Fund des Monats: Ein Hansa Typ A von 1908/09

Bei „Hansa“-Wagen denkt man zunächst an die gleichnamigen Autos, die ab 1929 vom Borgward-Konzern in Bremen gefertigt wurden. Doch mit der urspünglichen Marke Hansa standen diese Fahrzeuge in keiner Verbindung.

Borgward hatte lediglich die ebenfalls in Bremen ansässigen, insolventen Hansa-Lloyd-Werke übernommen, die ihrerseits 1926 aus dem Zusammenschluss von Hansa und Lloyd entstanden waren.

Die Marke Hansa existierte schon damals nur noch dem Namen nach. Denn Hansa war ursprünglich ein Autohersteller aus der Kleinstadt Varel in Friesland, der sich bis zum 1. Weltkrieg zu einem der bedeutendsten Produzenten von PKW in Deutschland aufschwang.

Wie so oft bei deutschen Autobauern der Frühzeit sind auch die ersten Modelle von Hansa nur in einigen wenigen Fotografien dokumentiert.

Immerhin beschreibt die Literatur („Autos in Deutschland“ von Hans-Heinrich von Fersen und „Deutsche Autos 1885-1920 von Halwart Schrader) den Werdegang der Marke seit dem Beginn der Produktion 1905 recht ausführlich.

Auf den Erstling – einen Kleinwagen mit Einzylindermotor der französischen Marke De Dion – folgten daran angelehnte größere Ein- und Zweizylindermodelle.  Ab 1907 verbaute Hansa selbstentwickelte Vierzylinder.

Die von Hansa gefertigten Autos trugen bis 1907 die Bezeichnung HAG, was für Hansa Automobilgesellschaft stand (nicht zu verwechseln mit der im hessischen Darmstadt ansässigen Marke HAG der 1920er Jahre).

Auf dieses Detail kommen wir noch zurück, denn es wird uns bei der genaueren Identifikation des folgenden Wagens helfen:

Hansa_Typ_A_1908_Galerie

Hansa Typ A; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Eine historische Originalaufnahme eines Hansa der Frühzeit – der Name auf dem Kühler sagt alles – findet sich in dieser Qualität nach Kenntnis des Verfassers bisher nirgends.

Genau das macht die Einordnung in die Modellpalette von Hansa schwierig, da hilft auch die ausgezeichnete Qualität des Abzugs wenig. Es hilft nur ein Indizienbeweis, an dessen Ende eine recht genaue Zuschreibung stehen wird.

Nähern wir uns dem Wagen zunächst aus stilistischer Perspektive:

Hansa_Typ_A_1908_Frontpartie.jpg

Die Schutzbleche zeigen ein interessantes Zwischenstadium: Sie stehen nicht mehr frei über den Vorderräder, sondern sind auf der Innenseite weit nach unten gezogen, um eine Verschmutzung der Motorhaube zu vermeiden.

Noch recht archaisch wirkt die im rechten Winkel auf die Schottwand stoßende Haubenpartie. Doch auch hier deuten sich Veränderungen an:

Die Windschutzscheibe ist nicht direkt senkrecht über der Schottwand angebracht, sondern nach hinten versetzt. Für den Übergang sorgt eine schräg nach oben weisende Partie aus Leder – die Andeutung eines Windlaufs.

Dieses Element taucht bereits recht früh bei Sportwagen auf, doch bei deutschen Serienautos setzt sich ein vollwertiger Windlauf aus Metall erst um 1910 durch. Dieses Detail spricht daher für eine Entstehung spätestens 1910, eher davor.

Gleichzeitig trugen Hansa-Wagen die entsprechende Bezeichnung erst ab 1908 auf dem Kühler, zuvor kamen sie – wie erwähnt – als HAG daher.

Hansa bot ab 1908 ein neues Vierzylindermodell an, den Typ A. Dieser war in anfänglich zwei Motorisierungen verfügbar, als 6/12 und 10/20 PS-Modell. Die Leistung stieg 1909 auf 14 bzw. 22 PS. Bis 1910 wurde die Motorenpalette erweitert, wie die folgende Originalreklame aus jenem Jahr zeigt:

Hansa-Reklame_Braunbeck_1910_Galerie

Hansa-Reklame aus: Braunbecks Sportlexikon von 1910

Wir können davon ausgehen, die Abbildung noch die Verhältnisse von Ende 1909/Anfang 1910 zeigt, da sich im Lauf des Jahres 1910 „Torpedo“-Karosserien mit stählerndem Windlauf bei Hansa durchsetzten.

Plausibel ist zudem die Annahme, dass die Reklame nicht eine Einstiegsvariante (14 bis 18 PS) zeigt, sondern ein mit stärkerem Motor ausgestattetes großzügiges Tourenwagenmodell (ab 22 PS aufwärts).

Auch wenn es infolge des Aufnahmewinkels nicht so scheint, haben wir es auf dem Foto ebenfalls mit einem geräumigen Tourenwagen zu tun, der demjenigen auf der Reklame vom Aufbau her und in Details wie den Schutzblechen ähnelt:

Hansa_Typ_A_1908_Seitenpartie

Schaut man genau hin, erkennt man eine recht lange Tür zwischen den beiden Sitzreihen, deren unterer Abschluss denselben Aufwärtsschwung zeigt wie das Modell in der Reklame. Auch die der Sitzform folgende Zierleiste ist identisch.

Nach Lage der Dinge wird man diesen Hansa als einen 1908/09 gebauten Typ mit gut 20 PS ansprechen dürfen, was für ein sonst in Fotos kaum dokumentiertes Modell bemerkenswert genau ist.

Wie immer sind auch hier sachkundige Leser aufgerufen, Ergänzendes beizutragen. Bei Interesse stellt der Verfasser gern eine hochaufgelöste elektronische Kopie des Fotos für dokumentarische Zwecke zur  Verfügung.

© Michael Schlenger, 2017. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://www.klassiker-runde-wetterau.com with appropriate and specific direction to the original content.

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