Fiat 1500: 6-Zylinder-Klasse der Vorkriegszeit

Betrachtet man das heutige Fahrzeugangebot von Fiat, glaubt man kaum, dass die traditionsreiche Turiner Marke vor dem 2. Weltkrieg erhebliches Prestige genoss. In den 1920er und 30er Jahren baute Fiat neben volkstümlichen Modellen eine Reihe großzügiger und technisch ausgezeichneter Wagen der oberen Mittelklasse.

Speziell der geräumige Fiat 1500 mit seinem 6-Zylinder-Motor war seinerzeit auch in den deutschsprachigen Ländern wettbewerbsfähig. Die Vorzüge dieses heute in der Breite weniger bekannten Modells wurden auf diesem Blog bereits geschildert (Bildbericht).

Derselbe Wagen mit teilweise identischen Personen ist auf dem folgenden Originalfoto zu sehen. Es zeigt den Fiat aus einer etwas anderen Perspektive und lässt etwas vom Stil und Selbstverständnis der einstigen Besitzer ahnen:Fiat_1500_in_Melk

© Fiat 1500, Ende der 1930er Jahre; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Entstanden ist diese schöne Aufnahme in der niederösterreichischen Kleinstadt Melk, die durch ihr Benediktinerkloster berühmt ist. Die Gesellschaft auf unserem Foto hat dort einen Halt eingelegt und möglicherweise auch übernachtet. Auf der Mauer, an der der Fiat geparkt steht, ist nämlich der Schriftzug des noch existierenden Hotels Goldener Stern teilweise zu erkennen.

Fiat_1500_in_Melk_Detail

Aus welchem Grund sonst hätte man einer eher unscheinbaren Stelle ein Foto gemacht, wenn der Fiat dort nicht ohnehin über Nacht geparkt hätte?

Bei unseren Reisenden scheint es sich um gutsituierte Leute mit Sinn für eine elegante Erscheinung gehandelt zu haben. Die Damen tragen von Trachten inspirierte Jacken und keck zur Seite geschobene Hüte, dazu ein seidenes Halstuch bzw. einen Pelzkragen. Raffiniert ist der geschlitzte Rock der Dame ganz rechts, dessen seitlicher Streifen das Bein betont. Der Herr trägt den bis in die 1950er Jahre üblichen doppelreihigen Mantel.

Fiat_1500_in_Melk_Personen Leider ist die vierte Dame im Hintergrund nicht zu erkennen, von ihr sind nur Schuhe und Hut zu erahnen. Zusammen mit dem Fotografen haben wir es mit sechs Personen zu tun. Das sind auch für den Fiat 1500 mit seinem großzügigen Innenraum doch zu viele.

Zumindest für vier Personen mit Gepäck bot dieses Modell reichlich Platz. Wer bei Fiat immer nur an Kleinwagen denkt, hat hier Gelegenheit, sich eines besseren belehren zu lassen. Die folgende Ansicht der Viertürers lässt ahnen, dass dieser Wagen der oberen Mittelklasse angehörte:

Fiat 1500_Seitenansicht

© Fiat 1500, Ende der 1930er Jahre; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Übrigens bot außer Peugeot und Steyr damals kein europäischer Hersteller  eine derartig elegante Frontpartie. Hier hat ganz klar die Stromlinie Pate gestanden, doch hat man nicht den Fehler gemacht, dem Wagen ganz diesem Ideal zu unterwerfen.

Zum einen spielte der Luftwiderstand bei den damals üblichen Geschwindigkeiten keine große Rolle. Zum anderen führte eine aerodynamische Optimierung zu ästhetisch wie praktisch unglücklichen Lösungen. Man kann dies auch in unserer Zeit bei Kleinwagen beobachten, bei denen die Heckpartie wie zusammengequetscht erscheint und viel zu niedrige Türeinstiege sowie winzige Fenster aufweist.

Dagegen bot der Fiat 1500 auch den rückwärtigen Passagieren ausreichend Platz und erlaubte dank fehlenden Mittelpfostens einen sehr bequemen Einstieg:

Innenraum_Fiat_1500

© Innenraum eines Fiat 1500, Ende der 1930er Jahre; Bildquelle: http://www.zuckerfabrik24.de/fiat/pics/1500C_2i.jpg

Fiat baute den 1500er nach dem 2. Weltkrieg in leicht veränderter Form noch bis 1949 weiter, zuletzt sogar mit Lenkradschaltung. Der Nachfolger, das Modell 1400 mit moderner Pontonkarosserie kann zwar ebenfalls als ausgezeichnetes Auto gelten, das sich hinter der deutschen Konkurrenz nicht verstecken musste. Doch der geplante erneute Einbau eines 6-Zylinder-Motors kam nicht zustande.

Der Markt für solche Wagen war so kurz nach dem Krieg offenbar zu klein. Erst in den 1960er Jahren bot Fiat nochmals ein 6-Zylinder-Modell an, doch das ist eine andere Geschichte.

Ein Gedanke zu „Fiat 1500: 6-Zylinder-Klasse der Vorkriegszeit

  1. Hallo Herr Schlenger, bin gerade zufällig auf Ihren Beitrag über den (NSU-) Fiat 1500 gestoßen. Solch ein Fahrzeug habe ich 2019 von einer befreundeten Familie erhalten, bei der es als Erbe 30 Jahre in der Garage stand, restauriert werden sollte, was dann aber nie geschah. Der NSU-Fiat wurde 04/1938 als Neuwagen in Waldmünchen im Bayerischen Wald zugelassen, offensichtlich von der Wehrmacht im 2. WK nicht requiriert, lief dann in der Nachkriegszeit in der US-Zone unter 3 verschiedenen Kennzeichen, wurde 01/1955 abgemeldet. Der Wagen stammt somit aus Erstbesitz, sämtliche Papiere liegen im Original vor. Der Wagen ist soweit vollständig erhalten, nur der Wagenheber und der Türschlüssel fehlen bislang, Türschlösser, Fensterheber etc. sind gängig, der Motor dreht, der Lack (schwarz) ist leider großflächig unterrostet, ist mit der Preßluftpistole abzublasen, der Nickel löst sich ebenso in großen Stücken ab, die Inneneinrichtung ist vergleichsweise nur wenig verschlissen. Den Ausführungen in Ihrem Artikel kann ich nur beipflichten, es handelt sich beim NSU-Fiat 1500 um ein hochinteressantes Auto, technisch fortschrittlich, dabei handwerklich solide gebaut, alle Teile sind geschraubt, insgesamt also ein spannendes und sicherlich lohnendes Projekt. Soweit ich bis jetzt erfahren konnte, wurden wohl bei der deutschen Ausführung die Karosserien von Weinsberg gebaut, die Elektrik stammte von Bosch, bei meinem Fahrzeug die aufgesetzten Heckleuchten von Hella. Man kann die deutsche Version übrigens rasch anhand der unteren Position der Scheibenwischer von der italienischen mit obiger Position unterscheiden.
    Nebenbei noch gesagt, eine Cabriolet-Version von Gläser wird seit einigen Monaten von ER-Classics in Waalwijk/Niederlande für 35000 € angeboten.
    Bei Interesse könnte ich Ihnen auch noch einige Fotos schicken.
    Mit freundlichen Grüssen Michael Ahlbrand
    Adresse: Ahauser Damm 9, 48712 Gescher. Tel.: 02542-955000, Mobil: 0171-4219382

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