„MODERNA“ geht’s kaum: Lancia Lambda Spezialaufbau

Bei der Betrachtung zeitgenössischer Automobile fragt sich der Verfasser regelmäßig, ob wir eigentlich noch in der Moderne leben oder uns nicht schon wieder auf dem absteigenden Ast befinden.

Viele der wild in alle Himmelsrichtungen wuchernden Gefährte hätten noch vor 10  Jahren als Karikaturen gegolten – gezeichnet für kindliche Gemüter und ideal für einschlägige Zeichentrickfilme wie „Cars“ (2006).

Die Zeichner dieser planlos zurechtgekneteten Vehikel müssen später in der Autoindustrie angeheuert haben, wo sie mit der ohnehin seit längerem dahinsiechenden gestalterischen Tradition der Moderne endgültig aufgeräumt haben.

Zweifellos kommen die an Schützenpanzer erinnernden Proportionen heutiger SUVs vielen gern helmtragenden Zeitgenossen entgegen – Motto: „My car is my castle“.

Der Sicherheitsgewinn breit ausgestellter Radkästen und zentimeterdicker Plastikpaneele in Verbindung mit winzigen Fahrgast“zellen“ wird aber zumindest in einer Hinsicht ins Gegenteil verkehrt: Man sieht nicht mehr, was draußen passiert.

Für die Hersteller von Sensoren und Kameras sind das natürlich herrliche Zeiten, denn ohne die von ihnen offerierten Helferlein wird das rückwärtige Einparken mit vierrädrigen Großstadtsauriern zum Abenteuer.

Wir könnten uns nun endlos mit Fahrzeugen der 1960er Jahre befassen, die die Grundsätze der gestalterischen Moderne perfekt verkörperten – und neben formaler Klarheit und schlichter Eleganz beste Rundumsicht boten.

Letztlich sind die Ideen der Moderne aber alte Hüte, sie stammen aus der Zwischenkriegszeit. So gehen wir noch einen Schritt zurück, mitten in die 1920er Jahre.

Da gab es von der „CAROZZERIA MODERNA“ aus Turin zum Beispiel das hier:

Lancia_Lambda_Carozzeria_Moderna_Torino_Galerie

Lancia Lambda; originales Werksfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Der Aufbau mag auf den ersten Blick gar nicht so ungewöhnlich erscheinen – ein viersitziger Tourenwagen mit seitlichen Steckscheiben, könnte man meinen.

Das Auge des Gourmets fällt daher eher auf die Frontpartie, die trotz verdeckter Kühlerpartie so typisch ist, dass die Identifikation des Wagentyps ein Kinderspiel ist.

Um nicht gleich mit der Tür ins Haus zu fallen, unternehmen wir einen kurzen Ausflug in die Moderne Gegenwart – zum Goodwood Revival Meeting 2017, um genau zu sein.

Dort gefiel dem Verfasser an einem der im strömenden Regen abgestellten Besucherfahrzeuge folgende Karosseriepartie besonders:

Lancia_Lambda_Goodwood_2017_Ausschnitt1

Lancia Lambda; Bildrechte: Michael Schlenger

Vertreter der „Besser als neu“-Fraktion werden jetzt etwas von „verheerenden Spaltmaßen“ brummeln, aber solche Kritik perlt an diesem Zeitzeugen ab wie Regen…

Der Ausschnitt, der die gleichen Luftschlitze zeigt, die auf dem eingangs gezeigten Foto zu sehen sind, gehört nämlich nicht zu irgendeiner heruntergerittenen Vorkriegskiste, sondern zu einer Ikone des „modernen“ Automobilbaus – einem Lancia Lambda.

Lancia_Lambda_Goodwood_2017.jpg

Lancia Lambda; Bildrechte Michael Schlenger

Wir haben dieses einst sagenhaft fortschrittliche Modell bereits hier und hier gepriesen, daher seine wichtigsten Verdienste an dieser Stelle nur im Telegrammstil:

  • Einzelradaufhängung rundum,
  • hydraulische Stoßdämpfer,
  • V4-Motor mit kopfgesteuerten Ventilen,
  • selbsttragende Karosserie,

und das alles schon 1923. Kein Wunder, dass der Lancia Lambda bis Anfang der 1930er Jahre aktuell blieb.

Trotz der konstruktiven Vorgaben des selbsttragenden Aufbaus versuchten sich diverse Karosserieschneider an diesem Traumwagen. Dabei blieb die Frontpartie meist unverändert wie auf unserem Foto:

Lancia_Lambda_Carozzeria_Moderna_Torino_Frontpartie

Außer der charakteristischen Anordnung der Luftschlitze auf dem elegant gestreckten Vorderwagen fallen hier auch die großdimensionierten vorderen Bremstrommeln ins Auge.

Sie trugen wie das hervorragende Fahrwerk und der niedrige Schwerpunkt zu den ausgezeichneten Qualitäten des Lancia Lambda als Sportwagen bei.

Doch im vorliegenden Fall handelt es sich um ein Exemplar, das keinen sportlichen Zwecken dienen sollte, sondern ausschließlich der repräsentativen Fortbewegung in einem mondänen Umfeld, in dem Sehen & Gesehenwerden zählten.

Damit wären wir nun bei dem Aufbau, bei dem die seitlichen Scheibenrahmen bei näherem Hinsehen nicht so recht zu einem klassischen Tourenwagen passen wollen:

Lancia_Lambda_Carozzeria_Moderna_Torino_Seitenpartie

Bei einem Vierfenster-Cabriolet wiederum würde man sich fragen, warum von den hinteren Seitenscheiben nichts zu sehen ist.

Zum Glück liefert das Foto selbst die Erklärung. Es handelt sich nämlich um eine originale Werksaufnahme von der „Carozzzeria Moderna“ aus Turin, auf der einst jemand mit feiner Feder folgendes vermerkte:

„Torpedo con posti anteriori completamente chiusi da cristalli“

Ein „Torpedo“ bezeichnete im italienischen Karosseriebau traditionell einen Tourenwagen, die „posti anteriori“ sind die Vordersitze, die vollständig („completamente“) mit Scheiben umschlossen („chiusi da cristalli“) sind.

Somit haben wir hier die Besonderheit, dass Fahrer und Beifahrer bei geöffnetem Verdeck quasi im Freien saßen, aber die Fahrt dank Rundumverglasung zugfrei genießen konnten.

Dass das Ganze lediglich der Abschirmung des Chauffeurs dienen sollte, dürfen wir ausschließen. Dann hätte er ja die privilegierte Position gehabt, was einer Umkehrung des traditionellen Außenlenkers nahegekommen wäre, bei dem der Fahrer den Unbilden des Wetters ausgesetzt war und die Insassen geschützt waren.

Zur Veranschaulichung hier die Aufnahme eines bislang nicht identifizierten Außenlenkers:

evtl._Austro-Daimler_Galerie

unbekannter Außenlenker; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Die extravagante Karosserieausführung für den Lancia Lambda dürfte sich an Selbstfahrer gewandt haben, die mit ihrer Partnerin möglichst windgeschützt unterwegs sein und gleichzeitig perfekte Rundumsicht haben wollten.

Die hinteren Sitze wären dann für weitere Passagiere vorgesehen gewesen, die man gelegentlich mitnahm, wenn es in die Oper oder ins Theater ging.

Übrigens war die „Carozzeria Moderna“ aus Turin recht kurzlebig – sie scheint nur von der Mitte bis Ende der 1920er Jahre aktiv gewesen zu sein. Sie scheint aber eine Weile mit weiteren ungewöhnlichen Lösungen Furore gemacht zu haben.

In der spärlichen Literatur („Forme e creativitá dell‘ automobile – cento anni di carozzeria“, hrsg. von der Associazione Italiana per la Storia dell’Automobile, Turin, 2011) findet die Manufaktur aber lobende Erwähnung.

Unter anderem besaß man Patente auf spezielle Wechselkarosserien und Türen, die sowohl nach vorne wie auch nach hinten aufgingen. Die Stärke der Firma scheint eher in mechanischen Kabinettstückchen gelegen zu haben denn in der Formensprache.

Was sollte man am Erscheinungsbild eines Lancia Lambda auch groß verbessern? Der Wagen war so modern, das konnte selbst die „Carozzeria Moderna“ nicht mehr steigern…

© Michael Schlenger, 2018. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://www.klassiker-runde-wetterau.com with appropriate and specific direction to the original content.

2 Gedanken zu „„MODERNA“ geht’s kaum: Lancia Lambda Spezialaufbau

  1. .. Fuerteventura !! — von meinem Uropa habe ich noch die Akten von seinem Lambda .. irgendwo eingescannt .. sehr interessant zu stöbern ..

    Rolf Ackermann Gartenstr. 19 35428 Langgöns 06447 6610 Von meinem iPhone gesendet

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