Einst ein exklusives Vergnügen: Ein „Whippet“ von 1929

Heute begebe ich mich wieder in die Niederungen der US-Automobilfabrikation der späten 1920er Jahre – die zugleich hierzulande ein exklusives Vergnügen blieben.

Was paradox klingt, wird bestechend klar, wenn man sich vor Augen führt, wie wenige Deutsche sich seinerzeit überhaupt ein Automobil leisten konnten.

Kürzlich stieß ich auf eine Statistik der ehemaligen „Auto Revue“, die das am Beispiel der Region „Groß-Berlin“ veranschaulicht. 1928 waren in Groß-Berlin etwas mehr als 33.000 PKW zugelassen – und das bei einer Bevölkerungszahl von 4,3 Mio. Menschen.

Demnach kam ein PKW auf 130 Einwohner – während in den Vereinigten Staaten rechnerisch fast ein Auto auf eine Familie entfiel. Natürlich hatte das vor allem mit den damals prekären Einkommensverhältnissen der Deutschen zu tun.

Ein weiterer Faktor war jedoch die Unfähigkeit der einheimischen Hersteller, einen trotz wirtschaftlich desolater Lage wachsenden Markt zu bedienen. So kam es, dass 40 % der 1928 im Raum Groß-Berlin zugelassenen PKW ausländische Fabrikate waren.

15 der 20 am häufigsten vertretenen Importmarken waren solche aus den USA.

Im Raum Groß-Berlin waren von Chrysler und Chevrolet jeweils mehr Autos unterwegs als von Adler oder Brennabor. Nur die GM-Tochter Opel hatte bei den Brot- und Butter-Autos die Nase vorn.

Ansonsten blieben Automobile eine exklusive Angelegenheit, wie der auffallend hohe Marktanteil von Mercedes-Benz zeigt – der bei über 10 % lag.

Angesichts dieses Befunds wundert es nicht, wie stolz sich hierzulande Besitzer eines US-Billigheimers wie des „Whippet“ aus dem Hause Overland inszenierten:

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Whippet von 1929; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Man sieht dieser schönen (hier bereits präsentierten) Aufnahme nicht an, dass der Wagen das preisgünstigste US-Fabrikat seiner Klasse war und noch unterhalb des Ford Model A angesiedelt war.

Es gab ihn aber nicht nur in der Arme-Leute-Ausführung mit 30 PS-Vierzylinder, sondern auch als 40 PS-Version mit sechs Zylindern. Der nur von 1927 bis 1931 gebaute Whippet war damit das weltweit billigste Auto mit Sechszylinder-Laufkultur.

Eventuel ist auf obigen Foto ein solcher Sechszylinder-Whippet zu sehen , der ab 1928 nur anhand der Zahl der Luftschlitze vom Vierzylindermodell unterscheidbar war.

Sehr wahrscheinlich nur die vierzylindrige Basisvariante des Whippet ist auf der folgenden „neuen“ Aufnahme zu sehen:

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Whippet von 1929; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Das Foto mag die Liebhaber des Außergewöhnlichen enttäuschen, aber mir geht es in meinem Blog um das gesamte automobile Spektrum im deutschsprachigen Raum in der Vorkriegszeit und ich finde, dass auch dieses Dokument seinen Charme hat.

Man sieht den beiden jungen Damen nicht unbedingt an, welches Privileg es damals darstellte, bei kalter Witterung mit einem ab Werk ohne Heizung ausgestatteten Whippet unterwegs zu sein.

Doch genau so verhielt es sich – gemessen an der Lebenswirklichkeit der allermeisten Deutschen war das ein wahrhaft exklusives Vergnügen. Auch der Schäferhund wird gewusst haben, wie gut er es bei Frauchen getroffen hatte.

Bleibt die Frage, wie sich dieser unscheinbare Wagen als Whippet von 1929 identifizieren lässt. Nun, wie so oft ist es ein winziges Detail, das dabei hilft:

Whippet_1929_Breitenfurt_10-1934_Galerie2

Betrachtet man die Dachpartie am Ende der Hintertür, erkennt man eine leicht abfallende Regenrinne. Von deren Ende reicht eine Linie zunächst vertikal nach unten, die sich dann einen Schwung nach hinten erlaubt und mit der umlaufenden seitlichen Zierleiste verschmilzt.

Dieses verspielte Detail findet sich – neben den übrigen eher beliebigen Karosserieelementen – an Whippet-Limousinen des Modelljahrs 1929 und wohl nur dort.

Das macht den Whippet zwar nicht wirklich raffiniert, verrät aber etwas über das Bemühen der einstigen Gestalter, dem Geschmack der Kundschaft außerhalb der USA entgegenzukommen.

Übrigens zeichnete sich der Hersteller des Whippet – Overland aus Ohio – schon vor dem 1. Weltkrieg durch eine konsequent globale Verkaufsstrategie aus – 1913 verkaufte man Autos in 37 Ländern weltweit.

Damit konnten anfänglich auch deutsche Marken mithalten, doch in den 1920er Jahren verlor man die Kompetenz für in großem Stil erfolgreiche Modelle und musste sich sogar am heimischen Markt einer erdrückenden Konkurrenz geschlagen geben…

So kam es zu diesem Foto, das im Oktober 1934 in Breitenfurth bei Wien entstand-

© Michael Schlenger, 2019. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

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