Sinn für's Detail: Mercedes-Benz 290 Cabriolet D

Mancher Leser meines Blogs für Vorkriegsautos auf alten Fotos mag sich fragen, warum ich die Marke Mercedes-Benz eher selten streife. Nun, das ist keineswegs einer Abneigung geschuldet.

Es ist bloß für mich als Universalisten ausgesprochen schwer, bei einer hervorragend dokumentierten Marke etwas Interessantes oder Neues zu bieten, was nicht andernorts längst aufbereitet wurde.

Doch mitunter mache ich Fotofunde, die auch Mercedes-Kennern eine außergewöhnliche Sicht auf ihre Lieblinge eröffnen. Und bisweilen ist es die schiere Schönheit eines Mercedes, die Erholung von anstrengenden Besprechungen wirklicher Exoten erlaubt.

Heute kann ich mit ein und demselben Mercedes-Typ gleich beides bieten. Den Anfang macht eine Aufnahme von hervorragender Qualität, die einen Mercedes-Benz 290 nicht gerade dort zeigt, wo man ihn so prominent festgehalten erwarten würde:

Mercedes-Benz 290 Cabriolet D; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Ob diese von Könnerhand sorgfältig komponierte Aufnahme während einer Militärübung oder im Zweiten Weltkrieg entstanden ist, kann ich nicht mit Gewissheit sagen. Leider sind keine Informationen zu Aufnahmeort und -datum überliefert.

Zwei Dinge bewogen mich zum Kauf dieser in automobilhistorischer Hinsicht eher unbedeutenden Aufnahme.

Zum einen ist der nicht mehr ganz junge Offizier, den wir hier im Profil sehen, meinem Paderborner Großonkel Ferdinand aus dem Gesicht geschnitten – auch wenn der es nur bis zum Unteroffizier gebracht hat:

Das Band im Knopfloch der Uniformjacke weist den Offizier, der hier wohl Meldungen von Unteroffizieren entgegennimmt, als Träger des Eisernen Kreuzes aus.

Denkbar ist, dass er es bereits als junger Mann im 1. Weltkrieg erhalten hat, dann könnte es sich in der Tat um eine Manöveraufnahme aus Friedenszeiten handeln.

Vielleicht kann ein sachkundiger Leser aber auch anhand von weiteren Details bestimmen, ob dieses Foto erst nach Kriegsbeginn 1939 entstanden ist.

So oder so fällt die außergewöhnliche Qualität der Aufnahme auf. Dies ist kein Schnappschuss eines Landsers, der in einer Marschpause auf Fotorpirsch war. Er hätte auch eher das Auto ins Visier genommen als die Vorgesetzten.

Man fragt sich, was den unbekannten Fotografen dazu bewogen hat, in diese Szene das Heck eines Mercedes-Benz Cabriolets einzubeziehen.

Wollte er der Situation eine interessante Note geben oder gefielen ihm schlicht die gestalterischen Details des Mercedes?

Die Identifikation als Mercedes gelingt auch dem Laien anhand des dreizackigen Sterns auf der Radkappe.

Doch wer den genauen Typ ermitteln will, muss Sinn für’s Detail haben – und über umfassende Literatur zu den Mercedes-Typen der 1930er Jahre verfügen.

Letztlich sind es vier Details, die zusammengenommen am Ende eine eindeutige Identifikation ermöglichen:

  • der am Ende des Trittbretts liegende Ausschnitt für die Wagenheberaufnahme, bei der die Abdeckung derselben fehlt – vermutlich ging diese oft verloren
  • die weit nach hinten reichende Tür, die auf eine viertürige Version schließen lässt
  • die wie ein Kometenschweif auslaufende seitliche Zierleiste, die kurz vor dem hinteren Kotflügel abbricht
  • der wie angesetzt wirkende große Kofferraum, der nicht der allgemein abfallenden Linie der Heckpartie folgt

Diese Details sind es, die eine genaue Ansprache des Typs erlauben, so unwahrscheinlich dies auf den ersten Blick erscheint. So handelt es sich bei dem Mercedes in mattgrauer Wehrmachtslackierung um ein Cabriolet D (lang) auf Basis des Modells 290.

Der Mercedes-Benz 290 mit Sechszylindermotor war 1933 dem neu eingeführten Vierzylindertyp 200 zur Seite gestellt worden. Wie dieser bot er mit Ausnahme der vorderen Einzelradaufhängung technisch kaum Neues.

Der anfänglich nur 60 PS leistende Motor war ein konventioneller Seitenventiler und war mit dem Wagen überfordert. Das galt umso mehr für die über 1,8 Tonnnen schweren Karosserieversionen auf verlängertem Chassis.

Hinzu kam, dass selbst ein achtzylindriger Horch günstiger zu haben war als ein solcher Mercedes 290. Der umwerfend leistungsfähige Ford V8 kostete gar nur die Hälfte und war damals einer der schnellsten Wagen auf Deutschlands Autobahnen.

Doch muss für die Käufer eines solchen Mercedes das dürftige Spitzentempo von etwas mehr als 100 km/h durch andere Qualitäten mehr als ausgeglichen worden sein.

Ohne ein besonderer Mercedes-Kenner zu sein,vermute ich, dass es neben der aufwendigen Innenausstattung die eleganten Manufakturaufbauten waren, die Mercedes-Käufer alle Vernunft fahren ließen.

Hier haben wir ein besonders schönes Exemplar – diesmal ein Cabriolet B auf Basis Mercedes-Benz 290 (lang):

Mercedes-Benz 290 Cabriolet B (lang); Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Auch hier ist mit Sinn für’s Detail und aussagefähigen Vergleichsfotos eine eindeutige Identifikation möglich.

Dazu zählen die seitlichen „Schürzen“ an den Vorderschutzblechen, die noch wie nachträglich angebracht erscheinen – dieses Detail taucht überhaupt erst 1932 beim legendären Graham „Blue Streak“ auf und setzt sich ab 1933 allgemein durch.

Weitere Elemente sind die leicht geneigte Kühlerpartie, die flache und schrägstehende Frontscheibe sowie die hinten angeschlagenen langen Türen, über die hinweg eine geschwungene Chromleiste läuft, die dem Wagen eine hinreißende Seitenlinie gibt.

Der große Abstand zwischen hinterem Türabschluss und Radhaus ist ein klarer Hinweis darauf, dass dieses Cabriolet B auf dem ab Herbst 1934 verfügbaren langen Chassis entstand.

11.500 Reichsmark rief Daimler-Benz für diese Schönheit auf. Das entsprach in etwa dem siebenfachen Jahreseinkommen eines sozialversicherungspflichtigen Arbeitnehmers mit durchschnittlichem Verdienst.

Auf die heutigen Verhältnisse umgemünzt (Durchschnittsentgelt ca. 40.500 EUR p.a.) entspräche dies über 280.000 EUR und damit dem Gegenwert eines kleinen Hauses oder einer einfachen Eigentumswohnung außerhalb der Ballungsgebiete.

Kein Wunder, dass vom Mercedes 290 mit langem Chassis bis 1937 nur 3.900 Stück gebaut wurden. Viele davon sind als Offizierswagen (siehe erstes Foto) im Krieg eingesetzt und meist zerstört oder verschlissen worden.

Heute ist ein solches Cabriolet auf Basis Mercedes-Benz 290 erst recht ein Traum und etwas für Menschen, die sich nicht für Leistungswerte auf dem Papier interessieren, sondern Sinn für’s schöne Detail haben…

© Michael Schlenger, 2020. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Nicht nur in Berlin ein Exot: Oldsmobile F28 Tourer

Wohl kein anderer Markenname klingt für unsere Ohren mehr nach „Oldtimer“ als die einst in Lansing im US-Bundesstaat Michigan gegründete Marke „Oldsmobile“.

Das konnte ihr Schöpfer mit dem schillernden Namen Ransom Eli Olds nicht ahnen, als er nach mehrjährigen Experimenten 1897 die Olds Motor Vehicle Company schuf und die von ihm konstruierten Wagen ab 1901 Oldsmobile taufte.

Schon 1902 konnten rund 2.500 Oldsmobile-Wagen abgesetzt werden, im Jahr darauf fast 4.000 – damals eine enorme Zahl.

Ab 1905 wurde das nach der geschwungenen Frontpartie „Curved Dash“ bezeichnete Basismodell auch am deutschen Markt angeboten, wie folgende Reklame beweist:

Oldsmobile-Reklame von 1905; Orignal aus Sammlung Michael Schlenger

Dass die Marke damals bereits in fünf deutschen Großstädten Vertretungen unterhielt, spricht Bände über die Unfähigkeit der Hersteller im Mutterland des Automobils, zeitgemäße Wagen in ausreichender Stückzahl herzustellen.

Bei der wirtschaftlichen Verwertung und der laufenden Weiterentwicklung der neuen Erfindung waren ab etwa 1900 die Franzosen, Briten und letztlich auch die Amerikaner an den meist behäbigen deutschen Herstellern vorbeigezogen.

Das einfache Curved Dash“-Modell – auf der Reklame von 1905 oben links zu sehen – konnte für 650 Dollar angeboten werden. Damit war es unter Berücksichtigung der damaligen Kaufkraft für die obere Mittelschicht erschwinglich und wurde das erste in Großserie hergestellte amerikanische Auto.

In der Anzeige sind auch leistungsfähigere Modelle abgebildet, vor allem der mehrsitzige Tourenwagen mit 20 PS starkem Zweizylinder-Boxermotor. Dieser war 1905 eingeführt worden, was die Datierung der Reklame ermöglicht, denn schon 1906 wich das „Curved Dash“-Basismodell einer aufwendigeren Ausführung.

Nur rund 15 Jahre später – also Anfang der 1920er Jahre – sah ein typischer Oldsmobile bereits so aus:

Oldsmobile Model 47 von 1921/22; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dieser siebensitzige Tourenwagen besaß einen V8-Motor mit gut 50 PS aus 3,8 Litern Hubraum.

In den Vereinigten Staaten zu Geld gekommene deutsche Auswanderer hatten sich dieses eindrucksvolle Automobil geleistet und ein Foto davon in die alte Heimat geschickt, wie die umseitige Beschriftung von alter Hand verrät.

Solche Tourenwagenaufbauten verloren in den USA ab Mitte der 1920er Jahre rasch an Verbreitung. Immer mehr Käufer entschieden sich dort für geschlossene Aufbauten.

Im infolge des verlorenen Weltkriegs und der Lasten des Versailler „Vertrags“ verarmten Deutschland blieb ein Tourenwagen mit seinem vergleichsweise günstigen Aufbau dagegen selbst für Betuchte oft die einzige Möglichkeit, überhaupt ein Auto zu fahren.

Damit wäre ich beim eigentlichen Gegenstand meines heutigen Blogeintrags, den ich einmal mehr dem Blick für Qualität von Leser Klaas Dierks verdanke:

Oldsmobile Typ F28 Tourenwagen; Originalfoto aus Sammlung Klaas Dierks

Es ist kein Zufall, dass dieser Tourer in raffinierter Zweifarblackierung in Deutschland abgelichtet wurde und nicht in den USA.

Ein solcher zugiger Tourenwagen wurde zum Aufnahmezeitpunkt in den Staaten kaum noch gekauft. So wurden von diesem 1928 angebotenen Aufbau nur gut 800 Stück gebaut, während vom Basismodell F28 im selben Jahr rund 85.000 entstanden.

In Deutschland dagegen waren solche Tourenwagen damals noch stärker gefragt. So fand eines dieser raren Modelle einst im Raum Berlin einen Käufer, wie die Kennung „IA“ auf dem Nummernschild verrät:

Die Scheibenräder waren alternativ zu Holz- oder Drahtspeichenrädern erhältlich – vermutlich waren sie die billigste Ausführung. Auch das Fehlen der aufpreispflichtigen seitlichen Ersatzräder passt dazu.

Raffiniert ist das Zweifarbschema, das den zeittypisch sehr schlicht gezeichneten Wagen gefällig macht. Der vom dunklen Chassis hell abgesetzte Aufbau wirkt beinahe elegant und die breite Zierleiste am oberen Rand der Türen lässt diese niedriger erscheinen.

Nicht zuletzt verleiht der kecke Schwung der Zierlinie von der A-Säule zum unteren Rand der Motorhaube dem Wagen in der Seitenansicht eine gewisse Dynamik.

Soweit anhand dieses Abzugs zu beurteilen, war der Wagen zum Aufnahmezeitpunkt noch neuwertig. Vermutlich nahm man eine der ersten Ausfahrten zum Anlass, sich mitsamt dem Vierbeiner auf der Rückbank fürs Fotoalbum ablichten zu lassen.

Auch die Verwandten wird man mit Kopien dieses schönen Dokuments bedacht haben, die in den meisten Fällen schwer beeindruckt gewesen sein dürften, denn ein solcher „Amerikaner“-Wagen war für die allermeisten Deutschen unerreichbar – selbst in der Basisausführung als Tourenwagen ohne große Extras.

Der Sechszylinder mit 55 PS war ein Schmankerl, das im Vergleich zu einheimischen Angeboten relativ günstig zu haben war. Kein Wunder, dass ausländische Fabrikate Ende der 1920er Jahre einen Marktanteil in Deutschland von 40 % erreichten.

So verschwindend klein der Anteil der Bevölkerung war, der sich hierzulande überhaupt ein Auto leisten konnte, so bemerkernswert ist die Unfähigkeit der heimischen Hersteller, auch nur diesen winzigen Markt zu bedienen.

So machten damals vor allem die Amerikaner das Rennen, die sich damals nicht mit Primitivgefährten wie Hanomags „Kommissbrot“ verzettelten oder nur luxuriöse Nischen besetzten – stattdessen bauten sie schlicht Autos, die gefragt waren

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Fund des Jahres: Ein Maybach DS8 "Stromlinie"

Für den Fotofund des Jahres 2019 hatten sich in meiner Sammlung gleich mehrere Kandidaten qualifiziert – darunter zwei Adler-Spitzkühlermodelle und eine Geländesportversion des Hanomag „Sturm“.

Bei meiner Entscheidung habe ich mich letztlich von der Jahreszeit leiten lassen, wie man sehen wird. Die „Verlierer“ werden natürlich noch bei Gelegenheit nachgereicht.

Die Wahl fiel auf ein äußerst seltenes Fahrzeug, das mächtig Eindruck macht, aber auch von der Verstiegenheit deutscher Automobilbauer vor dem 2. Weltkrieg kündet.

Als Ausgangspunkt eignet sich der prächtige Maybach „Zeppelin“ auf folgendem Foto, das ich einst als Fund des Monats vorgestellt habe:

Maybach DS7 „Zeppelin“ Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dieses wahrscheinlich von der Karosseriefirma Spohn eingekleidete Sport-Cabriolet war einer der ab 1929 gebauten Maybach-Wagen mit 12-Zylinder-Motor.

Damit knüpfte man an die Tradition der Luftschiffmotoren an, mit denen Konstrukteur Karl Maybach berühmt geworden war. Diese Epoche wird im Blog-Eintrag zum oben gezeigten Foto ausgebreitet – ebenfalls mit Originalmaterialien aus meiner Sammlung.

Das für den Maybach „Zeppelin“ weitgehend aus Leichtmetall gebaute 12-Zylinder-Aggregat leistete anfänglich 150 PS aus 7 Litern Hubraum. Übrigens nimmt die Typbezeichnung „DS7“ darauf Bezug: „DS“ steht für „Doppel-Sechs“, also die beiden Zylinderbänke, und „7“ für den Hubraum.

Mit einer Spitzengeschwindigkeit von fast 150 km/h und dem Vorwählgetriebe, das nur zum Anfahren die Betätigung von Kupplung und Schalthebel erforderte, hätte man 1930 eigentlich mehr als zufrieden sein können.

Geeignete Straßen für derartige Geschwindigkeiten gab es damals nur in Italien, wo 1924/25 die ersten Autobahnabschnitte eröffnet wurden.

Zudem gehörte der Maybach DS7 „Zeppelin“ trotz konservativer Konstruktion von Fahrwerk und Bremsen (Starrachsen, druckluftunterstützte Seilzugbremsen) auch unter Komfort- und Sicherheitsaspekten zu den vollkommensten Wagen seines Segments.

Doch aus Gründen, die selbst das Standardwerk „Karl Maybach – Seine Motoren und Automobile“ von Harry Niemann (Motorbuch Verlag) offenlässt, meinte man bei Maybach parallel zum DS7 einen noch stärkeren 12-Zylindertyp anbieten zu müssen – den DS8.

Dass man sich damit selbst nach den Maßstäben des Luxussegments von jeder Vernunft verabschiedete, macht mein heutiger Blog-Eintrag anschaulich – im wahrsten Sinne des Wortes.

Zunächst einige Daten zum Maybach DS8: Der auf 8 Liter Hubraum vergrößerte Motor leistete nun 200 PS und ermöglichte eine Spitzengeschwindigkeit von 170 km/h. Bloß hatte der Besitzer wenig davon, weil ein Gewicht von 2,1 Tonnnen allein schon für das Fahrgestell einer dynamischen Leistungsentfaltung im Weg stand.

Wie gründlich die offenbar von keiner kaufmännischen Ratio gebremsten Maybach-Ingenieure dieses Spitzenmodell am Markt vorbeikonstruiert hatten, wird schon daran deutlich, dass man dafür einen LKW-Führerschein (!) benötigte.

Da war es fast schon konsequent, bei der Formgebung ebenfalls ein möglichst abwegiges Konzept zu präsentieren – die Ausführung als „Stromlinienwagen“:

Maybach-Reklame von ca. 1933; Original aus Sammlung Michael Schlenger

Sehr schnittig hat der zuständige Grafiker den angekündigten „stromlinienförmigen“ Aufbau gezeichnet, nur mit der Wirklichkeit hatte diese Vision wenig zu tun.

Geradezu kühn die Behauptung im Text, dass es sich um „kein Sensationsobjekt“, sondern einen „Gebrauchswagen“ handele – und das bei einem 5,5 Meter langen Koloss mit fast 30 Litern Kraftstoffverbrauch.

Wäre ich nicht im Besitz eines Originals obiger Reklame, wäre ich wohl geneigt, diese für eine phantasievolle Schöpfung der Neuzeit zu halten. Da hat doch tatsächlich ein Schelm noch den Zusatz „Sparsam – preiswert – zuverlässig“ im Werbetext untergebracht!

Wie sah nun die Wirklichkeit dieses „sparsamen Gebrauchswagens“ aus?

Das lässt sich nur anhand weniger Dokumente nachvollziehen, denn dieser Maybach war wie seinerzeit der von Walther Gropius in das bauhausübliche Kastenschema gepresste Adler „Standard 8“ ein gigantischer Flop – und das zurecht.

Hier als Vorgeschmack die Frontansicht des Maybach DS8 „Stromlinie“, wie sie dieses zeitgenössische Sammelbild recht genau wiedergibt:

Maybach DS8 „Stromlinie“; originales Zigaretten-Sammelbild aus Sammlung Michael Schlenger

Alle wesentlichen Details des von den Karosseriewerken Spohn entworfenen Aufbaus lassen sich hier studieren:

  • zwischen klassischer Form und Pontonkarosserie irrlichternde Frontpartie mit dem überhaupt nicht strömungsgünstig ausgeführten Kühler,
  • halbherzig an die vorderen Radhäuser geheftete Scheinwerfer,
  • die Wagenbreite ausnutzendes Passagierabteil,
  • steil abfallendes Heck (von dem gleich mehr zu sehen ist).

Selbst das Nummernschild ist getreu wiedergegeben – man merke sich die Kennung IIIZ 1199.

Hier noch die Heckansicht des Maybach DS8 „Stromlinie“ aus derselben Reihe zeitgenössischer Sammelbilder:

Maybach DS8 „Stromlinie“; originales Zigaretten-Sammelbild aus Sammlung Michael Schlenger

Interessant ist neben dem Kofferraum mit den zwei Klappen vor allem das abweichende Nummernschild: Es beginnt ebenfalls mit „III…“ gefolgt von „1186“. Auch dieses wohl nicht zufällige Detail behalte man im Hinterkopf.

Wie steht es nun aber um die Dokumentation der von Maybach angepriesenen „Stromlinien“-Ausführung des DS8 Zeppelin in der Wirklichkeit?

Nun, originale Fotos dieses Fabeltiers sind eine große Rarität. In der mir zugänglichen Literatur und im Netz findet man praktisch stets dieselben Werks- und Presseaufnahmen.

Umso elektrisierter war ich, als ich diesen kleinen Privatabzug entdeckte:

Maybach DS8 mit Stromlinienkarosserie von Spohn; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dieses Foto hatte jemand einst in Garmisch-Partenkirchen gemacht und dies auf der Rückseite des Abzugs vermerkt, leider ohne Jahreszahl.

Ich könnte mir aber vorstellen, dass der Maybach DS8 mit der Stromlinienkarosserie von Spohn dort anlässlich der olympischen Winterspiele 1936 zusammen mit anderen hochkarätigen deutschen Wagen ausgestellt war.

Jedenfalls erscheinen Fahrzeugdichte und der Fahnenschmuck (einschließlich DDAC) ungewöhnlich für so einen kleinen Ort.

Tatsächlich ist bei näherem Hinsehen links vom Maybach auf der Scheibe des Windfangs vor dem „Hotel zur Post“ ein Plakat zu erkennen, das ein „Horch“-Cabriolet zeigt:

Möglicherweist sieht man die Dachlinie eines solchen Horch im Hintergrund oberhalb der in Fahrtrichtung rechten Hälfte der Windschutzscheibe des Maybach.

An diesem selbst ist bemerkenswert, dass er dasselbe Nummernschild trägt wie der in Frontansicht abgebildete Wagen auf dem ersten oben gezeigten Sammelbild.

Bei einem in größeren Stückzahlen gebauten Auto wäre das ein enormer Zufall. Hier dagegen dürfte dem namenlosen Grafiker, der den Maybach einst so präzise wiedergegeben hat, eine publizierte Aufnahme genau dieses Autos vorgelegen haben.

Das würde zu dem Nummernschild passen, das auf eine Zulassung im Landkreis Friedrichshafen verweist, dem Firmensitz von Maybach. Demnach war dieses Exemplar wahrscheinlich ein vom Werk zu Ausstellungszwecken eingesetztes Fahrzeug.

Merkwürdigerweise finden sich im Netz jede Menge Aufnahmen neuzeitlicher Modellautos des Maybach DS8 mit Spohn-Stromlinienkarosserie, die ebenfalls die Kennung IIIZ 1199 tragen, aber kein entsprechendes Werks- oder Pressefoto.

Vielleicht kennt ein Leser eine passende Quelle dazu. Was das abweichende Nummernschild auf der Rückansicht auf dem zweiten Sammelbild angeht, entspricht dieses fast einer weiteren auf historischen Fotos zu findenden Kennung: IIIZ 1195.

Es wird also ein zweites Auto mit diesem Aufbau gegeben haben. Möglicherweise hat der Zeichner besagten Sammelbildes lediglich irrtümlich aus „1195“ eine „1186“ gemacht. Jedenfalls wird er einen Grund dafür gehabt haben, bei der Rückansicht ein anderes Nummernschild wiederzugeben – nämlich weil seine Vorlage ein solches trug.

Dieser Befund entspricht dem Kenntnisstand zur Zahl der gebauten Maybach-Wagen des Typs DS8 mit Spohn-Stromlinienkarosserie (Beispiel hier). Von ein bis zwei Exemplaren ist die Rede, wobei wohl keines einen privaten Käufer fand.

Dies muss nicht an der unkonventionellen Karosserie gelegen haben. Diese könnte Exzentriker durchaus angeprochen haben – so wie es ein ähnlicher Entwurf der französischen Nischenmarke Voisin tat:

Voisin C28 Aerosport, aufgenommen 2015 auf Schloss Chantilly; Bildrechte: Michael Schlenger

Das größere Hindernis wird der aberwitzige Preis gewesen, der für einen Maybach DS8 mit einer solchen Spezialkarosserie zu berappen gewesen wäre. Schon die die ab Werk lieferbaren Versionen kosteten um die 35.000 Reichsmark.

1932 – als die Spohn-Stromlinienkarosserie vorgestellt wurde – hätte man für diesen Betrag fast vier Horch-Cabriolets des prestigeträchtigen Achtzylinder-Typs 430 bekommen. Dessen Leistung war auf dem Papier zwar weit geringer, in der Praxis machte das aber kaum einen Unterschied.

Was Maybach für den DS8 mit Spohn-Stromlinienaufbau verlangte, konnte ich nicht in Erfahrung bringen. Möglich, dass es sich um ein reines Schaustück handelte, das sich Spohn von den Friedrichshafener Auftraggebern sicher gut bezahlen ließ.

In Zeiten, in denen die deutsche Wirtschaft sich erst langsam von dem fatalen Konjunktureinbruch im Anschluss an den Börsenkrach von 1929 erholte, war eine solche Ausgabe ohne jede absatzfördernde Wirkung betriebswirtschaftlicher Irrsinn.

Das entsprach durchaus der bedingungslosen „Das Beste oder nichts“-Mentalität vieler deutscher Ingenieure. Sie brachten zwar vor dem Krieg kein für breite Bevölkerungsschichten erschwingliches Automobil zuwege, aber regelmäßig Spitzenleistungen ohne Bezug zur schnöden Realität des Markts.

So hinterlässt der Maybach DS8 „Stromlinie“ bei allem getriebenen Aufwand ein ziemlich zwiespältiges Gefühl. Einerseits ist es faszinierend, auf ein bisher unbekannntes Dokument zu stoßen, das seine Existenz noch 1936 bezeugt.

Andererseits könnte die Konfrontation mit diesem Monstrum in der Wirklichkeit so ernüchtern sein, dass man froh sein muss, dass kein Exemplar davon erhalten geblieben ist.

Doch wer weiß: Irgendwo mag jemand vielleicht Teile der eigenartigen Frontpartie aufgehoben haben und sei es nur der Schriftzug „ZEPPELIN“ auf der Scheinwerferstange:

So ist nicht auszuschließen, dass eines Tages doch noch zumindest Teile dieses Unikums auftauchen. Auch das gehört zum Reiz der Beschäftigung mit den Automobilen der Vorkriegszeit: ihre Geschichte ist noch längst nicht abgeschlossen.

Und so wünsche ich den Lesern meines Blogs, Kommentatoren und Bildlieferanten für 2020 nicht nur alles Gute, sondern auch weiterhin viel Freude am wirklich alten Blech!

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Ein 1931er Chrysler "Eight" mit "Drauz"-Aufbau

Der Wagen, den ich heute anhand eines historischen Originalfotos vorstelle, kommt dem „Fund des Jahres“ schon recht nahe – allerdings muss dieser noch ein wenig warten.

Dennoch handelt es sich um eine schöne Entdeckung, wenngleich von europäischen Automobilen sehr eingenommene Zeitgenossen denken mögen, dass es sich ja „nur“ um ein US-Fabrikat handelt.

So mögen am Ende auch die Verächter amerikanischer Großserienautos zufrieden mit dem Gebotenen sein. Beginnen wir mit einer Rückblende:

Chrysler „Eight“ von 1931; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Diese einst in Österreich (Region „Oberdonau“ nach 1938) zugelassene Sechsfenster-Limousine habe ich vor längerer Zeit (hier) ausführlich besprochen. Sie ließ sich als Chrysler „Eight“ des Modelljahrs 1931 identifizieren, bei dem erstmals ein schräggestellter, v-förmiger Kühler verbaut wurde.

Nicht serienmäßig ist auf obigem Foto die durchgehende Frontscheibe – sie war bei Werksausführungen dieses Modells mittig unterteilt.

Doch am europäischen Markt war der Chrysler „Eight“ auch mit lokal gebauten Aufbauten verfügbar – eine besonders seltene stelle ich heute vor. Konventionell ist auf jeden Fall die Gestaltung der Motorhaube mit schmalen senkrechten Luftschlitzen.

Darunter verbarg sich je nach Ausführung ein Achtzylindermotor mit 80 bis 88 PS (Series CD) oder 125 PS (Series CG). Technisch war dies ein simples Triebwerk, doch dank des Hubraums und neun Kurbelwellenlagern von großer Souveränität und Haltbarkeit.

Mit seinen für amerikanische Verhältnisse günstigen Achtzylindern gewann Chrysler – Ende der 1920er Jahre drittgrößter Hersteller in den USA – nun auch Prestige.

In Europa war ein Chrysler dieser Kategorie ein Luxuswagen, wozu nicht zuletzt beitrug, dass die US-Autoindustrie damals stilistisch international den Ton angab.

Doch machem Käufer in der Alten Welt genügte das nicht. Der Besitzer des folgenden Wagens zumindest wollte, dass sein Chrysler etwas ganz Besonderes darstellt – und das ist ihm zweifellos gelungen:

Das ist ein hinreißender Entwurf, der alles in den Schatten stellt, was Chrysler in den USA als „custom bodies“ anbot – also für anspruchsvolle Kunden gedachte Spezialaufbauten.

Die schräggestellten Entlüftungsklappen – die es bei Werksausführungen nicht gab – passen perfekt zur sportlichen Linie des Wagens mit der extrem niedrigen Frontscheibe.

Hier wurde auf die serienmäßige mittige Unterteilung verzichtet, die ohnehin nur bei einer v-förmigen Scheibe optisch wirkungsvoll ist. Bei einer flachen Scheibe wirkt sie meist so dröge wie bei einem LKW.

Zu beanstanden ist allenfalls die verunglückte Gestaltung der Doppelstoßstange, die an das Werk eines Hinterhofschmieds erinnert – doch das Teil wurde so ab Werk geliefert

Der Karosseriebauer hingegen hat hier einen meisterhaften Aufbau geschaffen – ein zweitüriges Cabriolet mit kühnem vorderen Türabschluss und beinahe roadstermäßig geschwungener Linie des Seitenfensters:

Mit der Hilfe von Kennern aus der amerikanischen Facebook-Gruppe für Autos der 1900er-bis 1930er Jahre gelang es, den Hersteller dieser fabelhaften Karosserie zu identifizieren.

Es handelt sich um einen Sonderaufbau der Drauz-Werke aus Heilbronn, die sich nach dem Ersten Weltkrieg auf Cabriolets spezialisiert hatten. Eine Abbildung derselben Karosserie findet sich im Netz im „Coachbuild-Forum“ (hier).

Tatsächlich ist nur ein Exemplar dieses Aufbaus auf Chrysler „Eight“ Chassis bekannt. Das muss nicht bedeuten, dass es keine weiteren gab, doch dokumentiert ist bislang nur dieses (siehe auch „Standard Catalog of American Cars“ von Kimes/Clark).

Überhaupt gab es nur 99 Autos, für die Chrysler lediglich das Chassis eines „Imperial Eight Series CG“ lieferte.

Wie der dokumentierte Chrysler „Eight“ mit Aufbau als Zweifenster-Cabriolet von Drauz wurde auch der heute vorgestellte Wagen einst in die Schweiz ausgeliefert. Sollte es sich um dasselbe Auto handeln?

Das Nummernschild scheint auf Zürich in der Schweiz zu verweisen – wenngleich das Fehlen des schweizerischen Nationalwappens irritiert.

Kann ein Kennzeichen-Spezialist mehr hierzu sagen? Ich habe den Eindruck, dass der im Detail gebraucht aussehende Chrysler mit seinen winterlichen Stollenreifen kurz nach dem Krieg aufgenommen wurde und damals vielleicht ein neues Kennzeichen erhielt.

Auf jeden Fall ist dies ein außergewöhnlicher Fund, doch da US-Wagen der 1930er Jahre wenig Prestige hierzulande haben, wollte ich dieses Foto nicht in der Spitzenkategorie präsentieren. Es würde mich allerdings freuen, wenn es den einen oder anderen dazu veranlasst, amerikanischen Vorkriegsautos künftig mehr Aufmerksamkeit zu schenken…

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Fund des Monats: Nash "Six" mit Gläser-Karosserie

Der Fund des Monats Dezember kommt vielleicht etwas früher als erwartet – doch gilt es ja demnächst noch den „Fund des Jahres“ unterzubringen.

Die Entstehungsgeschichte der 1916 gegründeten Marke Nash ist so bemerkenswert und zugleich typisch für die sozialen Aufstiegsmöglichkeiten in den Vereinigten Staaten, dass ich sie an einer anderen Stelle anhand eines Fotos des ersten Automodells der Firma ausführlich erzählen muss.

Heute mache ich einen Sprung zur Wende der 1920er zu den 30er Jahren, als die nach wie vor unabhängige Firma unter Führung von Gründer Charles W. Nash finanziell weit besser dastand als die von der Weltwirtschaftskrise gebeutelten Konkurrenten.

1929 – im Jahr des Aktienmarktcrashs in den USA – bot Nash eine weiter verfeinerte Version seines seit 1925 gebauten Spitzenmodells „Advanced Six“ an.

Der Motor verfügte nicht nur wie die Vorgänger über im Kopf hängende Ventile, sondern nun auch über Doppelzündung – also zwei Zündkerzen pro Zylinder. Der siebenfach gelagerte Sechszylinder mit 4,5 Litern Hubraum leistete jetzt fast 80 PS, daneben gab es zwei kleinere Sechszylindertypen mit 50 PS („Standard“) bzw. 65 PS („Special“).

1930 ergänzte erstmals ein Reihen-Achtzylinder das Nash-Programm. Das 100 PS-Aggregat wurde weiterhin durch zwei Sechszylinder ergänzt, nunmehr mit 75 bzw. 60 PS.

Optisch tat sich 1929/30 nicht viel, nur ein Detail erlaubt die Unterscheidung der beiden Modelljahre. Illustrieren lässt sich das anhand zweier Aufnahmen aus dem Fundus von Leser Klaas Dierks, die ein und dasselbe Fahrzeug zeigen.

Hier das erste der beiden Fotos:

Nash von 1930; Originalfoto aus Sammlung Klaas Dierks

Diese wohl von einem Berufsfotografen in Hamburg (Mönckebergstraße/Pferdemarkt) angefertigte Aufnahme vermittelt einen Eindruck von der repräsentativen Wirkung des Fahrzeugs, hier mit Aufbau als 2-Fenster-Cabriolet.

In den USA war ein solcher Nash je nach Motorisierung in der (oberen) Mittelklasse angesiedelt, während er in Deutschland damals als Luxuswagen galt.

Doch woran erkennt man eigentlich so einen Nash von 1929/30? Hier gibt folgender Bildausschnitt ersten Aufschluss:

Besonders augenfällig sind hier die oben spitz zulaufenden Scheinwerfergehäuse, sie tauchen erstmals bei Nash-Wagen des Modelljahrs 1929 auf.

Typisch für den Nachfolger von 1930 ist dann das verchromte, überstehende Band am oberen Ende des Kühlergehäuses.

Die übrigen Details wie Scheibenräder, mittig spitz auslaufende Sicken an den vorderen Schutzblechen, senkrechte Haubenschlitze und Doppelstoßstange findet man dagegen schon am 1929er Nash.

Auf der zweiten Aufnahme desselben Wagens mit Hamburger Zulassung lassen sich die genannten Details noch besser erkennen, vor allem die Gestaltung des Kühlers:

Nash von 1930; Originalfoto aus Sammlung Klaas Dierks

Der Aufbau entspricht dem des 2-türigen Cabriolets, das Nash im Modelljahr 1930 – je nach Motorisierung – als Typ 491, 481 oder 451 anbot.

Die Linienführung des Passagierabteils ist sehr geradlinig im Gegensatz zum Vorderwagen, der etliche reizvolle Kurvaturen zu bieten hat.

Zum besseren Verständnis des Gemeinten und zum nochmaligen Studium der für das Modelljahr 1930 typischen formalen Elemente hier eine Ausschnitttsvergrößerung:

Wie man sieht, haben die – bei den Wagen jener Zeit meist unbekannt gebliebenen – Gestalter an der Frontpartie des Nash aus Hamburg einiges getan, um dem Wagen ein eigenes Gesicht zu geben, ohne allzu dick aufzutragen.

Der Beliebigkeit entgegen wirken nicht nur die oben leicht zugespitzten Scheinwerfergehäuse, sondern auch der dezente Aufwärtsschwung von Lampenstange und Kühleroberteil.

Das Ergebnis wirkt auf mich so, als habe ein Modeschöpfer ein Kleid noch rasch mit den Fingern in Form gezupft, bevor es mit dem Model auf den Laufsteg geschickt wurde.

Zu erkennen ist hier auch die veränderte Form des Nash-Emblems auf der Kühlermaske, die 1929/30 am oberen Ende flügelartig auslief. Man präge sich zudem die Form der Scheibenräder und der Nabenkappe ein, wenngleich das Herstellerlogo dort nur schemenhaft zu erkennen ist.

Mit solchermaßen geschärftem Blick kommen wir nun zur Sache und wenden uns dem eigentlichen „Fund des Monats“ zu:

Nash von 1930 mit Gläser-Karosserie; originales Werksfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Auf den ersten Blick mag sich nicht erschließen, was diese Cabrio-Limousine vor dem zuvor gezeigten Modell auszeichnen sollte.

Nun, die Unterschiede beginnen genau damit, dass es eine solche Ausführung mit vier Seitenscheiben beim Nash des Modelljahrs 1930 werksseitig nicht gab.

Demnach muss es sich um eine Spezialkarosserie handeln, doch wer könnte sie angefertigt haben? Den Schlüssel dazu findet man – wie so oft – bei näherer Betrachtung des Vorderwagens.

Bei sorgfältiger Betrachtung sind alle zuvor genannten Details zu erkennen, die einen Nash des Modelljahrs 1930 auszeichnen, auch wenn der Aufnahmewinkel dafür ungünstig ist.

Sieht man von der Positionslampe ab, die hier am Ende der Motorhaube anstatt auf dem Kotflügel angebracht ist, stimmt der Vorderwagen vollkommen mit demjenigen des in Hamburg zugelassenen Wagens überein.

Doch lässt bereits die geschmackvolle Zweifarblackierung des Wagens den schweren Aufbau weit leichter erscheinen. Den Karosseriekörper hell und Kotfügel sowie Schwellerpartie dunkel davon abzusetzen, war ein bewährter Kunstgriff, um großen Wagen die optische Schwere zu nehmen und die organischen Formen zu betonen.

Sehr schön, dass das Zweifarbschema hier auch an den Scheibenrädern auftaucht – diesen Aufwand trieb man ab Werk nicht.

Das i-Tüpfelchen ist die schwarze Reserveradhaube mit dem Nash-Emblem – ein Extra, das bei Zubehörlieferanten erhältlich war.

Für mich faszinierend ist, wie ab dem Ende der Motorhaube und damit des vom Werk gelieferten motorisierten Chassis die Linien auf einmal an Dynamik gewinnen, zu schwellen und zu schwingen beginnen.

Das ist ein Hinweis auf eine Manufakturarbeit, die aus der jahrhundertealten Tradition des Kutschbaus schöpfte und die gerade Linie mied wie der Teufel das Weihwasser.

Wer für diese von Meisterhand aus dem Blech geschaffenen organischen Formen verantwortlich war, erkennt man mit etwas Übung an der Plakette vor der Tür knapp oberhalb des Schwellers: Gläser aus Dresden.

Sicher nicht nur für mich zählt Gläser zu den bedeutendsten deutschen Karosseriemanufakturen, die jeden Exzess mieden und perfekt ausbalancierte Aufbauten lieferten, die dem Auge aus allen Richtungen schmeichelten.

Wie die Zeichner und Handwerker bei Gläser mit behutsamen Eingriffen einer an sich geradlinigen Fahrzeugbasis Leben einhauchte, ist hier nachvollziehbar:

Zwei Kunstgriffe sorgen für Spannung an der Seitenpartie:

Die Türen schließen vorne und hinten nicht einfach senkrecht und auch nicht parallel zueinander ab wie dem Werkscabriolet. Vorderer und hinterer Abschluss sind leicht geneigt und dann auch noch unterschiedlich stark.

So etwas in Verbindung mit äußerst schmalen Spaltmaßen von Hand zu bewerkstelligen verrät höchste Meisterschaft und ich ziehe meinen Hut vor den namenlos gebliebenen Blechkünstlern, die so etwas zustandebrachten.

Doch gleichermaßen zu lobeen sind die Zeichner diese Gläser-Aufbaus.

Mit minimalem Aufwand gelang es ihnen, zwischen den wie mit dem Lineal gezogenen Linien der Schwellerpartie und dem ebenfalls schnurgeraden Fensterabschluss in Form der dunkel abgesetzten geschwungenen Zierleisten ein Element unterzubringen, das für eine dem Auge willkommene Abwechslung sorgt.

Dieser Bruch der ansonsten kastenartigen Formen ist es, der der Seitenansicht Spannung und Leben verleiht. Den Rest besorgt die abwärtsgeschwungene feine Zierleiste an der Unterkante des Verdecks im Zusammenspiel mit der wiederum dunkel abgesetzten Sturmstange.

Fehlt zum Schluss nur noch die Bestimmung des Orts, an dem diese großartige Spezialkarosserie von Gläser auf Basis eines Nash von 1930 entstand:

Meine Vermutung war, dass dieser Originalabzug, der die Nummer 223 trägt, von einem Werksfoto stammt, das Gläser einst selbst im Umland von Dresden beauftragt hat.

Tatsächlich wurde der Nash vor der grandiosen Kulisse von Schloss Eckberg (rechts) und Lingnerschloss (links) etwas elbaufwärts von Dresden aufgenommen.

Der Fotograf bewies mit der Wahl des Aufnahmeorts das richtige Gespür – einen solchen Wagen lichtet man nicht vor einem austauschbaren Bauhaus-Kasten ab, sondern vor einer Kulisse, deren Formensprache in dem Aufbau selbst fortlebt.

Wer von soviel über Jahrhunderte gewachsener Schönheit umgeben ist, muss einen Grundinstinkt für die gelungene, d.h. dem Auge schmeichelnde, Form besitzen.

Ich wage die Behauptung, dass die besondere Stilsicherheit der Karosserien von Gläser damit zu tun hat, dass die Firma und ihre Angestellten in Dresden beheimatet waren.

Die Schattenseite ist die, dass die weitgehende Zerstörung unseres architektonischen Erbes im Zweiten Weltkrieg die natürliche Verbindung der Deutschen zu ihrem historischen Umfeld auf immer gekappt hat und die Verwüstungen einer entgrenzten und ins Beliebige tendierenden Moderne begünstigt hat.

© Michael Schlenger, 2019. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Für höchste Ansprüche: Ein Panhard um 1912

Die Wagen der ehrwürdigen französischen Marke Panhard nötigen einem durchweg Respekt ab (Entstehungsgeschichte hier).

Vom ersten Modell – fertiggestellt 1890 – bis zum brillianten letzten PKW- Modell 24 CT der 1960er Jahre baute man Wagen mit ganz eigenem Charakter, die sich nur schwer einem bestimmten Schema zuordnen lassen.

So stellen speziell die ganz frühen Typen höchste Ansprüche, was Datierung und Identifikation angeht – bewährte Muster bei der zeitlichen Einordnung versagen hier.

Höchste Ansprüche stellten sicher einst auch die Käufer dieses majestätischen Panhard, der irgendwann im 1. Weltkrieg oder danach seiner Reifen beraubt ein Dasein in irgendeinem Hinterhof neben dem Kohlenhaufen fristete:

Panhard_1911-12_Galerie

Panhard Außenlenker von ca. 1912; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Irgendjemann muss dennoch von dem grandiosen Fahrzeug so beeindruckt gewesen sein, dass er es für die Nachwelt festhielt – über die Umstände ist nichts bekannt.

Wie ein rätselhaftes Geschöpf aus der Urzeit ruht der mächtige Panhard hier und dämmert einem ungewissen Schicksal entgegen.

Natürlich wird nicht jeder auf Anhieb nicken und sagen „Klar, das muss ein Wagen von Panhard & Levassor sein“. Ich besitze diese eindrucksvolle Aufnahme schon ziemlich lange, aber ich traute mich auch erst dieses Jahr daran.

Ich vermutete, dass dies ein Wagen aus französischer oder belgischer Produktion sein muss. Dort war die eigentümliche Kombination aus waagerechter Motorhaube und übergangslos dahintergesetzten Windlauf bis vor dem 1. Weltkrieg verbreitet.

Eigentlich widersprach diese unorganische Anordnung dem ursprünglichen Zweck des dem Rennsport entlehnten Windlaufs, der 1910 bei Automobilen im deutschsprachigen Raum fast schlagartig Standard wurde.

Mein Eindruck ist der, dass man westlich des Rheines dieses der verbesserten Luftströmung dienende Element längere Zeit nur als modisches Detail ansah und nicht so recht ernstnahm.

Ähnliches findet man in den 1930er Jahren bei Automobilen, deren Gestaltung bestimmte Elemente der aufkommenden Stromlinie zitierten, diese aber nur selektiv und kaum wirkungsvoll umsetzten.

So findet man Wagen mit einer solchen eigentümlichen Frontpartie in Frankreich. teilweise auch in England noch bis zum Ausbruch des 1. Weltkriegs:

Panhard_191-12_Frontpartie

Bei deutschen Herstellern könnte man diese archaische Lösung auf 1909/10 datieren, danach wurde die Motorhaube so an den Windlauf angepasst, dass sie in einer harmonischen, anfänglich noch ansteigenden Linie auf diesen zulief.

Nun gehört diese Frontpartie aber zu keinem Fahrzeug deutscher Provenienz. Leider ist der Kühler weitgehend verdeckt und ein Herstelleremblem – vor dem 1. Weltkrieg ohnehin noch die Ausnahme – ist nicht zu erkennen. 

Wie in der Archäologie greift man in solchen Fällen auf bereits datierte Vergleichsstücke zurück. Im vorliegenden Fall wird sich zeigen, dass man auf diese Weise – von zwei Seiten kommend – das Baujahr des Wagens gut einengen kann.

Ausgangspunkt ist folgende, hier bereits besprochene Aufnahme:

Panhard_Pk_10-1908_Galerie

Panhard & Levassor von 1908; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dieses großartige, gut 110 Jahre alte Foto zeigt in wünschenswerter Deutlichkeit den Kühler eines Panhard, der sich recht genau auf 1908 datieren lässt.

Im gegebenen Kontext sind auf zwei Details zu achten:

  • die schalenartige Form des Kühlwassereinfüllstutzens, der einen deckelartigen Abschluss mit rundem Knauf zu besitzen scheint,
  • das Kühlergehäuse mit abgerundeter Oberkante und facettiertem Seitenteil, das zur einem abgeschrägten Element zwischen der vertikalen und der horizontalen Fläche der Motorhaube überleitet.

Beides findet sich präzise so am heute präsentierten Wagen. Damit ist klar, dass es ebenfalls ein Panhard sein muss.

Der charakteristische Kühlwasserstutzen findet sich in der Literatur vereinzelt noch im Jahr 1913, kurz bevor ein spitz zulaufender Kühler eingeführt wurde.

Wer übrigens meint, dass doch die petroleumbetriebenen Positionslichter beim heute vorgestellten Panhard bei der Datierung helfen sollten, irrt sich:

Panhard_191-12_Detail1

Während sie im deutschen Sprachraum 1913/14 von elektrischen Lampen abgelöst wurden, finden sie sich bei Panhard sogar noch kurz nach dem 1. Weltkrieg.

Solche Details machen deutlich, wie anspruchsvoll die Datierung früher Panhard-Wagen ist, da hier ganz andere Maßstäbe gelten – eigentlich nur die der Marke selbst.

Nach Lage der Dinge ließe sich als vorläufiges Entstehungsdatum des großartigen Außenlenker-Panhard „um 1912“ angeben. Lässt sich das Herstellungsjahr aber vielleicht noch nach unten näher einengen?

Vermutlich kaum. Wie gesagt findet sich dieselbe Kühlerform bereits 1908 an Wagen der Marke. Der Windlauf taucht bei Panhard sehr vereinzelt 1910 und 1911 auf. Erst 1912 findet man ihn beinahe standardmäßig.

Damit würde doch die Wahrscheinlichkeit ebenfalls für 1912 sprechen, oder? Auf die Gesamtheit aller damaligen Panhard-Wagen bezogen, ja. Doch für den konkreten Wagen, dessen Foto hier überliefert ist, sind Wahrscheinlichkeiten irrelevant.

Es kann ein Wagen von 1911 oder 1912 sein, sogar ein Modell von 1910 oder 1913 ist nicht auszuschließen, solange sich keine weiteren Datierungshinweise finden.

Damit dürfte man mit einer Angabe „um 1912“ auf der sicheren Seite liegen.

Stellt sich noch die Frage, um welchen Typ es sich handelt. Leider erweist sich eine solche Angabe nicht nur als höchst anspruchsvoll, sondern praktisch unmöglich.

1911 beispielsweise waren bei Panhard über ein Dutzend Motorisierungen mit Hubräumen von 1,2 bis 6,6 Liter erhältlich. In einigen PS-Klassen hatte man zudem die Wahl zwischen Vier- und Sechyzlinderaggregaten.

Bei den leistungsstarken Modellen wurden außerdem ketten- und kardangetriebene Ausführungen bei identischer Motorisierung angeboten.

Immerhin können wir im Fall unseres Panhard einen Kettenantrieb aussschließen, da sonst vor dem hinteren Schutzblech ein gewölbter Kettenkasten zu sehen wäre.

Panhard_191-12_Detail2

Zudem ist hier ein weiteres Detail zu sehen, das die Datierung „um 1912“ unterstützt. So ist der Zwischenraum zwischen Trittbrett und dem die Karosserie tragenden Rahmen durchgehend geschlossen.

Das findet sich bei Panhard 1910/11 nur sehr selten, 1912 aber fast immer.

Zumindest eine Annäherung an den Typ erscheint nach eingehender Betrachtung des Wagens auf dem Foto trotz aller Schwierigkeiten letztlich doch möglich. Ein Schlüssel dazu ist die Form des Kühlergehäuses.

Panhard_191-12_Frontpartie

Die Abbildungen in der Literatur zeigen den aufwendig geformten Kühler mit oben abgerundetem Abschluss ab 1911 nur bei mittleren bis großen Modellen.

Das würde auch dem mächtigen Aufbau als Chauffeur-Limousine entsprechen.

Konzentrieren wir uns auf 1912 als mutmaßliches Entstehungsjahr dieses Wagens, kommen nun deutlich weniger Typen in Betracht – insbesondere die großen Modelle 20, 24, 28 und 30 HP.

Noch genauer lässt sich dieser Panhard mit meinen Mitteln kaum ansprechen. Immerhin kann ich mich auf eine hervorragende Quelle stützen:

Bernhard Vermeylen: Panhard & Levassor – entre tradition et modernité, Verlag ETAI, 2005.

Allerdings stellt auch diese beeindruckende Publikation höchste Ansprüche an den Leser – sie ist nämlich nur in Französisch erhältlich…

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Nicht alltäglich: Ein Adler „Favorit“ Tourer um 1930

Die renommierten Frankfurter Adler-Werke, die sich nach dem 1. Weltkrieg mit den moderat motorisierten Modellen 9/24 und 6/25 PS über Wasser hielten, schafften in der 2. Hälfte der 1920er Jahre den Anschluss an die führenden US-Automobile.

Mit dem 1927 vorgestellten „Standard 6“ bot man eine von Format und Leistung her wettbewerbsfähige Alternative, wenngleich man nicht zu den Stückzahlen imstande war, mit denen die US-Hersteller damals den deutschen Markt dominierten.

Auf den 45 bis 50 PS leistenden „Standard 6“ folgte 1928 mit fast identischem Erscheinungsbild das Vierzylindermodell „Favorit“, das sich mit 35 PS begnügte.

Leider haben nur sehr wenige dieser wohlgestalteten Wagen überlebt, doch finden sich zahlreiche zeitgenössische Dokumente, die vom einstigen Stolz der Besitzer auf ihren Adler „Favorit“ künden:

Dies ist eine repräsentative Auswahl der Adler „Favorit“-Wagen, die ich bisher in meinem Blog präsentiert habe.

Auffallend ist dabei, dass im Unterschied zu den Adler-Volumenmodellen der ersten Hälfte der 1920er Jahre keine Tourenwagen vertreten sind.

Der Befund ist nicht ungewöhnlich, da ab Mitte der 20er Jahre am deutschen Markt die zwar kostengünstigen, aber auch zugigen Tourer mit ihrem ungefütterten Verdeck und den seitlichen Steckscheiben den Ansprüchen oft nicht mehr genügten.

Kein Wunder, dass sich in meinem ansonsten reichhaltigen Fundus an Adler-Fotos bislang nur ein einziger Tourenwagen des Typs „Favorit“ fand, nämlich dieser:

Adler_Favorit_Tourenwagen_Galerie

Adler „Favorit“ Tourenwagen; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

An diesem gekonnt inszenierten Prachtstück sind die im offenen Zustand nur selten montierten Steckscheiben zu besichtigen.

Festzuhalten sind außerdem die fünf Radbolzen, eines der wenigen Unterscheidungsmerkmale des Adler „Favorit“ gegenüber dem „Standard 6“, dessen größere Räder mit sieben Radbolzen fixiert waren.

Das zu zwei Dritteln in das Kühlernetz ragende Adler-Emblem verrät, dass dieser Adler „Favorit“ spätestens 1930 entstanden sein muss.

Irgendwann in jenem Jahr rückte das Logo ganz nach oben in der Kühlermaske, außerdem wichen die horizontalen, in der Haube eingestanzten Luftschlitze einem eingenieteten Blech mit vertikalen Schlitzen.

Mit diesem Vorwissen ausgestattet wenden wir uns nun dem Foto eines Adler „Favorit“ zu, das alles andere als alltäglich ist:

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Adler „Favorit“ Tourenwagen um 1931; Quelle des Originalfotos: Familie Harth

Diese schöne Aufnahme zeigt den Vater des Einsenders der Aufnahme am Steuer, dessen Bruder hat sich vor dem Wagen platziert. Die Eltern der beiden sehen wir auf der Hinterbank bzw. am Hinterrad.

Der Hintergrund lässt auf ein Industrieareal schließen, möglicherweise in Frankfurt anm Main, wie der Einsender des Fotos vermutet. Der Adler macht hier noch einen fast neuwertigen Eindruck, was eine näherungsweise Datierung der Aufnahme ermöglicht.

Den ersten Hinweis dazu liefert die Frontpartie mit der gedrungenen Silhouette der Adler-Kühlerfigur, die ab 1929 die zuvor verbaute ersetzte, welche höher aufragte.

Eine genaue Angabe dazu konnte ich bislang ebenso wenig finden wie eine präzise Benennung des Zeitpunkts, ab dem das Adler-Emblem ganz in den Oberteil der Kühlermaske wanderte.

Die Literatur ist diesbezüglich widersprüchlich: Werner Oswalds bis heute ohne Nachfolger gebliebenes Standardwerk „Adler Automobile 1900-1945“ von 1981 nennt an einer Stelle 1931 als das Jahr der Umgestaltung des Kühlers.

Im selben Werk finden sich jedoch zahlreiche Abbildungen von Adler-Wagen mit der geänderten Kühlerpartie, die auf 1929/30 datiert sind, neben solchen mit der alten Kühlerpartie, die angeblich Wagen von 1930 zeigen sollen.

Denkbar ist, dass beide Varianten eine Weile parallel verbaut wurden, da noch Altbestände an Kühlermasken vorhanden waren. Eventuell hat die Umstellung auch zuerst beim „Standard 6“ stattgefunden und erst später beim „Favorit“.

Jedenfalls wird es sich bei dem Favorit auf dem Foto bereits um die modernisierte Variante gehandelt haben, wenn nicht alles täuscht:

Adler_Favorit_Familie_Harth_Frontpartie Auffallend ist hier allerdings, dass man noch nicht die ab 1931 beim Adler „Favorit“ und „Standard 6“ üblichen senkrechten Luftschlitze erkennen kann, die weit genug nach oben ragten, um auch auf diesem Bildausschnitt erkennbar zu sein.

Dies spricht zusammen mit dem Bildbefund im Adler-Buch dafür, dass die Änderung der Kühlerpartie vor der Umstellung auf senkrechte Haubenschlitze erfolgte.

Leider verliert die Literatur kein Wort darüber und eine verlässliche Quelle im Netz ist mir nicht bekannt. Auch der rührige Adler Motor Veteranen Club (AMVC) bietet auf seiner Website keinerlei Informationen zu solchen Details und geizt auch sonst mit gehaltvollen Informationen zu Adler-PKW (eine Bildergalerie sucht man vergebens).

Verständlich ist das nicht, da ausreichend datiertes Prospekt- und Bildmaterial dieser Adler-Typen überlebt haben dürfte. Es nützt bloß nichts, wenn es in privaten Sammlungen schlummert und irgendwann von ignoranten Erben „entsorgt“ wird.

Umso wichtiger sind Fotos wie das heute gezeigte. Tatsächlich konnte ich in der mir zugänglichen Literatur keinen einzigen Adler „Favorit“ mit Tourenwagenaufbau finden, der ab 1930 entstanden ist.

Ende der 20er Jahre lieferte das Ambi-Budd-Presswerk in Berlin sowohl die Limousinen- als auch die Toureraufbauten für Adlers „Standard 6“ und „Favorit“.

Ich vermute, dass man seitens des auf Großserie ausgerichteten Herstellers Ambi-Budd ab 1930 die Tourenwagenkarosserie mangels Nachfrage einstellte.

So besteht bei dem Tourer auf dem vorgestellten Foto die Möglichkeit, dass der Käufer des Wagens einen anderen Karosseriebauer mit der individuellen Anfertigung eines solchen Aufbaus beauftragte.

Damit war dieser wohl um 1930 entstandene Adler „Favorit“ Tourenwagen alles andere als alltäglich. Hier hatte sich wohl jemand bewusst für die klassische Ästhetik offener Wagen der 1920er Jahre entschieden und den Zeitgeist einfach ignoriert…

In solchen Entdeckungen wie dieser liegt oft genug der Reiz alter Automobilfotos.

Nachtrag: Der Einsender des obigen Fotos hat mir noch eine weitere Aufnahme desselben Wagens zur Verfügung gestellt – auch hier ist festzustellen „alles andere als alltäglich“!

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Adler „Favorit“ Tourenwagen; Originalfoto bereitgestellt von Familie Harth

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Familienzuwachs: Porträt des Wanderer Typs W10

Genau zwei Jahre ist es her, dass ich hier anhand historischer Dokumente aus meiner Sammlung die Geschichte der Wanderer-Automobilproduktion vom Typ W1 (1906) bis zum Abschied von der Kleinwagenklasse Mitte der 1920er Jahre skizziert habe.

Dieser Abriss ist nach wie vor aktuell, doch möchte ich heute das Modell W10, mit dem er endete, ausführlicher vorstellen. Mittlerweile liegen mir zeitgenössische Aufnahmen von allen vier Ausbaustufen des ab 1926 gebauten Mittelklassetyps vor.

Der Wanderer W10 war zwar kein sonderlich progressives Fahrzeug, doch für den meist auf der sicheren Seite des Bewährten agierenden Hersteller markierte er in mehrfacher Hinsicht eine Zäsur, denn er bot erstmals:

  • Vierradbremsen statt nur Vorderrad- und Getriebebremse,
  • Linkslenkung statt der bis 1925 auch im deutschen Raum üblichen Rechtslenkung
  • innen- statt außenliegende Hebel für Schaltung und Handbremse

Damit war er auf der Höhe der Zeit, wenn auch mit einem 1,6 Liter-Vierzylinder mit 30 PS eher zurückhaltend motorisiert, zumindest anfänglich.

Hier haben wir die Ursprungsversion Wanderer W10-I, offiziell als Typ 6/30 PS angeboten:

Wanderer_W10-I_6-30_PS_Dierks_Galerie

Wanderer W10-I von 1926; Originalfoto aus Sammlung Klaas Dierks

Wie schon die früheren Wanderer-Modelle besaß dieser Wagen schüsselförmige Frontscheinwerfer.

Neu waren indessen die Fahrtrichtungsanzeiger auf den Vorderschutzblechen – eine der wenigen Wanderer-Innovationen, die wir später noch besser studieren können.

Ab 1927, rund ein Jahr nach Produktionsbeginn, verbaute Wanderer laut Literatur trommelförmige Scheinwerfer. Man erkennt sie auf diesem bisher unpublizierten Foto von Leser Marcus Bengsch:

Wanderer_W10-I_Tourer_Bengsch_Galerie

Wanderer W10-1 von 1927; Originalfoto aus Sammlung Marcus Bengsch

Diese schöne Aufnahme lässt gut erkennen, dass Wanderer mit dem W10 in eine neue Dimension vorgestoßen war. Mit 4,25 Meter Gesamtlänge bot der Tourenwagen ein großzügiges Platzangebot und verwöhnte die Passagiere mit Echtlederausstattung.

Weshalb an diesem Wagen die typischen Fahrtrichtungsanzeiger fehlen, ist unklar. Vielleicht gefielen sie dem Besitzer nicht, der stattdessen – wie es scheint – herkömmliche Winker am Holm der Frontscheibe montiert hatte.

Interessanterweise findet man an dem Wanderer auf dem nächsten Foto beide Formen des Fahrtrichtungsanzeigers:

Wanderer_W10_II_Galerie

Wanderer W10-II 8/40 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dieser Limousinenaufbau war auch beim ursprünglichen Wanderer W10-I erhältlich, doch ein Detail verrät, dass es sich um eine spätere Ausführung handelt.

Die Luftschlitze in der Haube sind zahlreicher und auf zwei separate Felder verteilt, wie man hier gerade noch erkennenkann.

Dieses Merkmal kam Ende 1927 mit Einführung der leistungsgesteigerten Version Wanderer W10-II auf. Das Modell bot nun – wie das Model A von Ford – eine Höchstleistung von 40 PS, wenngleich auch aus nur 2 statt 3,2 Litern Hubraum.

Nicht auszuschließen ist, dass obiges Foto auch einen Wanderer W10-III zeigt, der ein optisch an den stärkeren W10-II angeglichener W10-I mit nach wie vor 30 PS war.  Nebenbei ein Beispiel für die komplizierte Modellgeschichte bei Wanderer.

Laut Literatur ganz sicher ein solcher Wanderer W10-III mit dem weitergebauten 6/30 PS-Aggregat des W10-I ist hier zu sehen:

Wanderer_W10-III_Roadster-Cabriolet_1934_Galerie

Wanderer W10-III Roadster-Cabriolet (Zschau); Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Diese von der Karosseriemanufaktur Zschau gelieferte Ausführung mit aufwendiger Zweifarblackierung habe ich hier bereits vorgestellt, sie gehört aber ganz klar in eine Gesamtschau der W10-Modellfamilie von Wanderer.

Der Wagen weicht wie auch der vorangegangene von den Abbildungen in der Literatur nur hinsichtlich der Scheinwerferform ab. Offenbar waren die konische Form und die trommelförmige Ausführung parallel erhältlich.

Den in der Überschrift angekündigte Familienzuwachs zeigt nun die nächste, bisher noch nicht publizierte Aufnahme:

Wanderer_W10-III_Sport-Zweisitzer_Galerie

Wanderer W10-III, Sport-Zweisitzer; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Auf diesem Foto eines Wanderer W10-III mit Berliner Zulassung ist eine weitere Karosserievariante festgehalten – der vom Wanderer-Werk selbst angebotene Sport-Zweisitzer.

Er unterschied sich durch seine weniger aufwendige Gestaltung  und das ungefütterte Verdeck vom luxuriösen Roadster-Cabriolet aus dem Hause Zschau.

Besonders ins Auge fallen hier die typischen Fahrtrichtungsanzeiger auf den Kotflügeln, wiederum in Verbindung mit klassischen Winkern am Fensterholm. Entweder traute man der Neuerung nicht – die nicht blinkte, sondern bei Betätigung dauerhaft leuchtete – oder sie konnte nicht die vorgeschriebenen Winker ersetzen.

Die Stahlspeichenfelgen und die abweichende Gestaltung der Haubenschlitze (wie beim Wanderer W10-I)  weisen darauf hin, dass wir es hier mit einer frühen Form des Wanderer W10-III zu tun haben, der parallel zum stäkeren W10-II angeboten wurde.

Später, als das teurere 8/40 PS-Modell (W10-II) wieder eingestellt worden war, gab es die weitergebauten 6/30 PS-Typen (W10-III) dagegen nur noch mit Scheibenfelgen und auf zwei Felder aufgeteilten Luftschlitzen.

Das ist alles ziemlich kompliziert, aber möglicherweise hilfreich für jemanden, der eine Aufnahme eines Wanderer W10 zwischen 1926 und 1929 bestimmen will und nicht über das famose Buch „Wanderer Automobile“ von Erdmann/Westermann (Verlag Delius-Klasing), verfügt, dem ich meine Kenntnisse verdanke.

Zur Entspannung daher ein abschließender Blick auf den letzten Vertreter dieser verzweigten Modellfamilie – den Wanderer W10-IV:

Wanderer_W10-IV_Galerie

Wanderer W10-IV Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Mit dieser bezaubernden Aufnahme des von 1930-32 gebauten Wanderer 6/30 PS (Typ W10-IV) , die ich hier ausführlich besprochen habe, möchte ich den Blick ins Fotoalbum der Familie Wanderer für heute beenden.

Der nächste Ausflug in die Wanderer-Familiengeschichte wird uns wieder mit der Gründergeneration konfrontieren – es hat sich da einiges angesammelt…

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Charakterkopf von Hebmüller: Hanomag Sturm Cabrio

Nach längerer Abstinenz widme ich mich heute wieder einmal dem Hanomag „Sturm“ – dem 6-zylindrigen Spitzenmodell des berühmten Maschinenbauers aus Hannover, der den PKW-Bau eher nebenher betrieb.

Auch wenn den Hanomag-Wagen jede Kühnheit der Konstruktion abging, überzeugten sie etliche Kunden mit ihrer Ausstrahlung unbedingter Solidität, die sie im Alltag ja auch bewiesen.

Ab Werk mied man formal ebenfalls alle Experimente und ließ für den „Sturm“ die Karosserie des parallel produzierten Vierzylindermodells „Rekord“  vom Lieferanten des Standardaufbaus – Ambi-Budd – um 20, später 30 cm verlängern.

Äußerlich erkennbar war der ab 1934 gebaute Hanomag Sturm daher eigentlich nur an der längeren Haubenpartie mit fünf statt vier seitlichen Luftklappen und dem Typenschriftzug im Kühlergrill.

Hier ein bisher unpubliziertes Foto, das einen Hanomag „Sturm“ mit dem typischen Limousinenaufbau zeigt:

Hanomag_Sturm_datiert_1939_Galerie

Hanomag „Sturm“ Limousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Die auf 1939 datierte Aufnahme aus Niedersachsen ist vom Erhaltungszustand nicht die beste, lässt aber alle wesentlichen Elemente des Typs erkennen. Hier ist am unteren Ende der Motorhaube hinter dem Haubenfeststeller (mit verchromtem Zugring) die dreieckige „Ambi-Budd“-Plakette zu sehen.

Da der Wagen nur etwas mehr als 1,60 m hoch war, müssen die beiden im Einsteigen begriffenen Personen recht groß gewesen sein. Doch offenbar bot der Hanomag „Sturm“ auch für Insassen mit Hut bzw. „hoher Stirn“ ausreichend Kopffreiheit.

Szenenwechsel. Kurz nach Entstehung dieser Aufnahme begann mit dem Angriff Deutschlands und Russlands auf Polen im September 1939 der Zweite Weltkrieg.

Private PKW wurden damals in Deutschland zum größten Teil für die Zwecke des Militärs eingezogen. Wer seinen Wagen nicht zwingend zur Ausübung seines Berufes benötigte wie Ärzte, Veterinäre, Unternehmer – und Parteifunktionäre – sah sich einem „unwiderstehlichen“ Abfindungsangebot gegenüber, das m.W. nie erfüllt wurde.

Ausgenommen blieben Fahrzeuge der 1920er Jahre, deren Alter und Ersatzteilversorgung sie als ungeeignet erscheinen ließ. Paradoxerweise haben dadurch zahlreiche Wagen jener Epoche den Krieg überstanden.

Für die robusten und zuverlässigen Hanomag-Wagen der 1930er bedeutete der Kriegsausbruch dagegen fast durchweg, dass sie eingezogen wurden. Das blieb auch den „Sturm“-Modellen mit ihrem durstigen 2,2 Liter-Motor nicht erspart:

Hanomag_Sturm_SdKfz10_Galerie

Hanomag „Sturm“ Cabriolet und SdKfz10; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Hier sehen wir einen in grau gespritzten Hanomag „Sturm“ -vermutlich mit Cabrio-Aufbau von Ambi-Budd – an einem unbekannten Ort zusammen mit einem leichten Halbkettenfahrzeug SdKfz10 in der Ausführung mit 2cm-Flugabwehrgeschütz.

Vom Vierzylindermodell „Rekord“ liegen mir weit mehr solcher Aufnahmen aus dem 2. Weltkrieg vor, was dessen höhere Stückzahl (ca. 19.000 ggü. weniger als 5.000) widerspiegelt.

Das bislang einzige weitere Foto eines Hanomag „Sturm“ im Kriegseinsatz, das ich bisher erwerben konnte, zeigt ausgerechnet eine der extravaganten offenen Varianten mit Manufakturkarosserie, wie sie vor allem Hebmüller lieferte.

Auf den ersten Blick sieht man hier von dem Wagen nicht viel:

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Hanomag „Sturm“ Cabriolet von Hebmüller; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Die Situation dürfte zu Beginn der kalten Jahreszeit beim Russlandfeldzug (ab 1941) entstanden sein. Die beiden Soldaten im Vordergrund sind Offiziere, die vielleicht schon den Ersten Weltkrieg als junge Männer mitgemacht haben.

Im Detail zeigen sich für Kenner interessante Unterschiede, was Kopfbedeckung, Mantelkragen und Koppel angeht. Hier scheint mancher seinen eigenen Vorlieben entsprechend nicht mehr aktuelle Stücke „aufgetragen“ zu haben.

Eine Wissenschaft für sich sind auch Details wie der Inhalt der ungewöhnlich kleinen Pistolentasche des rechten Offiziers – so waren neben deutschen Fabrikaten auch bewährte ausländische Modelle verbreitet.

Doch uns interessiert natürlich in erster Linie der Wagen, von dem außer dem Hanomag-Emblem auf dem Kühlergill nicht viel zu erkennen ist, wie es scheint.

Die im Winter übliche Kühlermanschette aus Kunstleder verdeckt ihrem Zweck gemäß einen beträchtlichen Teil des Grills, um das Erreichen und Halten der Betriebstemperatur in der kalten Jahreszeit zu unterstützen.

Dennoch sieht man genug, um elektrisiert zu sein:

Hanomag_Sturm_Hebmüller_Cabrio_WH_Ausschnitt

Die eigentümliche Kühlerfigur am Vorderende der Haube ist nämlich ein eindeutiger Hinweis darauf, dass die Herren Offiziere hier nicht irgendeinen Hanomag zur Verfügung hatten.

Dieses Detail gab es ab Werk nicht – es  war einer Spezialkarosserie vorbehalten, die die Karosseriefirma Hebmüller auf Basis des Hanomag „Sturm“ anbot.

Mehr als drei Jahre ist es her, dass ich mich ausführlich genau mit einem solchen Wagen beschäftigt habe. Die merkwürdige Kühlerfigur ist mir in Erinnerung geblieben, weshalb mir die obige Kriegsaufnahme spontan ins Auge fiel.

Hanomag_Sturm_Hebmüller_Cabriolet_Werksfoto_Galerie

Das Porträt dieses Hebmüller-Cabriolets einschließlich einer Stilkritik findet sich hier. Erkennbar ist die wohl einzigartige Kühlerfigur, deren Bedeutung sich mir nicht ganz erschließt – vielleicht hat jemand eine Erklärung.

Nun stellt dieses Werksfoto nicht zwangsläufig die Lösung der Frage dar, was für ein Hanomag genau einst in der kalten Jahreszeit auf dem Foto mit den beiden Offizieren zufällig (?) mit abgelichtet wurde.

Denn erst kürzlich fand ich eine weitere Abbildung, die einen ganz ähnlichen, aber nicht völlig identischen Hanomag zeigt:

Hanomag_Sturm_Hebmüller_Cabrio_Kfz_Handel_und_Bewirtschaftung_17-02-1939_Galerie

Hanomag „Sturm“ Cabriolet von Hebmüller; Abbildung aus „Kfz-Handel und -Bewirtschaftung“ vom 17.02.1939, Original aus Sammlung Michael Schlenger

Hier haben wir es mit einer gedruckten Version eines mutmaßlichen weiteren Werksfotos eines Hanomag „Sturm“ Cabriolets zu tun, die wie das erste vor dem großartigen Rathaus in Hannover entstanden ist.

Die abweichende Gestaltung der seitlichen Luftschlitze in der Motorhaubewaagerecht und in zwei übereinanderliegenden Reihen – ließ mich zunächst an Gläser aus Dresden denken, doch letztlich erwies sich auch diese Karosserie als Hebmüller-Aufbau (zum Vergleich siehe hier).

Ob dieser Wagen genau dieselbe eigentümliche Kühlerfigur wie das erste Hebmüller-Cabrio und das von der Wehrmacht eingesetzte Fahrzeug trug, ist nicht ganz klar.

Kurioserweise entdeckte ich in meinem Fundus noch eine Reklame von Hanomag, die ganz sicher ein „Sturm“ Cabriolet mit Hebmüller-Karosserie zeigt, aber die Gestaltung der Luftschlitze offenlässt:

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Hanomag-Reklame für das Hebmüller-Cabriolet auf Basis des Hanomag Sturm; Originalanzeige aus Sammlung Michael Schlenger

Kann es sein, dass das Werk hier mit einer Retusche dafür gesorgt hat, dass gar keine Luftschlitze zu sehen sind?

Sollte der Aufbau so besonders puristisch erscheinen oder spiegelt die Darstellung schlicht die Möglichkeit einer unterschiedlichen Ausführung der Luftschlitze wider, die man dem Kundengeschmack überließ?

So oder so haben wir hier ein Dokument aus Friedenszeiten, das ein Hebmüller-Cabriolet genau aus der Perspektive zeigt, aus der einst der Hanomag „Sturm“ mutmaßlich an der Ostfront fotografiert wurde.

Was aus dem Auto wohl geworden sein mag? Hat es den Krieg überstanden? Liegen seine Reste noch irgendwo in den Weiten der Ukraine oder Russlands? Ziert vielleicht wenigstens der Kühler oder eine Radkappe heute noch eine private Sammlung?

Es fällt schwer, sich vorzustellen, dass ein solches Auto spurlos verschwunden sein soll. Doch hunderttausende Kriegsteilnehmer auf beiden Seiten sind ebenfalls bis heute verschollen – und das ist eine Tragik von ganz anderem Ausmaß.

© Michael Schlenger, 2019. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Exklusive Eleganz: Steyr Typ 120/220 „Gläser“-Cabriolet

Für mich zählen die Manufakturwagen der österreichischen Marke Steyr zum Interessantesten, was die Welt der Vorkriegswagen im deutschsprachigen Raum zu bieten hat.

Die Autos aus dem gleichnamigen Ort in Oberösterreich zeichneten sich immer durch moderne Technik und attraktive Linienführung aus. Das galt auch noch, als man in den 1930er Jahren neben reinen Luxusautos wie dem rassigen Typ 430 bzw. 530 auch volkstümlichere Modelle zu bauen begann.

Den Auftakt stellte der Steyr Typ 100 dar, ein Wagen der gehobenen Mittelklasse mit 1,4 Liter Vierzylinder (32 PS). Trotz kompakter Ausmaße gelang es, dem Modell eine rundherum gelungene Karosserie zu verpassen, die von der damaligen Stromlinienmode beeinflusst war.

Dabei verschmolzen traditionelle Elemente wie der hochstehende Kühlergrill mit dem Vorderwagen, der nur noch angedeutete Kotflügel besaß. Folgende Aufnahme aus dem Fundus von Klaas Dierks setzt die Frontpartie perfekt in Szene:

Steyr_100_Dierks_Galerie

Steyr Typ 100; Originalfoto aus Sammlung Klaas Dierks

Diese für damalige Verhältnisse ungewöhnliche Perspektive verrät, dass die neue Modellreihe von Steyr besondere Wirkung auf die Zeitgenossen ausübte. Den einstigen Fotografen muss die skulpturenhaften Anmutung des Wagens inspiriert haben.

So radikal traute man sich die neue Linie seitens des Herstellers nicht zu präsentieren. Interessanterweise sind auch Ansichten der Heckpartie die Ausnahme, obwohl diese ebenfalls einen ganz eigentümlichen Reiz entfaltet.

Mangels Vergleichsaufnahmen hat es mich viel Zeit gekostet herauszufinden, dass auch der Wagen auf dem folgenden Foto aus meiner Sammlung ein Steyr dieser neuen Modellreihe ist:

Steyr_100_Alpenvorland_11-1940_Galerie

Steyr Typ 100, 120, 200 oder 220; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Technisch wie gestalterisch ist diese Privataufnahme von atemberaubendem Niveau. Mir ist bislang kein Foto begegnet, das die Heckansicht eines Autos dermaßen gekonnt in Szene setzt und in eine Landschaft einbettet, wie sie malerischer kaum sein könnte.

Der ernst in die Ferne gehende Blick des perfekt gekleideten und frisierten großgewachsenen Mannes, der glatt als Filmschauspieler durchgehen würde, verleiht dem Foto eine düstere Würde, die zum Aufnahmezeitpunkt passt: November 1940.

Vielleicht können Steyr-Kenner sagen, welche Modellvariante genau wir hier sehen:

  • einen Steyr 100 mit 1,4 Liter-Vierzylinder (32 PS), ab 1935,
  • den mit 2 Liter-Sechszylinder (50 PS) ausgestatteten Typ 120 (ab 1935),
  • den 1936 auf den Typ 100 folgenden Steyr 200 (1,5 Liter-Vierzylinder, 35 PS) oder
  • den Typ 220 mit 2,3 Liter-Sechszylinder (55 PS), der ebenfalls 1936 erschien.

Alle vier basierten auf demselben Karosserieentwurf, unterschieden sich aber in den Dimensionen sowie in Details wie Kühlergrill, Scheinwerfer, Haubenschlitze, Felgen usw.

Dem Buch über die „Steyrer Automobil-Geschichte“, das Hubert Schier 2015 publiziert hat und das Maßstäbe für ein zeitgemäßes Werk über Vorkriegswagen setzt, entnehme ich, dass es neben den geschlossenen Werksaufbauten eine Fülle offener Varianten gegeben hat, von denen kaum eine aussah wie die andere.

Zwar wurden die meisten Cabriolets – ob vier- oder zweiseitzig – von der für ihre Stilsicherheit zurecht gerühmten Manufaktur „Gläser“ in Dresden gefertigt. Doch dabei scheint man sich den Luxus im Detail individueller Ausführungen gegönnt zu haben.

Ein Beispiel dafür zeigt die folgende Aufnahme aus meiner Sammlung, die einst vor dem noch existierenden Hotel Niederländischer Hof in Schwerin entstand:

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Steyr Typ 120 oder 220 „Gläser“ Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dass es sich bei diesem schöngezeichneten Cabriolet mit offenbar vier Sitzen überhaupt um einen Steyr handelt, verrät die Silhouette der Kühlerfigur.

Ohne dieses Detail hätte ich als Nicht-Steyr-Spezialist vermutlich vergeblich gerätselt, was dies für ein Auto gewesen sein könnte.

Die Frage, ob es nun ein Steyr-Typ 100, 120, 200 oder 220 war, der auf dieser Aufnahme verewigt ist, konnte ich anhand erwähnter Literatur mit einiger Sicherheit beantworten.

So scheint die Ausführung der Motorhaube mit zwei seitlichen Chromgriffen und darunterliegenden verstellbaren Luftklappen den Sechszylindertypen 120 bzw. 220 vorbehalten gewesen zu sein.

Da die Literatur genau ein Foto liefert, das ein fast identisches Steyr-Cabrio des Typs 220 zeigt (vgl. H. Schier: „Die Steyrer Automobil-Geschichte, 1. Aufl. 2015, S. 262), halte ich die Annahme für begründet, dass auch mein Foto einen solchen Steyr 220 zeigt. Leser Gerald Strass plädiert allerdings für den Typ 120.

An der Herkunft der Karosserie aus dem renommierten Hause Gläser kann kein Zweifel bestehen, da die typische ovale Plakette mit schwarzem Fond vor der Tür zu erahnen ist.

Die wohlgeformten glatten Scheibenräder scheinen parallel zu den verbreiteten gelochten Felgen verfügbar gewesen zu sein, wobei letzteren die Eleganz abgeht.

Übrigens scheint keines der Fotos eines Steyr 200 bw. 220 Cabrios (4-sitzig) in der mir zugänglichen Literatur dieselbe Linienführung an der Schwellerpartie unterhalb der Tür aufzuweisen. Durchweg ist diese Partie flacher ausgeführt.

Nur bei nochmals eleganteren zweisitzigen Cabriolets aus dem Hause Gläser findet man eine Entsprechung. Umso erstaunlicher, dass ich eine weitere Aufnahme auftreiben konnte (eBay macht’s möglich), die einen Steyr praktisch identischer Machart zeigt:

Steyr_200_Nachkrieg_Bengsch_Galerie

Steyr Typ 120 oder 220 „Gläser“ Cabriolet am Sorpe-Stausee; Originalfoto aus Sammlung Marcus Bengsch

Diese zauberhafte Aufnahme aus Besitz von Marcus Bengsch, die kurz nach dem Krieg im britisch besetzten Rheinland entstand, wie das Kennzeichen verrät, zeigt ebenfalls ein Steyr-Cabriolet mit praktisch identischen Details wie auf der Aufnahme oben.

Sieht man von der geschmackvollen Zweifarblackierung ab, stimmt alles überein – sogar die Gläser-Plakette findet sich an derselben Stelle wider. Daher glaube ich, dass auch dieser Wagen ein Steyr Typ 120 bzw. 220 war, wobei hier die Anordnung von Haupt- und Nebelscheinwerfern (aufpreispflichtig) besser zu sehen ist.

Auch wenn der Vorderreifen einen fragwürdigen Eindruck macht, hat dieser Steyr die Wirren des 2. Weltkriegs erstaunlich gut überstanden. Was das junge Paar auf der Haube in dieser Zeit durchmachte, davon lässt diese schöne Momentaufnahme nichts ahnen.

Was mag aus dem Steyr geworden sein, nachdem die beiden hier so glücklich mit ihm posierenden Personen vielleicht wieder zu mehr Geld gekommen sind?

Aus heutiger Sicht ist es schwer vorstellbar, aber vermutlich haben sich die zwei irgendwann einen Wagen mit wetterfestem Aufbau und moderner Charakteristik gekauft. Wenn die Finanzen es hergaben, werden sie kaum hinter den Sechyzlinder-Standard zurückgefallen sein, den sie vom Steyr gewohnt waren.

Dabei kommt mir in den Sinn, dass die Generation, die gerade den Führerschein macht oder gemacht hat, gar nichts mehr von den Wonnen der Laufkultur eines Sechszylinders weiß, wenn der Herr Papa nicht noch einen klassischen BMW oder Jaguar fährt.

Und so leicht, wie man sich heute an schwachbrüstige, rauh laufende Dreizylinder ohne jede Elastizität anpasst – unter anderem durch zunehmende Schleicherei – so leicht entledigte man sich spätestens in den 1960er Jahren der überlebenden Schönheiten einer untergegangenen Epoche.

Von daher wundert es mich nicht, dass mir auf keiner Veranstaltung in Deutschland auch nur irgendeine Variante dieses klassisch-eleganten Steyr-Typs begegnet ist…

© Michael Schlenger, 2019. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.