Adler 6/25 PS Tourenwagen der 1920er Jahre

Um historische Fahrzeuge auf alten Fotos und Postkarten identifizieren zu können, muss man oft sehr genau hinsehen. Gerade in der Zwischenkriegszeit sahen sich die einzelnen Typen einer Marke recht ähnlich. Nur wenige Details erlauben dann die zuverlässige Unterscheidung.

Genaues Studium der Einzelheiten ist auch beim folgenden Wagen der einstigen Frankfurter Marke Adler erforderlich – dabei registriert man dann auch etwas, was den Wagen „speziell“ macht.  

Adler_6-25_PS_Hannover

© Adler Tourenwagen der 1920er Jahre; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Wer mit Adler-Modellen etwas vertraut ist, wird vielleicht auf den Standard 6 tippen, der von 1927-34 ein Publikumserfolg war. Im Großen und Ganzen scheint das zu passen, doch bei näherem Hinsehen wirkt der Wagen zu schlicht und weniger modern. Speziell die Frontpartie ist hier aufschlussreich:

Adler_6-25_PS_Ausschnitt_1

Das Adler-Logo, die Kühlerfigur und die Scheinwerfer könnten prinzipiell auch zu einem frühen Standard 6 gehören. Doch fehlt die Verbindungsstange zwischen den Scheinwerfern sowie eine Stoßstange, die auf alten Abbildungen des Standard 6 stets vorhanden sind. Zudem scheinen die Vorderenden der Schutzbleche nicht so weit nach unten zu reichen. Der obere und untere Abschluss des Kühlergrills ist kastig, beim Standard 6 verläuft er in einem Bogen.

Bevor die Indiziensammlung weitergeht, ein Wort zum amtlichen Kennzeichen: „I S“ stand bis 1945 für den Bezirk Hannover, dazu passend findet sich auf der Rückseite des Fotos ein verblasster Stempel eines Fotogeschäfts mit Sitz ebendort. Nun ein genauerer Blick auf die Seitenpartie – hier wird es interessant:

Adler_6-25_PS_Ausschnitt_2

Die Kühlluftschlitze in der Motorhaube verlaufen senkrecht – beim Standard 6 müssten sie waagerecht sein (außer bei der Vorserie und Wagen ab 1930).

Bis hierhin verweist nahezu alles auf das ältere Modell des Typs Adler 6/25 PS, das von 1925-28 gebaut wurde – häufig als offener Viersitzer (Tourenwagen), wie hier zu sehen. Der Adler 6/25 PS war die erste Neukonstruktion der Marke nach dem 1. Weltkrieg. Trotz unspektakulärer Technik (4-Zylinder-Seitenventilmotor mit 1,6 Liter Hubraum) verkaufte er sich für damalige Verhältnisse recht gut.

Nur ein Detail will nicht zum Erscheinungsbild eines Adler 6/25 PS passen – die merkwürdigen Seitenschürzen an den Vorderschutzblechen. Seitliche Kotflügelschürzen verbreiteten sich erst nach 1930 und waren dann auch fester Bestandteil des Blechkleids.

Wie es scheint, bestand die Konstruktion aus verstärktem Kunstleder. Jedenfalls stand hier erkennbar der praktische Nutzen im Vordergrund. Vielleicht war der Besitzer häufig auf unbefestigten Feldwegen unterwegs und wollte einer zu starken Verschmutzung entgegenwirken. Interessant wäre es zu erfahren, ob es solche Nachrüstteile für gängige Fahrzeugtypen im Zubehörhandel gab.

Abschließend noch ein Blick auf die Herrschaften im und am Adler:

Adler_6-25_PS_Ausschnitt_3Erkennbar handelt es sich um gutsituierte Leute, die sich für ein Erinnerungsfoto in Pose zu bringen wissen. Die junge Dame links dürfte die Tochter der älteren im Wagen sein. Am Steuer könnte sich ihr Ehemann befinden.

Die Kleidung – speziell der großzügig geschnittene Mantel – verweist auf die frühen 1930er Jahre. Die mutmaßliche Großmutter kann der Frisur nach noch nicht sehr alt sein und wirkt keineswegs unmodern gekleidet. Der Herr mit der hohen Stirn hinterlässt ebenfalls nicht den Eindruck, von gestern zu sein.

Der Adler-Tourenwagen dürfte dagegen zum Zeitpunkt der Aufnahme schon veraltet gewesen sein, scheint aber seinen Zweck noch gut genug verrichtet zu haben. Auf dem Land hatte ein solches Auto eine gewisse Chance, seine Stillegung zu überleben – im 2. Weltkrieg wäre er jedenfalls nicht mehr requiriert worden. In der Tat konnten Klassikerliebhaber gerade in ländlichen Gegenden wie der Wetterau früher so manchen Scheunenfund machen. Diese Zeiten sind bei uns wohl leider vorbei.

2 Gedanken zu „Adler 6/25 PS Tourenwagen der 1920er Jahre

  1. Besten Dank für die wertvollen Zusatzinformationen, Herr Rioth! Solche Leute mit „Adler“augen hat man gern als Leser. Es folgen demnächst weitere Fotos mit Adler-Wagen der Zwischenkriegszeit.

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  2. Es handelt sich hier in der Tat um einen Adler 6/25 PS, der kleinste aus der Reihe. Da gibt es noch die größeren Brüder 10/50 PS und 18/80 PS. Der 6/25 PS war seiner Zeit ein großer Erfolg aus dem Konstruktionsbüro für Kleinautos.
    Mit einem Blick unterscheidet er sich von den Standardtypen; der Radkranz weist einen viel kleineren Durchmesser auf, übrigens eine Schwachstelle, die zu vielen Brüchen der Felgen führte und oft nur geschweißt zu finden sind.
    Das Adlerlogo ist gegenüber dem des Standard an den Ecken verschraubt, während beim Standard das Loge mit einer Klemmvorrichtung befestigt war.
    Die Kühlerfigur durchlebte in dieser Zeit eine wahre gestalterische Evolution, bis sich Ende der 20er Jahre eine finale Form herauskristallisierte. Auf dem Foto ist eine frühe Form abgebildet,
    Die spätere Version des 6/25 PS (ab 27) verfügte über eine Zentralschmierung. Wenn man genau hinsieht, dann kann man die vordere Zuführung zum Federbolzen erkennen. (über den Ziffern „65“ des vorderen Kennzeichens.
    Die „merkwürdigen Seitenschürzen“ an den Kotflügeln sind keine einmalige, individuelle Anfertigung. Es muss sie als Zubehör im Handel gegeben haben, denn ich verfüge über zahlreiche Fotos, auf denen diese Schürzen zu sehen sind; allerdings fehlt mir ein belastbarer Nachweis, dass diese von den Adlerwerken selbst hergestellt oder vertrieben wurden.
    Die 6/25 PS waren sehr beliebte Fahrzeuge, weil ausgesprochen robust. Sie wurden durch den ebenfalls 4-zylindrigen Adler Favorit abgelöst, da dieser teils ohne Unterschied den Zeitgeschmack des Adler Standard (6- und 8-zylindrig) aufnahm.

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