Adler 6/25 PS mit exklusivem Landaulet-Aufbau

Die PKW-Modelle der einstigen Frankfurter Adlerwerke haben bis heute ihre treuen Anhänger. Kein Wunder: Adler-Automobile waren stets formal gelungen, grundsolide konstruiert und ausgezeichnet verarbeitet.

So sind die markanten Trumpf“-Frontantriebswagen der 1930er Jahre bis heute in der Vorkriegszene verbreitet. Seltener, aber gute Bekannte sind die nach US-Vorbild gestalteten Typen vom Ende der 1920er Jahre: der „Standard 6“ und sein 4-Zylinder-Pendant „Favorit“.

Nur Spezialisten geläufig ist wohl das erste Volumenmodell der Marke nach dem 1. Weltkrieg – der Adler 6/25 PS. Von der einst beliebten Tourenwagenausführung des 1925 vorgestellten Modells wurden hier bereits zwei Originalfotos präsentiert (Bildbericht 1 und Bildbericht 2).

In der spärlichen Literatur zu den PKW-Modellen von Adler wird neben den offenen Varianten lediglich eine Limousinenversion erwähnt. Die Karosserien dieser gängigen Ausführungen wurden meist von der Lindner AG im sächsischen Ammendorf geliefert.

Daneben muss es individuelle Aufbauten nach Kundenwunsch gegeben haben, zu denen aber ebenfalls keine überzeugende Darstellung verfügbar ist. Gemessen am Standard der englischen Automobilliteratur, wo es selbst für Exotenmarken in die Tiefe gehende, zeitgemäße Bücher gibt, ist die Dokumentation in Bezug auf Adler enttäuschend.

Selbst der Adler Motor Veteranen Club – man muss es leider sagen – schafft es nicht, die PKW-Geschichte der Marke vollständig und nachvollziehbar zu illustrieren. Dort findet sich lediglich eine unstrukturierte Fotogalerie und eine Typentafel mit wenigen (meist schlechten) Aufnahmen aus der älteren Literatur.

Das ist schade, denn aussagefähige Originalfotos auch früher Adler-Automobile gibt es durchaus. Der Verfasser stellt die entsprechenden Bilder aus seiner Sammlung daher in einer Adler-Fotogalerie auf diesem Blog nach Baujahr und Typen sortiert ein – in der Hoffnung, Adler-Novizen damit eine erste Orientierung zu geben.

Den jüngsten Neuzugang zeigt folgende Abbildung:

Adler_6-25_PS_Landaulet_Galerie

© Adler 6/25 PS Landaulet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Auf den ersten Blick scheint dieser Adler unspektakulär. Gerade nach den eindrucksvollen Spitzkühlermodellen aus der Zeit kurz vor bzw. nach dem 1. Weltkrieg wirkt das sachliche Erscheinungsbild dieses Fahrzeugs ernüchternd.

Man wird aber sehen, dass der Eindruck täuscht – wahrscheinlich haben wir es mit einem hochkarätigen Einzelstück zu tun. Um den Typ als solchen zu identifizieren, betrachten wir zunächst die Frontpartie des Wagens:

Adler_6-25_PS_Landaulet_Frontpartie

Wer genau hinsieht, registriert den waagerechten Verlauf des Kühlerausschnitts, der nur vom Adler-Emblem unterbrochen wird. Bei der sonst sehr ähnlichen Frontpartie des Adler Standard 6 bzw. Favorit verläuft diese Linie leicht geschwungen.

Ein weiteres Untscheidungsmerkmal sind die senkrechten Kühlerlamellen und die fünf Radbolzen. Bei den Nachfolgemodellen waren die Luftschlitze waagerecht angeordnet und es wurden sieben Radbolzen mit größerem Lochkreis verbaut.

So weit, so gewöhnlich. Wenden wir uns dem übrigen Aufbau zu:

Adler_6-25_PS_Landaulet_Seitenpartie

Als erstes fällt auf, dass der selbstbewusste Chauffeur – formvollendet mit Schirmmütze, Einstecktuch und Manschettenhemd – vom Dach abgesehen im Freien sitzt. Doch der Eindruck täuscht womöglich.

So fällt auf, dass man nicht durch das erste Seitenfenster schauen kann und nur die Hälfte des Rückfensters zu sehen ist. Wie es scheint, versperrt ein nach vorne verschiebbares weiteres Fenster die Sicht. Wenn nicht alles täuscht, konnte der Chauffeur bei schlechtem Wetter den Fahrerraum auf seiner Seite schließen.

Es fällt zwar schwer zu glauben, dass dann ausreichend Platz blieb, um das Lenkrad zu bedienen, doch bei einem Limousinenaufbau ging das ja auch. Allerdings würde ein verschiebbares Fenster an dieser Stelle die Tür blockieren. Vielleicht hat ein Leser eine schlüssige Erklärung.

Eindeutiger fällt die Interpretation des übrigen Aufbaus aus:

Adler_6-25_PS_Landaulet_Heckpartie

Ganz am Ende sieht man einen Verdeckaufbau, der nur die hintere Sitzbank überdacht. Bei schönem Wetter ließ sich dieser Teil öffnen – ein typisches Detail einer Landaulet-Karosserie, wie sie im Kutschbau des 19. Jahrhunderts wurzelte.

Dass die Besitzer eines eher bodenständigen Adler 6/25 PS einst eine derartig herrschaftlich anmutende Karosserie in Auftrag gaben, kündet von einem ausgeprägten Selbsbewusstsein. Dieser ab Werk sicher nicht lieferbare Aufbau muss ein Heidengeld gekostet haben, für das man auch hochwertigere Wagen bekommen hätte.

Vielleicht haben sich hier treue alte Adler-Kunden schlicht ihren Traum verwirklicht. Dabei kam es weniger auf Leistung und avancierte Technik an als auf den besonderen Auftritt. Jedenfalls ist das ein Auto, das sicher schon damals seinesgleichen suchte.

Sachdienliche Hinweise von kundiger Seite zu diesem Automobil sind willkommen.

2 Gedanken zu „Adler 6/25 PS mit exklusivem Landaulet-Aufbau

  1. Grüßgott, Herr Krispl,

    herzlichen Dank für Ihre ausführliche und für mich erkenntnisreiche Nachricht.

    Offenbar habe ich mit meiner Vermutung recht, dass es sich bei dem abgebildeten Landaulet auf Adler 6/25 PS-Basis um eine Rarität handelt.

    Dass es tatsächlich ein Linkslenker war (kein seitenverkehrtes Foto) beweist das richtig abgebildete Nummernschild.

    Übrigens sind Sie der erste Adler-Experte, der sich zu diesem oder einem der zahlreichen anderen – teils sehr frühen – Adler-Wagen in meinem Blog und der Adler-Bildergalerie so ausführlich äußert.

    In Deutschland warte ich bislang vergeblich darauf, dass das eklatante Defizit eines zeitgemäßen Standardwerks zu Adler-PKW behoben wird.

    Speziell die Historie der Adler-Modelle bis 1920 ist bislang unterbelichtet, dabei gibt es unzählige Fotos dazu. Ich selbst besitze jede Menge davon und bemühe mich, sie nach und nach einzuordnen, doch die veraltete und bisweilen fehlerhafte Literatur erschwert dies.

    Als Abonnent von „The Automobile“ lese ich Monat für Monat, was in England, Frankreich oder Italien an Büchern erscheint zu Marken und Typen, die nicht annähernd so bedeutend waren wie Adler.

    Doch scheint die Szene im deutschsprachigen Raum in dieser Hinsicht den Biss verloren zu haben – ich höre nur noch Gejammer, dass sich keiner mehr für Vorkriegsautos interessiert…

    Aus meiner Sicht muss auch der AMVC hier mehr tun, damit die überlebenden Fahrzeugen eine Zukunft haben.

    Ich selbst bin mit meinen Vorkriegsfahrzeugen (Licorne, Peugeot, Diamant, HWE) regelmäßig in der Öffentlichkeit präsent und zeige Flagge.

    Beste Grüße
    Michael Schlenger

  2. Ich bin Mitglied des AMVC und Sektionsleiter von Österreich. Ich befasse mich schon seit Jahren mit dem Adler Typ 6/25. Ein Freund von mir hat dieses Modell neu restauriert und auch ich habe mitgeholfen und die Restaurierung mitverfolgt. Bei diesem Bild handelt es sicher, meiner Meinung um ein Einzelstück, nur scheint es mir, als hätte man dieses Auto für den Export gebaut, oder es ist eine Seitenverkehrte Fotoentwicklung, den zu der Zeit, waren alle Adler Rechtslenker und in Deutschland fuhr man links. Ausserdem könnte es sein, dass dieser Wagen als Tourenwagen ausgeliefert wurde und später der Aufbau zu einer teilgeschlossenen Karosserie nachträglich hinzugefügt wurde, was damals nicht unüblich war. Es muss sich um ein sehr frühes Model handeln, da der Fahrer keine Tür hat. Die Türen sind typisch wie bei einem Tourenwagen eher schmal und haben einen Steg zwischen Vordertür und Hintertür, bei einer Limousine, wurden die Türen direkt hintereinander angeordnet, ohne Zwischenraum. Es könnte sich um einen nachträglich angefertigten Aufbau handeln. Ich habe alle zur Zeit verfügbaren Fotos von 6/25 Karosserien studiert und bin zu diesem Schluß gekommen. Es ist auf jeden Fall, ein sehr interessantes Dokument einer Adler Karosserie und bemerkenswert. Ich würde gerne, da nur Tourenwagen überlebt haben und restauriert wurden, ausser zwei zweisitzige Cabrios, eine Limousine, oder gar diese äusserst seltene Karosserie eines Adler 6/25, nachbauen, doch dazu würde mehr als ein Foto nötig sein.

    Mit freundschaftlichen Adler Grüße aus Wien

    Ernst Krispl

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