenbei ist diese Privataufnahme bei aller technischen Umzulänglichkeit – es wird wohl ein trüber Tag mit wenig Licht gewesen sein – ein Beispiel für das Gespür für eine reizvolle Situation und Perspektive, das auch Fotoamateure entwickeln können.

Der Betrachter wird neben modischen Details wie dem feinen Schuhwerk oder auch technischen Finessen wie den Türschlossaufnahmen an der Mittelsäule am Heck das Ende einer Sturmstange bemerken, die auf ein Cabrio- oder eine Cabriolimousine hindeutet.

Wie aber passt die darüber sichtbare Regenrinne zu einem niederlegbaren Verdeck? Genau: gar nicht. Es muss sich also um einen Aufbau als „Faux Cabriolet“ mit festem Dach und funktionslosem Verdeck handeln.

Genau so etwas ist auf der folgenden Aufnahme zu sehen, wenn auch in Verbindung mit einer hell gehaltenen Dachpartie:

Brennabor Typ AK 10/45 PS oder ASK 12/55 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Der selbstbewusst posierende junge Mann scheint kleiner gewachsen zu sein als die beiden Herren auf der vorherigen Aufnahme, daher wirkt das Auto hier eindrucksvoller.

Jedoch stimmt es in allen formalen Details mit dem zuvor gezeigten überein. Nur ist hier auf der Nabenkappe des vorderen Scheibenrads das für Brennabor typische „B“ zu erkennen, das mit dem weniger gut sichtbaren Pendant auf dem Kühler korrespondiert.

Auf dem Kühlergrill ist außerdem ein Schriftzug „6 Cylinder“ angebracht, bei dem die „6“ die Mitte des Worts „Cylinder“ umspielt – ein filigranes Element, das die Frontpartie auflockert.

Gut zu erkennen ist hier, dass wir ebenfalls ein „Faux Cabriolet“ vor uns haben – die bis zum Heck durchgehende Regenrinne kann nicht zu einem niederlegbaren Verdeck gehören.

Nach Lage der Dinge zeigen beide Aufnahmen ein Brennabor 6-Zylindermodell der späten 1920er Jahre. Die spärliche Literatur macht den Typ AK 10/45 PS oder ASK 12/55 PS wahrscheinlich, die sich offenbar nur durch Hubraum und Leistung unterschieden.

Welches der beiden Aggregate unter der Haube schlummerte, hätte man uns wenigstens auf der Rückseite der Abzüge verraten können. Doch so wird das vermutlich nichts mehr.

Im Fall des zweiten Fotos hat uns der mutmaßliche Besitzer oder Fahrer aber wenigstens eine modische Anregung hinterlassen:

Auf den ersten Blick wirkt diese Aufmachung mit dem unmotivierten Gürtel, den der junge Mann mangels Bauch nicht braucht, etwas eigenwillig. Doch die Kombination aus gemustertem Pullover über dem Hemd (natürlich mit Krawatte, einst unverzichtbare Insignie des Bürgertums) und Schiebermütze oder Ballonkappe war damals ein einwandfreies Sportdress.

Wer in der anstehenden Saison mit einem Fahrrad, Moped oder gar Auto von Brennabor gute Figur machen will, wird mit einem solchen Outfit alles richtig machen…

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Hansa Typ A: Evolution von 1907 bis 1912

Heute beschäftige ich mich nach längerer Abstinenz wieder mit einem der sehr frühen Modelle der einst blühenden Hansa-Automobil-Gesellschaft im oldenburgischen Städtchen Varel.

Fotos von Hansa-Wagen jener Zeit sind trotz des beachtlichen Erfolgs der Marke sehr selten zu finden. Die Literatur bietet kaum ein Dutzend Originalaufnahmen für die Zeit vor dem 1. Weltkrieg und stützt sich ansonsten auf Prospektabbildungen.

Im Netz scheint es keine eigenständige Präsenz dieser einst so bedeutenden Marke zu gegeben – ich lasse mich aber diesbezüglich gern eines Besseren belehren.

Ein A-Modell von Hansa – titelgebend für den heutigen Blog-Eintrag – begegnet einem nach der 1905 erfolgten Gründung der Hansa-Automobil-Gesellschaft (HAG) erstmals um 1907 – so ausdrücklich zwar nicht in der Literatur, aber in folgender Reklame:

HAG Typ A10 6/10 PS; Originalreklame vor 1908

Dieser kleine A-Typ besaß noch einen Zweizylindermotor. Die Literatur erwähnt zwar nicht diese Typbezeichnung, wohl aber einen Zweizylindertyp mit identischem Hubraum – das Modell 5/10 PS. Korrekt wäre nach obiger Reklame 6/10 PS – wohl einer der unvermeidlichen (und zahlreichen) Übertragungsfehler.

Daneben gab es ab 1907 einen weiteren A-Typ mit identischen Steuer-PS, aber Vierzylindermotor. Auch hier scheint die Bezeichnung in der Literatur (6/14 PS) nicht ganz zu stimmen – korrekt wären nach folgender Reklame 6/12 PS:

HAG Typ A6/12 PS; Originalreklame vor 1908

Der Zweizylinder-A-Typ wurde beinahe jährlich in der Leistung gesteigert. So finden sich in rascher Abfolge ab 1908 die Bezeichnungen 6/12 PS, 6/14 PS (1909) und 6/16 PS (1910-12) – nunmehr unter dem Markennamen Hansa statt HAG.

In einem früheren Blogeintrag konnte ich einen solchen Hansa A-Typ von 1908/09 identfizieren, nämlich diesen hervorragend aufgenommenen Tourenwagen:

Hansa Typ A 6/12 oder 6/14 PS bzw. A 10/18 PS oder A10/20 PS, 1908 bzw. 1909; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Weiter kompliziert wird die Sache dadurch, dass es parallel zum A-Typ mit 6 Steuer-PS einen äußerlich wohl schwer unterscheidbaren 10 PS-Hansa gab, der ebenfalls als A-Typ firmierte.

Im seinerzeitigen Blogeintrag hatte ich mich tendenziell für das stärkere Modell ausgesprochen, aber solche Zuschreibungen können angesichts der prekären Überlieferungslage bei frühen Hansa-Wagen nur unter Vorbehalt erfolgen.

Klar war nur von der Karosserieform her, dass dieser Hansa-Typ vor 1910 entstanden sein dürfte, da ihm der ab dann fast durchgängig verbaute Windlauf zwischen Motorhaube und Windschutzscheibe fehlt.

Besagter Windlauf – seinerzeit auch als Windkappe oder Torpedo bezeichnet – ist dagegen auf folgendem Foto eines Hansa zu sehen, das ich hier erstmals zeige:

Hansa Typ A 6/16 PS (Zweizylinder) oder 6/18 PS (Vierzylinder) von 1912; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Anhand dieser „neuen“ Aufnahme lässt sich sehr schön der optische Entwicklungssprung des A-Typs von Hansa zwischen ca. 1909 und 1912 nachvollziehen – nach heutigen Maßstäben ein zu vernachlässigender Zeitraum – vor über 100 Jahren dagegen eine ganze Fahrzeuggeneration.

Geblieben ist nur der typische Kühler, während ansteigende Motorhaube und Windlauf von den neuen Zeiten künden, die ab 1910 anbrachen.

Kurze Zeit nach dem Beginn des neuen Jahrzehnts nahm Hansa auch Abschied vom Zweizylinder mit 6 Steuer-PS. Er wurde 1912 von einem annähernd gleichgroßen Vierzylindertyp abgelöst, der nun als 6/18 PS firmierte.

Damit hatte sich binnen vier Jahren die Leistung des 6 PS-Typs um 50 % erhöht. Ob der heute neu vorgestellte Wagen nun einer der letzten Zweizylinder-Hansa des Typs 6/16 PS oder einer der ersten Vierzylindertypen 6/18 PS war, lässt sich derzeit nicht sagen.

Tatsächlich könnte es sich auch um den zeitgleichen Typ C mit nahezu identischen Abmessungen handeln, der über einen 8/20 PS-Vierzylinder verfügte.

Überhaupt ist festzustellen, dass die Dokumentation der Hansa-Modelle vor dem 1. Weltkrieg derartig lückenhaft, teils auch widersprüchlich ist, dass man alle hier gemachten Angaben zu Typen und Motorisierungen nur als vorläufig betrachten kann.

Lediglich bei der Datierung bin ich mir nahezu sicher:

Eine solche Frontpartie mit Flachkühler, ansteigender Haube und daran sauber anschließendem, noch steiler aufwärtszeigendem Windlauf findet man bei deutschen Autos schwerpunktmäßig um 1912 plus/minus 1 Jahr.

Ausnahmen bestätigen die Regel, doch hat sich diese Einordnung anhand der Gestaltung der Frontpartie aus meiner Sicht oft genug bewährt, um bis zum Vorliegen von mehr datierten Originaldokumenten auch bei Hansa als Arbeitshypothese gelten zu können.

Wie immer bin ich dankbar für weiterführende Hinweise – auch fundierte Korrekturen von Markenkennern. Das Schöne am Blog-Format ist ja die Möglichkeit, nachträgliche Verbesserungen und Ergänzungen vornehmen zu können.

Bei Bedarf kann man irgendwann auch eine komplett neue Abhandlung schreiben, in die neue Erkenntnisse und Einschätzungen einfließen.

Von daher kann ich das Blog-Format nur allen Spezialisten empfehlen, die zu „ihren“ Marken weit mehr wissen als ich, aber vermutlich stets einen guten Grund finden, von einer „richtigen“ Publikation abzusehen, weil man sich noch nicht sicher ist…

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Fund des Monats: Chiribiri „Monza“ von 1925

Was ich heute in meiner Rubrik „Fund des Monats“ präsentiere, kommt auf den ersten Blick unscheinbar daher. Doch entpuppte sich der Wagen, um den es geht, nach einiger Recherche als veritabler Leckerbissen.

Entdeckt hat das Originalfoto ein Leser und zuverlässiger „Lieferant“ von Qualitätsaufnahmen der Vorkriegszeit: Klaas Dierks aus Hamburg. Selbst in der Welt von Fotografie und Film zuhause, hat er ein Auge für handwerklich hochwertige Aufnahmen und zugleich einen Instinkt für Rares auf vier Rädern.

Falls er einmal nicht weiß, was er an Land gezogen hat, fragt er mich gern um meine Meinung. Oft kann ich auf Anhieb weiterhelfen, genauso oft muss ich aber voerst passen.

So war das auch bei diesem schönen Dokument:

Chiribiri „Monza“; Originalfoto aus Sammlung Klaas Dierks

So schlicht sahen viele Tourenwagen um die Mitte der 1920er Jahre aus. Vorbei war damals bei vielen Herstellern – auch im deutschsprachigen Raum – die Zeit der opulenten Tulpenkarosserien und schnittigen Spitzkühler.

Eine nüchterne, mitunter ans Belanglose grenzende Formensprache hatte Einzug gehalten – nicht zufällig parallel zur Tendenz hin zu Sachlichkeit in der Architektur.

Leider ist das Markenemblem auf dem Kühler auch auf dem Originalabzug nicht fein genug aufgelöst, um lesbar zu sein.

Auch die Kühlerfigur hilft nicht weiter – ein Buddha, den der Besitzer vermutlich selbst angebracht hat – vermutlich in ironischer Absicht, denn „In-sich-ruhen“ war bei diesem Wagen überhaupt nicht angezeigt, wie noch zu sehen sein wird:

Feiner gestaltet als bei vergleichbaren Tourern jener Zeit sind die Vorderkotflügel. Auch fiel mir eine gewisse Ähnlichkeit der Seitenteile der Motorhaube mit zeitgenössischen Fiat-Modellen auf.

Mein vorläufiges Votum war daher: „um die Mitte der 1920er Jahre, wahrscheinlich ein italienischer Nischenhersteller„. Das sollte sich am Ende auch als richtig erweisen, nur auf die Marke wäre ich selbst nie gekommen.

An dieser Stelle kommt Claus Hinrich Wulff aus Berlin ins Spiel. Er ist Spezialist für Kühlerembleme obskurer Autohersteller, die er auf seiner Website präsentiert.

Auf meine Frage, was das für ein Wagen auf dem Foto von Klaas Dierks sein könne, wusste er eine Antwort – sie lautete: Chiribiri. Was wie eine Fantasiebezeichnung klingt, ist schlicht ein italienischer Familienname (ausgesprochen „Kiribiri“).

Ab 1905 begegnen wir einem aus Venedig stammender Techniker dieses Namens – Antonio Chiribiri – bei mehreren italienischen Automobilherstellern: Isotta Fraschini, Brixia-Züst und Fabbrica Junior Torinese Automobili (ja, die hieß wirklich so).

Bei keinem Unternehmen hielt es ihn lang. Chiribiri entdeckte 1909 seine Leidenschaft für das neu erfundene Flugzeug und gründete nach kurzem Aufenhalt bei Italiens erstem Flugzeugbauer Officine Miller in Turin 1911 eine eigene Firma für Luftfahrzeuge, die Fabbrica Torinese Velivoli Chiribiri.

Chiribiri baute ab 1912 kurzzeitig selbstentwickelte Flugzeuge, nach Ausbruch des 1. Weltkriegs dann französische Gnome-Rhone-Flugmotoren in Lizenz.

Noch 1914 war Chiribiri außerdem in den Automobilbau eingestiegen. Die Produktion von Wagen der 1,1- und 1,3-Liter-Klasse endete jedoch 1917.

Ab 1919 brachte Chiribiri dann den neuentwickelten 1,6-Liter-Typ „Unico“ heraus, der sich durch ein am Hinterachsdifferential angeflanschtes Getriebe auszeichnete – wohl der erste Vertreter dieser Bauweise überhaupt.

Mit Sportversionen dieses Typs heimste Chiribiri bis 1922 einige Erfolge ein, bevor man das neue Modell „Roma“ herausbrachte. Damit setzte niemand Geringeres als Tazio Nuvolari – einer der besten Rennfahrer aller Zeiten – die Erfolgsgeschichte von Chiribiri fort.

Schon 1923 gab es einen Nachfolger, nun mit aufwendiger Ventilsteuerung über zwei obenliegende Nockenwellen. Bereits die Serienausführung leistete beachtliche 45 PS aus nur 1500 ccm Hubraum – die höherdrehende Sportversion „Spinto“ kam auf 65 PS.

Chiribiri erlangte mit den Rennerfolgen und den auch „zivil“ erhältlichen Wagen einiges Renommee. Selbst in Deutschland gab es offensichtlich eine Vertriebsgesellschaft:

Chribiri-Reklame um 1925, Grafik von R. Zopf; Quelle: https://poster-auctioneer.com/realisierte_preise/view_real_price/Zopf-R-Chiribiri-112527

Auch wenn der Chiribirri auf dieser grafisch reizvollen Reklame stark stilisiert ist, hat der Künstler ein wichtiges Detail getreu wiedergegeben – die Vorderradbremsen.

Welche Früchte der Vertrieb des Chiribiri „Monza“ in Deutschland getragen hat, dürfte nicht mehr in Erfahrung zu bringen sein. Doch zumindest das Foto von Klaas Dierks ist ein Beleg dafür, dass dieser leistungsfähige Wagen auch hierzulande Freunde fand.

Zwar ist das Nummernschild nicht zu erkennen, man wird aber nicht fehlgehen, in dem jungen Mann am Lenkrad keinen Italiener, auch keinen Franzosen oder Briten zu sehen:

Ich würde hier bei aller Vorsicht auf eine norddeutsche Abkunft des ernst in die Ferne schauenden Mannes mit typischer zweireihiger Lederjacke und Ballonmütze tippen.

Auf diesem Ausschnitt fühlt man sich wohl nicht zufällig an den zeitgleichen Lancia Lambda erinnert, der sich ebenfalls durch einen sehr niedrigen Aufbau auszeichnete. Bei deutschen Herstellern findet sich eine so schlanke Linienführung damals nur selten.

Für diejenigen, die noch Zweifel an der Identifikation des Wagens als Chiribiri „Monza“ gehen, sei auf folgende Reklame von 1925 verwiesen, die präzise dieses Modell zeigt:

Chribiri-Reklame von 1925; Quelle: https://www.drive2.com/b/758788/

Das abgebildete Auto stimmt ganz mit dem Wagen auf dem heute vorgestellten Foto überein – auch die Vorderradbremsen sind in beiden Fällen zu erkennen.

Der in der Reklame neben dem „Monza“ erwähnte Chiribiri „Milano“ war eine einfachere Ausführung, deren 1,5 Liter-Motor einen konventionellen Ventiltrieb (seitengesteuert) besaß und auch optisch behäbiger daherkam.

Da es unwahrscheinlich ist, das Chiribiri in der Reklame von 1925 ausgerechnet dieses Basimodell mit kaum mehr als 20 PS zeigte, darf man die Ansprache des Chiribi auf dem Foto als die sportlichere Ausführung „Monza“ für sehr wahrscheinlich halten.

Im übrigen ließ sich Chiribiri seine äußerst sorgfältig verarbeiteten Wagen (ein Erbe der einstigen Flugzeugproduktion) teuer bezahlen. Für das nicht gerade mit Temperament gesegnete Modell „Milano“ gab es am deutschen Markt genügend Alternativen.

Nein, hier hatte sich jemand bewusst für einen rassigen Chiribiri „Monza“ entschieden und als Herrenfahrer posierend ablichten lassen.

Was mag aus dem Wagen geworden sein? Hat jemand zumindest den feinen kopfgesteuerten Motor ausgebaut, als das Auto auf dem Schrott landete? Vielleicht schlummern ja noch irgendwo Teile davon – so etwas soll es geben.

Sicher ist nur, was aus der Firma von Antonio Chiribiri wurde. Nachdem man mit der Rennversion „Monza Corsa“ ein 180 km/h schnelles Geschoss auf die Räder gestellt hatte, das unter anderem bei der Targa Florio auf Sizilien antrat, ging es wirtschaftlich mit dem Unternehmen bergab.

Die Straßenversion des „Monza“ wurde 1927 eingestellt, der bravere „Milano“, seinerzeit von Taxifahrern für seine Zuverlässigkeit geschätzt, lief 1928 aus. 1929 erfolgte dann die Liquidation der Firma.

Die Fabrik bestand unter anderer Regie fort, doch musste Antonio Chriribirri zum Glück nicht mehr erleben, dass sie bei einem alliierten Bombenangriff auf Turin 1943 mitsamt dem Firmenarchiv zerstört wurde.

So sind Fotos wie das hier gezeigte neben alten Reklamen und einer handvoll überlebender Wagen die letzten Zeugen des einst so ambitionierten Schaffens von Chiribiri.

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Wirkt überhaupt nicht aufgesetzt: NAG C4 10/30 PS

Das Foto, das ich heute vorstelle und das ich dem ergiebigen Fundus von Leser Matthias Schmidt aus Dresden verdanke, wäre in den Anfängen meines Blogs gut für die Rubrik „Fund des Monats“ gewesen.

Doch bei allen außergewöhnlichen Qualitäten ist es letztlich zu bodenständig. Denn der Wagen, um den es geht, ist auch nur eines von etlichen tausend Exemplaren des Typs C4 10/30 PS der Berliner Marke NAG.

Aus meiner Sicht ist dieses technisch unauffällige Modell, das NAG von 1920-24 als einziges fertigte, jedoch ein reizvoller Vertreter der Spitzkühlermode, die in Deutschland bis etwa Mitte der 1920er Jahre anhielt.

In der folgenden Seitenansicht (Originalfoto aus meiner Sammlung) mag das noch nicht so recht deutlich werden:

NAG Typ C4 10/30 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Immerhin kommt hier die von mir so geschätzte „Tulpenkarosserie“ mit der sich wie eine Blüte öffnenden Heckpartie sehr schön zur Geltung.

Die dreidimensionale Wirkung dieser von Meisterhand aus dem Blech getriebenen Aufbauten erschließt sich einem nur „in natura“. Doch gibt es auf alten Fotos durchaus Annäherungen aus verschiedenen Perspektiven.

Ein ungewöhnliches Beispiel dafür hatte ich vor geraumer Zeit hier präsentiert:

NAG Typ C4 10/30 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Diese außergewöhnliche Aufnahme vermittelt eine Ahnung davon, welche Ansprüche die Gestaltung einer einer solchen Tulpenkarosserie einst an das Können der Handwerker stellte, die diese dreidimensionalen Wölbungen in Manufaktur schufen.

Festzuhalten sind hier aber auch zwei wichtige Merkmale, die kennzeichnend für den NAG Type C4 10/30 PS sind:

Da ist zum einen der ovale Kühler, der im Unterschied zu den vor 1920 gebauten Modellen nicht flach, sondern spitz zuläuft, wie es bei anderen deutschen Marken bereits ab 1914 Mode wurde. Je nach Perspektive (etwa auf dem ersten Foto) besteht eine gewisse Verwechslungsgefahr mit den zeitgleichen D-Typen von Stoewer aus Stettin.

Doch in der Vorderansicht ist der NAG-Kühler in der ersten Hälfte der 1920er Jahre einzigartig. Die Markenidentität wird zudem durch das sechseckige NAG-Emblem betont, das mittig auf der Verbindungsstange zwischen den Scheinwerfern angebracht ist.

Nun wird es höchste Zeit für den eigentlichen Gegenstand des heutigen Blog-Eintrags:

NAG C4 10/30 PS; Originalfoto aus Sammlung Matthias Schmidt (Dresden)

Auch wenn sich dieser Wagen letzlich „nur“ als ein weiterer NAG C4 10/30 PS entpuppt, verleiht ihm sein Aufbau etwas Eigenwilliges – um nicht zu sagen: Einzigartiges.

Mir ist bislang keine zweite Aufnahme mit einem NAG C4 begegnet, der eine solche Karosserie besitzt. Diese wirkt auf den ersten Blick irriterend anders als alles, was man von dem Modell gewohnt war.

Doch zeigt sich bei näherer Betrachtung einiges Bekanntes:

Die Frontpartie entspricht vollkommen derjenigen beim Tourenwagen, der mit Abstand die meistverkaufte Version des NAG Typ C4 10/30 PS war.

Während beim Kühler aus diesem Blickwinkel – wie oben bereits erwähnt – eine gewisse Verwechslungsgefahr mit den Stoewer D-Typen besteht – sagt die typische Markenplakette alles, so unscharf sie auch ist. Vielleicht ein nützlicher Hinweis für Besitzer ähnlicher Fotos deutscher Vorkriegswagen, die rätseln, was sie da vor sich haben.

Auch am übrigen Wagen findet sich durchaus Vertrautes:

Denkt man sich nämlich den Aufbau oberhalb der Gürtellinie weg, bleibt die markante Form der „Tulpenkarosserie“ übrig, die die frühen Ausführungen des ab 1920 gebauten NAG Typ C4 10/30 PS zierte.

Meine Vermutung ist daher, dass wir es hier mit einem Beispiel für eine „Aufsatzkarosserie“ zu tun haben, die einem offenen Tourenwagen übergestülpt werden konnte, wenn man mit geschlossenem Aufbau fahren wollte.

Natürlich erforderte eine solche Lösung für die Türen aufsetzbare Oberteile mit Fensterglas, während der Tourer bei geschlossenem Verdeck dort nur Steckscheiben aus Zelluloid mit Kunstlederrahmen besaß.

Während bei anderen Wagen mit Aufsatzkarosserie meist eine Fuge zwischen der Gürtellinie des Tourenwagens und der Dachpartie zu sehen ist, scheint der Aufbau hier wie aus einem Guss.

Dass das Ganze hier gerade nicht wie „aufgesetzt“ wirkt, spricht für eine besonders raffinierte Lösung. Ich bezweifle, dass wir es mit einem festen Limousinenaufbau zu tun haben, dafür ist der gestalterische Kontrast zwischen dem Unterbau in klassischer Tulpenform und der kantigen Dachpartie zu groß.

Was ebenfalls nicht „aufgesetzt“ wirkt, ist die Pose der jungen Dame. Zwar sitzt sie auf dem Kasten am Ende des Trittbretts, in dem sich die vordere Aufnahme der Blattfeder befindet (vgl. das erste Foto am Anfang dieses Blog-Eintrags).

Sie scheint aber nicht auf eine besondere Wirkung aus zu sein. Entweder war sie mit den Gedanken woanders oder ihr war schlicht kalt und sie wartete ungeduldig das Foto ab.

Auch nicht aufgesetzt – eher lässig – wirkt die Pose des am Wagen lehnenden Mannes mit Fliege. Er lässt zum Glück genug von der Frontscheibe erkennen, die mittig geteilt ist und pfeilförmig zuläuft.

Bei der Tourenwagenausführung des NAG Typ C4 10/30 PS ist mir – außer bei speziellen Sportversionen – jedoch noch keine gepfeilte Frontscheibe begegnet.

Das kann zweierlei bedeuten: Entweder war die Frontscheibe Teil der Aufsatzkarosserie, und die flache Scheibe des Tourenwagens musste vor Montage weichen. Oder ich liege falsch, und es handelt sich doch nicht um einen aufgesetzten, sondern festen Limousinenaufbau.

So oder so richtige liege ich aber mit dem Titel meines heutigen Blog-Eintrags: An diesem Foto, das einst bei einer Landpartie entstand, wirkt gar nichts künstlich „aufgesetzt“, sondern vollkommen natürlich – wenn auch hübsch inszeniert …

NAG C4 10/30 PS; Originalfoto aus Sammlung Matthias Schmidt (Dresden)

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