Großer Auftritt: Ein Stoewer Typ D3 Tourenwagen

Im letzten Blogeintrag hieß es, wir würden uns nach dem Rückblick auf die Classic Days 2018 auf Schloss Dyck wieder in die „Niederungen“ des automobilen Alltags im Deutschland der Vorkriegszeit begeben.

Das war halbironisch gemeint. Zwar lassen sich auf historischen Originalfotos nicht ständig Preziosen wie dieser auf Schloss Dyck zu bewundernde Atalanta-Sportwagen entdecken:

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Atalanta; Bildrechte: Michael Schlenger

Doch spannend sind selbst Aufnahmen einst gängiger deutscher Marken allemal – wobei „gängig“ relativ zu verstehen ist.

Gemessen an der Autoindustrie in den Vereinigten Staaten blieben nämlich die meisten deutschen Hersteller – von DKW und Opel abgesehen – Nischenproduzenten.

Manche einst hochangesehene Marke würde man heute sogar als Manufakturhersteller bezeichnen. In diese Kategorie fällt beispielsweise Stoewer aus Stettin – eine Firma, deren Ruf stets größer war als ihre eigentliche Bedeutung.

Das ist durchaus positiv gemeint, denn wie sich Stoewer vom Ende des 19. Jahrhunderts bis Mitte der 1930er Jahre als familiengeprägtes Unternehmen über Wasser hielt und dabei ein eigenes Profil bewahrte, ist bewundernswert.

Gemessen an den stets überschaubaren Stückzahlen ist es erstaunlich, wieviele historische Fotos von Stoewer-Wagen erhalten sind. In diesem Blog ist naturgemäß der Typ D3 am häufigsten vertreten, der von 1920-23 rund 2.000mal gebaut wurde.

Hier haben wir eine Aufnahme des 24 PS leistenden Vierzylindermodells, die bislang noch nicht publiziert wurde:

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Stoewer Typ D3; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Wann und wo dieses Foto entstand, wissen wir leider nicht – Kleidung und Frisuren lassen auf die Mitte der 1920er Jahre schließen.

Der Aufbau mit Spitzkühler und „Tulpenkarosserie“ – wegen des wie bei einer Tulpenblüte nach oben immer breiter werdenden Passagierraums – ist typisch für deutsche Tourenwagen der frühen Nachkriegszeit.

Dennoch erkennt man auf Anhieb, dass dies ein Stoewer sein muss. Die leichte Schrägstellung der Vorderkante des Spitzkühlers, die Anordnung der Haubenschlitze und die gepfeilte Frontscheibe verraten es.

So weit, so konventionell – wenn das bei einem Stoewer zu sagen erlaubt ist. Neben diesem Standardaufbau gab es eine raffiniertere Variante, die wir hier sehen:

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Stoewer Typ D3 Tourenwagen; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Auf den ersten Blick ist man geneigt, hier auf einen der stärkeren D-Typen von Stoewer zu tippen. Doch wie die Rückfrage beim unbedingt sehenswerten Stoewer-Museum bestätigte, haben wir auch hier einen Typ D3 vor uns.

Jedoch wurde hier ein großzügiger und eleganterer Aufbau montiert – man beachte allein die feine Zierlinie zwischen dem hinteren Ende der Motorhaube und dem Windlauf vor der Frontscheibe.

Außerdem wurde eine flache, jedoch leicht schräggestellte Frontscheibe verbaut. Wenn nicht alles täuscht, besitzt dieser Wagen auch ein Kühlwasserthermometer:

Stoewer_D3_großer aufbau_Brennabor_Frontpartie

Das Nummernschild lässt auf eine Zulassung in Schleswig-Holstein (Kennung IP) im Landkreis Steinburg-Itzehoe schließen.

Ansonsten wissen wir auch hier nichts über den genauen Ort und das Datum der Aufnahme. Sicher ist nur, dass die Besitzer des Stoewer über einen Chauffeur verfügten, zu erkennen an der Schirmmütze.

Bei der Betrachtung dieses Automobils fragt man sich: Wie kann so ein eindrucksvolles Produkt menschlicher Schöpferkraft einfach vom Erdboden verschwinden?

Vielleicht gibt es irgendwo noch Fragmente davon – eventuell der Kühler oder eine Nabenkappe, möglicherweise hat irgendwo das Lenkrad überlebt oder ein Scheinwerfer.

Auf diesem alten Foto, das es bis ins 21. Jahrhundert geschafft hat, ist der Stoewer jedenfalls noch in voller Pracht zu sehen – der tiefe Glanz des Lacks und das blitzsaubere Erscheinungsbild lassen auf ein fast neues Fahrzeug schließen.

Freuen wir uns einfach darüber, dass zumindest diese Aufnahme übriggeblieben ist…

© Michael Schlenger, 2018. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Powered by Rickenbacker: Audi Typ SS „Zwickau“

In den letzten Blogeinträgen kamen herausragende Vorkriegsmodelle zu ihrem Recht, die bei den Classic Days 2018 auf Schloss Dyck am Niederrhein zu bewundern waren.

Bevor wir in die „Niederungen“ konventioneller (doch nicht weniger interessanter) Vorkriegswagen im deutschen Sprachraum zurückkehren, widmen wir uns einem Prachstück, das auf einer alten Postkarte in unsere Zeit gelangt ist.

Dabei handelt es sich um ein Achtzylindermodell der sächsischen Marke Audi, die vor dem Krieg auf hochwertige Manufakturwagen spezialisiert war.

Hier haben wir einen dieser feinen Wagen, die wie die Modelle von Horch in Zwickau gefertigt wurden:

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Audi Typ SS „Zwickau“; originale Postkarte aus Sammlung Michael Schlenger

Woran genau man den Typ erkennt, damit beschäftigen wir uns noch. Auf den ersten Blick sieht man auf jeden Fall, dass es sich um ein Achtzylindermodell handelt.

Mancher Leser mag sich daran erinnern, dass wir vor geraumer Zeit schon einen Achtzylinderwagen von Audi gezeigt haben. Das war der 100 PS starke Typ R, der 1927 vorgestellt wurde und später die selbstbewusste Bezeichnung „Imperator“ erhielt.

Originalfotos dieses über 5 Meter langen und mehr als 2 Tonnen schweren Kolosses sind selten, das gilt besonders für die raffinierten Spezialaufbauten. Immerhin ließ sich ein Werksfoto auftreiben, das die Pullmanlimousine des Typs R zeigt:

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Audi Typ R „Imperator“; Werksfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Zum Zeitpunkt der Vorstellung dieses mächtigen Wagens war Audi schon geraume Zeit in wirtschaftlichen Schwierigkeiten.

Ein Schuldenschnitt im Jahr 1926 hatte der Firma zwar etwas Zeit gekauft, doch die mittelständische Eigentümerfamilie erkannte, dass sie mit dem Automobilbau auf keinen grünen Zweig kommen würde.

Als Käufer fand sich der expansionsfreudige Inhaber der Zschopauer DKW-Werke, J.S. Rasmussen. Er hatte 1927 in den USA die 6- und 8-Zylindermotorenfertigung  der insolventen Firma Rickenbacker gekauft und suchte nach einem Einsatzfeld dafür.

Doch hielt sich die Nachfrage nach Rickenbacker-Motoren am deutschen Markt in Grenzen – die meisten Hersteller boten selbst 8-Zylinder an (wie Horch) oder arbeiteten daran (wie Adler, Brennabor, Hansa, NAG, Röhr, Stoewer usw.).

Da bot sich für Rasmussen in Form der Audi-Werke ein scheinbar ideales Einsatzgebiet für die nach Deutschland transportierte Rickenbacker-Motorenfertigung.

Nach Übernahme von Audi im Jahr 1928 ließ Rasmussen den in Zwickau entwickelten 8-Zylinder noch ein Jahr lang im Imperator verbauen, dann bekamen die parallel verfügbaren Rickenbacker-Aggregate den Vorzug.

Damit wären wir wieder bei der eingangs gezeigten Aufnahme eines 8-Zylinder-Audi mit Zulassung im schlesischen Görlitz. Seine Frontpartie unterschied sich in einem Detail von der des Imperator:

Audi_SS_Zwickau_Ak_Photograph_Görlitz_Ausschnitt

Im Unterschied zum „Imperator“ ist auf dem oberen Teil der Kühlermaske kein „Audi“-Schriftzug mehr angebracht – dieser ist nur noch im unteren Teil der „8“ auf der Scheinwerferstange zu sehen.

Stattdessen prangt oben auf dem Kühler das Wappen der Stadt Zwickau, die namensgebend für den neuen Audi mit Rickenbacker-Achtzylinder war.

Ungeachtet der ähnlichen Frontpartie unterschied sich der Audi Typ SS „Zwickau“ in vielen Details vom Vorgängertyp „Imperator“:

  • Der amerikanische Motor war mit 5,1 Litern Hubraum großvolumiger als der von Audi entwickelte Achtzylinder des Imperator (4,9 Liter).
  • Die Spitzenleistung war identisch (100 PS), fiel beim Rickenbacker-Aggregat aber bereits deutlich früher an.
  • Dank neun statt fünf Kurbelwellenlagern lief der Motor kultivierter.
  • Der Typ „Zwickau“ besaß zusätzlich einen lang übersetzten 4. Gang, der eine Drehzahlabsenkung bei hohem Tempo ermöglichte.
  • Die zuvor gestängebetätigte Vierradbremse wich einer hydraulischen Bremse von ATE nach Lockheed-Patent.
  • Der Radstand fiel merklich kürzer aus als beim Imperator und das Gewicht sank um 300 kg.

Ein großer Markterfolg war der Audi Typ R „Zwickau“ mit gut 450 Exemplaren bis 1932 allerdings auch nicht (Imperator: 145 Stück von 1928-29).

Neben dem 8-Zylindertyp „Zwickau“ fertigte Audi übrigens auch ein 6-Zylindermodell T mit der Bezeichnung „Dresden“, dessen Aggregat ebenfalls von Rickenbacker stammte. Dieses Modell war allerdings mit nur 76 Exemplaren ein Reinfall.

Auf alten Fotos erkennt man diesen Typ am Dresdener Stadtwappen oben auf der Kühlermaske und natürlich am Fehlen der „8“ auf der Scheinwerferstange.

Sollte ein Leser eine Aufnahme eines solchen Modells besitzen, wäre der Verfasser für eine digitale Kopie zur Vervollständigung der Audi-Typengalerie sehr dankbar.

Übrigens sind die Audis der Typen R „Imperator“, SS „Zwickau“ und T  „Dresden“ in der Seitenansicht schwer zu erkennen. Da Audi damals keine eigene Karosseriefertigung besaß, entstanden die Aufbauten bei Fremdfirmen und waren oft hochindividuell.

Davon kann der heutige Besitzer eines Audis – so ausgezeichnet die Wagen auch sonst sind – nur träumen. Man sieht: Zur Erfüllung mancher Träume kommt man auch im 21. Jahrhundert an einer Reise in die Vorkriegszeit nicht vorbei…

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Classic Days 2018: Prinz-Heinrich-Wagen von Benz

Unter den vielen herausragenden Vorkriegsfahrzeugen, die bei den Classic Days 2018 auf Schloss Dyck zu bewundern waren – davon etliche auch in Aktion – gebührt vielleicht einem Wagen besonderer Rang.

Die Rede ist vom Benz des Typs „Prinz-Heinrich“ aus dem Jahr 1910. Um zu ermessen, welchen Meilenstein dieses Sportmodell einst darstellte, blenden wir zunächst 120 Jahre zurück.

Im Jahr 1898 erschien die folgende Anzeige der Mannheimer Firma Benz & Co.:

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Hier wurde nur 13 Jahre nach Vorstellung des ersten Automobils der Welt bereits sehr selbstbewusst auf die hohe Zahl der bis dato hergestellten Wagen, die globale Präsenz der Marke und die Sporterfolge verwiesen.

Das in der Anzeige abgebildete Modell ist wohl ein Typ „Vis-à-vis“, der 1895 erschienen war und einen Einzylindermotor mit anfänglich 4, später 6 PS besaß. Vom im Heck liegenden Motorraum abgesehen wirkt hier noch alles wie im Kutschbau – immerhin waren die Holzspeichenräder bereits vollgummibereift.

Neben solchen Basismodellen gab die Firma Benz jedoch mächtig Gas und bot auch deutlich schnellere und steigfähigere Zweizylindertypen an. Zwischenzeitlich erlahmte allerdings der Elan und die Konkurrenz zog ab 1900 an Benz vorbei.

Doch erkannte man bei Benz noch rechtzeitig die Zeichen der Zeit und stellte mit Hilfe französischer Konstrukteure 1903 das erste Vierzylindermodell vor, das dank 20 PS Leistung bereits ein Spitzentempo von 70 km/h erreichte.

Von da an ging es rasant aufwärts. 1904 erwarb auch der sportbegeisterte Bruder des deutschen Kaisers – Prinz Heinrich von Preußen – einen 40 PS-Benz und blieb der Marke treu.

In den Folgejahren heimsten Benz-Wagen international zahlreiche Erfolge bei Renn- und Sportveranstaltungen ein – auch bei den von Prinz-Heinrich gestifteten Langstreckenfahrten.

Hier haben wir Fritz Erle auf seinem fast 100 PS starken 7,5 Liter-Benz bei einer Schnelligkeitsprüfung im Rahmen der ersten, im Jahr 1908 ausgetragenen Prinz-Heinrich-Fahrt:

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Hier taucht erstmals ein Element auf, das für eine bedeutende Zäsur im Erscheinungsbild der Automobile jener Zeit steht – der sogenannte Windlauf (auch Torpedo genannt).

Das haubenartige Blech zwischen Motorhaube und Fahrerraum gestaltet den Übergang strömungsgünstiger und wird ab 1910 Standard im Serienbau bei deutschen Automobilen.

Davon abgesehen, sind noch keine Bemühungen um verbesserte Aerodynamik zu erkennen. Nur zwei Jahre später sollte das ganz anders aussehen.

Damit wären wir im Jahr 1910 und bei dem Benz, um den es heute eigentlich geht:

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Benz Typ „Prinz Heinrich“ von 1910; Bildrechte: Michael Schlenger

Hier haben wir auf einmal ein in jeder Hinsicht hochmodernes Auto vor uns:

Die gesamte Karosserie ist von vorne bis hinten strömungsoptimiert, selbst die Radspeichen sind  mit abnehmbaren Aluminiumblechen abgedeckt.

Die Kühlermaske ist außen fast tropfenförmig ausgeführt; innen ist sie so gestaltet, dass die durch den verengten Einlass eintretende Kühlluft wie in einer Düse auf das eigentliche Kühlernetz beschleunigt wird.

Ein besonderer Leckerbissen ist außerdem der Motor:

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Benz Typ „Prinz Heinrich“ von 1910; Bildrechte: Michael Schlenger

In der Rennversion leistete dieses 5,7 Liter-Aggregat an die 100 PS. Für die „zivile“ Version, die in Kleinserie für Privatleute gebaut wurde, waren es immer noch 80 PS.

Wichtige Merkmale waren die im Zylinderkopf strömungsgünstig hängenden vier Ventile pro Zylinder – Standard waren bis in die 1930er Jahre zwei, die seitlich neben dem Zylinder lagen –  außerdem die Verwendung von zwei Zündkerzen pro Zylinder.

Äußerlich waren die privat erwerbbaren Benz-Modelle des Sporttyps „Prinz Heinrich“ weitgehend identisch mit den Rennwagen.

Das machte diese Fahrzeuge für Privatfahrer umso attraktiver, auch wenn sie auf die Spitzenleistung der Rennversion verzichten mussten, von der es neben der 5,7 Liter-Ausführung auch eine noch stärkere mit 7,3 Litern und 115 PS gab.

So beeindruckend die Leistungswerte dieser weit über 100 Jahre alten Sportwagen von Benz auch sind – noch eindrucksvoller ist die Präsenz dieser streng nach funktionellen Aspekten und dennoch wunderschön gestalteten Fahrzeuge:

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Gerade in der Schwarz-Weiß-Ansicht kann man die fließenden Linien und sinnlichen Kurven dieses Aufbaus besonders gut studieren.

Hier sieht man auch die auf alten Fotos meist kaum erkennbare Plastizität und Spannung des Karosseriekörpers, der sich über dem Rahmen weitet wie eine Blüte – daher die Bezeichnung „Tulpenkarosserie“.

Das kann man erst so richtig genießen, wenn man die Tourenwagen jener Zeit aus dem obigen Blickwinkel ins Visier nimmt, den damals kaum ein Fotograf einnahm (eine spektakuläre Ausnahme folgt gelegentlich).

Zu erkennen ist auch die zeittypische außenliegende Anbringung von Brems- und Schalthebel – im Innenraum wäre schlicht kein Platz dafür gewesen.

Selbst diese streng funktionell gestalteten Elemente besitzen eine schwer zu erklärende Magie, die wohl mit der Materialanmutung, aber auch dem Verzicht auf unnötige Durchgestaltung zu tun hat:

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Benz „Prinz Heinrich“ von 1910; Bildrechte: Michael Schlenger

In Zeiten, in denen ganze Heerscharen sogenannter Designer dafür bezahlt werden, sich über das Erscheinungsbild jedes Schalters im Innenraum den Kopf zu zermartern, ist eine derartige Klarheit der Gestaltung von vornherein unmöglich.

Darin liegt der Zauber der frühen Automobile, bei denen das Entwicklungstempo keine Zeit für angestrengtes Sinnieren über neue formale Gimmicks ließ.

Wer begreifen will, was echter Fortschritt im Automobilbau einmal bedeutete, der vergleiche einfach den Benz „Vis-à-vis“ von 1898 mit dem zwölf Jahre später entstandenen Benz des Sporttyps „Prinz Heinrich…

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Classic Days 2018: Ein Horch 8 Typ 305 Landaulet

Wie im Blogeintrag zum Horch 10/50 PS versprochen, der bei den Classic Days 2018 auf Schloss Dyck zu sehen war, schauen wir uns auch den daneben präsentierten Horch 8 Typ 305 näher an.

Der Wagen ist in zweierlei Hinsicht interessant: Zum einen sieht er in praktisch allen Details wie der Nachfolgetyp 350 aus, zum anderen besitzt er eine Karosserie mit besonderer Raffinesse, wie sich erst bei eingehender Betrachtung offenbart.

Beginnen wir mit einem Originalfoto eines Horch 8 Typ 350, das Lesern dieses Blogs bekannt vorkommen wird:

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Horch 8 Typ 350; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Diese Aufnahme zeigt eine mächtige Sechsfenster-Limousine, die sich anhand der Kühlermaske mit breiten Lamellen, den abgerundeten Vorderschutzblechen, den großen Hauptscheinwerfern und der Doppelstoßstange als Horch 8 Typ 350 ansprechen lässt.

Dabei handelte es sich um die ab 1928 verfügbare leistungsgesteigerte (4 Liter, 80 PS) und neu gestaltete Nachfolgeversion des 1927 vorgestellten Typs 305 (3,4 Liter, 65 PS).

Für kurze Zeit waren beiden Modelle parallel erhältlich. Das macht es recht schwierig , sie auseinanderzuhalten, denn der kleinere Typ 305 wurde 1928 äußerlich an den Nachfolger des Typs 350 angeglichen.

Um so einen Horch 8 Typ 305 im Gewand des stärkeren und modernisierten Typs 350 handelte es sich bei dem Wagen, der anlässlich der Classic Days 2018 zu sehen war:

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Horch 8 Typ 305; Bildrechte: Michael Schlenger

Beim Vergleich mit dem Horch 8 Typ 350 auf dem historischen Foto sind außer der Anbringung der Positionslampen, der Kühlerfigur und der Ausführung der Stoßstange kaum Unterschiede zu erkennen.

Doch besteht an der Identifikation des auf Schloss Dyck ausgestellten Wagens kein Zweifel. Außer dem Kennzeichen verwies auch eine Informationstafel neben dem Auto auf den Typ 305.

Nun könnte man einwenden, dass vielleicht auch der Horch auf dem Schwarzweißfoto gar kein Typ 350 ist, sondern ebenfalls ein Typ 305 in der späten, äußerlich dem Typ 350 gleichenden Ausführung.

Dagegen spricht aber ein Detail der Pullmanlimousine – der verstellbare Sonnenschutz am oberen Ende der Frontscheibe. Bei der Pullmanlimousine des Typs 305 dagegen gab es das nicht – dort endete lediglich das Dach weiter vorn.

Wie das aussah, können wir ausgerechnet dem Titelbild dieses Blogs entnehmen:

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Horch 305 Pullman-Limousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Zwar sieht auch der Horch neben dem Opel 4/20 PS in allen Details der Frontpartie wie ein Typ 350 aus, doch besitzt er noch den starren Sonnenschutz, wie er laut Literatur typisch für die Pullman-Limousine des Typs 305 war.

Zugegebenermaßen ist das alles recht kompliziert, aber so ist das nun einmal bei Vorkriegsautos, bei denen es eine oft verwirrende Vielzahl von Versionen gab, die sich zeitlich mitunter überschnitten.

Warum aber besaß der bei den Classic Days 2018 präsentierte Horch des Typs 305 nicht ebenfalls einen starren Sonnenschutz wie der Wagen auf dem Titelbild des Blogs?

Nun, zwar besitzt auch er sechs Seitenfenster, doch trägt er keinen Aufbau als Pullman-Limousine, sondern etwas ganz Eigenständiges:

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Horch 8 Typ 305; Bildrechte: Michael Schlenger

Auf den ersten Blick scheint der Horch ebenfalls einen geschlossenen Limousinenaufbau mit sechs Seitenfenstern zu tragen – lediglich die hintere Dachpartie ist in Kunstleder ausgeführt.

So etwas sollte entweder bloß den Eindruck einer zu öffnenden Karosserie erzeugen („Faux Cabriolet“) oder es handelte sich um einen Aufbau als Landaulet, wo nur die rückwärtigen Passagiere in den Genuss eines zu öffnenden Dachs kamen.

Doch müsste bei einem Landaulet nicht eine seitliche Sturmstange am Verdeck zu sehen sein? Außerdem dürfte es dort keinen festen Fensterrahmen geben.

Auch hier war besagte Informationstafel an dem Horch eindeutig – der Wagen trägt tatsächlich einen Landauletaufbau – jedoch einen besonders raffinierten:

Horch_305_Landaulet_spät_Classic_Days_2018_3

Betrachtet man den Dachholm über dem hinteren Seitenfenster, erkennt man, dass er vorne und hinten unterbrochen ist. Auch die hintere Dachsäule ist am unteren Ende unterbrochen.

Tatsächlich konnte nach Herunterkurbeln der Scheibe die Dachsäule mitsamt Verdeck nach hinten geklappt werden; gleichzeitig wurde der obere Dachholm so umgelegt, dass er auf der dann fast waagerecht liegenden Dachsäule ruhte.

Dieses Detail wäre dem Verfasser ohne den ausdrücklichen Hinweis auf den Landauletaufbau wohl verborgen geblieben. Wie die Mechanik funktioniert, begreift man auch erst, wenn man den Wagen mit offenem Verdeck betrachtet.

Dies war leider bei den Classic Days nicht möglich, weshalb der Verfasser kein entsprechendes Foto zeigen kann.

Doch der Zufall will es, dass genau dieses Auto im Standardwerk „Horch – Typen, Technik, Modelle“ von Kirchberg/Pönisch auf Seite 239 abgebildet ist – und zwar mit geöffnetem Verdeck!

Nebenbei eine klare Kaufempfehlung für dieses Buch (und die parallel dazu im Verlag Delius-Klasing erschienenen Werke zu den übrigen Marken der Auto-Union). Damit ausgerüstet, machen solche Recherchen zu deutschen Vorkriegsautos doppelt Spaß…

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Classic Days 2018: Ein Mercedes 39/75 PS von 1907

So reizvoll die Beschäftigung mit Automobilen der Frühzeit auf alten Fotos auch ist – einem Wagen der Pionierzeit im Maßstab 1:1 zu begegnen, ist ein außerordentliches Erlebnis.

Bereits 2015 hatte der Verfasser anlässlich der Kronprinz Wilhelm Rasanz am Niederrhein das Vergnügen, sich in einem Cadillac 30 von 1912 in die Situation von Automobilisten vor über 100 Jahren zu versetzen.

Unter den Teilnehmern an der Ausfahrt waren auch frühe Exemplare aus dem Hause Daimler vom Typ „Mercedes Simplex“. Hier haben wir einen davon aus dem Jahr 1905 mit Karosserie von Rothschild, Paris:

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Daimler „Mercedes Simplex“; Bildrechte: Michael Schlenger

In Zeiten, in denen Kleinkinder bereits auf dem Dreirad zum Tragen von Helmen gezwungen werden, erscheint diese Situation gewagt. Mit der Sicherheitsobsession mancher Zeitgenossen würden wir allerdings heute noch zu Fuß gehen…

Diese Aufnahme zeigt nicht nur ein Beispiel entspannten Umgangs mit historischer Technik, sondern zugleich einen Mercedes-Wagen, der für die Markengeschichte von großer Bedeutung war.

Der im Herbst 1901 vorgestellte Mercedes Simplex verfügte über einen Vierzylindermotor, der 40 PS aus 6,6 Litern Hubraum schöpfte, was dem Auto auch bei Steigungen eine souveräne Kraftentfaltung ermöglichte.

In den Folgejahren bis 1907 tat sich stilistisch nur wenig an den Mercedes-Wagen, doch unter der Haube vollzogen sich große Fortschritte. Bereits 1905/06 hatten Paul Daimler und Wilhelm Maybach für Sportzwecke Sechszylindermotoren entwickelt.

Ab 1907 waren erstmals auch Serienwagen von Mercedes mit Sechszylinder verfügbar. Ein außergewöhnlich schönes Exemplar davon wurde 2018 bei den Classic Days auf Schloss Dyck gezeigt:

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Daimler „Mercedes“ 39/75 PS Spyder; Bildrechte: Michael Schlenger

Wie man sieht, steht dieser 1907 gebaute Wagen stilistisch noch in der Tradition des eingangs gezeigten Daimler „Mercedes Simplex“ von 1905.

Nach wie vor stößt die Motorhaube rechtwinklig auf die Schottwand, hinter der sich das Fahrer- bzw. Passagierabteil befindet. Allerdings folgt der obere Abschluss der Schotttwand hier bereits der Kontur der Motorhaube.

Die Schutzbleche verdienen mit ihrer expressiven Schrägstellung noch mehr die Bezeichnung „Kotflügel“ als beim konventioneller gestalteten Mercedes Simplex. Auffallend auch die harmonischere Gestaltung des unteren Kühlerabschlusses.

Ansonsten unterscheiden sich die beiden Wagen im vorderen Bereich kaum – wenn man von der Haubenlänge absieht. Beide tragen mächtige Messingscheinwerfer, die im Unterschied zu den an der Schottwand angebrachten, mit Petroleum betriebenen Positionsleuchten gasbetrieben waren (Danke für den Leserhinweis).

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Diese Laternen besaßen nicht umsonst Griffbügel – bei längeren unbefestigten Strecken wurden die empfindlichen Leuchten entfernt. Überliefert ist, dass sie anlässlich von Fernreisen mitunter in Holzwolle verpackt mit der Bahn ans Ziel geschickt wurden.

Dann konnte man zwar nur tagsüber fahren, aber das war angesichts der damaligen Straßenverhältnisse ohnehin ratsam. Noch in den 1920er Jahren sahen sich Automobilisten auf dem Lande nämlich mit solchen „Straßen“ konfrontiert:

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Fahrweg in Bulgarien (zwischen Varna und Burgas); Orignalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Bei derartigen Verhältnissen half die überragende Motorisierung des Mercedes mit 75 PS aus 10,2 Litern Hubraum zwar wenig. Dafür war man aber für alle Eventualitäten gewappnet – Steigungen ließen sich so mühelos überwinden.

Für die vermögende Kundschaft von Daimler war die Möglichkeit, bei Bedarf auch Fernreisen mit herausfordernden Partien absolvieren zu können, Teil des Leistungsversprechens eines Mercedes.

Der auf Schloss Dyck gezeigt zweisitzige „Spyder“ war freilich eher ein Modell, das den sportlichen Ehrgeiz betuchter Amateure ansprach. So wurde hier weder ein Verdeck noch viel Platz für Gepäck geboten:

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Daimler „Mercedes“ 37/75 PS; Bildrechte: Michael Schlenger

Die Heckpartie des Mercedes 37/75 PS Spyder wird vom Benzintank dominiert – ein schönes Beispiel für die Ästhetik ganz früher Automobile, die vom transparenten Nebeneinander funktioneller Bauelemente geprägt war.

Dabei mutet das Ergebnis keineswegs „kalt und technisch“ an, sondern erscheint durchaus reizvoll, was wohl den organisch wirkenden, geschwungenen Formen geschuldet ist, die der Mensch als besonders harmonisch empfindet.

Apropos geschwungen: Wer sich über den Verlauf des hinteren Schutzblechs wundert, dem sei gesagt: Auch er entspricht dem gestalterischen Grundsatz von „form follows function“, als dieser noch kein Dogma von auf den rechten Winkel, Stahl und Beton fixierten Bauhaus-Anhängern war:

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Daimer „Mercedes“ 39/75 PS; Bildrechte Michael Schlenger

Vor dem Hinterrad befindet sich nämlich das Antriebsritzel für den damals noch verbreiteten Kettenantrieb – seinen Konturen folgt das Schutzblech.

Neben solcher gestalterischen Raffinesse – Automobildesigner gab es damals übrigens nicht – beeindruckt auch der Umgang mit kontrastierenden Farbtönen, die wirkungsvoll Akzente setzen.

Weiter oben war bereits zu sehen, dass die Ledermanschetten um die vorderen Blattfedern in einem aufmerksamkeitsstarken Rot gehalten sind – wie auch die Sitze:

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Daimler „Mercedes“ 39/75 PS Spyder; Bildrechte: Michael Schlenger

Wer meint, die roten Bremssättel zeitgenössischer Sportwagen wären eine neuartige Idee, wird hier feststellen: alles dem Grundsatz nach schon mal dagewesen.

Was im übrigen von den Reifen zu halten ist, deren Profil den Schriftzug „NON  SKID“ – also rutschfest – wiedergibt, das kann sicher ein sachkundiger Leser sagen…

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Classic Days 2018: Hanomag 2/10 PS Sportversion

Wie im letzten Blogeintrag versprochen widmen wir uns in den nächsten Tagen einigen Preziosen der Vorkriegszeit, die bei den Classic Days 2018 auf Schloss Dyck zu bestaunen waren.

Dabei beginnen wir ganz klein – mit einer Sportversion des Hanomag 2/10 PS der späten 1920er Jahre, der wegen seiner Form im Volksmund als „Kommissbrot“ firmierte.

Hier ein Potpourri aus bereits vorgestellten Originalfotos des Serientyps, der als Limousine und offener Zweisitzer erhältlich war:

Man mag kaum glauben, dass dieses primitive Gefährt, dem der Erfolg eines echten Volkswagens versagt bleiben musste, auch einige Sporteinsätze erlebte.

Dazu wurde die Pontonkarosserie – das zukunftsweisendste Element des Wagens – entfernt und durch einen leichten Aufbau aus Korbgeflecht ersetzt.

Eine dieser „Renn“versionen kam sogar fast ganz ohne Karosserie aus und startete beim Eröffnungsrennen am Nürburgring 1927 aus der ersten Reihe(!).

Tatsächlich gelang dem aus Dortmund stammenden Fahrer Hellmuth Butenuth damit der Sieg in der Klasse bis 750ccm – und das mit gerade einmal 0,5 Liter Hubraum!

Eine dem Siegertyp ähnliche Sportversion des Hanomag 2/10 PS fand bei den Classic Days 2018 den Weg ins „Alte Fahrerlager“, das sonst überwiegend leistungsstarken Vorkriegsrennern vorbehalten ist:

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Hanomag 2/10 PS „Sport“; Bildrechte: Michael Schlenger

Zwar dürfte es sich beim Aufbau um kein Original der Vorkriegszeit handeln, aber der Monoposto mit Heckmotor hat erkennbar schon einige Jahrzehnte auf dem Buckel.

Vielleicht kennt ein Leser das Fahrzeug und kann etwas zu seiner Historie sagen.

Reizvoll sind auf jeden Fall die Einblicke, die diese leichtgewichtige Konstruktion aus Holz und Korbgeflecht auf dem originalen Rahmen erlaubt:

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Zu erkennen sind hier:

  • die unabhängige Aufhängung der Vorderräder an zwei übereinander angeordneten Querblattfedern,
  • die Hebel für Gangschaltung und Handbremse, die bei der Serienkarosserie im Innern lagen,
  • ein vierspeichiges Lenkrad, das von einem anderem Fahrzeug stammen dürfte – auf zeitgenössischen Fotos des Hanomag 2/10 PS sind nur drei Speichen zu sehen.

Kommen wir zum spannendsten Teil – dem Motor“raum“:

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Hanomag 2/10 PS „Sport“; Bildrechte: Michael Schlenger

Hier haben wir von rechts nach links:

  • den hoch hinter dem Fahrer angeordneten Benzintank, der eine Kraftstoffpumpe überflüssig machte,
  • den daran angeschlossenen Pallas-Steigstromvergaser,
  • den Zylinder mit Kühlwasserstutzen und dazwischen angebrachter Zündkerze,
  • den 6 Volt-Magnetzünder.

Auch die andere Motorseite lässt genau alle funktionellen Bauteile erkennen:

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Hanomag 2/10 PS „Sport“;Bildrechte: Michael Schlenger

Interessant sind hier vor allem zwei Elemente:

  • der am Motorgehäuse angebrachte zentrale Öler, von dem aus die Schmierstellen des Motors direkt versorgt wurden,
  • die Kette zum manuellen „Anreißen“ des Motors vom Innenraum aus.

Der Verzicht auf einen Anlasser bzw. die Anordnung des Anreißhebels links vom Fahrer gehört zu den zahlreichen Gründen, weshalb der Hanomag 2/10 PS ein Kuriosum blieb.

Wie ein bezahlbares vollwertiges Volksautomobil aussehen muss, hatten bereits Anfang der 1920er Jahre Ford, Austin und Citroen gezeigt.

Deutschen Herstellern fiel bis in die 30er Jahre in dieser Hinsicht kaum Besseres ein, als Nachbauten zu fabrizieren oder – wie im Fall von Hanomag – konstruktive Sackgassen zu beschreiten.

Aus heutiger Sicht sind freilich solche „Fehlzündungen“ von besonderem Reiz. Sie bieten Einblicke in das verschrobene Denken deutscher Automobilingenieure jener Zeit:

Hanomag_2-10_PS_Sport_Classic_Days_2018_6

Hanomag 2/10 PS; Bildrechte: Michael Schlenger

  • ein 1-Zylindermotor als PKW-Antrieb Mitte der 1920er Jahre – auf eine solche Lösung aus dem 19. Jh. muss man erst einmal kommen,
  • eine Hinterachse ohne Differential und mit Kettenantrieb – eine weitere Retro-Konstruktion aus den Anfängen des Automobils,
  • raffiniert immerhin der Antrieb des Kühlluftventilators durch den Kühler…

Doch sollten wir nicht zu harsch urteilen. Schließlich mühen sich „moderne“ Ingenieure in unseren Tagen ebenfalls verzweifelt an einer Technologie des 19. Jahrhunderts ab – dem Elektroauto.

Dabei sollte doch klar sein: weniger Mobilität als bei einem vollwertigen Automobil (und das zum drastisch höheren Preis!) ist keine Innovation und fällt beim Kunden durch – das lehrt uns das Hanomag Kommissbrot auch in der „Sportversion“…

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Ich bin ein Berliner! Austin Seven „Nippy“

Wie spannend selbst die Beschäftigung mit einstigen „Brot-und-Butter“-Automobilen der Vorkriegszeit sein kann, macht der heutige Blogeintrag deutlich – hoffentlich.

Denn die Basis für das Auto, dem wir uns heute anhand eines schönen historischen Fotos nähern, ist „bloß“ ein Austin Seven. Doch sollte man den von 1923-39 in rund 300.000 Exemplaren gebauten britischen Kleinwagen nicht unterschätzen.

Der „Seven“ war nicht nur ein Riesenschritt in Richtung Volksmotorisierung – was in Deutschland erst nach dem Krieg gelang – er stellte auch die Grundlage für sportliche Sonderausführungen dar.

Eine davon haben wir bereits vor einiger Zeit präsentiert:

Austin7_Roadster_Nachkrieg_Galerie3

Austin Seven „Special“; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Das in England um 1960 entstandene Foto haben wir hier ausführlich besprochen. Da wir bei der Gelegenheit auch die unglaublich anmutende Vorgeschichte des Austin Seven erzählt haben, wollen wir diese heute überspringen.

Stattdessen wenden wir uns einem besonderen Kapitel der Modellgeschichte des Austin „Seven“ zu – der Produktion in Deutschland. Wer nun gleich an die Lizenzfertigung im Eisenacher Dixi-Werk denkt, liegt damit nur bedingt richtig.

Denn nach Auslaufen des als Dixi DA1 bekannten Austin-Nachbaus gab es nochmals eine Fertigung des „Seven“ in Deutschland, der diesmal „echte“ Austins entstammten.

So montierte die in Berlin ansässige Willys-Overland-Crossley GmbH ab 1932 aus (wahrscheinlich komplett angelieferten) Teilesätzen einige hundert Austin „Seven“. Abgesehen von der Linkslenkung entsprachen sie ganz dem britischen Original.

Einen solchen Austin Seven „Made in Berlin“ haben wir auf folgenden Foto vor uns:

Austin_Seven_Nippy_Zulassung_Berlin_Galerie

Austin Seven „Nippy“; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Der Wagen ist offenbar nicht nur ein Linkslenker, sondern trägt auch das Austin-Flügellogo auf dem Kühler und weist eine Zulassung in Berlin (Kennung: „IA“) auf – mehr Hinweise auf die Herkunft des Wagens kann man sich kaum wünschen.

Man beachte bei der Gelegenheit die hochwertig gestalteten Details wie die vollverchromten Scheinwerfer und das Steinschlagschutzgitter.

Ein Austin Seven war keine billig gemachte Verlegenheitslösung, sondern ein vollwertiges Auto, nur das Reifenformat erinnert an Cyclecars:

Austin_Seven_Nippy_Zulassung_Berlin_Frontpartie

Doch interessanter ist die besondere Ausführung der Karosserie als zweisitziger Roadster mit tiefem Türausschnitt und Notverdeck.

Das gab es nämlich so nur am 1933 vorgestellten Austin Typ 65, der später als „Nippy“ (dt.: spritzig, flink) vermarktet wurde.

Die 65 stand übrigens für das Spitzentempo in Meilen, das knapp 105 km/h betrug. Dazu hatte man die Leistung des 750ccm-Vierzylinders auf über 20 PS erhöht und den Wagen windschnittiger gestaltet.

Mit diesem kleinen Sportwagen konnte man sich sehen lassen, wie einst wohl auch die freundliche junge Dame am Lenkrad meinte:

Austin_Seven_Nippy_Zulassung_Berlin_Seitenpartie

Ganz billig war diese Sportausführung des Austin Seven nicht: Während die Basisversion für 2.100 Reichsmark zu bekommen war, wurden für den in Berlin produzierten Nippy 2.650 Mark aufgerufen.

Doch speziell im Segment sportlicher Zweisitzer hatte die inländische Konkurrenz in dieser Preisklasse praktisch nichts zu bieten. Der nominell gleichstarke BMW 309 war nicht annähernd so flott (Spitze 80 km/h), kostete aber über 4.000 Mark.

Kein Wunder, dass die Ausführung „Nippy“ im Deutschland der 1930er Jahre zu den beliebtesten Versionen des Austin Seven gehörte. Mindestens einer davon existiert sogar noch!

Diese und andere faszinierenden Details sind in einem wunderbaren Buch zu finden, das der Verfasser allen Liebhabern von Vorkriegsautos empfiehlt:

Austin und Willys aus Berlin, von Klaus Gebhardt, Verlag Kraftakt, 2013

Noch etwas: Ein sportlich zurechtgemachter Austin Seven gehört noch heute zu den preisgünstigsten Spaßmobilen der Vorkriegszeit – zudem mit ausgezeichneter Ersatzteilversorgung.

Wieviel Freude speziell der Austin Seven „Nippy“ macht, das zeigt dieser kleine Film eines britischen Enthusiasten:

Hochgeladen von: Richard J Basquil; Videoquelle: Youtube.com

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Fund des Monats: Hanomag „Sturm“ Sport-Zweisitzer

Der Juli des Jahres 2018 geht seinem Ende entgegen – in Deutschland herrscht ein Hochsommer, wie es ihn vielleicht nur einmal alle 20 Jahre gibt.

Dem einen oder anderen wäre vielleicht zur Abwechslung etwas Abkühlung willkommen – wie wäre es da mit einem Ausflug an die Ostsee? Im Cabriolet direkt an den Strand und dann hinein ins Vergnügen?

Klingt verlockend – die Sache hat nur einen Haken, zumindest für die Freunde von Prestigemarken: Als fahrbarer Untersatz steht bloß ein Hanomag zur Verfügung.

Oje, mag mancher denken, wieder eine dieser lahmen Kisten aus der Hannoverschen Maschinenfabrik. Sehen zwar ganz gut aus und sind auch nicht kaputtzukriegen – aber etwas Flotteres wäre schon schön…

Keine Sorge, heute werden alle Wünsche wahr, auch wenn es am Ende „nur“ ein Hanomag sein wird, der uns ihnen näherbringt. Also flugs das Allernötigste in die Reisetasche gepackt – wir haben nämlich nicht viel Platz – und los geht’s.

Bis zur Ostsee ist der eine oder andere Stopp einzulegen, hier ein schöner Schnappschuss von einer der neuen Tankstellen an der Reichsautobahn:

Hanomag_Sturm_Cabriolet_Autobahn_Ausschnitt

Hanomag „Sturm“ Sport-Zweisitzer; Abbildung aus einer zeitgenössischen Illustrierten aus Sammlung Michael Schlenger

Tja, gegen diesen schicken Hanomag sieht der Mercedes ziemlich alt aus, oder?

Hier haben wir auch etwas ganz Feines vor uns, was selbst eingefleischte Vorkriegsfreunde kaum je zu Gesicht zu bekommen haben.

Der sportliche Wagen mit Berliner Zulassung, der vom Tankwart gerade das Kühlwasser aufgefüllt bekommt, ist ein Hanomag „Sturm“ mit Aufbau als offener Sportzweisitzer.

Unter der Haube, an deren Ende eine knapp bemessene Windschutzscheibe saß, befand sich der 6-Zylindermotor mit 2,3 Liter Hubraum, der auch die schwere Limousine des Modells „Sturm“ antrieb.

Während der Bauzeit von 1934-39 stieg die Leistung von 50 auf 55 PS – BMW bot damals bei den prestigeträchtigen Typen 326 und 327 auch nicht mehr.

Unser flotter Sportzweisitzer war damit nicht schlecht motorisiert – gut 120 km/h Spitze wird er dank kleinerer Stirnfläche und geringeren Luftwiderstands erreicht haben.

Genaues dazu findet sich in der spärlichen Literatur zu den Hanomag-PKW nicht. Immerhin lässt sich annehmen, dass der oben abgebildete Sport-Zweisitzer seinen Roadster-Aufbau von der Karosseriebaufirma Hebmüller erhielt.

Was wir dagegen am Ende unserer Reise am Ostseestrand vorfinden, ähnelt diesem rassigen Wagen nur auf den ersten Blick:

Hanomag_Sturm_Cabriolet_Ostsee_08-1936_Galerie

Hanomag „Sturm“ Sport-Zweisitzer (Karosserie unbekannt); Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Ist das nicht ein hinreißender Wagen? Dieses Auto gehört nach Meinung des Verfassers zu den hervorragendsten Schöpfungen des deutschen Automobilbaus der 1930er Jahre. Dabei ist bis heute nicht geklärt, wer einst die Karosserie lieferte.

Sie unterscheidet sich in einer ganzen Reihe von Details vom bekannten Hebmüller-Aufbau und wirkt noch raffinierter. Einen schöneren Hanomag-PKW kann man sich jedenfalls kaum vorstellen.

Werfen wir einen näheren Blick auf dieses Traumstück:

Hanomag_Sturm_Cabriolet_Ostsee_08-1936_Ausschnitt1

Das Flügellogo von Hanomag ist hier elegant auf der Oberseite der Kühlermaske platziert, nicht auf der Mittelstrebe.

Die lackierten Scheibenräder und der auffallend schmale Luftaustritt in der Haube sorgen ebenfalls für ein ruhiges, klares Erscheinungsbild. 

Die profilierte Stoßstange dagegen passt nicht so recht – sie gleicht der Serienausführung am kleineren Schwestermodell „Rekord“. Das Nummernschild verweist übrigens auf eine Zulassung im Landkreis Neuwied.

Die extrem niedrige Frontscheibe mit den markanten A-Säulen ist eine weitere Besonderheit, die bislang nur an diesem „Sturm“ Sport-Zweisitzer zu finden war.

Weiter geht es entlang der Seitenpartie:

Hanomag_Sturm_Cabriolet_Ostsee_08-1936_Ausschnit2

Im Unterschied zum Hebmüller-Roadster ist hier kein tiefer Türausschnitt zu sehen. Vielmehr fällt die Karosserielinie nur sanft ab, um am Ende der Tür nochmals leicht nach oben zu schwingen.

Akzentuiert wird diese delikate Linienführung, die jede Gerade meidet, durch eine breite Zierleiste, die zeittypisch als Kometenschweif ausläuft.

Man ahnt vielleicht, welches Können es erforderte, einen solchen sinnlich anmutenden Karosseriekörper aus Blech zu gestalten.

Wer auch immer dafür verantwortlich war, muss ein Mensch von erlesenem Geschmack gewesen sein. Denn nicht nur wurde auf das störende Element eines außenliegenden Türgriffs verzichtet, auch seitliche Kotflügelschürzen entfielen.

Damit erfolgte ein bewusster Rückgriff auf das formale Vokabular früherer Zeiten, denn nach unten gezogene Kotflügelseiten waren ab Mitte der 1930er Jahre Standard.

Zusammen mit der ungewöhnlich niedrigen Frontscheibe erinnert dieser herrliche Hanomag „Sturm“ an britische Sportwagen der späten 1920er Jahre. Von einer nicht ganz alltäglichen Auffassung zeugt auch das minimalistische Verdeck.

Wäre dieser Hanomag ein Roadster, wäre der Verzicht auf ein gefüttertes und niedergelegt hochbauendes Verdeck schlüssig. Hier haben wir aber ein lupenreines Cabriolet vor uns, bei dem man anderes erwarten würde.

Hat ein Leser eine Idee, wer für diese außergewöhnliche Kreation auf Basis eines Hanomag  „Sturm“ verantwortlich war? Vom Stil her dachte der Verfasser an Gläser aus Dresden, konnte aber bislang kein Vergleichsexemplar finden.

Von der Aufnahmesituation wissen wir nur, dass der Hanomag im August 1936 irgendwo an der Ostsee fotografiert wurde. Es war das Jahr der Olympischen Spiele, in dem Deutschland die Welt als modernes, elegantes und gastfreundliches Land beeindruckte.

Doch gleichzeitig nahm das totalitäre Regime an Fahrt auf, band die „Volksgenossen“ immer stärker in ein umfassendes Bevormundungssystem ein, drängte die unternehmerische Freiheit zurück, unterdrückte über Gleichschaltung der Presse und staatlichen Rundfunk abweichende Meinungen und bestrafte Gegner durch Berufsverbote – im günstigsten Fall. Daneben lief die Wiederaufrüstung der Armee…

Dieses bedrückende Umfeld, das sich die Mehrheit der Deutschen so nicht ausgesucht hatte, ist im Hintergrund stets mitzubedenken, wenn wir Fotos jener Zeit betrachten.

Dennoch waren im Hochsommer vor fast 80 Jahren noch unbeschwerte Momente wie der möglich, der damals an der Ostsee an einem menschenleeren Strand festgehalten wurde.

Hier zum Abschluss – und weil es so schön ist – das Originalfoto in voller Pracht:

Hanomag_Sturm_Cabriolet_Ostsee_08-1936_Vollbild

Hanomag „Sturm“ Sport-Zweisitzer; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Man stelle sich nun irgendeinen Wagen unserer Zeit vor – am selben Ort, mit demselben intensiven Licht, dem Sand unter den Reifen, der See und dem wolkenlosem Himmel im Hintergrund.

Könnte eine der motorisierten Blechbüchsen und Plastikschüsseln unserer Tage diese Magie entfalten? Nein, und genau das ist der Kern der Leidenschaft für Vorkriegsautos…

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Fund des Monats: NAG C4b „Monza“ im Sporteinsatz

Historische Originalfotos von Wagen der einstigen Berliner Automobilfirma NAG sind auf diesem Blog für Vorkriegsautos keine Seltenheit.

Zwar entstanden nach heutigen Maßstäben nicht sehr viele Autos der 1901 gegründeten AEG-Tochtergesellschaft, doch erwarben sie sich durch ihre Qualität und ihr unverwechselbares Äußeres einen besonderen Ruf.

NAGs besaßen von Anbeginn einen ovalen Kühlerausschnitt, den man auch in der Spitzkühlerära bis Mitte der 1920er Jahre beibehielt.

Das damals verbreitetste NAG Modell war der Typ C4 10/30 PS mit 2,6 Liter-Vierzylinder, den wir hier als Hochzeitsauto sehen:

NAG_C4_Hochzeitsauto_Galerie

NAG C4 10/30 PS Tourenwagen; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dieses brav wirkende, ab 1920 gebaute Modell wies keinerlei technische Auffälligkeiten auf. Die strömungsungünstig seitlich stehenden Ventile standen einer sportlichen Verwendung entgegen – würde man erwarten.

Tatsächlich schaffte das in der Serienausführung als Tourenwagen 1,5 Tonnen schwere Gefährt nur Spitzentempo 75. Dessenungeachtet inspirierten die offenen Versionen einige Besitzer zumindest zur Teilnahme an Wettbewerbseinsätzen, bei denen die Beherrschung des Wagens wichtiger war als die Höchstleistung.

Ein schönes Beispiel dafür haben wir auf folgender Aufnahme, die anlässlich einer der einst beliebten Geschicklichkeitsprüfungen entstand:

NAG_C4_Wettbewerb_galerie

NAG C4 10/30 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Leider scheint der NAG-Fahrer den Schwerpunkt seines Wagens falsch eingeschätzt zu haben („Der Mittelpunkt bin doch ich!“) und die Wippe beginnt sich unter der Last des Motors bereits nach vorn zu neigen. Der Warnruf des Beifahrers erfolgt zu spät…

Dafür bekommt man einen Eindruck von den beachtlichen Abmessungen des Wagens – mit Radstand von 3,20 m und Gesamtlänge von rund 4,70 m war der NAG Typ C4 ganz klar ein Oberklassefahrzeug.

Sein Konstrukteur – Ingenieur Christian Riecken – fand sich jedoch nicht mit dem behäbigen Charakter seiner Schöpfung ab; er wusste, dass mehr darin steckte.

Um den Wagen für Sporteinsätze geeignet zu machen, änderte er die Vergaserabstimmung, verbaute Leichtmetallkolben und senkte das Fahrzeuggewicht drastisch, nur der Hubraum blieb unverändert. Das Konzept sollte sich auszahlen:

  • Mit der Sportversion trat Riecken selbst beim ersten Rennen auf der neugebauten Berliner AVUS im September 1921 an. In der Klasse bis 10 Steuer-PS setzte er sich gegen die gesamte Konkurrenz, u.a. von Opel, Horch und Stoewer, durch.
  • 1922 belegten NAG-Sporttypen auf der AVUS in ihrer Klasse die ersten drei Plätze.
  • Bei der russischen Zuverlässigkeitsfahrt 1923, die über 2.000 km führte, siegte NAG in der Gesamtwertung. Robustheit war damals wichtiger als Spitzenleistung.
  • Der größte Triumph war der Sieg beim 24-Stunden-Rennen 1924 im italienischen Monza, wo der NAG sogar die Alfa-Romeos der 3-Liter-Klasse schlug.

Nach dieser Sensation in Italien bot NAG vermögenden Privatfahrern eine leichte Sportausführung des Typs C4 mit anfänglich 40 (später bis 50 PS) an, die den prestigeträchtigen Zusatz „Monza“ trug.

Solch ein Fabeltier sehen wir hier bei einem lokalen Rennen irgendwo in Deutschland:

NAG_C4b_Monza_1_Zieleinfahrt_Galerie

NAG C4b „Monza“; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Festgehalten ist hier der Moment der Zieleinfahrt. Das entsprechende Banner und die triumphierende Geste des Herrn im Heck sprechen für sich.

Wir dürfen annehmen, dass es sich um eine Veranstaltung irgendwo in der Provinz handelte, wie die spärlichen Zuschauer verraten. Das Kennzeichen des NAG weist übrigens auf eine Zulassung in Braunschweig hin.

Wie die meisten Sportversionen gängiger Modelle besaß auch der NAG C4b eine Straßenzulassung, d.h. der Besitzer fuhr auf eigener Achse wieder nach Hause. Offenbar hielt sich sein sportlicher Ehrgeiz bei dieser Gelegenheit ohnehin in Grenzen.

Denn mit zwei zusätzlichen Passagieren litt das Leistungsgewicht des NAG erheblich. Für diese frei verkäufliche Straßensportversion wird ein Spitzentempo von 100 km/h angegeben; nur die Werksrennwagen schafften über 130 km/h.

Dass ein Ritt im NAG C4b „Monza“ auch so Spaß machte, belegen die glücklichen Mienen der Insassen, soweit wir sie auf diesem Ausschnitt erkennen können:

NAG_C4b_Monza_1_Zieleinfahrt_Ausschnitt

NAG Typ C4b „Monza“; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Schön und gut, könnten nun verwöhnte Leser sagen, aber vom Auto sieht man auch hier nicht viel mehr als den NAG-typischen ovalen Spitzkühler. Immerhin wirkt die v-förmig unterteilte und niedrige Windschutzscheibe sportlich.

Wer genau hinsieht, erkennt außerdem die freistehenden leichten Schutzbleche, die es nur an der Sportversion gab.

Zum Glück ist das nicht alles, liebe Freunde der Vorkriegsautomobile. Zusammen mit dieser Aufnahme konnte der Verfasser nämlich ein zweites Foto erwerben, das denselben Wagen bei derselben Gelegenheit zeigt.

Diese Aufnahme ist nun eine, die keine Wünsche offenlässt – schöner und detailreicher abgelichtet wird man einen NAG des Sporttyps C4b „Monza“ auf einer Privataufnahme kaum finden:

NAG_C4b_Monza_1_Galerie

NAG Typ  C4b „Monza“; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

An eine schier endlose Motorhaube mit seitlich geführtem, armdicken Auspuffrohr schließt sich ein minimalistisches Passagierabteil an.

Interessanterweise besaßen auch die auf der Avus 1926 eingesetzten Werksrennwagen des Typs NAG C4 eine zweite Sitzreihe wie die Straßensportausführung auf unserem Foto. Dies entsprach den Anforderungen in der speziellen Klasse, in der NAG antrat

Bei den echten Renneinsätzen wird man zumindest auf die Mitnahme eines Koffers am Heck und gleich zwei Ersatzreifen sowie einen besonders gutgenährten Passagier wie auf dem Foto verzichtet haben:

NAG_C4b_Monza_1_Insassen

Während wir die Herren schon bei der Zielfahrt an Bord des NAG sehen konnten, werden die Dame mit den Blumen und der junge Bursche im Hintergrund nicht mitgefahren sein – doch bei der mutmaßlichen Siegerehrung wollten sie nicht fehlen.

Interessant ist auf diesem Ausschnitt übrigens das Scheibenrad – in der Literatur ist beim NAG C4b „Monza“ nur von Drahtspeichenrädern die Rede. Gut möglich, dass der Besitzer dieses Wagens der unkomplizierteren und robusteren Lösung den Vorzug gab.

Man sieht: Die wahre Bandbreite dessen, was in der Vorkriegszeit auf den Straßen und Rennstrecken unterwegs war, erschließt sich erst beim Studium zeitgenössischer Originalfotos, denn die Wagen selbst sind meist Geschichte.

Immerhin hat zumindest einer der Seriensportversionen des Typs NAG C4b „Monza“ im Deutschen Technikmuseum in Berlin überlebt. Für Cineasten mag auch interessant sein, das einer dieser Wagen in einem russischen Stummfilm von 1926 „mitspielte“.

Wer nun auf den Appetit gekommen ist, dem sei an dieser Stelle gesagt, dass sich im Fundus des Verfassers zwei weitere Aufnahmen von NAG-Wagen des Sporttyps C4b „Monza“ befinden.

Die müssen aber noch ein wenig warten, es gibt ja soviel mehr Spannendes im Vorkriegssektor, das erzählt und illustriert werden will…

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Schon sehr speziell: Ein Graham-Paige von 1928

Es soll Leute geben, die US-Automobile der Vorkriegszeit für langweilige Massenware halten. Primitive Motoren, schlechte Fahrwerke und einfallslose Optik, so lauten gängige Vorurteile.

Ignoriert wird dabei: Ohne die Konkurrenz der modernen, robusten und erschwinglichen US-Wagen der 1920er Jahre hätten die deutschen Hersteller an überholten Konzepten festgehalten und weiter in Manufaktur produziert.

Die „Amerikaner-Wagen“ waren damals in jeder Hinsicht das Vorbild, an dem man sich orientierte, und sei es erst einmal mit gekonnten Nachbauten wie im Fall des Adler Standard 6.

Die deutschen Hersteller holten zwar allmählich auf, doch noch in den 1930er Jahren kamen die entscheidenden Impulse aus den USA. Zu den Höhepunkten gehörte nicht nur nach Ansicht des Verfassers dieses Fahrzeug:

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Graham Blue Streak; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Das ist keine Stilikone aus einer französischen Karosserieschmiede, sondern ein eigenständiges Modell eines amerikanischen Nischenherstellers.

Mit dem „Blue Streak“ landete die gerade einmal fünf Jahre alte Firma Graham-Paige 1932 zwar wirtschaftlich keinen großen Erfolg – dafür waren die Stückzahlen zu gering – doch kein Wagen hatte größeren Einfluss auf die Automobilgestaltung jener Zeit.

Nebenbei ein Beispiel dafür, dass die großen Entwicklungsschübe oft nicht von etablierten, bequem gewordenen Herstellern kommen. Die ganze Geschichte des auch technisch fulminanten Modells ist auf diesem Blog hier zu lesen.

Gegen den „Blue Streak“ mutet der eigentliche Gegenstand des heutigen Blog-Eintrags bieder und belanglos an – auf den ersten Blick:

Graham-Paige_1928_Umbau_Galerie

Graham-Paige von 1928; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Wer bei Vorkriegsautos nicht nur Karosseriedetails und technische Daten im Sinn hat, sondern das gesamte damalige Umfeld faszinierend findet, wird schon die drei Herren mit zeittypischem Gummimantel wohlwollend registrieren.

Dieses klassische Kleidungsstück bieten hervorragenden Regen- und Windschutz, wie der Verfasser aus einer Ausfahrt in einem Cadillac 30 von 1912 weiß.

Immer wieder herrlich zu sehen, zu welchen Kabinettstückchen diese heute so sorgsam gehüteten Vorkriegswagen einst ihre Zeitgenossen veranlassten:

Graham-Paige_1928_Umbau_Frontpartie

Anders als mancher heutige Besitzer, der verbiestert dem „Besser als neu“-Zustand seines Vehikels hinterherputzt, hatten unsere Vorfahren Freude an ihren Gefährten.

Auch sonst wird sich diese Aufnahme in punkto „authentischer Originalzustand“ noch als überraschend erweisen. Doch erst einmal zur Identifikation des Wagens, an der der Verfasser längere Zeit scheiterte.

Nach Erwerb der US-Vorkriegsautobibel „Standard Catalog of American Cars“ von B.R. Kimes & H.A. Clark gelang es aber, das Rätsel zu lösen – zumindest das des Typs.

Es handelt sich um einen Wagen der erst 1927 entstandenen Marke Graham-Paige. Die markanten Nabenkappen, die Scheibenräder und die leicht spitz zulaufende Kühlermaske passen zum Modelljahr 1928.

Über 70.000 Sechs- und Achtzylinder konnten die aus dem LKW-Geschäft stammenden Gebrüder Graham von ihrem Erstling absetzen – in einem Jahr! Damit hätten sie 1928 70 % der Neuzulassungen im Deutschen Reich abdecken können…

Tatsächlich besaß der Graham-Paige auf dem Foto eine deutsche Zulassung. Doch jenseits der Vorderpartie wirft der Wagen Rätsel auf:

Graham-Paige_1928_Umbau_Seitenpartie

Da wäre zunächst der in der Mitte unterteilte Holzrahmen, der vor dem ursprünglichen Frontscheibenrahmen angebracht wurde. War die durchgehende Originalscheibe geborsten und hatte man sie durch zwei kleinere Scheiben ersetzt?

Warum sind im Innenraum keine gepolsterten Sitze zu sehen und was ist mit der im Original vorn angeschlagenen Tür passiert? Eine diagonal angebrachte Holzlatte scheint stattdessen montiert zu sein.

Der kurze Rahmen des Wagens lässt vermuten, dass wir es mit einem ursprünglich zweitürigen Cabriolet- oder Roadster-Aufbau zu tun haben. Wie es scheint, wurde dieser Graham-Paige nach nur wenigen Jahren in eine Spezialversion verwandelt.

Über die Gründe können wir nur spekulieren. Vielleicht hatte der Wagen einen Unfall und jemand nahm sich des Wracks an, um daraus ein Spaßgefährt zu bauen.

Belegt sind Autos aus der Zeit vor dem 1. Weltkrieg, die in der Zwischenkriegszeit bei deutschen Segelflugclubs als umgebaute Anschleppfahrzeuge landeten. Irgendwie mutet der Graham-Paige wie solch ein zweckentfremdetes Vehikel an.

Über Ideen aus der Leserschaft, was es mit diesem speziellen Graham-Paige auf sich hat, freut sich der Verfasser. Überzeugende Erklärungen werden dann in den Blogeintrag eingearbeitet.

Noch etwas: Zwischen dem Graham-Paige auf dem ersten und demjenigen auf dem zweiten Foto liegen gerade einmal vier Jahredas war Fortschrittsdynamik!

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