Vom Chauffeur zum Milchmann: Ein Brennabor in den 1920ern

Was hätten unsere Vorfahren vor 100 Jahren – Anfang der 1920er – wohl zu den „Problemen“ unserer Zeit gesagt?

Toiletten für das „dritte Geschlecht“, bizarre Schreibvorschriften wie „Bürger/innenmeister*inkandidat_in“ oder die Zerstörung einer über Jahrzehnte aufgebauten zuverlässigen Stromversorgung, ohne gleichwertigen Ersatz dafür zu haben.

Undenkbar? Hirnrissig? Dekadent? – Vor 100 Jahren hätte man sich jedenfalls kaum vorstellen können, wie man freiwillig Krieg gegen das Selbstverständliche, Bewährte, Funktionierende führen kann, das Voraussetzung einer stabilen Gesellschaft ist.

Gerade hatte man in Deutschland einen Krieg gegen die halbe Welt verloren und war dringend auf alles angewiesen, was noch funktionierte, worauf man sich verlassen konnte, woran man anknüpfen konnte, um nichts ins Chaos zu stürzen.

Wer den Krieg überlebt hatte, war nach dem Zusammenbruch der bisherigen Ordnung oft genug auf sich selbst zurückgeworfen, musste zusehen, wie er aus dem etwas machte, was er konnte. Da waren keine versponnenen Visionen gefragt, sondern elementare Dinge.

Rückblende: Kurz vor dem 1. Weltkrieg posierten einst stolze Chauffeure am Lenkrad der Automobile, die ihnen von seiten der Besitzer anvertraut worden waren:

Brennabor um 1912; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Vorn sehen wir ein majestätisches Landaulet auf Basis eines Brennabor, den man auch ohne den Schriftzug auf dem Kühler an dessen Form als solchen erkennen würde.

Das oben abgetreppte Kühlerprofil erfordert eine Einbuchtung der Oberseite der Motorhaube, die sich wie bei Wagen der belgischen Marke Minerva nach hinten verliert. Auf dieses Element komme ich später zurück.

Für das prachtvolle Gefährt kommen aus meiner Sicht nur die stärkeren Modelle der Marke aus Brandenburg an der Havel in Frage – speziell die Typen 8/22 PS und 10/28 PS mit konventionellem Vierzylindermotoren mit 2 bzw. 2,5 Litern Hubraum.

Diese Wagen repräsentierten enorme Werte, Betrieb und Wartung erforderten großes Können. Entsprechend hoch waren die Anforderungen an die Fahrer, die man damals eigens dafür anstellte. Chauffeur eines Automobils zu sein, war ein Privileg.

So finden sich unzählige Dokumente wie das eingangs gezeigte, auf denen die Fahrer selbstbewusst in den Wagen posierten, die man ihnen mitsamt Insassen anvertraute.

Nach Ende des 1. Weltkriegs war es in vielen Fällen vorbei mit diesen auch für die Chauffeure komfortablen Verhältnissen. Viele Fahrer hatten zwar während des Kriegs dank ihrer Qualifikation in den Kraftfahrtruppen einen relativ risikoarmen Dienst verrichtet.

Doch wie viele Kameraden standen sie 1918 oft genug vor dem Nichts und mussten sich mit dem durchschlagen, was sich gerade eben anbot. So konnte es geschehen, dass der nächste „Karriere“schritt eines Chauffeurs die Position als Milchmann war:

Brennabor um 1912, umgebaut zum Lieferwagen; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Über die Fracht dieses in den 1920er Jahren in Berlin aufgenommenen Lieferwagens gibt es nicht viel zu spekulieren – es sei denn, man gehört bereits einer Generation an, die noch nie eine Milchkanne gesehen hat und alles für selbstverständlich online verfügbar hält.

Doch was ist das für ein merkwürdiges Gefährt, das wirkt, als sei es aus mehreren Fahrzeugen zusammengesetzt? Das ist auf den ersten Blick gar nicht so einfach zu beantworten.

Auf Anhieb klar ist nur, dass die Ladefläche anstelle der ehemaligen Rücksitze eines typischen Tourenwagens der Zeit vor dem 1. Weltkrieg angebracht wurde. Zum Vergleich hier eine Aufnahme eines Stoewer B5 mit ähnlichem (noch vollständigen) Aufbau:

Stoewer B5; Originalfoto aus Sammlung Matthias Schmidt (Dresden)

Man kann sich gut vorstellen, wie einfach hinter der vorderen Sitzreihe ein „Schnitt“ gemacht wurde und der rückwärtige Aufbau einer Ladepritsche geopfert wurde.

Durch eine solche Modifikation wurde die Stabilität des Wagens in keiner Weise beeinträchtigt, denn die Karosserien waren damals noch nicht selbsttragend, sondern ruhten auf einem massiven Leiterrahmen, der entscheidend für die Steifigkeit war.

Was lässt sich nun zum Hersteller des einst zum Lieferwagen umgebauten Autos sagen? Dazu werfen wir einen näheren Blick auf die Frontpartie, die bei fast allen Wagen der Zeit bis in die 1920er Jahre das einzige Markentypische war:

Auch wenn hier auf dem Kühler kein Markenschriftzug zu erkennen ist, dürfen wir sicher sein, dass wir es ebenfalls mit einem Brennabor aus derselben Zeit zu tun haben wie dem eingangs gezeigten herrschaftlichen Landaulet.

Achten Sie auf die Einbuchtung der Motorhaube am vorderen Ende, die das Profil des Kühlers nachzeichnet – ganz wie beim Brennabor auf dem ersten Foto!

Zwar irritieren die Luftschlitze – man findet sie an Wagen dieser Marke aus der Zeit vor dem 1. Weltkrieg nicht. Doch bei näherem Hinsehen erweisen sie sich als nachträglich angebracht (die Höhe variiert deutlich), was auf Kühlprobleme im Stadtbetrieb bei niedrigen Geschwindigkeiten hindeutet.

Vermutlich hat dieser einst als Reisewagen gebaute Brennabor nach dem 1. Weltkrieg keine luftigen Landstraßen mehr gesehen, sondern mit seiner Ladefläche und den nachgerüsteten elektrischen Scheinwerfern noch etliche Jahre Dienst in der Großstadt geschoben.

Der Fahrer dieses damals schon veralteten Autos mag vor dem Krieg bessere Zeiten als Chauffeur bei feinen Leuten gesehen haben – nun brachte er diesen, die vielleicht ihr Vermögen eingebüßt hatten, die Milch in ihre deutlich geschrumpfte Wohnung.

„Johann, treu wie immer, danke dass Sie uns die Milch die steile Treppe hochtragen“, so mag sich die einstige Brötchengeberin bedankt haben und ihm zu Weihnachten als Anerkennung einen Silberlöffel aus besseren Zeiten zugesteckt haben.

Vom Lenker eines stolzen Automobils in besseren Kreisen zum prekär beschäftigten Lieferanten „befördert“ zu werden, das wünscht man niemandem – und doch droht in unseren Tagen vielen genau dieser abschüssige Weg, während die Axt an die hochkomplexen Strukturen gelegt wird, die (noch) unseren Wohlstand ausmachen.

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Luxusproblem: Familienzuwachs beim Horch 470/480 Sport-Cabriolet

Heute widme ich mich dem Luxusproblem, in welchem Umfang die in meiner Horch-Galerie versammelte Familie von Sport-Cabriolets des Typs 470/480 aus den Jahren 1931/32 Zuwachs verzeichnen kann.

Insgesamt knapp 350 Stück von dem edlen 2-Fenster-Cabriolet mit Achtzylindermotor (wahlweise 90 PS oder 100 PS) entstanden, laut Literatur die meisten im Werk selbst.

Für einen Wagen dieses Kalibers sind das beinahe orientalische Familienverhältnisse und dementsprechend konnte ich etliche Vertreter davon auf alten Fotos dingfest machen.

Doch keine Sorge: Im Unterschied zu den zehntausenden „Ortskräften“, die dem überschaubaren einstigen Bundeswehr-Kontingent in Afghanistan angeblich zuarbeiteten (wohl als Dolmetscher, Fahrer, Stiefelputzer, Mundschenk, Masseur und Privatkoch), wird sich der Familienzuwachs im vorliegenden Fall in engen Grenzen halten.

Beginnen wir mit dem Exemplar in meinem Fundus, das ich vor einigen Jahren als erstes identifizieren konnte:

Horch 470 oder 480; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Es gibt natürlich bessere Aufnahmen des Typs als diese, doch alle wesentlichen Details sind selbst auf diesem mittelmäßigen Schnappschuss zu sehen:

Zwei Reihen Haubenschlitze in Verbindung mit Drahtspeichenrädern und einem Steinschlaggitter vor dem Kühler sind ein zuverlässiger Hinweis auf den Horch 470 bzw. 480. Das Sport-Cabriolet besaß – wie hier zu sehen – vorn angeschlagene Türen. Beim viertürigen Sedan-Cabrilolet galt das nur für die hinteren Türen.

Man merke sich bei dieser Gelegenheit den reichlichen Abstand zwischen dem Türende und dem hinteren Türabschluss – auf dieses Detail komme ich am Ende zurück.

Zwar ist davon auf folgender Aufnahme nichts zu sehen, doch dafür haben wir einen besseren Blick auf das erwähnte Steinschlaggitter, welches nur beim Horch 470/480 serienmäßig verbaut wurde:

Horch 470 oder 480 Sport-Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Als weiteres wichtiges Merkmal dieses Typs ist hier die einteilige Stoßstange zu sehen.

Während sich die zwei Reihen Haubenschlitze und die Drahtspeichenräder auch an den parallel erhältlichen Sport-Cabriolets der Modelle 410, 420 und 430 finden, sind die einteilige Stoßstange und erwähntes Steinschlagitter spezifisch für den Horch 470/480.

So ließ sich auch der prächtige Horch auf folgender Aufnahme eindeutig identifizieren:

Horch Typ 470 oder 480 Sport-Cabriolet; Originalfoto aus Familienbesitz via Dr. Andreas Rosado

Zwar scheint hier das Steinschlaggitter ebenso wie die Kühlerfigur entfernt worden zu sein, auch fallen die drei (statt zwei) Türscharniere ins Auge, doch meines Erachtens kommt für dieses Sport-Cabriolet kein anderes Horch-Modell in Betracht als der 470/480.

Kommen wir nun zum angekündigten Familienzuwachs.

Diesen verdanke ich John Rouse aus den Vereinigten Staaten, der im Fotoalbum seiner (deutschstämmigen) Schwiegermutter eine Aufnahme fand, die eine ihrer Cousinen in den 1930er Jahren zeigt:

Horch Typ 470 oder 480 Sport-Cabriolet, Originalfoto aus Familienbesitz via John Rouse (USA)

Die vermutlich im Raum Gera (Thüringen) entstandene Aufnahme zeigt eindeutig ein Sport-Cabriolet auf Basis des Horch 470/480.

Gehen wir die dafür typischen Details von vorn nach hinten durch: einteilige Stoßstange, Steinschlaggitter vor dem Kühler (schemenhaft zu erkennen), Drahtspeichenräder, zweireihige Haubenschlitze und vorn angeschlagene Türen.

Auch der Abstand des Türendes zum hinteren Kotflügel „passt“. Hier ist der Fall klar, eindeutig ein Mitglied der Familie!

Doch wie steht es um dieses Exemplar, das nach einigen Elementen zu urteilen ebenfalls Anspruch auf „Familienzugehörigkeit“ erheben könnte:

Horch 8, vermutlich 470/480 Sport-Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Zunächst einmal ist das eine sehr seltene Aufnahme – zeigt sie doch recht deutlich den Innenraum mit Armaturenbrett sowie die Details der Türverkleidung. Nebenbei scheint diese wie die Sitzbezüge in schlichtem Stoff ausgeführt zu sein, nicht in Leder.

Dass wir es mit einem Sport-Cabriolet von Horch zu tun haben, steht außer Zweifel. Das gekrönte „H“ auf der hinteren Radkappe und die Kühlerfigur verraten uns das.

Leider ist die Ausführung der Luftschlitze in der Motorhaube nicht zu erkennen. Könnte das nicht auch ein etwas späterer Horch der Typen 500, 710, 720 oder 750 sein, der eine Sonderkarosserie als Sport-Cabriolet erhalten hat?

Nach bisherigem Stand der Recherchen würde ich das vorerst ausschließen. Dafür scheint mir der Radstand dieses Exemplars schlicht zu kurz zu sein. Und genau hier beginnt mein „Luxusproblem“.

Die Tür endet nämlich viel weiter hinten als bei den zuvor gezeigten Wagen des Typs 470/480, sie besitzt sogar einen Ausschnitt, welcher der Kotflügelrundung folgt:

Das bedeutet, dass dieses Sport-Cabriolet einen geringeren Radstand als die gängigen Exemplare des Typs 470/480 aufwies, welcher 3,45 Meter betrug. Spätere Horch-Modelle waren entweder gleichlang oder besaßen noch großzügigere Dimensionen.

Zwar gab es parallel zum Horch 470/480 auch den Typ 420 mit nur 3,16 Meter Radstand, und es gab ihn auch mit einem Aufbau als Sport-Cabriolet. Doch die Abbildungen in der Literatur zeigen dieses kürzere Modell durchweg mit doppelter Stoßstange.

Kann jemand dieses Luxusproblem lösen? Wurde hier vielleicht ein „kurzer“ Horch 420 nachträglich mit der moderneren einteiligen Stoßstange ausgestattet? Oder haben wir es doch mit einem nur sehr entfernten Verwandten des Typs 470/480 zu tun?

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Bell(in)a Macchina: Ein NAG C4b „Monza“

„Bella macchina!“ – so pflegen Italiener seit jeher auszurufen, wenn ihnen ein Automobil besonders gut gefällt.

Vor bald 100 Jahren konnte dies sogar einem Fahrzeug gelten, das aus der deutschen Hauptstadt stammte – heute dagegen wird man im Zusammenhang mit Berlin wohl zuletzt an schöne Autos denken, so ändern sich die Zeiten.

So hat der lautmalerische Titel seine beabsichtigte doppelte Bedeutung. Doch warum überhaupt der Bezug zu Italien? So ein NAG C4 war in der ersten Hälfte der 1920er Jahre ein zwar ausgezeichneter, aber auch schwerfällig wirkender Wagen:

NAG C4 10/30 PS Tourenwagen; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dieses typische Exemplar wurde einst für eine Postkarte abgelichtet, die umseitig einen Reklamestempel der Berliner Pianofabrik „Bogs & Voigt“ trug.

An die 20 Originalaufnahmen dieses technisch konventionellen 2,6 Liter-Modells konnte ich bislang zusammentragen (siehe meine NAG-Galerie); die meisten davon sind klassische Tourenwagen wie der hier gezeigte.

Gemeinsam ist ihnen der spitz zulaufend Kühler mit dem markentypischem ovalen Kühlerausschnitt. Doch ansonsten finden sich im Detail etliche Unterschiede, so auch hier.

Nicht immer war der Kühler in Wagenfarbe lackiert, bisweilen findet man ihn auch in glänzendem Messing. Selten sieht man eine Stoßstange wie beim obigen Beispiel, dieses Zubehör war ab Werk nicht erhältlich, sondern musste im Handel erworben werden.

Ungewöhnlich für das Modell ist auch die recht niedrige, gepfeilte Frontscheibe. Meist war sie plan und etwas höher, mal einteilig, mal mittig oder horizontal unterteilt. Ich konnte hier bislang kein Muster erkennen, vermutlicht standen verschiedene Varianten zur Auswahl.

Alles in allem ein gut durchgestalteter Wagen, aber kaum etwas, was die Leidenschaft eines Gourmets weckt. Dazu passt auch das gediegen-bürgerliche Erscheinungsbild des Eigners, der kein Selbstfahrer war, sondern einen Chauffeur beschäftigte:

Der aufmerksame Betrachter wird auf diesem Ausschnitt die „Chrysler“-Reklame bemerken, mit welcher sich die Konkurrenz ankündigt, die ab Mitte der 1920er Jahre den unterversorgten deutschen Automarkt mit moderneren, stärkeren und oft auch deutlich preisgünstigeren Modellen im Sturm nehmen sollte.

Das soll aber heute kein Thema sein – die von den einheimischen Herstellern vergeblich als „Massenprodukte“ verächtlich gemachten „Amerikanerwagen“ kommen in meinem Blog oft genug zu ihrem Recht.

Vielmehr widmen wir uns einem Meisterstück der Berliner NAG, das kaum in größerem Kontrast zur gängigen Tourenwagenausführung des Typs C4 10/30 PS stehen könnte. Dabei basiert es auf der gleichen Konstruktion, man kitzelte aus dem Motor lediglich 10 (späer 15) zusätzliche PS heraus.

In Verbindung mit einer hinreißenden und 200 kg leichteren Sportkarosserie wurde aus dem behäbigen NAG C4 mit 75 km/h Spitze ein echtes 100km-Auto.

Exemplare davon habe ich bereits vorgestellt, zuletzt als Fund des Jahres 2020, doch diese Aufnahme aus dem Fundus von Leser Klaas Dierks ist eine Klasse für sich:

NAG C4b „Monza“; Originalfoto aus Sammlung Klaas Dierks

Der Eindruck, dass hier ein riesiger Sechs- oder gar Achtzylindermotor den Antrieb besorgt, entsteht dadurch, dass man die Motorhaube bis kurz vor die Windschutzscheibe zog.

Statt massiver Kotflügel, die beim Tourer bis weit unter die Radmitte reichten, montierte man dünne und weit nach hinten gezogene Schutzbleche, die oberhalb des Rahmens ausliefen, verzichtete auf eine Verkleidung der Rahmenpartie und hielt das Passagierabteil so niedrig wie möglich.

Dennoch war dort Platz für vier Personen, wie hier zu sehen ist:

Die Beine der jungen Dame, die auf dem Trittbrett sitzend uns hier so entwaffnend anlächelt, befanden sich in bedenklicher Nähe zum heißen Auspuff, den man am Ende des Vorderkotflügels durch diesen abtauchen sieht.

Doch da es ein kühler Tag gewesen zu sein scheint, mag die Abwärme der Auspuffanlage nicht unwillkommen gewesen sein. Für den Nachhauseweg hatte man auf jeden Fall ausreichend Treibstoff an Bord, wie der gewaltige Dreieckskanister auf dem Trittbrett nahelegt. So konnte man den weiteren Verlauf des Ausflugs entspannt angehen.

Auffallend sind hier übrigens die Stahlspeichenräder, mit denen der Besitzer offenbar die beim NAG C4b „Monza“ serienmäßigen Drahtspeichenräder ersetzt hatte. Das kostete zwar einige Kilogramm Gewicht, ersparte einem aber das häufigere Zentrieren der Räder bei schlechten Straßenverhältnissen.

Dafür erkennen wir in wünschenswerter Deutlichkeit die Nabenkappe mit dem typischen NAG-Emblem und sehen das in der Literatur überlieferte Reifenformat 820 x 120 bestätigt:

Dem Nummernschild können wir entnehmen, dass dieser NAG C4b „Monza“ einst im hessischen Regierungsbezirk Wiesbaden zugelassen war.

Doch woher kommt eigentlich der Namenszusatz „Monza“ bei diesem Modell? Nun, damit bezog sich NAG auf den spektakulären Sieg einer Werksrennversion des Modells C4 anlässlich des 24-Stunden-Rennens im italienischen Monza im Jahr 1924.

Damit besaß die bereits seit 1922 gebaute „zivile“ Sportausführung, die NAG ab 1924 unter der Bezeichnung „Monza“ (ab 1925 sogar mit 50 PS) anbot, gewissermaßen auch einige italienische Gene und dazu passte nicht zuletzt die ungemein rasant wirkende Karosserie.

Das war der Anlass für das Wortspiel im Titel, in dem „Bella“ und „Berliner“ eine sonst selten anzutreffende glückliche Verbindung eingehen. Übrigens werden wir dem NAG C4b „Monza“ bei Gelegenheit in einem ganz anderen Zusammenhang wiederbegegnen, dann sogar auf einem anderen Kontinent…

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Solides Presseerzeugnis 1935: Hanomag „Sturm“ Cabriolet

Meine tägliche Presseschau findet seit vielen Jahren nur noch online statt. Für mich als Ökonom waren lange gedruckte Zeitungen wie FAZ und Handelsblatt Pflicht, solange sie die nötige Trennung von Bericht und Kommentar boten, bei anderen Blättern übliche Belehrungen vermieden und die Kontroverse auf hohem Niveau pflegten.

Doch vor einigen Jahren begannen sich die von mir bevorzugten Gazetten einem politischen Mainstream anzunähern – was Themen, Tendenz und Tonalität betraf. Meinung und Berichterstattung wurden vermengt, die kritische Distanz zu den Herrschenden ging verloren, abweichende Sichtweisen wurden verächtlich gemacht.

So entspricht heute kein gedrucktes Blatt von Rang hierzulande mehr dem, was ich unter einem soliden Presseerzeugnis verstehe. Ich verfolge die einstigen Zeitungsgrößen noch im Netz, aber bloß um der thematischen Orientierung willen.

Warum erzähle ich das? Nun, zum einen weil ein Blog ein Online-Tagebuch ist, in dem ich festhalte, was mich interessiert oder bewegt. Mitleser müssen daher mit einiger subjektiver Färbung leben können – ich bin kein Journalist.

Zum anderen will ich heute ein wirklich „solides Presseerzeugnis“ präsentieren – natürlich auf Vorkriegswagen bezogen:

Hanomag „Sturm“ auf der IAMA in Berlin, 1935; Postkarte aus Sammlung Michael Schlenger

Zugegeben: Unter dem Hakenkreuzadler ein „solides Presseerzeugnis“ für möglich zu halten, ist kühn. Am totalitären Charakter des nationalsozialistischen Staats besteht schließlich kein Zweifel und die Pressevielfalt war eines seiner ersten Opfer.

Daher sei der Blick auf das „Presseerzeugnis“ gelenkt, um das es mir in Wahrheit geht und das auf dieser Postkarte aus meiner Sammlung im Mittelpunkt steht. Die Karte stammt aus dem Jahr 1935 und entstand anlässlich der Internationalen Automobil- und Motorradausstellung (IAMA) in Berlin.

Wer bis hier noch auf dem Schlauch steht, was es denn nun mit dem „Presseerzeugnis“ auf sich hat, der sei auf das große Schild mit den Buchstaben „A.B.P.“ hingewiesen, welches ganz oben schwebt.

Das Akronym steht für „Ambi-Budd Presswerk“ – ein 1926 gegründetes deutsch-amerikanisches Gemeinschaftsunternehmen, bei dem der US-Kapitalgeber – die Edward G. Budd Manufacturing Company – zunächst für finanzielle Solidität sorgte.

Ambi-Budd mit Sitz in Berlin produzierte in rationeller Großserienfabrikation nach amerikanischem Vorbild Ganzstahlkarosserien für zahlreiche deutsche Hersteller – zunächst vor allem für Adler aus Frankfurt, in den 1930er Jahren unter anderem auch für Hanomag.

Letztgenannter Maschinenbauer aus Hannover ließ bei Ambi-Budd die Standard-Limousinenaufbauten der Modelle „Kurier“, „Rekord“ und „Sturm“ fertigen. Diese trugen daher oft das abgerundete dreieckige Emblem vor der A-Säule, welches wir auf diesem Ausschnitt oberhalb der modernistischen Sitzgruppe im Großformat sehen:

So verlockend manchem hier die Aussicht auf einen Besuch im Bierkeller (im Hintergrund) erscheinen mag, müssen wir uns doch einen klaren Blick bewahren, um zu einem soliden Urteil über das 2-Fenster-Cabriolet im Vordergrund zu gelangen.

Auch ohne den entsprechenden Schriftzug auf dem Kühler wäre dieser konservativ gezeichnete Wagen als Vertreter der 6-Zylindermodellreihe „Sturm“ zu erkennen. Nur er verfügte über fünf (bisweilen sechs) Entlüftungsklappen in der Motorhaube, während es beim Vierzylindertyp „Rekord“ deren vier waren.

Die Ausführung der Räder entspricht der ersten Serie des Hanomag „Sturm“. Erst ab 1936 wurden gelochte Felgen verbaut, die der Eleganz des Wagens nicht zuträglich waren.

Übrigens sind die seitlichen Kotflügel“schürzen“ ein weiteres Unterscheidungsmerkmal zwischen „Sturm“ und „Rekord“ – letzterer musste bis Produktionsende 1940 (Diesel-Version) ohne dieses ab 1933 eigentlich durchweg gebräuchliche Detail auskommen.

In formaler Hinsicht gibt es jedenfalls an diesem Wagen nichts auszusetzen – hier hatte jemand sehr solide Arbeit abgeliefert. Das helle Dach sorgt dabei für eine fast sportliche Anmutung dieses technisch bodenständigen und grundsoliden Fahrzeugs:

Studiert man das Cabriolet auf Basis des Hanomag „Sturm“ näher, stellt sich die Frage: Wie unabhängig war dieses „Presseerzeugnis“ eigentlich von der Standard-Limousine, die bei Ambi-Budd weit öfter aus der Stanze fiel?

Laut Literatur wurde die offene Ausführung auf einem Chassis mit verkürztem Radstand montiert. Der Vorderwagen scheint indessen identisch mit dem der Limousine zu sein.

Interessant wäre nun zu wissen, wie die Türkonstruktion war. Wurden die Türen (und das Heck) nach traditioneller Stellmacherart gefertigt, also mit blechbeplanktem Holzrahmen? Jedenfalls weicht die Form stark von der ab, die bei der Limousine zu finden ist.

Oder hat Ambi-Budd bei diesem Cabriolet-Aufbau für andere Fahrzeuge vorgesehene „Presseerzeugnisse“ wiederverwendet? Dann wäre am Ende das schöne Hanomag „Sturm“ 2-Fenster-Cabrio weniger eigenständig, als es den Anschein hat.

Ohnehin ging die Unabhängigkeit von Ambi-Budd spätestens zu Beginn des 2. Weltkriegs flöten, als das Unternehmen ohne Rücksicht auf den amerikanischen Minderheitsaktionär auf die Produktion von Rüstungsgütern umgestellt wurde.

Die „soliden Presseerzeugnisse“ der Ambi-Budd-Werke waren bis 1945 nur noch vom Staat bestellte – unter anderem die Aufbauten für militärische Versionen des Volkswagens…

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Bote zweier Welten: Buick Cabriolet 1934/35

Automobile aus den Vereinigten Staaten waren im Deutschland der späten 1920er Jahre allgegenwärtig. Von den über ein Drittel Importfahrzeugen im Jahr 1929 entfiel der allergrößte Teil auf US-Wagen.

In den 1930er Jahren ebbte dieser Boom deutlich ab, die deutschen Hersteller hatten deutlich aufgeholt und begannen erfolgreich ein eigenes Profil zu entwickeln, sofern sie die harte Auslese im Wettbewerb und während der Weltwirtschaftskrise überlebt hatten.

Dennoch blieben amerikanische Autos immer noch stark verbreitet, selbst auf dieser Ansichtskarte aus dem beschaulichen Stolberg im Harz von der Mitte der 1930er Jahre ist zufällig eines mit abgelichtet worden:

Ansichtskarte aus Stolberg (Harz) aus Sammlung Michael Schlenger

Nur der Omnibus ist größer als die riesige Pullman-Limousine, die fast genau in der Bildmitte zu sehen ist. Auf den ersten Blick könnte das ebenfalls ein deutscher Wagen vom Format eines großen Mercedes oder Horch sein.

Doch trotz der mäßigen Auflösung der Fotografie lässt sich das Fahrzeug eindeutig als Import aus Übersee identifizieren, sogar Marke und Baujahr lassen sich anhand der mittig unterteilten und leicht v-förmig zulaufenden Kühlerpartie benennen:

Das muss ein Buick aus dem Modelljahr 1933 sein, auch die seitlichen Lüftungsklappen in der Motorhaube – hier nur anhand der waagerechten Chromleisten zu erahnen – „passen“.

Zum Aufnahmezeitpunkt wirkte dieser Buick bereits veraltet. Das äußerlich modernste Fahrzeug auf diesem Ausschnitt steht direkt daneben – es ist ein Fiat 500, der 1936 eingeführt und auch im einstigen NSU-Werk in Heilbronn gefertigt wurde.

Der Kontrast zwischen den beiden Wagen könnte von Größe und Gestaltung her kaum krasser ausfallen. Links neben dem Fiat haben wir übrigens noch einen Ford „Köln“ von 1933, einen DKW sowie – eventuell einen Ford „Eifel“.

Während der Buick hier buchstäblich „alt“ aussieht, sollte sich das bereits im Modelljahr 1934 grundlegend ändern. Man nahm ganz Abschied von den gewohnten Formen der 1920er Jahre und verpasste dem Wagen ein neues schnittiges Erscheinungsbild:

Buick von 1934/35; Originalfoto aus Sammlung Klaas Dierks

Diese Cabriolet ist ein schönes Beispiel für US-Fahrzeuge, die am deutschen Markt einen eher dem lokalen Geschmack entsprechenden Aufbau erhielten.

Zwar entspricht zwar die Frontpartie mit den großen Chromscheinwerfern und den waagerechten Zierleisten entlang der Luftschlitze in der Motorhaube ganz der amerikanischen Ausführung, doch ab der Windschutzscheibe hat ganz klar ein deutscher Karosseriefabrikant das Kommando übernommen.

In den Staaten gab es einen solchen Aufbau als Vierfenster-Cabriolet mit nach hinten abfallender breiter Zierleiste nämlich nicht. Dort war nur ein Zweifenster-Convertible Coupé erhältlich – sehr schick zwar, aber in einem ganz anderen Stil gehalten.

Das Konterfei dieses Wagens verdanken wir Leser Klaas Dierks, der damit nicht das erste US-Luxusauto beigesteuert hat, welches einst in der Hansestadt Hamburg zugelassen war.

Gewohnt stark motorisiert war natürlich auch dieses Exemplar – Buick bot seinerzeit nur Achtzylinderwagen an. Die Leistung reichte je nach Ausführung von rund 90 bis annähernd 120 PS – am deutschen Markt war der Buick damit auf dem Niveau von Horch angesiedelt.

Die außenliegenden verchromten Hupen und die vier Zierleisten an der Haubenflanke verraten, dass wir hier mindestens ein Model 50 vor uns haben, das sich unter anderem durch einen längeren Radstand und Sicherheitsglas von der Basisversion Model 40 abgrenzte. Außerdem waren die noch größeren und stärkeren Modelle 60 und 90 verfügbar, die aber äußerlich meines Erachtens kaum vom Model 50 zu unterscheiden sind.

Mit der amerikanischen Technik und dem deutschen Styling der hinteren Wagenhälfte war dieser Buick ein Bote zweier Welten, der auch heute noch überzeugt. In der kolorierten Fassung wirkt das Auto mit einem Mal weniger düster und schwer – mir gefällt er!

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Exklusive Erscheinung: Wanderer W8 Coupé

Wenn alle das Gleiche zu denken und zu tun beginnen, ist der Individualist gut beraten, sich auf’s Gegenteil zu besinnen.

Neuerdings macht ja „Inklusion“ von alles und jedem Furore, weil angeblich jeder alles gleich gut kann. Dieses Märchen ist zwar eigentlich schon länger durch Männerballett und Frauenfußball widerlegt – aber herrje, auch damit lässt sich Geld verdienen.

Die Beschäftigung mit Vorkriegsautomobilen ist bislang noch nicht auf den Radar derer geraten, die hinter jeder persönlichen Vorliebe „Diskriminierung“ vermuten, obwohl es sich doch um eine ziemlich exklusive Angelegenheit handelt.

Das gilt sogar für ein Brot- und Butter-Fahrzeug wie den kurz vor dem 1. Weltkrieg eingeführten Wanderer 5/15 PS, der sein „Puppchen“-Image später ablegte und ab 1921 zu einem erwachsenen Auto weiterentwickelt wurde, dem Typ W8.

Die ab 1923 erreichte Stufe des Wanderer W8 repräsentiert dieses hübsche Foto aus der Sammlung von Leser Matthias Schmidt:

Wanderer W8 5/15 PS; Originalfoto aus Sammlung Matthias Schmidt (Dresden)

Wie der Vorgängertyp W3 5/15 PS besitzt dieses Gefährt filigrane Drahtspeichenräder und den waagerecht an die Karosserie angesetzten Windschutzscheibenabschluss, der dort ab Frühjahr 1915 auftaucht.

Die nominell unveränderte Motorleistung überdeckt freilich einen moderneren Ventiltrieb (ohv), der höhere Drehzahlen begünstigte, der Hubraum betrug nach wie vor rund 1,3 Liter. Die Höchstgeschwindigkeit stieg geringfügig auf fast 80 km/h.

Auffallender waren die Neuerungen am Aufbau: Die Partie zwischen Rahmen und Trittbrett wurde nach einer Übergangszeit mit einem Kasten verkleidet, was dem Wagen in der Seitenansicht ein robusteres Erscheinungsbild verleiht.

Diese „Schweller“ tauchten wie die auf dem Bild von Matthias Schmidt zu sehenden gewölbten Vorderkotflügel erst 1923 auf. Doch auch damals war nach wie vor nur Platz für drei Erwachsene im kleinen Wanderer – einen Viersitzer sollte es erst 1924 geben.

Die Personen auf dem Foto scheint das schmale Platzangebot nicht gestört zu haben – denn bereits solch ein einfaches Automobil war in den frühen 1920er Jahren in Deutschland eine exklusive Angelegenheit – und so wirkt man erst recht in Farbe durchaus vergnügt:

Wanderer W8 5/15 PS; Originalfoto aus Sammlung Matthias Schmidt (Dresden)

Ab Werk waren nur solche offenen Versionen des Wanderer W8 verfügbar. Sie stellten den preisgünstigsten Einstieg in die Automobilität dar, entfiel doch der zusätzliche Material- und Zeitaufwand für einen geschlossenen Aufbau nebst Innenausstattung.

Doch muss es auch unter den Besitzern eines solchen 15 PS-Wanderer einige Zeitgenossen gegeben haben, die sich nicht damit abfinden mochten, dass jedem Käufer das Gleiche serviert wurde.

Der Wunsch nach Exklusivität mochte dem Bedürfnis entsprungen sein, sich abzuheben, wobei das damals bereits jedes Automobil hierzulande leistete.

Der Vater des Gedankens konnte aber auch das bloße Streben nach mehr Komfort bei Wind und Wetter gewesen sein. Dann in einem abgeschlossenen Abteil sitzen zu können, das hatte tatsächlich etwas, wie diese Aufnahme aus meiner Sammlung deutlich macht:

Wanderer W8 5/15 PS; Originalfoto aus Sammlung Matthias Schmidt (Dresden)

Einen solchen – mutmaßlich ebenfalls nur zwei- bis dreisitzigen – Coupé-Aufbau auf einem Wanderer dieses Typs habe ich andernorts noch nicht gesehen.

Dass wir es sehr wahrscheinlich mit einem Wanderer 5/15 PS des Nachkriegstyps W8 zu tun haben, das verraten eigentlich nur die erwähnten Schwellerkästen und die Kühlergestaltung.

Die Vorderkotflügel, die Zahl der Luftschlitze in der Haube und das Profil der Blechpartie vor der Windschutzscheibe unterscheiden sich deutlich von der Werksausführung. Vermutlich wurde der Aufbau dieses Wagens fast vollständig von einem unabhängigen Karosseriebauer gefertigt.

Dabei scheint er zumindest was Zahl und Form der Haubenschlitze angeht, Anleihen beim 1923 von Wanderer eingeführten Sport-Zweisitzer „Targa Florio“ genommen zu haben, die Privatkäufer mit einer auf rund 25 PS gesteigerten Motorleistung erwerben konnten (vgl. Erdmann/Westermann: Wanderer-Automobile, 2. Aufl. 2011, S. 59)

Vielleicht kann ein sachkundiger Leser bestätigen, dass hier eine formale Verbindung besteht, oder sogar sagen, wer der Erbauer dieser Karosserie war. Nicht auszuschließen ist übrigens, dass einer der erwähnten Sport-Zweisitzer später diesen Coupé-Aufbau erhielt.

Auch diese Aufnahme habe ich dem Versuch einer Kolorierung unterzogen. Das Ergebnis ist mittelprächtig – wie so oft ist die Wiedergabe der Lackierung rein spekulativ. Dennoch wirkt der Wanderer mit dem wahrhaft exklusiven Aufbau hier irgendwie präsenter…

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Fund des Monats: Ein „Nacke“ von 1909

Außerhalb Sachsens dürfte es vermutlich kaum Freunde von Vorkriegswagen geben, die je etwas von der Marke „Nacke“ gehört haben, die den Fund des Monats Mai 2021 stellt.

Dabei nimmt die einst hochbedeutende sächsische Automobilgeschichte ihren Anfang mit einem vom Maschinenbauunternehmer Emil Nacke 1901 in Coswig gebauten Motorwagen.

Nacke war im Unterschied zu einigen Zeitgenossen kein Hinterhoftüftler, sondern hatte nach seinem Studium zunächst Erfahrungen im Lokomobilbau gesammelt und auf Reisen den Stand des Maschinenbaus in Frankreich und England erkundet. Nach weiteren Stationen gründete er 1891 seine eigene Maschinenfabrik in Coswig.

Seinen ersten Motorwagen scheint er 10 Jahre später selbst konstruiert zu haben – während viele deutsche Hersteller im Rückstand waren und ihre ersten Autos nach französischen Lizenzen bauen mussten.

Nach seinem Erstling, der noch den Namen „Coswiga“ trug, baute Nacke unter eigenem Namen von Anfang an vollwertige Automobile mit Motorleistungen zwischen 30 und 55 PS. Diese Wagen besaßen noch den damals dominierenden Kettenantrieb.

Ab 1909 rundete Nacke sein Angebot nach unten mit den leichteren Typen 7/18 PS und 10/25 PS ab. Das 18 PS-Modell zeigt diese Reklame von 1910:

Nacke 7/18 PS; Originalreklame aus Braunbecks Sportlexikon 1910

Hier sieht man die ab 1909/1910 bei deutschen Serienwagen auftauchende Windkappe (auch als Windlauf oder Torpedo bezeichnet), die einen strömungsgünstigen Übergang zwischen der horizontalen Motorhaube und der vertikalen Schottwand dahinter bewirkte.

Dieses aus dem Rennsport entlehnte Detail leistet bei der Datierung von Autos der Frühzeit oft gute Dienste – jedenfalls bei Herstellern aus dem deutschsprachigen Raum. Halten wir also fest: Ab spätestens 1910 versah auch Nacke seine Wagen mit einer Windkappe.

Auch wenn dieses Element hier noch wie „aufgesetzt“ wirkt – was es ja faktisch auch war – verlieh es Automobilen auf einmal eine ganz andere Anmutung: Hier beginnt die Geburt der von vorne bis hinten durchgestalteten Karosserie.

Davor gab es kein optisch vermittelndes Element zwischen dem Motorabteil und dem dahinterliegenden Fahrer- und Passagierraum. Der Motor hatte bis dato lediglich die Funktion der Pferde übernommen, dahinter blieb wie bei der Kutsche alles beim alten.

Nicht umsonst prägte die englische Sprache damals für das Auto den Begriff „horseless carriage“, da der Antrieb noch nicht als Teil des Ganzen verstanden wurde. Eine solche „Kutsche ohne Pferde“ sah bis zur Einführung der Windkappe so aus:

vermutlich Nacke-Landaulet von 1909; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Der Fahrer hatte nun nicht mehr die Pferde vor sich, sondern er blickte über den davorgesetzten Motor hinweg auf die Straße vor ihm – immerhin bereits hinter einer großen Windschutzscheibe.

Für die Herrschaften im Passagierabteil – hier als Landaulet mit niederlegbarem Verdeck über der hinteren Sitzbank ausgeführt – hatte sich gegenüber der Kutsche eigentlich nichts geändert. Bloß die erreichbare Geschwindigkeit und die Reichweite waren drastisch gestiegen – das Prestige ebenso, denn ein solcher Wagen kostete soviel wie ein Haus!

Wieso aber könnten wir es bei diesem Prachtexemplar mit einem Nacke zu tun haben? Liefert die Frontpartie vielleicht einen Hinweis darauf?

Trotz des Detailreichtums der Aufnahme ist kein Hinweis auf den Hersteller zu sehen. Festhalten kann man immerhin zweierlei: Unter der langen Haube war ausreichend Platz für einen großvolumigen Motor, der bei frühen Nacke-Wagen um die 5 Liter messen konnte.

Interessant ist auch die Gestaltung der Kotflügel. Diese repräsentieren das Übergangsstadium zwischen den weit ausladenden flügelartigen Schutzblechen, die bis etwa 1906/07 dominierten und den weniger exaltierten, das Rad enger einfassenden Kotflügeln, die sich danach etablierten.

Dieses Detail ermöglicht zusammen mit dem Fehlen einer Windkappe eine Datierung auf ca 1908/09. Es geht aber vielleicht noch genauer, doch dazu müssen wir erst einmal herausfinden, wer dieses aristokratisch wirkende Automobil einst gebaut hatte.

Eine Laune des Schicksals hat dafür gesorgt, dass ein weiteres Foto die letzten 110 Jahre überstanden hat, das auf den ersten Blick dasselbe Auto zeigt:

Nacke um 1908/09; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Vor allem die Ausführung der Schutzbleche legt nahe, dass die beiden gemeinsam erhalten gebliebenen Fotos ein und dasselbe Auto oder zumindest denselben Typ zeigen.

Bei näherem Vergleich entdeckt man jedoch eine Reihe Unterschiede, beispielweise die abweichende Gestaltung des Kühlwassereinfüllstutzens. Nicht viel besagen müssen die unterschiedlchen Scheinwerfer, da es sich um austauschbare Zubehörteile handelte.

Die Dachpartie wiederum stimmt exakt überein. Was ist von diesem Befund zu halten? Nun, zunächst ist festzuhalten, dass im Fall des zweiten Fotos kein Zweifel daran besteht, was für ein Fabrikat darauf festgehalten ist:

„Automobil-Fabrik E. Nacke Coswig Sachsen“ ist dort zu lesen (im Original deutlich klarer).

Das allein genügt für die Klassfizierung als Fund des Monats, denn ein Foto aus dieser Perspektive, das die Herstellerplakette eines so frühen Nacke zeigt, ist mir noch nie begegnet. Besser kann man es sich bei Veteranenwagen kaum wünschen.

Welche Verbindung aber besteht nun zwischen den Wagen auf den beiden gemeinsam erworbene Fotos?

Nun, beide weisen nicht nur eine identische Kotflügelgestaltung und Kühlerform auf und sind demnach auch ähnlich zu datieren. Die Abzüge tragen auch beide auf der Rückseite den Vermerk „Wagenfabrik Trebst“.

Somit kamen einst beide Autos zumindest was den Aufbau angeht, aus demselben „Stall“. Zugelassen war der Wagen auf dem zweiten Foto in Leipzig, was dafür spricht, dass wir die Wagenfabrik Friedrich Trebst in der Leipziger Gustav-Mahler Straße als den Erbauer beider Karosserien annehmen dürfen.

Vorerst offen bleiben muss die Frage, ob nicht auch das erste Foto mit dem Landaulet in Seitenansicht einen Nacke zeigt. Zwar findet sich in der Literatur die Abbildung eines Nacke von 1906, der von den Kotflügeln abgesehen eine fast identische Vorderpartie aufweist, aber einen anderen Hersteller kann man dennoch nicht ausschließen.

Es ist gut möglich, dass bei der Wagenfabrik Trebst parallel zum Nacke einst auch ein anderes Fabrikat eingekleidet wurde, dem man die gleichen eigenwilligen Kotflügel verpasst hat. In Frage kommt beispielsweise ein Horch, der damals ganz ähnlich aussah.

Sollte es sich in beiden Fällen um einen Nacke handeln, dann können wir das Entstehungsjahr auf genau 1909 festnageln. Denn zuvor wurden Nacke-Wagen nur mit Kettenantrieb ausgeliefert, während dieses Exemplar eindeutig kardangetrieben war:

Möglicherweise erkennt ein Leser an der meist markenspezifischen Ausführung der Radnabe, ob wir hier eventuell doch ein anderes Fabrikat vor uns haben.

Es bleibt aber dabei, dass wir zumindest einen der hochkarätigen und unglaublich seltenen Nacke-Wagen fotografisch dingfest machen konnten. Dass heute kaum noch jemand etwas über diese Fahrzeug weiß, hängt wohl auch damit zusammen, dass Nacke die PKW-Produktion bereits 1913 zugunsten der wirtschaftlich aussichtsreicheren Herstellung von LKW und Omnibussen einstellte – was sich als richtig erweisen sollte.

Doch selbst die bis 1929 gebauten Nutzfahrzeuge, die sogar international einen guten Ruf besaßen, scheinen in Vergessenheit geraten zu sein. Umso mehr liegt es mir am Herzen, mit der Vorstellung solcher Originaldokumente zur Erinnerung an dieses interessante Kapitel sächsischer Automobilbautradition beizutragen…

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Neu entdeckt: Stoewer D12 Sport-Tourer

Bei einem Automobil, von dem überhaupt nur wenige hundert Exemplare in Manufaktur entstanden, ist jedes historische Foto bereits eine Neuentdeckung.

Selbst Leser mit gut bestückter Bibliothek werden Schwierigkeiten haben, eine Originalaufnahme der 1920er Jahre zu finden, die einen der mächtigen Sechszylinderwagen des Typs D12 zeigt, welchen Stoewer in Stettin ab 1924 fertigte.

Mir selbst war bisher nur dieses bekannt, das Eingang in die Neuausgabe von Werner Oswalds Klassiker „Deutsche Autos 1920-1945“ (erschienen 2019, S. 519) fand:

Stoewer D12 von 1924; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Vorgestellt habe ich dieses schöne Dokument vor längerer Zeit hier. Damals war ich froh, das Modell überhaupt als ein Exemplar dieses 12/45 PS-Typs identifizieren zu können. Dabei halfen zeitgenössische Prospektabbildungen (bspw. in: Stoewer Automobile 1896-1945, Hans Mai, 1999).

Was mir damals gar nicht auffiel, war der ausgesprochen sportliche Charakter dieses Tourenwagenaufbaus – er wird heute mehr Beachtung finden.

Denn kürzlich konnte ich eine „neue“ Aufnahme desselben Typs erwerben, die den Wagen zugleich in ganz anderem Licht erscheinen lässt – passend zum Frühlingswetter, das dieses Jahr mit einiger Verspätung endlich Einzug gehalten hat:

Stoewer D12 Sport-Tourer; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Viel besser konnte ein deutscher Tourenwagen gegen Mitte der 1920er Jahre kaum aussehen: Der mächtige Spitzkühler wirkt wie der Bug eines Schnellboots, der die Wellen teilt und auf eine endlos scheinende Motorhaube folgt ein schlichter offener Aufbau mit leichtem Verdeck.

Trotz des gänzlich anderen Umfelds erkennt man die vollkommene Übereinstimmung der beiden abgebildeten Stoewer-Wagen. Die Identifikation als Typ D12 von 1924 (also vor Einführung von Vorderradbremsen) fand auch die Zustimmung von Stoewer-Spezialist Manfried Bauer (dessen einzigartige Sammlung von Stoewer-Produkten aller Gattungen mittlerweile das Stettiner Technikmuseum schmückt).

Doch erst bei der eingehenden Betrachtung dieses Fotos und dem nochmaligen Abgleich mit einschlägigen Abbildungen in der Literatur fiel mir auf, dass es sich hier um keinen konventionellen Tourenwagenaufbau handelte.

So sind die langgestreckten Vorderkotflügel auffallend leicht ausgeführt, und die Frontscheibe ist deutlich niedriger gehalten als sonst bei Tourenwagen von Stoewer üblich. Auch die Türen wirken für ein dermaßen hochpreisiges Auto geradezu minimalistisch:

Ich fühlte mich an die Frontpartie des NAG C4b „Monza“ erinnert – einer sportlichen Variante des konventionellen 10/30 Tourenwagens des Berliner Herstellers.

Sollte Stoewer ebenfalls eine zumindest optisch an Sportmodelle angelehnte Version seines Typs D12 angeboten haben?

Das scheint mir nach Durchsicht der Literatur einigermaßen wahrscheinlich, denn es gab wie im Fall von NAG ein sportliches Vorbild dafür. So baute Stoewer im Jahr 1924 einen Seriensportwagen mit ganz ähnlichem Aufbau – den 60-PS-Typ D10.

Dieser ist im Stoewer-Standardwerk von Hans Mai auf S. 63 abgebildet, und wenngleich er dort noch kompromissloser erscheint, dürfte er das Vorbild für den sportlichen Tourenwagenaufbau des D12 auf dem neu entdeckten Foto abgegeben haben.

Selbst der geschwungene vordere Abschluss des hinteren Kotflügels ist dem Stoewer-Sportwagen D10 von 1924 enlehnt – bei „normalen“ Tourern der Marke findet er sich nicht:

Was den Stoewer D12 mit dieser sportlichen Tourenwagenkarosserie allerdings äußerlich von besagtem Sportmodell D10 unterschied, waen die deutlich höhere Schwellerpartie, die etwas größere Tür und die nicht ganz so niedrig gehaltene Gürtellinie.

Der Hauptunterschied befand sich natürlich unter der Haube – denn der 120 km schnelle Sporttyp D10 holte seine 60 PS aus einem nur 2,6 Liter großen Vierzylindermotor, während sich der Sechszylinder des D12 auf materialschonende 45 PS aus 3,4 Liter beschränkte.

Aber auch damit war die magische Grenze von 100 km/h erreichbar, mehr wollte man mit einem Serienwagen auf den Straßen der 1920er Jahre auch kaum erreichen.

Nachdem wir den Stoewer D12 auf diese Weise „neu entdeckt“ haben, nämlich mit einem besonders sportlich ausgeführten Tourenwagenaufbau, bleibt zum Abschluss noch die Frage, ob dieses schöne Foto auch in nachkolorierter Fassung einen neuen und frischen Blick auf den einst im Regierungsbezirk Schleswig zugelassenen Wagen erlaubt.

Mit den gängigen Kolorierungsprogrammen ist das immer Glückssache, denn auf solche alten Fahrzeuge ist die dahinterliegende Software nicht optimiert. Man kann aber auch einer automatisiert erstellten Farbversion mit ein wenig Nachhilfe zu einem überzeugenden Ergebnis verhelfen.

Im vorliegenden Fall scheint mir das gelungen zu sein – zumindest, was das Auto und den Hintergrund angeht – besonder gut gefällt mir das blaue Licht auf dem entfernt im Dunst liegenden Hügel – ganz ähnlich muss das vor über 90 Jahren der Fotograf gesehen haben…

Stoewer D12 Sport-Tourer; nachkoloriertes Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

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Der Sommer kann kommen: Hanomag 4/23 PS Cabrio

Nach gefühlt monatelang anhaltendem kühlen Regenwetter in unseren Gefilden sagen uns die Wetterfrösche – bei aller gebotenen Skepsis gegenüber ihren prognostischen Fähigkeiten – für die nächsten Tage einen Umschwung voraus.

Im bisherigen Jahresverlauf war die Limousine das Fahrzeug der Wahl, selbst wenn man vereinzelt durchaus schöne Tage genießen konnte – so wie hier Mitte der 1930er Jahre beim Ausflug mit einem Hanomag des Mittelklassetyps 4/23 PS:

Hanomag 4/23 PS Limousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Die Kinderschar wurde sorgfältig um die markante Kühlerpartie des Hanomag herum arrangiert, damit auch wir Nachgeborenen gleich sehen können, womit wir es zu tun haben.

Der eigenwillige Kühler, der nach unten hin spitz zuläuft – dem Prinzip nach ähnlich wie bei Audi in der Zeit kurz nach dem 1. Weltkrieg – findet sich an Vierzylindermodellen des Maschinenbaukonzerns aus Hannover in den Jahren 1932-34.

Man sieht ihn am häufigsten am 1,1-Liter-Typ 4/23 PS, der 1931 eingeführt worden war (noch mit Flachkühler), und man darf davon ausgehen, dass auch der robuste Hanomag auf obigem Foto einen solchen Motor unter der Haube hatte.

Das Spitzentempo lag zwar nur bei 80 km/h, aber das genügte vollauf für Stadt und Landstraße, zumal sich so der Verbrauch in Grenzen hielt (8 Liter auf 100 km nennt die Literatur). Bloß für bergige Gegenden war der Wagen wohl untermotorisiert.

Im vorliegenden Fall war der Hanomag mit sächsischer Zulassung jedoch eher im Flachland unterwegs.

„Fläming“ ist auf der Rückseite des Abzugs als Aufnahmeort vermerkt. Dabei handelt es sich um einen eiszeitlichen Höhenrücken südwestlich von Berlin und rechts der Elbe, dessen höchste Erhebungen gerade einmal 200m erreichen.

Die gleichnamige Region ist nicht nur landschaftlich von großem Reiz, sondern bietet auch einen außerordentlichen kulturhistorischen Reichtum.

Davon war mir bis dato nichts bekannt, wie überhaupt Mittel- und Ostdeutschland im Schulunterricht der alten BRD so gut wie nicht existierten.

Das Fördern einer gesamtdeutschen Identität war entgegen Sonntagsreden in den Lehrplänen nicht vorgesehen – sozialistische „Musterstaaten“ wie Nicaragua dagegen nahmen breiten Platz ein – jedenfalls an meinem hessischen Gymnasium.

Zurück zum Hanomag 4/23 PS, der ab 1934 auch unter der Bezeichnung „Garant“ verkauft wurde. Dieser soll im Modelljahr 1933 auch als serienmäßiges Cabriolet erhältlich gewesen sein. Eine originale Abbildung davon war mir bislang aber nicht untergekommen.

Das änderte sich erst durch zwei Fotos, die mir Leser Marcus Bengsch vor geraumer Zeit in Kopie zusandte. Hier das erste davon:

Hanomag 4/23 PS Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Marcus Bengsch

Hand auf’s Herz – wer von von Ihnen hätte diesen Wagen auf Anhieb als Hanomag identifiziert? Vielleicht hätte man spontan auf einen Opel 1,2 Liter getippt, wobei Details wie die Radkappen nicht dazu passen.

Etwas eigenwillig wirkt der Wagen mit der nach hinten abfallenden Gürtellinie schon, aber nicht unansehnlich. Jedenfalls macht die Situation mit niedergelegtem Verdeck Appetit auf eine Ausfahrt an einem warmen Spätnachmittag wie hier.

Erkennt jemand vielleicht den Aufnahmeort? Es kann sich um einen See, aber auch eine breite Flussmündung handeln. In Frage kommt auch hier am ehesten der nord/ostdeutsche Raum, denn dieser Hanomag war im Raum Berlin zugelassen.

Das verrät die zweite Aufnahme, die denselben Hanomag auf eine Weise zeigt, dass an dessen Identität keine Zweifel mehr bestehen können:

Hanomag 4/23 PS Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Marcus Bengsch

Aus dieser Perspektive wirkt das stämmige kleine Cabriolet durchaus attraktiv – der markante verchromte Kühler macht einen Gutteil der Wirkung aus. Einen Akzent setzt die Zierleiste im oberen Teil der Tür, welche dadurch weniger hoch erscheint, als sie ist.

Preisfrage: Wer war Lieferant dieses offenen Aufbaus auf Basis des Hanomag 4/23 PS?

In der mir zugänglichen Literatur konnte ich nur ein identisches Fahrzeug finden, dummerweise ohne Angabe des Karosseriebauers (vgl. W. Oswald, Deutsche Autos 1920-45, 1. Auflage 2001, S. 131).

Unterdessen bleibt uns nur, den Passagieren dieses Hanomag 4/23 PS Cabriolets unser Mitgefühl auszusprechen, denn zum Zeitpunkt der zweiten Aufnahme muss ebenfalls wenig frühlingshaftes Wetter geherrscht haben – vergnügt war man in natura trotzdem…

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Die ungeklärte K-Frage: Ein Mercedes-Benz 630

Derzeit arbeiten sich die deutschen Medien an der K-Frage ab – wer also vom nächsten Bundestag ins Kanzleramt gewählt wird. Das Format der Aspiranten ist aus meiner Sicht für eine hochentwickelte Volkswirtschaft und Kulturnation von erschreckender Dürftigkeit.

Vielleicht ist es aber mittlerweile auch gleichgültig, wer der Regierung vorsteht – wird doch deren Handlungsspielaum immer mehr von der Brüsseler Bürokratie eingeengt, während die großen Themen der Zeit von globalen Organisationen bestimmt werden.

Der Wahl zwischen Pest und Cholera entzieht man sich am besten durch Rückzug ins Private, beispielsweise in die Welt der Vorkriegsautomobile, in die nachträglich niemand mehr hineinregieren kann.

Dort gehe ich heute einer ganz anders gelagerten K-Frage nach. Diese entzündet sich an einem Foto, das auf den ersten Blick nicht gerade überwältigen mag, welches aber zumindest die Herzen der Liebhaber früher Mercedes-Benz höher schlagen lassen dürfte:

Mercedes-Benz Typ 630; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Die technisch herausragende Qualität ist unübersehbar, doch hat sich der Fotograf hier nicht gerade für die Zuckerseite dieses mächtigen Automobils entschieden. Auch der Hintergrund mit einem Gasometer in der linken Bildhälfte wirkt nicht sehr attraktiv.

Am ehesten haben wir es hier mit der Dokumentation einer Karosseriefabrik zu tun, die einen neu geschaffenen Aufbau für’s Archiv aus allen Richtungen dokumentieren ließ. Dagegen sprechen auch die stark benutzten Reifen nicht.

Es ist nämlich gut möglich, dass wir es mit einem Fahrzeug zu tun haben, dessen Karosserie nach ein paar Jahren modernisiert wurde. Doch der Reihe nach. Die Marke des Wagens erkennt natürlich jedes Kind:

Der Mercedes-Stern besitzt hier noch eine Prominenz und Massivität, von der heutige Besitzer eines Wagens dieses Herstellers nur träumen können. Und für die armdicken Auspuffrohre wäre heute schlicht kein Platz mehr.

In den späten 1920er Jahren waren diese Details von enormem Prestigewert. Denn außenliegende Auspuffrohre auf der rechten Seite waren seinerzeit zunächst den sportlichen K- und S-Modellen von Mercedes vorbehalten, deren großvolumige Sechszylinder durch Kompressoren eine beträchtliches Leistungsplus erfuhren.

Den Anfang machte 1926 der Typ K 24/100/140 PS, dessen Bezeichnung sich wie folgt liest: 24 Steuer-PS (abgeleitet aus 6,3 Liter Hubraum), 100 PS Spitzenleistung ohne Kompressor, 140 PS kurzzeitige Spitzenleistung mit Kompressor.

Die 1927 vorgestellten legendären S-Modelle stellten demgegenüber Verfeinerungen dar – sie besaßen nochmals leistungsgesteigerte Aggregate und niedrige Chassis, die unerhört elegante Aufbauten erlaubten.

Es ist offensichtlich, dass der Mercedes auf dem eingangs gezeigten Foto kein solches raffiniertes S-Modell sein kann. Aber auch ein K-Typ kommt nicht in Betracht, denn dabei handelte es sich um Wagen mit kurzem Radstand und sportlichem Aufbau – also ziemlich das Gegenteil der Monstrosität, die wir hier vor uns haben:

Ein riesiges viertüriges Cabriolet mit den außenliegenden Auspuffrohren der K- und S-Typen, was kann das sein? Nun, laut Literatur erhielten ab Herbst 1927 auch die großen Mercedes-Modelle mit ungekürztem Radstand (400 und 630) dieses markante Zubehör.

Rechtfertigt das die Ansprache als 400 K oder 630 K, die sich bisweilen findet? Diese K-Frage ist zu verneinen, es blieb offiziell bei „400“ bzw. „630“. Doch drängt sich eine weitere K-Frage auf.

Ab 1928 erhielten nämlich auch die Mercedes 630 mit „normalem“ Radstand von 3,75 m den etwas stärkeren Motor, welchen das kürzerbauende „K“-Modell besaß. Diese Wagen erhielten dann die Bezeichnung „Mercedes 630 mit K-Motor“.

Genau hier stellt sich besagte K-Frage: Lässt sich erkennen, ob dieses 4-türige Cabriolet auf normalem Chassis, das bereits die außenliegenden Auspuffrohre des „K“-Modells besaß, auch mit dessen stärkerem Motor ausgestattet war?

Dann hätten wir es im günstigsten Fall nämlich mit einem Mercedes-Benz 630 ab 1928 zu tun, der wie das Modell K die dann verfügbare Spitzenmotorisierung 24/110/160 PS besaß.

Denkbar ist aber auch, wie eingangs angedeutet, dass sich hier jemand auf Basis eines älteren Chassis (ab 1924) später einen Aufbau schneidern ließ, der Elemente des stärkeren K-Modells aufnahm, insbesondere die außenliegenden Auspuffrohre, welche den Mercedes-Benz 630 von 1927 bis 1932 schmückten.

Ob sich diese K-Frage noch klären lässt, ist vielleicht am Ende ebenso nachrangig wie die Antwort auf die eingangs erwähnte „K-Frage“. Letztlich treten auch hier inhaltliche Aspekte gegenüber dem äußeren Erscheinungsbild in den Hintergrund.

Wer auf der Bühne den oberflächlich stärksten Eindruck macht, wird am Ende als Gewinnertyp wahrgenommen – welches Format sich dahinter verbirgt, ist nachrangig.

Das gilt umso mehr, wenn die kühle Rationalität des alten Originals einer „bunten“ neuen Version weicht – diese ist in Wahrheit eine künstliche Schöpfung, wird aber bei allen Fehlern im Detail insgesamt als authentischer wahrgenommen…

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